Es ist ein Auftrag der Behörde, der Simon in das Flugzeug und auf den Weg zu den unbekannten Rändern der Stadt bringt. Auf der Suche nach einem Bürgermeister und dessen Machenschaften und Geheimnissen…
Schon als er ankommt, begegnet er immer mehr Überraschungen und Seltsamkeiten, die so gar nicht in herkömmliche Wahrnehmungen von Leben, Gesellschaft, Organisation passen…
„Ich rauchte die Zigarette zu Ende und spielte mit der Idee, den Weg in die Stadt zu Fuß in Angriff zu nehmen. Es waren fast zehn Kilometer, und das in völliger Dunkelheit. Der Natur und ihren Gefahren ausgesetzt. Schlangen, Skorpionen, Hyänen, deren höhnisches Kichern ich leise in der Entfernung bereits zu hören meinte…“
Hier ist etwas im Gange. Und Simon ist, ehe er es sich versieht, mittendrin, im Pool bei der wunderschönen Maria und den mysteriösen Ausblicken auf das unbekannte Reich hinter den Bergen…
Und das Unbekannte liegt vor ihm, in ihm, wo…?
Roland Freisitzer, Schriftsteller, Komponist, Dirigent
Roland Freisitzer, in Österreich lebender Schriftsteller, Komponist, Dirigent, legt mit seinem dritten Roman „Hyänen“ ein surreales Meistwerk vor, das in Sprachvirtuosität, Spannungsaufbau, Hintergründigkeit und Tiefsinn einmalig mitreißt. Es ist, wie am Erzählbeginn für den Protagonisten Simon, der an K. in Kafkas Schloss und Captain Willard im Film „Apokalypse Now“ erinnert, für Leserin und Leser ein Abheben in einen narrativen Sog, der alles kann, was ein Buch zum Leseereignis werden lässt. Dialoge, Szenenwechsel, literarische Dramaturgie, Kulissenbau und wunderbares Referenzenspiel machen „Hyänen“ zum Meisterwerk moderner Sprach- und Erzählkunst.
„Roland Freisitzer legt ein surreales Meisterwerk moderner Sprach- und Erzählkunst vor, das zum sensationellen Leseereignis des Jahres wird.“
„Hyänen“ Roland Freisitzer. Roman. Septime Verlag.
„Er ist Nomade“ Esther Hebein, Künstlerin, Schriftstellerin _ Öl, mit Akzenten in Acryl. folgende
„Pietà“
„Ay! Flamenco vivo“
Esther Hebein, Künstlerin, Schriftstellerin
Liebe Esther, wie sieht jetzt dein Tagesablauf aus?
Mein Tagesablauf unterliegt keinem festgefahrenen Schema. Bis auf ein paar Rituale, die für mein Wohlbefinden wichtig sind, wie z.B. ein gutes Frühstück, meist am Nachmittag ein herrliches selber gekochtes Essen mit einem Glaserl Wein. Ansonsten richte ich mich sehr flexibel nach den Dingen, die ich erledigen muss für meine täglichen existentiellen Bedürfnisse. Die Zeit, die übrig bleibt, gehört meiner ausgeübten künstlerischen Tätigkeit, wie z.B. Schreiben und Malen. Schreiben in Stille – Malen mit Musik, meist Flamenco. Aber auch die Zeit, in der ich nicht direkt künstlerische Werke „schaffe“, ist geprägt von einem Blick auf die künstlerische Komponente der Dinge, die ich gerade mache. Ob das Garteln in meinem wilden Terrassen-Garten, meine geliebten Solitär-Reisen und Wanderungen, das Zubereiten genussvoller Speisen und vieles mehr – ich glaube, fast alles ist für mich Vorbereitung und Erforschung der Möglichkeiten künstlerischen Ausdrucks.
„sittin‘ on the dock of the bay“
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Im Überholgalopp der Zeit halte ich es für das Wichtigste, seine eigene Individualität zu bewahren, sie zu verteidigen. Wir müssen uns wieder einlassen auf Reflexion, auf das Hinterfragen der Dinge, auf die eigene geistige Auseinandersetzung damit. Das heißt auch auf das Zulassen von seelischer Bewegung. Das Zulassen von Sinnlichkeit, die nicht nur im sexuellen Eros, sondern in allen Komponenten unseres Seins liegt und sich mit einer generell entwickelten Beurteilungskraft die Waage halten sollte.
Ich erachte es für eine vorrangige Aufgabe unserer Gesellschaftspolitik, die Grundlagen für eine Bildung des Geistes in Bezug auf ethische Werte im Zeichen des Friedens zu schaffen.
„Mars“
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
Die ethische Entwicklung einer Gesellschaft schreitet in dem Maße voran, in dem ihr die Vielfalt von Kunst und Kultur ermöglicht und nahegebracht wird. Kunst, egal aus welcher künstlerischen Provenienz sie stammen mag, pocht sehr tief auf die Fähigkeit des Menschen, aus einer vorgegebenen, eingemeißelten Wahrnehmungsschiene heraustreten zu können.
Kunst verlangt die Dualität zwischen ihrem Erschaffer und der Person, die sie aufnimmt, in sich einlässt und ihre eigenen Empfindungen anregt. Die Vielfalt des künstlerischen Ausdrucks eröffnet die Anregung zu eigenständigem Denken. Ich glaube, dies sind die wesentlichen Aspekte für die Bedeutung von Kunst in jeder Lebensphase eines Menschen. Sie kann ein Wegbereiter sein für die Hinwendung zum Frieden, der sich nur durch die Öffnung des Geistes und des Herzens manifestieren kann.
Le petit cocquelico (Ausschnitt)
Was liest du derzeit?
Meist lese ich Schriften, die mit meinem aktuellen Interesse zu tun haben. Zur Zeit gerade über die sizilianische Wassergöttin Nestis, mit der ich verglichen wurde.
Und außerdem im Moment:
“La libertà viaggia in treno“ (von Federico Pace) – ein poetisches Buch über das Reisen mit dem Zug. Erstens, um mein Italienisch nicht einschlafen zu lassen und zweitens, weil auch ich immer und überall hin mit dem Zug reise.
Rauschzeit (aus „zeit ist“
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest du uns mitgeben?
Zeit – Zenit
Ein einziger Buchstabe macht aus dem Wort „Zeit“ das Wort „Zenit“.
Kann ein einziger Gedanke das Wort „Krieg“ in das Wort „Frieden“ verwandeln?
Wasserzeit (aus „zeit ist“)
Esther Hebein, Künstlerin, Schriftstellerin
Vielen Dank für das Interview, liebe Esther, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunst-, Literaturprojekte und persönlich alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:Esther Hebein, Künstlerin, Schriftstellerin
Zur Person: Esther Hebein, Künstlerin, Schriftstellerin
geboren 1951 in neumarkt/steiermark, 26 jahre protokollantin/referentin in bayern, heute malerin/dichterin in kaernten
Ausstellungen :
zyklus ‚zeit ist’ – il tempo è – malerei, lyrik, fotografie
Stadtpfarrturm Klagenfurt und Schloss Krastowitz, Klagenfurt
Ausstellung Kultur Stadt Villach/unikART im Dinzlschloss Villach
„Zwischenräume-Kunst als Brücke der Wahrnehmung“
Literatur:
– zahlreiche lyrik- und prosa-veröffentlichungen in anthologien
Lieber Roland, welche Erinnerungen hast Du an Barbara Frischmuth als Kollegin? Gab es persönliche Begegnungen und wie hast Du diese erlebt?
Leider gab es keine persönliche Begegnung.
Was macht für Dich das Werk von Barbara Frischmuth aus und wie ist dieses in die österreichische Literaturgeschichte einzuordnen?
Barbara Frischmuths Werk ist ein gewichtiger, viel zu wenig beachteter Block in der österreichischen Literaturlandschaft. Besonders in Erinnerung ist mir ihr origineller, wenig spektakulärer, aber genau deshalb sehr einfühlsamer und tiefgehender Blick auf das Innenleben ihrer ProtagonistInnen. Auf Beziehungen und das vermeintlich Kleine, das so oft übersehen wird.
Gibt es ein Lieblingsbuch von Ihr und warum dieses?
Das ist schwer zu beantworten, weil es da für mich eine ganze Reihe von Romanen oder Erzählungen gibt, die ich in die Kategorie „Lieblingsbuch von Barbara Frischmuth“ einordnen würde. Vielleicht aber dann doch „Der Sommer, in dem Anna verschwunden war“. Warum dieses? Möglicherweise aufgrund der Machart, des Kunstgriffs, wie die Geschichte einer beeindruckenden Frau erzählt wird, die verschwunden ist und nicht selbst zu Wort kommt.
Welche Inspiration hinterlässt Ihr Schreiben, Ihre Weltsicht, Ihr Künstlerinsein?
Besonders inspirierend finde ich ihre Fähigkeit, oder noch besser, ihre Kunst, Figuren zu zeichnen, aufleben zu lassen und zwischen den Zeilen erzählen zu können.
Gibt es ein Zitat/eine Textstelle von Ihr, die Du uns noch mitgeben möchtest?
Oh, da bin ich jetzt ein wenig überfordert, weil ich mir genaue Zitate nur ganz selten merke, aber ich erinnere mich sehr genau an den ersten Satz von „Der Sommer, in dem Anna verschwunden“ war, weil er den Roman so großartig in Gang setzt und so viel Stimmung und Erklärung vorwegnimmt.
„Die Sonntage waren immer am schlimmsten.“
Vielen Dank für das Interview!
Barbara Frischmuth, Schriftstellerin *5.7.1941 Altaussee +30.3.2025 Altaussee
Barbara Frischmuth, Schriftstellerin
geboren 1941 in Altaussee, studierte Türkisch, Ungarisch und Orientalistik und war seitdem freie Schriftstellerin. Die mehrfach ausgezeichnete Autorin lebte seit 1999 wieder in Altaussee. Zu ihren größten Erfolgen zählen die Romane „Die Klosterschule“ (1968), „Die Mystifikationen der Sophie Silber“ (1976) oder „Kai und die Liebe zu den Modellen“ (1979), aber auch ihre zahlreichen Gartenbücher. Zuletzt im Residenz Verlag erschienen: „Natur und die Versuche, ihr mit Sprache beizukommen“ (2021)„Schaufel, Rechen, Gartenschere“ in der Reihe „Dinge des Lebens“ (2023) und „Die Schönheit der Tag- und Nachtfalter“ (2025). Der Residenz Verlag trauert um Barbara Frischmuth 31.3.2025
Roland Freisitzer,Schriftsteller, Komponist, Dirigent
Zur Person:Roland Freisitzerwurde 1973 in Wien geboren und wuchs in Moskau, Warschau, Kapstadt und St. Pölten auf, bevor er sich 1989 erneut nach Moskau begab, um Komposition zu studieren. Der Komponist und Dirigent ist Dozent im Bereich der zeitgenössischen Musik an der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien. Seit mehr als einem Jahrzehnt rezensiert Roland Freisitzer zeitgenössische Literatur.
Felix Kucher, Schriftsteller vor dem/den Rosenhügel-Filmstudio/s im Süden Wiens.
Aloisa Kolm und Anton Kolm
Aloisia (Aloisia Louise Elise) Kolm, geb. Veltée ist als zweite Regisseurin der Welt bekannt. Mit finanzeller Unterstützung ihrer Mutter Johanna Veltée gründeten sie, ihr Ehemann Anton Kolm (1865-1922), ihr Bruder Claudius Veltée d.J. (1867-1918) und der Kameramann Jakob Fleck (1881-1953) 1910 die „Erste Oesterreichische Kinofilms-Industrie“ mit Sitz in Wien 9, Währinger Straße 15. Später betrieben sie die Produktionsfirma „Wiener Kunstfilm-Industrie Gesellschaft“ bzw. „Vita-Film“, die die 1919 bis 1923 Ateliers auf dem Rosenhügel (23, Speisinger Straße 212), errichtete – damals die modernste Anlage Österreichs.
Louise Kolm schrieb zwei Dutzend Drehbücher, führte weit über 100-mal Regie, besorgte den Schnitt und war als Unternehmerin aktiv. Die ersten Produktionen zeigten „Aktualitäten“, wie den Faschingszug in Ober St. Veit, das Begräbnis Bürgermeister Luegers oder den kaiserlichen Besuch auf dem Wiener Neustädter Flugfeld. Bald wagte man sich an literarische Stoffe wie Grillparzers „Ahnfrau“ oder das damals überaus populäre Allerseelenstück „Der Müller und sein Kind“ von Ernst Raupach (1784-1852). Der Name der 1911 gegründeten „Wiener Kunstfilm-Industrie Gesellschaft“ war Programm, man wollte Kunst machen. Das Motto der Pionierin lautete: „Wir machen einen schönen Film, denn wenn er mir gefällt und gut wird, dann gefällt er auch dem Publikum.“ Im letzten Jahr des Ersten Weltkriegs drehten Jakob Fleck und Louise Kolm ihren 100. Film.
Zu ihren Regiearbeiten zählen: Trilby (1912), Der Meineidbauer (1915), Der Traum eines österreichischen Reservisten (1915), Der Schandfleck (1917), Der König amüsiert sich (1918), Eva, die Sünde (1920), Frühlingserwachen (1924), Die Tochter der Frau von Larsac (1925).
„Von Stufe zu Stufe“ Felix Kucher. Roman. Picus Verlag.
Marc. Jetzt steht er am Dach. Blickt in die Stadt. Blickt auf die Wege zurück, die Stufen einer Leidenschaft, der Einsatz, die Ausblicke und dann…
Es ist ein Leben für den Film, in aller Begeisterung. Studium, Masterarbeit, Job beim Wiener Filmarchiv, Werkvertrag, hoffnungsvolle Perspektive. Dann Filmriss, der freie Fall. Einsparung, Entlassung.
Eine Spur in die Vergangenheit österreichischer Filmgeschichte lässt wieder eine Flamme in ihm lodern. Eine verschollene Rarität Wiener Filmkunst zu Beginn des 20.Jahrhunderts, die vielleicht in einem Keller in Osteuropa überlebt hat.
Er ergreift diese Chance, bricht ab und auf in ein Land, in dem der Krieg, das Unvorstellbare dämmert.
„Ich blicke aus dem Fenster. Grauer Hochnebel, aber die Sonne kommt langsam raus…Egal, ich fahre da hin. Was habe ich schon zu verlieren…“
Es geht weiter. Er geht weiter. Irgendwie. Jetzt, wo alles im Zerbrechen ist…
Felix Kucher, eine der vielseitigsten, spannendsten und kontinuierlichsten Stimmen österreichischer Literatur, legt mit „Von Stufe zu Stufe“ einen Roman um die Mitte österreichischer Filmgeschichte und deren Pioniere Aloisia/Luise und Anton Kolm an den Schnittstellen aktueller Zeitgeschichte vor, der thrillergleich mitreißt.
Das Konzept von Textmontagen in Rück- bzw. Umblendungen zur Familie Kolm ins Wiener Film/Fotoatelier und dem spurensuchenden österreichischen Filmwissenschaftler in der Ukraine geht voll auf und weiß in Dramatik und Neugierde bis zur letzten Seite zu begeistern.
Es gelingt dem in Klagenfurt und Wien lebenden Schriftsteller eine hervorragende Figurenzeichnung und narrative Rasanz, die in sehr lebendigen, intensiven Dialogen wie Monologen, Szenenwechsel Geschichte aufzubereiten und spannungsgeladen literarisch zu servieren. Es sind leidenschaftliche wie brüchige Charaktere, die sich mit Herz und Seele der Kunst in der Spanne eines Jahrhunderts stellen und welche ein Auftrag, eine Vision wie das Unvorhergesehene verbindet.
Ein ganz großer Roman über die Leidenschaft und Kraft der Kunst in herausforderndsten Zeiten damals und heute.
„Ein Roman über österreichische Filmgeschichte wie ein mitreißender James Bond Film. Ohne Zweifel eine der interessanten, spannendsten Buchneuerscheinungen des Jahres.“
„Von Stufe zu Stufe“ Felix Kucher. Roman. Picus Verlag.
Antje-Kathrin Mettin, Schriftstellerin, Theatermacherin, Literatur- und Theaterwissenschaftlerin
„Briefe an Milena“Franz Kafka. Erstveröffentlichung 1952.
Fotos _ am Wohnort Milena Jesenskas in Wien.
Milena Jesenska verband eine kurze intensive Liebesbeziehung mit Franz Kafka, die in Briefen Kafkas dokumentiert ist. Sie verbrachten im Sommer 1920 vier gemeinsame Tage in Wien.
Antje-Kathrin Mettin, Schriftstellerin, Theatermacherin, Literatur- und Theaterwissenschaftlerin
Antje-Kathrin Mettin, Schriftstellerin, Theatermacherin, Literatur- und Theaterwissenschaftlerin
Liebe Antje-Kathrin Mettin, welche Zugänge gibt es von Dir zur Schriftstellerin/Übersetzerin und Journalistin Milena Jesenska wie zu Franz Kafka, Schriftsteller?
Die Texte Franz Kafkas, seine Erzählungen, Romane, Tagebucheinträge, Briefe und auch seine Zeichnungen, Photographien, Lebensfragmente begleiten mich seit vielen Jahren und sprechen etwas sehr Tiefes in mir an – nicht zuletzt die große Lust am Spielerischen und Theatralen, am Absurd-Hoffnungsvollen, Utopischen, Verrückt-Rettenden bei allem Feingefühl für das namenlose Grauen und die Schrecken unserer Lebenswelt. Es gibt, um es mit Kafka selbst zu umschreiben, eine ›nicht zu ertötende Munterkeit‹ in all dem, was uns von ihm überliefert ist. Ihm niemals in Person begegnen zu können, macht mich sehr traurig – es fühlt sich manchmal so an, als sei er ein in den Ungründen der Zeit verloren gegangener Bruder.
Von Milena Jesenská habe ich zuerst durch Kafka erfahren – und war schnell sehr eingenommen von ihrer Zartheit und Wildheit in einem, ihrer Leidenschaft und Hingabe, ihrem Mut und dem Aushalten all der Verzweiflung, die sie überkommen haben muss in einem Leben, in das sie, gewissermaßen, festgebannt war. Ich stelle mir vor, wie die zwei gemeinsam nach Auswegen gesucht haben, Auswegen aus einem starren, grauen Gezwungensein, aus Unmenschlichkeit, grauem und grauenvollem Leben und bin sehr berührt davon, wie wunderschön beider Lebens- und Spieldrang einander umtanzt zu haben scheint – auch wenn sie letztlich nicht lange Zeit glücklich beisammen sein konnten.
Antje-Kathrin Mettin, Schriftstellerin, Theatermacherin, Literatur- und Theaterwissenschaftlerin vor dem Wohnhaus von Milena Jesenska in Wien
Wir sind hier am Lebensort Jesenskas, an dem Kafka im Sommer 1920 4 Tage zu Gast war. Welche Eindrücke hast Du vom Haus/Umfeld hier?
Es ist ein schöner Ort, ein schönes altes Haus, und doch hat alles hier auch etwas Drückendes, Lastendes – drinnen wie draußen. Das städtische Leben mit all dem Lärm, mit dem vielen Asphalt und Beton (zumindest heute), die umschließenden Wände und Oberflächen, die das alltägliche Abmühen panzerartig umgeben, wirken auf mich oft erdrückend, einschließend, lähmend, undurchdringlich – eine Stimmung, wie ich sie auch in Kafkas Texten an so vielen Stellen empfinde. Wenn ich mir Franz und Milena vorstelle, kann ich nicht anders: ich sehe dann vor mir, wie sie versuchen, diesen Orten Lebendigkeit und Leichtigkeit zu geben – durch ihre Worte, durch ein Lachen, durch einen Blick, vielleicht durch einen unfunktionalen kleinen Sprung, der gerade in seiner Unnötigkeit bezaubernd ist und das starre Hier und Jetzt, den Zwang und das ›Müssen‹ aufsprengt (es gibt im ›Verschollenen‹ eine ganz ähnliche Geste während Karl Roßmanns Flucht vor dem Polizisten). Oder ich sehe, wie sie ausbrechen aus all dem, wie sie ›ins Freie laufen‹, in die Felder, schließlich in den Wald, wo sie doch so glücklich beisammen sein und sich gegenseitig spüren konnten. Beide, Milena und Franz, waren voller Leben, voller Fantasie, Lust und utopischem Bewusstsein im schönsten Sinne – eine Kraft, die freilich unter den Verhältnissen, in denen sie lebten, zuweilen seltsame, traurige, leidvolle Pfade einschlagen musste (und damit meine ich keineswegs einfach die Familien, das wird der Komplexität der Lebensverstrickungen nicht gerecht – mich ärgert ehrlich gesagt die Beharrlichkeit, mit der man oft Kafkas Familie aus jeglichen zeitgeschichtlichen und sozialen Kontexten isoliert und sich regelrecht festbeißt an der Figur des Vaters).
Wie siehst Du den Briefwechsel und die Beziehung beider?
Leider sind die Briefe Milenas an Franz ja verloren, wie es scheint. Aber aus den Briefen von Franz an Milena teilt sich freilich auch sehr viel von ihren Worten an ihn mit – und ich spüre die Aufregung, die Begeisterung, die Verzweiflung, das Sehnen, das heftig pochende Herz, das angstvolle Harren auf Nachricht, das erwartungsvolle Öffnen der Briefe, die Träume und auch Enttäuschungen, das Öffnen von Worten, Gedanken, Herzen, das Verschließen inj Verzweiflung – ich empfinde etwas von dem, was beide füreinander waren, etwas von der tiefen Vertrautheit, dem gleichzeitigen Sehnen danach und Zurückschrecken davor.
Aber ich fühle mich auch ein wenig unbehaglich, wenn ich in diesen intimen Worten lese, die für mich freilich gar nicht bestimmt sind und auf die nun viele meinen, sie nutzen zu ›dürfen‹, um Franz Kafka wieder einmal aufs Neue durchpathologisieren und -psychologisieren zu dürfen. Offen gestanden: All das interessiert mich nicht. Ob Franz Kafka sich dort selbst klein macht oder nicht – wer hat das Recht, darüber im amüsierten Plauderton oder im Ton der Betroffenheit zu reden? Es sind Worte, die vertraulich gerichtet waren an Milena Jesenska. Es sind offene Worte, Worte, die verletzlich machen und die so viel preisgeben im Vertrauen auf die Feinfühligkeit und Freundlichkeit eben dieser einen Leserin. Die Haltung des ›Darüberstehens und Bescheidwissens‹ blendet uns selbst famos als diejenigen aus, die eigentlich diejenigen sind, die etwas Seltsames tun… Sind wir nicht eigentliche Voyeure einer Situation, an der wir uns am – womöglich verschämten – Zuschauen vielleicht erfreuen dürfen? Freilich gibt es diese Lust am Zuschauen. Aber warum unsere Lust daran durch moralistisches, besserwisserisches, diagnostisches, in jedem Fall: überhebliches Kommentieren in sauberes Gewand kleiden und rechtfertigen? Es ist etwas Wunderschönes in den Worten dieser Briefe, es ist etwas Wunderschönes darin, Zeuge all der Bewegungen, all des Reichtums dieser verbalen, erotischen, sinnlichen Begegnung zu werden. Es ist wie ein kleines Wunder, daran teilhaben zu dürfen – aber es ist auch nicht ganz ›richtig‹.
Gibt es Textstellen, die Du hervorheben möchtest?
»Wie weit ist Wien von Prag, daß Du so etwas denken kannst und wie nah ist es, im Wald beisammen zu liegen und wie lang ist es her. Und Eifersucht ist es keine, es spielt nur so um Dich; weil ich Dich von allen Seiten fassen will, also auch von der Seite der Eifersucht […]«
»Es ist etwa so: ich, Waldtier, war ja damals kaum im Wald, lag irgendwo in einer schmutzigen Grube (schmutzig nur infolge meiner Gegenwart, natürlich) da sah ich Dich draußen im Freien, das wunderbarste was ich je gesehen hatte, ich vergaß alles, vergaß mich ganz und gar, stand auf, kam näher, ängstlich zwar in dieser neuen und doch heimatlichen Freiheit, kam aber doch näher, kam bis zu Dir, Du warst so gut, ich duckte mich bei Dir nieder, als ob ich es dürfte, ich legte das Gesicht In Deine Hand, ich war so glücklich, so stolz, so frei, so mächtig, so zuhause, immer wieder dieses: so zuhause – aber im Grunde war ich doch nur das Tier, gehörte doch nur in den Wald, lebte hier im Freien doch nur durch Deine Gnade, las ohne es zu wissen (denn ich hatte ja alles vergessen) mein Schicksal von Deinen Augen ab. Das konnte nicht dauern. Du mußtest und wenn Du auch mit der gütigsten Hand über mich hinstrichst, Sonderbarkeiten erkennen, die auf den Wald deuteten, auf diesen Ursprung und diese wirkliche Heimat, es kamen die notwendigen, notwendig sich wiederholenden Aussprachen über die »Angst«, die mich (und Dich, aber Dich unschuldig) quälten bis auf den bloßen Nerv […] Ich erinnerte mich daran wer ich bin, in Deinen Augen las ich keine Täuschung mehr, ich hatte den Traum-Schrecken (irgendwo wo man nicht hingehört, sich aufzuführen, als ob man zuhause sei) diesen Schrecken hatte ich in Wirklichkeit, ich mußte zurück ins Dunkel ich hielt die Sonne nicht aus, ich war verzweifelt, wirklich wie ein irregegangenes Tier, ich fing zu laufen an wie ich nur konnte und immerfort der Gedanke: »wenn ich sie mitnehmen könnte!« und der Gegengedanke: »gibt es Dunkel, wo sie ist?«
Du fragst wie ich lebe; so also lebe ich.
Wie hast Du Dich auf das Fotoshooting/die Performance vorbereitet?
Für mich ist das Besuchen solcher Orte, von denen man weiß, dass dort geschätzte, verehrte Menschen gelebt haben, eine ambivalente Angelegenheit – einerseits sind solche Besuche natürlich intensiv und kraftvoll, zugleich aber haben sie auch etwas Lähmendes für mich. Denn gerne würde ich zwar den ›Hauch‹ spüren, die Luft, die um die Damaligen gewesen ist – zu wissen, dass Franz und Milena hier waren, ist wundervoll, zugleich aber auch sehr abstrakt. Es hat sich so vieles verändert, man weiß nicht genau, was, und der Imperativ, der in der ›Luft‹ liegt: »empfinde doch, was hier geschehen ist«, lässt mich sonderbar fühlen, irgendwie bedrückt, beengt, auch: scheiternd. Darum habe ich zur Vorbereitung genau das gemacht, wodurch ich mich Franz Kafka und Milena Jesenská wirklich nahe fühle: in ihren Texten gelesen. Das sind für mich die eigentlichen Begegnungen – die Orte dagegen wandern, so hoffe ich, nach und nach in meine Träume, in mein Unbewusstes und arbeiten sich dann womöglich eines schönen Tages wieder zurück ins Bewusstsein. Ich will damit sagen: Es braucht für mich Zeit, dass die Eindrücke vor Ort zu ›Erfahrungen‹ in mir werden – Erfahrungen, von denen ich eben noch nicht genau sagen kann, wie sie aussehen werden. Insofern gehörte für mich auch zur Vorbereitung: mir darüber klar zu werden, dass ich mir keine Illusionen von diesem Besuch machen sollte und nicht an so etwas wie ein ›magisches Heraufbeschwören‹ festzuhalten. Mir also Zeit zu geben.
Gab es bisher schon Kafka Projekte für Dich?
Franz Kafka begleitet mich seit vielen Jahren – durch meine Beschäftigung mit Walter Benjamins Idee des Erzählens habe ich seine Texte ganz neu, befreit vom schulischen, universitären ›Kafka-Klischee‹, entdecken dürfen, wenn ich es so nennen darf. Seitdem lässt er mich nicht mehr los: in meiner Arbeit zu Benjamin (was Erzählen sein kann, lässt sich an Kafka ganz wundervoll sehen), in meinem lyrischen Schaffen und auch in meinen Theaterprojekten – Kafka selbst war ja ein großer Liebhaber des (jiddischen) Theaters und theatrale Gestik und Formsprache spielt in seinen Texten eine wesentliche Rolle (im wahrsten Sinne des Wortes…).
Im Laufe der letzten Monate ist eine gar nicht ganz so kleine Sammlung an Gedichten entstanden, die sich um die ›Verwandlung‹ oder bestimmte Figuren Kafkas drehen, es gab auch zwei musikalisch-lyrisch-theatrale Abende dazu: die ›Klänge der Verwandlung‹, mit Texten aus der ›Verwandlung‹, meinen Gedichten und großartigen Kompositionen von Mario Cosimo für Elektronik und Traversflöte. Im vergangenen Jahr durfte ich über mehrere Termine verteilt auch einen Klangworkshop zu Kafka geben – teils mit Erwachsenen, teils mit Kindern, teils mit beiden gleichzeitig und dabei habe ich gemerkt: Kafka und Kinder passen wunderbar zusammen, wenn man es nur am richtigen Punkt angeht. Es gab sogar eine kleine Aufführung von Josefines Gesangskünsten mit den Kindern. Erst kürzlich durfte ich außerdem bei einem Theaterworkshop gemeinsam mit den wunderbaren TeilnehmerInnen Szenen aus Kafkas Texten entwickeln und vergangenes Jahr habe ich beim ›Vienna Literature Festival‹, das da gerade Kafka ins Zentrum gerückt hatte, meine ›Genesungen · in Odradekscher Manier‹ vorgetragen. – Mit anderen Worten: Kafka begleitet, trägt und inspiriert mich beständig.
Wie siehst Du als Schriftstellerin den Schreibstil Kafka?
Kafkas Sprache macht etwas Unglaubliches: sie ist sehr konkret, sehr gestisch, sehr nah und detailliert an den Vorgängen und Dingen – und ihnen gleichzeitig nicht verhaftet. Seine Sprache liegt nicht in den Ketten der Pflicht, Schuld und Undurchdringlichkeit (wie es eben seinen Figuren so oft ergeht), sondern in seiner Sprache sucht er etwas nach dem ›Verrückten‹, im Sinne des ›Nicht-Passenden‹, nach dem Entkommen aus dem scheinbar Folgerichtigen und Notwendigen.
Um das mit ein paar Beispielen zu erklären: Kafka nutzt etwa ganz konkrete Sprichwörter, ohne sie aber explizit zu nennen – und was macht er dann mit ihnen? Er führt sie ganz konkret aus, als Handlung, überführt sie sprachlich vom Duktus des ›So-ist-es‹ in eine sprachliche Überprüfung eben dieses Duktus. Ist es wirklich so? Wie wäre es denn, wenn es so wäre? Wie wäre denn etwa ›der Onkel, den ich noch in New York habe‹? Und es gibt so viele kleine Verschiebungen in Kafkas Erzählweise, die unglaublich nah an der ›Realität‹ sind, ihr aber doch nicht entsprechen. Es sind kleine Verschiebungen, wie sie etwa in Träumen vorkommen. Zum Beispiel das Schwert in der Hand der Freiheitsstatue statt der Fackel. Diese Verschiebung kommt vollkommen unscheinbar, nebensächlich daher – so, wie sie geschrieben ist, überliest man sie vielleicht sogar, und doch entsteht mit ihr eine bestimmte Szenerie, eine Traumszenerie, die über die Wirklichkeit mehr Wahres aussagt als das, was unsere Augen uns am Tage mitteilen.
Es gibt das ›Widerborstige‹, Trotzige, Beharrliche in Kafkas Sprache – das Festhalten daran, dass so etwas wie Entkommen doch noch möglich sein könnte. Den Gestus des Nie-zu-Ende-Festlegens – sei es zum Guten oder Schlechten. Das Zögern, Zweifeln, Offenhalten. Freilich wird es immer wieder auf harte Proben gestellt oder die Hoffnung ganz zerschlagen. Aber doch gibt es das ›Von-vorne-Beginnen‹, um die Dinge vielleicht doch einmal in eine andere Richtung zu lenken – um dem Teuflischen des schlechten Endes vielleicht doch einmal zu entkommen. Benjamin hat es so wunderbar treffend beschrieben: dass es bei Kafka ein so starkes Moment des Aufschiebens gibt, ist das eigentlich Hoffnungsvolle seiner Geschichten. Dass Karl Roßmanns Geschichte nicht zu Ende erzählt ist: das ist ein Moment der Erlösung. Die Dinge nicht zu Ende führen zu müssen (ein Ende, das nicht gut sein kann – zumindest nicht in der Welt, wie sie ist) ist etwas Hoffnungsvolles. Das schlägt sich tief in Kafkas Sprache nieder und es gibt so wunderschöne, verrückte, zauberhafte Figuren bei ihm, in denen sich eine ebensolche Hoffnung verkörpert, etwa in Odradek. Odradek kennt kein Ende, er hat auch keinen wirklichen Anfang. Er ist nicht funktional, nicht sinnvoll – aber ganz. Er ist nicht Mensch, nicht Tier, nicht Ding. Hat er Lungen? Vielleicht. Aber sie sind anders. Es muss mit ihm kein Ende nehmen, er ist frei wie sein Name: der Wirklichkeit zwar entlehnt, aber mit ihr nur auf lose, spielerische Weise verbunden. Auf eine Weise, die unser geordnetes, verwaltetes Denken sprengt.
Und all das bedeutet mir so unendlich viel – es durchdringt mich, mein Schreiben, Wünschen, Träumen, Wachsein, Verrücktsein.
Wie war Dein Weg zur Literatur?
Als Kind, als Jugendliche durfte ich die Erfahrung machen, dass Literatur ein wahrer Schatz sein kann – dass es in der aus Worten gewebten Welt einen unerhörten Reichtum geben kann, der sich aus den Elementen dieser Welt speist, sie verwandelt, anreichert und einen als Leser selbst wieder verwandelt in die alte Welt entlässt, die dann doch für einen selbst nicht mehr ganz die alte Welt ist – vielleicht auch deshalb, weil man selbst während des Lesens unmerklich reicher geworden ist, reicher an Erfahrungen, Träumen, Enttäuschungen, Wünschen, Ausdrücken, Gedanken, Verwirbelungen, Irritationen, Tränen und Fragen. Beileibe nicht mit jeder Literatur habe ich diese Erfahrung gemacht, aber doch hat mich diese Möglichkeit leidenschaftlich fasziniert – was mich dann, neben der Theaterwissenschaft, zu einem Studium der Literaturwissenschaft bewegt hat. Mit zwiespältigem Fortgang: viele wunderbare neue Texte durfte ich entdecken oder mich alten neu nähern (wie denjenigen Kafkas!), die Flamme der Leidenschaft wurde im Studium allerdings keineswegs nur genährt, im Gegenteil: ich bin oft verzweifelt an der begeisterungslosen Verwaltungsarbeit, mit der man dort lebendigen Worten und Textgebilden zu Leibe gerückt ist. Ich habe in dieser Zeit natürlich viel über Literatur geschrieben, oft unglücklich, weil ich gemerkt habe, dass ich eine eigene Sprache suche – eine Sprache, die die Texte umspielt –, dass diese Sprache aber im gegenwärtigen akademischen Betrieb wenig Platz hat.
Wie dem auch sei: Abgesehen von meinem wissenschaftlichen und essayistischen Schreiben habe ich immer wieder auch kleine literarische Schreibversuche gemacht – in der Kindheit, in der Schule, während des Studiums –, ganz richtig hat es sich aber nie angefühlt, etwas hat nicht ›gestimmt‹ für mich und es war zuweilen ›forciert‹ und unfrei. Dann plötzlich ist etwas geschehen, das ich selbst kaum erklären kann und das rückblickend eigentlich doch so auf der Hand liegt: ich habe einfach angefangen, Lyrik zu schreiben, sozusagen von heute auf morgen habe ich gemerkt: hier finde ich das, wonach ich so viele Jahre suche. Merkwürdigerweise war Lyrik bis dato genau diejenige ›Gattung‹, die mir am fernsten war – nun ist sie mir am nächsten. Ich hatte mich vorher auch schon gelegentlich an Gedichten versucht, aber scheinbar brauchte es viele mir selbst nicht ganz klare Entwicklungen in meinem Leben, ehe ich ›es‹ plötzlich hatte und ehe ›es‹ sich dann auch äußerlichen Ausdruck verschaffen konnte. Seitdem schreibe ich und schreibe ich. Natürlich nicht immer nur beschwingt und leichtfüßig, aber doch ist für mich ein gewisses Gefühl des Freien, Luftigen mit der Lyrik verbunden. Das hilft mir auch für mein sonstiges Schreiben, und ich habe begonnen, auch ein paar kleine Erzählungen zu verfassen, befasst mit ›Kindlichem‹.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Es gibt so viele Pläne – ich hoffe, dass ich sie alle auch werde umsetzen können. Konkret aber:
Was die literarischen Projekte anbelangt: seit gut zwei Jahren arbeite ich an meinen lyrischen Continuationen, den ›Mikrogrammen‹, die ich etwa auf Instagram veröffentliche (eine lyrische Form bestehend aus Bild und Gedicht, die sich beide aufeinander beziehen). Zu ihnen kommen seit bald einem Jahr – leider – die ›zerbrochenen fäden‹ hinzu, die ich im Andenken an meine geliebte Mutter schreibe. Sie ist im vorigen April gestorben. Außerdem schreibe ich parallel an verschiedenen Gedichtzyklen, von denen die ›Schwesternschaften‹ bald zum Abschluss kommen sollen (zumindest der erste Band) und hoffentlich auch einen Verleger finden werden.
Ich hoffe sehr, bald die Ruhe und Energie zu finden, in die Tiefe zurück zu meiner Beschäftigung mit Walter Benjamins Idee des Erzählens zu finden. Es soll meine Dissertation werden und ich habe zuletzt Zeit und Abstand gebraucht, um zu meiner eigenen Sprache zu finden.
Ganz aktuell arbeite ich außerdem an einem lyrisch-theatral-musikalischen Projekt zu Selma Merbaum – Selmas Dichtung, ihre biographischen Zeugnisse wühlen vieles in mir auf.
Darf ich Dich abschließend zu einem „Milena Franz“ Akrostichon bitten?
ach Morgen , ach – verscheuche nicht , was leise singt : das Heute / —unseres | und
unser Immerdar / in andre Zeiten fliehen wir , mein
Leben : Du , Dein : Leben — ich ? — wir — werfen uns die :
Enden zu : verknoten sie — und Deins : und meins . ach unser
» nein « , so ganz verwoben , ganz verzweigt , strahlt aus und macht den
Anfang : eines neuen Lebens — ach —unser Kind : ein Odradek : sind wir —verflochten
ach Feygele, Dein Lied vom Wald , lässt hell erzittern alle Schründe , diese :
Risse – ach – in fliehend Herzgewebe — die Zeiten nisten ohne
Anfang da — / und ohne fort / zu müssen / — bleiben diese Knoten , diese
Nester unsres Pochens , Haut auf Haut , ein
Zittern in der Zeit //erzittere — ach Morgen , ach , verscheuche nicht
Antje-Kathrin Mettin, Schriftstellerin, Theatermacherin, Literatur- und Theaterwissenschaftlerin
Station bei Milena Jesenska und Franz Kafka _ Wien.
Antje-Kathrin Mettin, Schriftstellerin, Theatermacherin, Literatur- und Theaterwissenschaftlerin
Fotos _ am Wohnort Milena Jesenskas in Wien. Franz Kafka war im Sommer 1920 für 4 Tage zu Gast in Wien.
„Briefe an Milena“Franz Kafka. Erstveröffentlichung 1952.
Zur Person_Antje-Kathrin Mettin _ geboren 1989 am Niederrhein, lebt derzeit in Leipzig und ist als Schriftstellerin, Theatermacherin, Literatur- und Theaterwissenschaftlerin tätig. Im Entstehen inbegriffen sind derzeit mehrere Gedichtzyklen: ›Durchbrüche – oder auch: Epiphanien im Bade‹, ›Schwesternschaften‹, ›Farbsuche‹ und ›Mikroskopie : Krustentiere‹ sowie ihre ›Mikrogramme‹ – lyrische Continuationen, die sie laufend bei Instagram veröffentlicht. Parallel dazu arbeitet sie derzeit an einem Buch zu Walter Benjamins Idee des Erzählens sowie an verschiedenen Theaterprojekten – darunter aktuell gemeinsam mit Juliane Harberg eine Aufführung von Paul Scheerbarts ›Okurirasûna‹ sowie Experimente zu einer neuen Form des Licht- und Schattentheaters. Sie studierte, gefördert durch die Studienstiftung des Deutschen Volkes, Literatur- und Theaterwissenschaft in Leipzig und Paris. Es folgten Lehr- und Forschungstätigkeiten an der Universität Leipzig sowie der Hochschule für Musik und Theater Felix Mendelssohn Bartholdy.
Antje-Kathrin Mettinund Walter Pobaschnig _ vor dem Wohnort von Milena Jesenska in Wien _ 1_25
Vielen Dank für die freundlichen Begegnungen/Kooperationen/Gespräche am Weg!
Liebe Doris, welche Erinnerungen hast Du an Barbara Frischmuth als Kollegin? Gab es persönliche Begegnungen und wie hast Du diese erlebt?
Anfang der Neunzigerjahre habe ich in der Österreichischen Gesellschaft für Literatur gearbeitet und bin Barbara Frischmuth regelmäßig bei Lesungen und literarischen Jausen begegnet. Ich erinnere mich an eine weltoffene, vielgereiste und sehr sympathische Autorin. Viele Jahre später haben wir uns bei einer Jubiläumsfeier der Österreichischen Gesellschaft für Literatur wiedergesehen. Ich werde nie vergessen, wie sie mir und meiner ehemaligen Kollegin Karin Rosa de Pauli voller Begeisterung erzählte, dass ihr Sohn jetzt als Tätowierer arbeitet. Barbara Frischmuth war immer für eine Überraschung gut.
Was macht für Dich das Werk von Barbara Frischmuth aus und wie ist dieses in die österreichische Literaturgeschichte einzuordnen?
Barbara Frischmuth ist eine der bedeutendsten Autorinnen der österreichischen Gegenwartsliteratur, mit einer großen Erzählstimme und einem vielseitigen Œuvre. Sie hat Romane, Erzählungen, Gedichtbände, Theaterstücke, Hörspiele, Essays, Kinder- und Jugendbücher und vieles mehr veröffentlicht. Es ist mir bis heute unverständlich, warum sie nie den Großen Österreichischen Staatspreis für Literatur zugesprochen bekam.
Gibt es ein Lieblingsbuch von ihr und warum dieses?
Barbara Frischmuths Schulzeit im Mädchenpensionat der Kreuzschwestern in Gmunden hat ihr weiteres Leben geprägt und sie zur Feministin werden lassen. So fällt mir auch heute als erstes ihr Debütroman „Die Klosterschule“ ein. Ich habe ihn jetzt nochmals zur Hand genommen und bin an diesem Satz hängen geblieben: „Wenn der Schnee in der Sonne schmilzt, ist der Himmel klar, und unsere Zähne heben sich gegen das Weiß ab und stehen wie geschabte Karotten aus dem Blau unserer Lippen.“
Welche Inspiration hinterlässt ihr Schreiben, ihre Weltsicht, ihr Künstlerinsein?
Im Oktober 2022 wurde mir für zwei Wochen die Schreibwohnung der Literar-Mechana in Altaussee zur Verfügung gestellt, ganz am Ende des Ortes, dort wo der Seerundweg beginnt. Ich habe Kontakt mit dem örtlichen Literaturmuseum aufgenommen, wurde auf einen Spaziergang durch den Literaturgarten und den Ort mitgenommen und habe die Museumsräume besichtigt. In einer Vitrine war ein Foto von Barbara Frischmuth zu sehen, daneben stand dieses Zitat: „In Venedig könnte ich nicht schreiben und in vielen Städten der Welt auch nicht. Hier in Aussee kann ich schreiben.“ Leider kam es damals in Altaussee zu keiner persönlichen Begegnung mehr. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass sie an diesem beschaulichen Ort Ruhe und Muse zum Schreiben finden und trotzdem ihre Weltoffenheit und ihre internationale Bekanntheit aufrechterhalten konnte.
Gibt es ein Zitat/eine Textstelle von ihr, die Du uns noch mitgeben möchtest?
„Es ist wichtig, woher man kommt, noch immer wichtig. Auch wenn man wie einige Club-Mitglieder seit fünfzig Jahren und länger hier lebt. Die Erinnerung an eine Identität bleibt wach, selbst wenn sie längst eine andere geworden ist.“
Aus: Barbara Frischmuth, Vergiss Ägypten, Aufbau Verlag, Berlin 2008
Vielen Dank für das Interview!
Barbara Frischmuth, Schriftstellerin *5.7.1941 Altaussee +30.3.2025 Altaussee
Barbara Frischmuth, Schriftstellerin
geboren 1941 in Altaussee, studierte Türkisch, Ungarisch und Orientalistik und war seitdem freie Schriftstellerin. Die mehrfach ausgezeichnete Autorin lebte seit 1999 wieder in Altaussee. Zu ihren größten Erfolgen zählen die Romane „Die Klosterschule“ (1968), „Die Mystifikationen der Sophie Silber“ (1976) oder „Kai und die Liebe zu den Modellen“ (1979), aber auch ihre zahlreichen Gartenbücher. Zuletzt im Residenz Verlag erschienen: „Natur und die Versuche, ihr mit Sprache beizukommen“ (2021)„Schaufel, Rechen, Gartenschere“ in der Reihe „Dinge des Lebens“ (2023) und „Die Schönheit der Tag- und Nachtfalter“ (2025). Der Residenz Verlag trauert um Barbara Frischmuth 31.3.2025
Doris Fleischmann, Autorin
Doris Fleischmann, Autorin
Zur Person: Doris Fleischmann, geboren 1970 in Wiener Neustadt, lebt und arbeitet in Wien; viele Jahre im Kulturbetrieb tätig; schreibt Prosa. Regelmäßige Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien, eine Co-Herausgeberschaft. Ihr Debütroman „Alles, was bleibt oder Ein Haus in Wien“ erschien 2018 im Hollitzer Verlag, Wien. Im April 2022 erschien ihr Kurzgeschichtenband „Spaziergänger zwischen den Welten“ im Pilum Literatur Verlag, Strasshof an der Nordbahn. Mitglied beim Literaturkreis Podium, der Literaturgruppe Textmotor sowie der Arbeitsgemeinschaft Autorinnen.
Liebe Sascha, welche Erinnerungen hast Du an Barbara Frischmuth als Kollegin? Gab es persönliche Begegnungen und wie hast Du diese erlebt?
Leider habe ich Barbara Frischmuth nicht persönlich kennengelernt, denn wenn sie auf der Bühne (z.B. des Literaturhauses Wien) sitzt und ich als Fan im Publikum, kann man das nicht Kennenlernen nennen. Ich habe sie immer bewundert für ihre klare Sprache und ihre unprätentiöse Art, weshalb ich nicht nur ihre Bücher gelesen, sondern auch ihre Lesungen besucht habe.
Was macht für Dich das Werk von Barbara Frischmuth aus und wie ist dieses in die österreichische Literaturgeschichte einzuordnen?
Irgendwie war Barbara Frischmuth immer da. Sie hat für mich nicht nur als Person klar und unprätentiös gewirkt, auch ihre Sprache war nie gekünstelt, sondern immer genau, ohne gezwungen zu wirken.
Gibt es ein Lieblingsbuch von Ihr und warum dieses?
Besonders mag ich „Verschüttete Milch“, weil dieser Roman viel von Barbara Frischmuths Arbeiten zusammenfasst. Die Auswirkungen und Nachwirkungen des Dritten Reichs sind kaum einmal klarer und plastischer beschrieben worden.
Welche Inspiration hinterlässt Ihr Schreiben, Ihre Weltsicht, Ihr Künstlerinsein?
Neben ihrer Sprache, die so einfach daherkommt, aber doch so vielschichtig ist, inspiriert natürlich auch Barbara Frischmuths Leben und ihr Eintreten dafür, die eigene Kultur nicht absolut zu setzen. Was mir aber besonders imponiert hat: Barbara Frischmuth war eindeutig Feministin, hat das aber nie plakativ vor sich hergetragen, sondern dieses Prinzip einfach gelebt.
Gibt es ein Zitat/eine Textstelle von Ihr, die Du uns noch mitgeben möchtest?
„Es könnte der Welt nicht schaden, wenn sie etwas weiblicher würde.“
„Ich bin auf dem Land aufgewachsen, aber auch auf dem Land ist vieles nur Gegend.“
Ich habe zwei Zitate gefunden, die mich gleich „angesprungen“ sind. Das erste ist wohl selbsterklärend. Das zweite gefällt mir so gut, weil ich selbst Teilzeit-Landbewohnerin bin und deshalb die Verklärung und Verkitschung des Landlebens sehr ärgerlich finde.
Vielen Dank für das Interview!
Barbara Frischmuth, Schriftstellerin *5.7.1941 Altaussee +30.3.2025 Altaussee
Barbara Frischmuth, Schriftstellerin
geboren 1941 in Altaussee, studierte Türkisch, Ungarisch und Orientalistik und war seitdem freie Schriftstellerin. Die mehrfach ausgezeichnete Autorin lebte seit 1999 wieder in Altaussee. Zu ihren größten Erfolgen zählen die Romane „Die Klosterschule“ (1968), „Die Mystifikationen der Sophie Silber“ (1976) oder „Kai und die Liebe zu den Modellen“ (1979), aber auch ihre zahlreichen Gartenbücher. Zuletzt im Residenz Verlag erschienen: „Natur und die Versuche, ihr mit Sprache beizukommen“ (2021)„Schaufel, Rechen, Gartenschere“ in der Reihe „Dinge des Lebens“ (2023) und „Die Schönheit der Tag- und Nachtfalter“ (2025). Der Residenz Verlag trauert um Barbara Frischmuth 31.3.2025
Lieber Peter, welche Erinnerungen hast Du an Barbara Frischmuth als Kollegin? Ga es persönliche Begegnungen und wie hast Du diese erlebt?
Leider habe ich sie nie persönlich getroffen. Ich habe zu verschiedenen Anlässen über sie gelesen, habe mitbekommen, wenn etwas Neues von ihr erschienen ist, ein Aufeinandertreffen hat sich jedoch nie ergeben.
Was macht für Dich das Werk von Barbara Frischmuth aus und wie ist dieses in die österreichische Literaturgeschichte einzuordnen?
Ihr Werk ist unumstößlich Teil des österreichischen Kanons und wird auch noch in Jahrzehnten gelesen und stetig neu und besser verstanden werden. An ihr führt kein Weg vorbei – nicht nur, wenn die Rede von österreichischer Literatur ist, sondern von deutschsprachiger Literatur gesamt.
Gibt es ein Lieblingsbuch von Ihr und warum dieses?
Obwohl sich in meiner Bibliothek viele ihrer Bücher befinden, liegen die meisten leider noch auf dem „unbedingt bald lesen!“-Stapel. Deshalb zögere ich mich auf ein Lieblingsbuch festzulegen. „Die Schrift des Freundes“ hat mir sehr gut gefallen und mich berührt.
Welche Inspiration hinterlässt Ihr Schreiben, Ihre Weltsicht, Ihr Künstlerinsein?
Sie hinterlässt vieles und vor allem die Erkenntnis, dass man jedes Thema (nicht zuletzt jene von ihr selbst häufig gewählten) von einer unendlich komplexen Vielzahl an Blickwinkeln angehen kann und sich dabei die Erkenntnismöglichkeiten nie erschöpfen. Die Erweiterung im Verständnis von Menschlichkeit, die sich aus dem Chor unterschiedlicher Sprachen, Kulturen und Individuen ergibt, muss stetig weiter erforscht, gefühlt und erlebt werden. Nichts erschöpft sich, wenn man genau genug hinschaut.
Gibt es ein Zitat/eine Textstelle von Ihr, die Du uns noch mitgeben möchtest?
Wort für Wort kann ich leider nicht an das Zitat erinnern, aber ich erinnere mich an eine Textstelle aus „Die Schrift des Freundes“ in der es darum ging, dass die Sprache mehr als ein Kommunikationswerkzeug ist – ein Thema, dass sich des Öfteren bei ihr findet und eigentlich allgemein nichts Einzigartiges ist, im Kontext des Buches und in der gerade aktuellen Ambivalenz von Sprache als etwas Verbindendes aber auch potenziell als Werkzeug der Manipulation jedoch, blieb es bei mir besonders hängen. Ein Aufruf zu Verantwortung und Umsicht beim Gebrauch einer derart mächtigen Sache.
Vielen Dank für das Interview!
Barbara Frischmuth, Schriftstellerin *5.7.1941 Altaussee +30.3.2025 Altaussee
Barbara Frischmuth, Schriftstellerin
geboren 1941 in Altaussee, studierte Türkisch, Ungarisch und Orientalistik und war seitdem freie Schriftstellerin. Die mehrfach ausgezeichnete Autorin lebte seit 1999 wieder in Altaussee. Zu ihren größten Erfolgen zählen die Romane „Die Klosterschule“ (1968), „Die Mystifikationen der Sophie Silber“ (1976) oder „Kai und die Liebe zu den Modellen“ (1979), aber auch ihre zahlreichen Gartenbücher. Zuletzt im Residenz Verlag erschienen: „Natur und die Versuche, ihr mit Sprache beizukommen“ (2021)„Schaufel, Rechen, Gartenschere“ in der Reihe „Dinge des Lebens“ (2023) und „Die Schönheit der Tag- und Nachtfalter“ (2025). Der Residenz Verlag trauert um Barbara Frischmuth 31.3.2025
Liebe Rhonda, welche Erinnerungen hast Du an Barbara Frischmuth als Kollegin? Gab es persönliche Begegnungen und wie hast Du diese erlebt?
Ich bin Barbara Frischmuth nach ihrer Lesung zum Buch „Woher wir kommen“ im Musilhaus in Klagenfurt begegnet und hatte die Möglichkeit, mich kurz mit ihr unterhalten. Sie war erstaunt und erfreut zugleich, als ich sie auf ihren frühen Roman „Amy oder Die Metamorphose“ ansprach.
„Sie kennen Amy?“ Als hätten wir in der Figur eine gemeinsame Bekannte.
Was macht für Dich das Werk von Barbara Frischmuth aus und wie ist dieses in die österreichische Literaturgeschichte einzuordnen?
Sie ist eine der wichtigsten literarischen Stimmen Österreichs mit einem hervorragenden Gespür für die Kunst des Erzählens. Bewundernswert ist die Eigenständigkeit ihrer Werke innerhalb der deutschsprachigen Literatur, die Beständigkeit ihres literarischen Schaffen über einen Zeitraum von mehr als 50 Jahren und die thematische Vielseitigkeit ihrer Bücher.
Gibt es ein Lieblingsbuch von Ihr und warum dieses?
Ja, „Amy oder Die Metamorphose“ aus der märchenhaft-phantastischen Sternwieser Romantrilogie, weil es mir meine Deutschlehrerin zur bestandenen Matura geschenkt hat. Ich gehöre zu jenen Geburtsjahrgängen, die sowohl den Autorinnen als auch den feministischen Literaturvermittlerinnen aus der Generation vor uns viel zu verdanken haben: in literarischer und gesellschaftlicher Hinsicht.
Welche Inspiration hinterlässt Ihr Schreiben, Ihre Weltsicht, Ihr Künstlerinsein?
Ich schätze das Verwurzelte und Polyglotte in ihrem Werk, ihr Sprachgefühl für sinnliche Details, oft auch die kühnen Kompositionen in der Dramaturgie, die bewegenden Schicksale und den glasklaren Blick auf die Gesellschaft und den Raum, den sie dem Fantastischen gegeben hat. Die Summe daraus bildet einen fruchtbaren Boden für das eigene Schreiben.
Gibt es ein Zitat/eine Textstelle von Ihr, die Du uns noch mitgeben möchtest?
Ja, gerne. Ich habe eine Textstelle ausgewählt, die meiner Meinung nach zeigt, dass ihr Werk geschaffen ist, um die Zeit zu überdauern. Außerdem sind deine LeserInnen jetzt bestimmt neugierig auf Amy geworden 😉
„All den Dingen nicht anheimzufallen, die, zur Schau gestellt werden in den Auslagen, Glasfenstern, Schauvitrinen, immer nur eines durchs innere Ohr gellen lassen: Will mich haben! So gewohnt den Füßen die Schritte, so ungewohnt scheint die ständige Aufforderung zur Inbesitznahme den Augen, den Ohren, dem Kopf. Die Sprache der Dinge, die mit tonlosen Schreien einander überbietend, ihre Oberflächen zeigen. Und diese Sprache dringt ein, weil da Sinne sind, die an ihn noch nicht stumpf wurden. Die Menschen aber strömen aneinander vorbei, blicklos in den meisten Fällen, jedoch wenn ein Blick einen anderen streift, spricht auch er diese Sprache, wenngleich mit anderen Pronomen: Ich will dich haben!“
Aus „Amy oder Die Metamorphose“, Roman 1980
Vielen Dank für das Interview!
Barbara Frischmuth, Schriftstellerin *5.7.1941 Altaussee +30.3.2025 Altaussee
Barbara Frischmuth, Schriftstellerin
geboren 1941 in Altaussee, studierte Türkisch, Ungarisch und Orientalistik und war seitdem freie Schriftstellerin. Die mehrfach ausgezeichnete Autorin lebte seit 1999 wieder in Altaussee. Zu ihren größten Erfolgen zählen die Romane „Die Klosterschule“ (1968), „Die Mystifikationen der Sophie Silber“ (1976) oder „Kai und die Liebe zu den Modellen“ (1979), aber auch ihre zahlreichen Gartenbücher. Zuletzt im Residenz Verlag erschienen: „Natur und die Versuche, ihr mit Sprache beizukommen“ (2021)„Schaufel, Rechen, Gartenschere“ in der Reihe „Dinge des Lebens“ (2023) und „Die Schönheit der Tag- und Nachtfalter“ (2025). Der Residenz Verlag trauert um Barbara Frischmuth 31.3.2025
Erinnerung im Bild _Sophia Lunra Schnack, Schriftstellerin
„Sehr sehr schön ein richtiges Highlight und ein sehr lustiger Abend danach“ Sophia Lunra Schnack, 9.4.25
Barbara Frischmuth, Schriftstellerin
geboren 1941 in Altaussee, studierte Türkisch, Ungarisch und Orientalistik und war seitdem freie Schriftstellerin. Die mehrfach ausgezeichnete Autorin lebte seit 1999 wieder in Altaussee. Zu ihren größten Erfolgen zählen die Romane „Die Klosterschule“ (1968), „Die Mystifikationen der Sophie Silber“ (1976) oder „Kai und die Liebe zu den Modellen“ (1979), aber auch ihre zahlreichen Gartenbücher. Zuletzt im Residenz Verlag erschienen: „Natur und die Versuche, ihr mit Sprache beizukommen“ (2021)„Schaufel, Rechen, Gartenschere“ in der Reihe „Dinge des Lebens“ (2023) und „Die Schönheit der Tag- und Nachtfalter“ (2025). Der Residenz Verlag trauert um Barbara Frischmuth 31.3.2025