„aufmerksam zu sein – für uns selbst und für andere“ Jacqueline McNichol, Dramaturgin _ Wien 15.1.2026

Liebe Jacqueline McNichol, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tag beginnt meist ruhig und gemächlich, mit einer Tasse Kaffee in der Hand und einem Buch auf dem Schoß – ein Moment, um die Gedanken zu ordnen, bevor der Alltag startet und das Chaos der Termine hereinbricht. Gelegentlich arbeite ich projektbezogen als Dramaturgin, Regieassistentin oder auch in der Soufflage. Derzeit liegt mein Schwerpunkt jedoch auf meinem Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft sowie auf der Vorbereitung meines bald beginnenden Doktorats der Theaterwissenschaft. Anschließend widme ich mich dem Schreiben, überarbeite Kurzgeschichten oder beschäftige mich mit Theatertexten, die mich bewegen.

Zwischendurch gehe ich spazieren, lasse meine Gedanken schweifen und finde neue Impulse für meine Geschichten. Abends führt mich mein Weg entweder zu einer Vorstellung – hinter die Bühne oder als Zuschauerin ins Publikum.

Jacqueline McNichol | Dramaturgin | Regieassistentin | Souffleuse

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Es ist die Fähigkeit, aufmerksam zuzuhören und auf Augenhöhe zu kommunizieren. Gerade in Zeiten, die unübersichtlich oder belastend sein können, helfen Klarheit, Geduld und gegenseitige Wertschätzung, um die eigenen Ideen und Bedürfnisse wahrzunehmen. Gleichzeitig ist es wichtig, Räume für Kreativität, Reflexion und gemeinsames Nachdenken zu bewahren. Kleine Gesten, ehrliche und direkte Worte sowie ein offenes Herz können viel bewegen – im Theater wie auch im Alltag.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Vor einem Neubeginn wird es entscheidend sein, aufmerksam zu sein – für uns selbst und für andere. Theater und Kunst bieten dafür einen besonderen Raum: Sie machen Gefühle und gesellschaftliche Prozesse erlebbar, eröffnen Perspektiven und regen zum Nachdenken an. Schauspiel und Geschichten erlauben, Erfahrungen zu teilen, Fragen zu stellen und Antworten zu suchen. Sie geben Orientierung, schaffen Empathie und zeigen, dass Veränderung möglich ist. Kunst kann Brücken bauen zwischen Menschen und zwischen Ideen, sie kann uns reflektieren, inspirieren und ermutigen.

Was liest Du derzeit?

Derzeit lese ich Versagen von Nora Weinelt – ein Essay, der sich mit der Bedeutung von Scheitern und dem Begriff des Versagens in unserer Gesellschaft auseinandersetzt. Weinelt zeigt, wie der aus der Mechanik stammende Begriff des Versagens in den allgemeinen Sprachgebrauch Eingang gefunden hat und wie sehr uns soziale wie innere Zuschreibungen darüber bestimmen, was als Erfolg oder Misserfolg gilt.
Was mich besonders fesselt, ist der Anspruch des Textes, Scheitern nicht als bloßes Defizit zu lesen, sondern als kulturelle Kategorie, die unser Selbstverständnis wie auch unser Urteil über andere prägt. Die präzise Sprache und die klare Analyse laden dazu ein, die eigenen Erfahrungen von Bruch, Bewertung und Erwartung neu zu befragen – ein Prozess, der sowohl literarisch spannend als auch persönlich anregend ist.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ein Textimpuls, der mich beim Lesen von Versagen besonders berührt hat, stammt aus der einleitenden Beschreibung des Begriffs:

„Jemanden einen Versager zu nennen, ist die größtmögliche Beleidigung, wurzelt darin doch das Urteil, dass sich im Versagen der angesprochenen Person etwas Bahn gebrochen hat, das ohnehin nicht zu vermeiden war.“

Dieses Zitat bringt in wenigen Worten auf den Punkt, wie tief unser Denken von Zuschreibungen wie „Versager*in“ geprägt ist – und wie fundamental verletzend sie wirken können. Es lädt dazu ein, darüber nachzudenken, wie wir in Sprache und Bewertung mit Menschen und uns selbst umgehen, was wir als Scheitern markieren und welche narrative Kraft wir dem Begriff geben. Für mich ist das kein bloßer theoretischer Gedanke, sondern ein praktischer Impuls: unsere Sprache und unsere Zuschreibungen bewusst zu hinterfragen, um Raum für Verständnis, Offenheit und neue Perspektiven zu schaffen – sowohl im Theater als auch im Alltag.

Vielen Dank für das Interview, liebe Jacqueline, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theater-, Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen: Jacqueline McNichol | Dramaturgin | Regieassistentin | Souffleuse

Zur Person/über mich: Jacqueline McNichol | Dramaturgin | Regieassistentin | Souffleuse

Geboren in Wiesbaden, aufgewachsen in Oberösterreich, begann Jacqueline McNichol 2016 ihr Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaften an der Universität Wien. Schon während der Studienzeit war sie an verschiedenen Theaterhäusern tätig, darunter am Landestheater Linz, am Volkstheater Wien, am Theater in der Josefstadt sowie am Burgtheater. Nach dem Studium arbeitete sie von 2019 bis 2021 als Regieassistentin am Salzburger Landestheater, von 2021 bis 2023 am Theater in der Josefstadt sowie 2023 und 2024 bei den Seefestspielen Mörbisch. 2022 wirkte sie als Dramaturgin bei der Theaterproduktion „Die gefesselte Phantasie“ (Regie: Achim Freyer) im Rahmen der Raimundspiele Gutenstein mit. 2023 betreute sie die Produktion „Die Kirche des Teufels“ am Ateliertheater Wien dramaturgisch. 2024 war sie als Dramaturgin bei den Sommerspielen Perchtoldsdorf engagiert. Im Jahr 2025 schloss McNichol ihr Masterstudium ab. Ihre Masterarbeit wurde im selben Jahr in Buchform veröffentlicht. Während ihrer bisherigen Theaterlaufbahn arbeitete sie mit Regisseur*innen wie unter anderem Alexandra Liedtke, Claus Peymann, Stephen Medcalf und Andreas Gergen zusammen. McNichol lebt und arbeitet in Wien.

Foto: privat

14.1.2026_Interview_Walter Pobaschnig

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„Minnesota“ Jo Nesbø. Kriminalroman. Ullstein Verlag.

Bestsellerkultautor Jo Nesbø legt einen neuen Roman vor und das ist ein Spannungs- und Leseereignis erster Klasse! Der norwegische Autor versteht es auf einmalige Weise das Krimi Genre zu einem literarischen Kunstwerk zu formen, in dem er in Sprache und narrativer Form seit Jahrzehnten Maßstäbe setzt und dieses ständig weiterentwickelt. Das ist sehr beachtlich und zeichnet jedes seiner Bücher aus.

Die Geschichte selbst spielt mitten in den persönlichen Schicksalsschlägen wie gesellschaftlichen Zerrüttungen und Herausforderungen im mittleren Westen der USA, in welchen der Ermittler Bob Oz einen Mörder im Milieu von Waffenhandel und Drogen jagt. Es scheint ein undurchdringliches Geflecht von Rache, Gewalt und dunklem Geheimnis zu sein, dem Oz gegenübersteht. Doch er gibt nicht auf, schöpft gleichsam manisch aus dem Schmerz des Unfalltodes seiner dreijährigen Tochter Energie und jagt einem Phantom hinterher und sucht es zu fassen…eine Hochschaubahn zwischen Leben und Tod beginnt, doch die Zeit ist knapp…

„Das Krimi Genre als literarisches Kunstwerk – Jo Nesbø regiert!“

„Minnesota“ Jo Nesbø. Kriminalroman. Ullstein Verlag.

Hardcover mit Schutzumschlag, 416 Seiten

Aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob

ISBN  9783550203091

Hardcover 24,99 €

E-Book (ePub) 19,99 €

Walter Pobaschnig 1/26

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„Geben“ Jacqueline McNichol, Dramaturgin _ Give Peace A Chance _ Wien 15.1.2026

GIVE PEACE A CHANCE


G eben

I ntensivieren

V ergeben

E ndlichkeit


Potenzial

Erleben

Achtsamkeit

Chaos

Einverständnis


Allgegenwärtigkeit


C hance

H altung

A ufbegehren

N eubeginn

C hancengleichheit

E rmöglichung


Jacqueline McNichol, 14.1.2026

Jacqueline McNichol | Dramaturgin | Regieassistentin | Souffleuse

GIVE PEACE A CHANCE

Jacqueline McNichol | Dramaturgin | Regieassistentin | Souffleuse

Zur Person/über mich: Jacqueline McNichol | Dramaturgin | Regieassistentin | Souffleuse

Geboren in Wiesbaden, aufgewachsen in Oberösterreich, begann Jacqueline McNichol 2016 ihr Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaften an der Universität Wien. Schon während der Studienzeit war sie an verschiedenen Theaterhäusern tätig, darunter am Landestheater Linz, am Volkstheater Wien, am Theater in der Josefstadt sowie am Burgtheater. Nach dem Studium arbeitete sie von 2019 bis 2021 als Regieassistentin am Salzburger Landestheater, von 2021 bis 2023 am Theater in der Josefstadt sowie 2023 und 2024 bei den Seefestspielen Mörbisch. 2022 wirkte sie als Dramaturgin bei der Theaterproduktion „Die gefesselte Phantasie“ (Regie: Achim Freyer) im Rahmen der Raimundspiele Gutenstein mit. 2023 betreute sie die Produktion „Die Kirche des Teufels“ am Ateliertheater Wien dramaturgisch. 2024 war sie als Dramaturgin bei den Sommerspielen Perchtoldsdorf engagiert. Im Jahr 2025 schloss McNichol ihr Masterstudium ab. Ihre Masterarbeit wurde im selben Jahr in Buchform veröffentlicht. Während ihrer bisherigen Theaterlaufbahn arbeitete sie mit Regisseur*innen wie unter anderem Alexandra Liedtke, Claus Peymann, Stephen Medcalf und Andreas Gergen zusammen. McNichol lebt und arbeitet in Wien.

Fotos: Portrait: privat; Motiv _ Walter Pobaschnig.

14.1.2026_ Walter Pobaschnig

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„Uferlos weht meine Seele“ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Wort & Bild _ Petra Ganglbauer, Schriftstellerin _ Wien 14.1.2026

Petra Ganglbauer, Schriftstellerin Wien _
performing „Undine geht“ Donau/Wien _
Walter Pobaschnig 8/25 _ folgende

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Wort & Bild

Undine geht _ Akrostichon

Text & Performance _ Petra Ganglbauer, Schriftstellerin Wien.

UNDINE GEHT

Uferlos weht meine Seele

Niemand findet es

Dieses Halbleben

Im Wellenspiel

Noch hoffe ich weit

Entfernt

Gehen ist Haltung

Eine poetische Erfindung

Hält das Gedicht

Trägt es weithin

Petra Ganglbauer, 6.1.2026

Petra Ganglbauer, Schriftstellerin Wien _
performing „Undine geht“ Donau/Wien _
Walter Pobaschnig 8/25

Undine geht, Erzählung, Ingeborg Bachmann, 1961.

„Undine geht“ ist einer der zentralen Texte in Ingeborg Bachmanns Werk. Dieser erschien im ersten Prosaband „Das dreißigste Jahr“ und nimmt das Motiv des Undine Mythos _ Liebe, weibliche Menschwerdung, Verrat und Rache – auf und transformiert dies in die Struktur gegenwärtiger patriarchal geprägter Gesellschaftsverhältnisse. „Undine geht“ ist einer der meist rezipierten Texte Bachmanns und erfährt zahlreiche künstlerische Zugänge und Dialoge.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann Rom 1962 _
Foto: Heinz Bachmann

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Wort & Bild

Undine geht_ Akrostichon

Text & Performance _ Petra Ganglbauer, Schriftstellerin Wien.

Petra Ganglbauer, Schriftstellerin Wien.
Petra Ganglbauer und Walter Pobaschnig _
„Undine geht“ _ Donau/Wien 8/25

Foto _ Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann

Fotos _  Petra Ganglbauer: „Undine geht“ performing _ “ Walter Pobaschnig 8/25.

Literatur outdoors 1/26

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„ich fühlte mich verstanden, Bachmann verbunden“ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Verena Dolovai, Schriftstellerin _ Klosterneuburg/NÖ 14.1.2026

Ingeborg Bachmann _ Verena Dolovai

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann auf der Terrasse ihrer Wohnung/Bocca di leone,
Rom um 1971

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Im Interview _ Verena Dolovai, Schriftstellerin _ Klosterneuburg/NÖ

Liebe Verena, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns? 

Denke ich an Ingeborg Bachmann, so denke ich an meine Jugend, an die Schule, an jene ikonenhafte brillante Sprachkünstlerin und Lyrikerin, unerreicht. Denke an den Bachmannpreis, denke an die Zeit in Wien, als ich studierte. Als mir jemand „Das dreißigste Jahr“ in meinem fünfundzwanzigsten schenkte. Wie ich das Buch verschlungen, es geliebt habe. Wie es, bis heute, einen besonderen Platz in meinem Bücherregal einnimmt und diese Widmung in sich trägt. Wie ich mich in meinen anfänglichen Berufsjahren als Juristin mit Bachmanns Gedicht „Ich“ so sehr identifizierte. Es machte auch mich aus, empfand ich, aber das Leben nicht unbedingt leicht(er). Auch fühlte ich mich verstanden, Bachmann verbunden.

Verena Dolovai, Schriftstellerin

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?

Ihre unglaubliche Intensität und Leidenschaft, ihre äußerst anspruchsvolle poetische Sprache, das Sich-Bewegen zwischen Extremen. Diese Mischung aus Verletzlichkeit und unglaublicher Sprachkraft gepaart mit höchstem Intellekt. Dass sie als schreibende Frau so brilliert hat, ein Stern in der Literatur war, unter sehr schwierigen Bedingungen und dem männlich dominierten Literaturbetrieb.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?

All ihre Gedichte, insbesondere „Ich“ und „An die Sonne“, „Das dreißigste Jahr“. Ihr gesamtes Werk hat meine Jugend und mein Denken, meinen Zugang zur Welt und Gesellschaft stark beeinflusst, bis heute.

Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?

Ingeborg Bachmann war aus meiner Sicht mutig und äußerst sensibel zugleich. Das macht es schwierig, in der „Realität“ zu bestehen, sie „zu ertragen“. Gleichzeitig macht es Ingeborg Bachmanns Einzigartigkeit aus. Ich bewundere ihr sprachliches Werk unglaublich.

Ich selbst betrachte mich als Frau, die in der Gegenwart die starken Stimmen meiner weiblichen Vorbilder – und dazu gehört Ingeborg Bachmann zweifelsohne – aufgreifen möchte und ihre Botschaft, diese so wichtigen Erkenntnisse und Errungenschaften, literarisch sowie persönlich fortzusetzen versucht. Lese ich Literatur von Frauen aus dem vergangenen Jahrhundert, fühle ich mich ihrem Denken unglaublich nahe.

Aus der Perspektive einer Frau sind die Themen immer noch ähnlich und aktuell, finde ich, auch wenn wir heute in unseren Breiten in dieser Hinsicht weitergekommen sind, was insbesondere auch in der geänderten Rechtslage Ausdruck findet. Diversität und unterschiedliche Perspektiven sind seit jeher unglaublich wichtig. Wir müssen uns überholten Rollenbildern nach wie vor entgegenstellen und für unsere Freiheit und Unabhängigkeit mit Worten stark machen. Es darf keinen Stillstand geben.

„Es ist auch mir gewiss, dass wir in der Ordnung bleiben müssen, dass es den Austritt aus der Gesellschaft nicht gibt und wir uns aneinander prüfen müssen. Innerhalb der Grenzen aber haben wir den Blick gerichtet auf das Vollkommene, das Unmögliche, Unerreichbare, sei es der Liebe, der Freiheit oder jeder reinen Größe. Im Widerspiel des Unmöglichen mit dem Möglichen erweitern wir unsere Möglichkeiten.“

Wie versteht Du dieses Zitat Ingeborg Bachmanns (Rede zur Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden, 1959) als Schriftstellerin heute?

Ich verstehe es so, dass es auch im Rahmen einer gesellschaftlichen Anpassung möglich ist, nach dem Unmöglichen, dem Vollkommenen, dem Optimum zu streben, es teilweise oder in einem bestimmten Ausmaß auch zu erreichen. Nie sollten wir unsere Ideale aufgeben, stets sollten wir daran arbeiten, die Umstände zu verbessern.  

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?

Wann haben Sie gewusst, dass sie nur schreibend existieren können?

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

Ich habe das Hans-Weigel-Literaturstipendium 2024/25 für mein Romanmanuskript „Wenn es dunkel wird, ruf ich deinen Namen“ erhalten und das Manuskript abgeschlossen. Derzeit schreibe ich an meinem dritten Roman und werde dafür im Sommer 2026 im Rahmen eines Aufenthaltsstipendiums in Linz sein. Auch werde ich den ein oder anderen Text in einer Anthologie oä veröffentlichen, Lesungen abhalten und mit Schüler:innen über meinen Debütroman „Dorf ohne Franz“ in Austausch treten.

Herzlichen Dank für das Interview!

Verena Dolovai, Schriftstellerin

Foto: Ingeborg Bachmann: Garibaldi Schwarze, um 1970.

Fotos: Verena Dolovai _ „Station bei Verena Dolovai“ _ 10/24

Walter Pobaschnig   1_26

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„Literatur und Kunst können uns wissender machen“ Michael Hillen, Schriftsteller _ Bonn 13.1.2026

Lieber Michael, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wie beinahe jeden Tag werden wir später (meine Frau und ich) einen Spaziergang am Rhein machen. Gleich ob von der Bonner Südstadt aus, wo ich aufwuchs und was heute weitgehend als „gentrifiziertes Viertel“ zu bezeichnen wäre, in dem meine Eltern (Mutter „Hausfrau“, mein Vater größenteils seines Arbeitslebens als ungelernter Karosserieschlosser tätig) heute die Miete nicht mehr würden bezahlen können, oder vom nördlichen Ortsteil Bonn-Castell aus, geprägt von vielen Spuren und Zeugnissen der Römer, wo ich nun seit einem halben Jahrhundert wohne – es waren und sind stets bloß wenige Gehminuten bis zum Fluß, der mit seinen vielen stromauf- und stromabwärts fahrenden Frachtschiffen und den weißen Ausflugsbooten eine Kontinuität im eigenen Leben bildet.

Zudem werde ich mich weiter einem entstehenden Gedicht widmen (ab einer bestimmten Phase besteht dies vorwiegend aus dem ständig stillen Aufrufen des Geschriebenen), was erfüllender noch scheint, als es irgendwann veröffentlichen zu können, kann doch während dieser Arbeit die „Angst vor dem weißen Blatt“ wieder einmal verscheucht werden. Ich muß dabei konstatieren, daß ich nach der endlichen Reinschrift (oft stehen dieser zehn, zwölf abgewandelte Fassungen voran) eine gewisse Erschöpfung verspüre (was mittlerweile, Jg. 1953, womöglich auch mit dem Älterwerden zusammenhängt). Gewiß ist das schwer zu verstehen für einen „Außenstehenden“, „die paar Zeilen“ wird er mit einigem Recht sagen können, doch ist es wohl über viele Tage dieses ständige Überprüfen des zuerst Handgeschriebenen, es in Gedanken durchgehen, wo man geht und steht, dieses ständige Abhorchen des Klangs einer Wortfolge, das leise Vorsichhinsagen einer Passage, eines Satzteils und wiederum das Verwerfen oder der Zweifel am Verwerfen sowie die Suche nach dem trefferenden Wort, das manchmal sich lange nicht einstellen mag, was diese Ermüdung hervorruft („Dichten ist wie Radium gewinnen. Arbeit ein Jahr, Ausbeute ein Gramm“, W. Majakowski). Aber es ist eher eine Feststellung denn eine Klage, weiß man doch um das weitaus härtere Los so vieler Leute.

Und die monatlichen „Briefe gegen das Vergessen“ werde ich heute noch an Regierungen und Botschaften schreiben, eine weltweite Initiative von Amnesty International, an der ich mich beteilige seit ich noch ein jüngerer Mann war, um mit vielen anderen zu versuchen, öffentlichen Druck auf die politisch Verantwortlichen in aller Welt auszuüben und die Freilassung zu fordern für gewaltfreie, namentlich von Amnesty genannte und mit ihrem Schicksal vorgestellte politische Häftlinge, die im jeweiligen Land ohne rechtsstaatliches Verfahren und aus nichtigen und konstruierten Gründen gefangengehalten werden und oft Folter, Mißhandlungen, verweigerter medizinischer Versorgung ausgesetzt oder von einem Todesurteil bedroht sind.  

Michael Hillen, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Niemand kann natürlich für „alle“ sprechen, doch ich denke, wer genug zu essen und ein warmes Zuhause hat, wer nicht von Drohnen und Granaten angegriffen wird, nicht aus einem Land zu fliehen genötigt ist, weil es um leben oder sterben geht, wer nicht um einen Eimer Wasser kilometerweit laufen muß, dem sollte bewußt sein, daß das nicht selbstverständlich ist und vielen das Gegenteilige widerfährt und wieviel auch vom Zufall der Geburt abhängt. Daß es soviel Mangel, Unfreiheit und Ungleichheit unter den Menschen gibt, kann keiner für rechtens erklären, es gründet auf einem Unrecht, dem niemand in der Welt ausgesetzt sein dürfte. Überhaupt diese bedrückende „Duplizität der Ereignisse“: Während im eigenen Leben etwas Belangloses, Banales geschieht, ist zur gleichen Zeit jemand anders mit Gewalt, Tortur, Zerstörung konfrontiert. „Fremdes Leid bringt keinen Trost“, sagt ein spanisches Sprichwort. Daher hört nicht auf zu gelten: So wie es ist, kann es nicht bleiben.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wesentlich wird u.a. sein, daß der auch in einem reichen Land wie Deutschland sich ausbreitenden Armut, Wohnungs- und Obdachlosigkeit politisch entgegengewirkt wird. Der parallel bestehende und sich anhäufende Reichtum Weniger kann nicht anders als obszön bezeichnet werden. Eine weitere demokratiegefährdende Entwicklung ist die zunehmende Tendenz, daß Fake-Nachrichten von einem breiten Publikum offensiv in die eigene Meinungsbildung „integriert“ werden, was den Demagogen zupaßkommt, die aus zynischem Kalkül stets das Schlechteste fürs eigene Land erhoffen, um sich als vermeintliche Heilsbringer zu gerieren. Hannah Arendt schrieb: „Wo Tatsachen konsequent durch Lügen und Totalfiktionen ersetzt werden, stellt sich heraus, daß es einen Ersatz für die Wahrheit nicht gibt. Denn das Resultat ist keineswegs, daß die Lüge nun als wahr akzeptiert und die Wahrheit als Lüge diffamiert wird, sondern daß der menschliche Orientierungssinn im Bereich des Wirklichen, der ohne die Unterscheidung von Wahrheit und Unwahrheit nicht funktionieren kann, vernichtet wird.“  (Hannah Arendt, Wahrheit und Politik)

Literatur und Kunst, „die schönen Künste“ nennt man es ja nicht völlig zu unrecht, können uns sicherlich sensibilisieren, bezogen darauf, wie wir sprechen, sehen, wahrnehmen, wie wir über Dinge, Menschen oder gesellschaftliche Verhältnisse urteilen und denken, welchen Blickwinkel wir einnehmen, vielleicht verändern sollten. Und ebenso aufklärerisches Potenzial wird ihnen nicht abzusprechen sein, mit den ihnen eigenen Mitteln können sie uns wissender machen. Zweifel gegenüber dem eigenen künstlerischen, hier: literarischen Tun sind nie gänzlich fernzuhalten, andererseits unerläßlich, um irgendeiner Selbstüberschätzung erst gar keinen Raum zu geben („Literatur bewirkt nichts, sie ist der Schleier vor den Leichenbergen“, so Theodor Lessing, und man möchte ein klein wenig mehr Milde erbitten). So folge ich letztlich gern der polnischen Lyrikerin Wisława Szymborska, die „das Lächerliche des Schreibens dem Lächerlichen des Nichtschreibens“ vorzog.

Was liest Du derzeit?

Pier Paolo Pasolini, „Nach meinem Tod zu veröffentlichen. Späte Gedichte“ und ein weiteres Mal, es ist stilistisch so fein geschildert, von Marisa Madieri, „Wassergrün. Eine Kindheit in Istrien“.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Wäre ich kein negativer Schriftsteller, möchte ich ein negativer Tischler sein“ (Günter Eich)

„Es ist gleich, ob einer mit seinem Preßlufthammer oder an seiner Schreibmaschine verzweifelt“ (Thomas Bernhard)

„Der Überdruß des beständig Neuen“ (Fernando Pessoa)

Vielen Dank für das Interview, lieber MIchael, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen: Michael Hillen, Schriftsteller

Zur Person/über mich: Michael Hillen, geb. 1953 in Bonn, lebe dort. Nach Ausbildung in einem sonderpädagogischen Verlag Tätigkeit als Korrektor, Lektor und Bibliothekar; Lyriker. Die zuletzt veröffentlichten Gedichtbände waren „Frau Röntgens Hand“ (Edition Keiper, Graz 2012), „Wundbilder“ (mit einer Radierung von Peter Marggraf; San Marco Handpresse, Bordenau/Venezia 2016), „Antonia und andere Frauengeschichten“ (Verlag Traian Pop, Ludwigsburg 2018), „Stockrosen“ (mit Aquarellen von Peter Marggraf; San Marco Handpresse, Bordenau/Venezia 2020 – eine die gesamte Entstehung des Künstlerbuchs „Stockrosen. Gedichte“ dokumentierende Kassette ist aufbewahrt im Deutschen Buch- und Schriftmuseum Leipzig) und schließlich „Wo das Gestern geblieben ist“ (Königshausen & Neumann, Würzburg 2021), Gedichte, die Vergangenem nachspüren und dabei auf unvermutet Gegenwärtiges treffen – „seiner Melancholie, bisweilen seinem Schrecken“, wie es im Klappentext heißt.

Aktueller Gedichtband von Michael Hillen:

Michael Hillen, Wo das Gestern geblieben ist. Gedichte, 97 S., 14,80 Euro, Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg, ISBN: 978-3-8260-7426-4.

https://verlag.koenigshausen-neumann.de/product/9783826074264-wo-das-gestern-geblieben-ist/

Foto: privat

6.1.2026_Interview_Walter Pobaschnig

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„Mir ist als“ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Wort&Bild _ Ingrid Walter/Jasmin Avissar _ Wien 13.1.2026

Jasmin Avissar, Tänzerin, Choreografin _ performing „Malina“ _
Station bei Malina/Romanschauplatz Wien _

Walter Pobaschnig 3/25, folgende.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Wort & Bild

MALINA _ Akrostichon

Text _   Ingrid Walter, Schriftstellerin, Kulturjournalistin

Performance Jasmin Avissar, Tänzerin, Choreografin


MALINA


M
ir ist als

Ahnte ich,

Liebe

Ingeborg,

Nachts deinen flammenden

Atem

 Ingrid Walter, 7.1.2026

Jasmin Avissar, Tänzerin, Choreografin _ performing „Malina“ _
Station bei Malina/Romanschauplatz Wien _

Walter Pobaschnig 3/25.

Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971.

Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann, Rom 1962

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Wort & Bild

MALINA _ Akrostichon

Text _   Ingrid Walter, Schriftstellerin, Kulturjournalistin

Performance Jasmin Avissar, Tänzerin, Choreografin

Ingrid Walter, Kulturjournalistin, Schriftstellerin 

Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann.

Foto: Ingrid Walter, Romanschauplatz „Malina“ _ Wien _ 2/24 _ Walter Pobaschnig.

Fotos: Jasmin Avissar, Tänzerin, Choreografin _ performing „Malina“ _
Station bei Malina/Romanschauplatz Wien _
Walter Pobaschnig 3/25.

Walter Pobaschnig   1_26

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entwurzelte schatten _ vertonte Gedichte / poèmes mis en musique _ Paul Éluard, Jakob Leiner (Herausgeber und Übersetzer) _ Radius Verlag 2025

Streunerin mit gläserner Stirn

streunerin mit gläserner stirn

ihr Herz schreibt sich in einen schwarzen stern

ihre augen zeigen ihren kopf

ihre augen haben die frische des Sommers

…..

(Streunerin mit gläserner Stirn _ entwurzelte schatten/Radius Verlag 2025)

Es ist eine ganz besondere Literaturedition, welche der so facettenreiche Freiburger Autor, Jakob Leiner, hier in zweisprachiger Übersetzung vorlegt. Die Welt und phantastische Eindringlichkeit des Surrealismus treffen dabei beeindruckend in ihrer poetischen Form auf Leserin und Leser.

Der als einziger Sohn des Immobilienmaklers Clément Grindel und der Schneiderin Jeanne-Marie Grindel (geb. Cousin) Paul Éluard (Eugène-Émile-Paul Grindel * 14. Dezember 1895 Paris +18. November 1952 Charenton-le-Pont/Paris) veröffentlichte bereits im Alter von achtzehn Jahren erste Gedichte. 1917 lernt er bei einem Kuraufenthalt seine spätere erste Frau Gala kennen, die ihm zur verlässlichen Unterstützerin und Begleiterin am weiteren künstlerischen Weg wird. Dieser bringt ihn in der Aufbruchsepoche des Surrealismus in engem Austausch zu bildenden Künstlern und bedeutenden Malern wie Max Ernst, Pablo Picasso, Man Ray, Joan Miró oder Salvador Dalí. Paul Éluard wird zum organisatorischen Unterstützer und auch in vielem Angelpunkt surrealistischer Kunstproduktion. Er wird zur kontinuierlich produktiven wie eigenständigen lyrischen Stimme, auch in schwierigsten Kriegszeiten (er schließt sich der Resistance an). Sein Gedicht Liberté wird in tausenden Flugblättern von englischen Flugzeugen über dem besetzten Frankreich abgeworfen. 1952 starb Éluard an einem Herzinfarkt und wurde auf dem Friedhof Père-Lachaise in Paris beigesetzt. Am 2. April 2007 wurde nach dem facettenreichen wie mutigen Dichter ein Asteroid (15752) benannt.

Das lyrische Werk Éluard zeichnet sich in einer sehr eigenständigen Sprachform- wie -variation aus, die in Phantasie, Sehnsucht und Hoffnung, Leben, Liebe und Gesellschaft zu verbinden und zu durchdringen sucht. Der Schriftsteller ist ein Botschafter und Erneuerer in Wort, Sprache und menschlichen Formen von Gemeinschaft. Die Nähe zur Musik scheint dabei vorgezeichnet, wobei diese kein unmittelbares Kennzeichen des Surrealismus ist.

Der vorliegende Gedichtband, in einer wunderbaren Neuübersetzung des Freiburger Schriftstellers und Herausgebers Jakob Leiner, präsentiert nun aber eine ganz besondere künstlerische Kooperation und Inspiration, in welcher der Komponist Francis Poulenc ausgewählte Gedichte Éluards in Klavierlieder und Chorzyklen aufnimmt. Diese vertonten Gedichte, Ausdruck einer sehr tiefgehenden Zusammenarbeit, sind nun zweisprachig französisch/deutsch zugänglich und eröffnen ganz ergreifende wie spannende Horizonte lyrischer Sprache in der Epoche des Surrealismus an den Schnittstellen von Literatur und Musik.

„Die einzigartige poetische Stimme des Surrealisten Paul Éluard in hervorragender Neuübersetzung, ein Buchereignis erster Klasse!“

entwurzelte schatten

vertonte gedichte / poèmes mis en musique

Paul Éluard, Jakob Leiner (Herausgeber und Übersetzer) _ Radius Verlag

Seiten: 152

Jahr: 2025

Größe: 21 x 13 cm

Einband:Hardcover

ISBN:  978-3-87173-566-0

18,00 € *

Walter Pobaschnig 1/26

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„Umjubelter, genialer Theaterabend!“ _ Speed _ aktionstheater ensemble _ Premiere _ Theater am Werk _ Wien 11.1.2026

SPEED aktionstheater ensemble _
11.01.26 Premiere _ Theater am Werk/Kabelwerk Wien

„Speed“

Google Suchfilter: Ungefähr 3 550 000 000 Ergebnisse (0,21 Sek.) 

Speed (KI)_ Geschwindigkeit: ist eine physikalische Größe, die angibt, wie schnell sich ein Körper bewegt und in welche Richtung die Bewegung erfolgt. Sie wird als das Verhältnis der zurückgelegten Strecke zur benötigten Zeit definiert. 

Speed (Google) ist ein stimulierendes Amphetamin, das vor allem aktivierend und konzentrationssteigernd wirken kann. Je nach Dosierung und Umfeld kann die Wirkung unterschiedlich erlebt werden.

Für das „aktionstheater ensemble“ ist Bewegung/Geschwindigkeit in Sprache/Spiel ein unverwechselbares Charakteristikum, das in seiner Perfektion immer neu begeistert.

Hier wird Wort/Körper/Choreographie/Musik/Kostüm zu einem Feuerwerk, einer Explosion menschlicher Erfahrung, Erlebens, die in atemberaubender Interaktion und Präzession die Bühne in ein existentiell-gesellschaftliches Kaleidoskop in wunderbarer Typisierung von Mensch und Alltag verwandelt und tausend Farben von Augenblicken des Lebens in punktgenauer Inszenierung und famosen Spiel zum einzigartigen Erlebnis werden lässt – „wie schnell sich ein Körper bewegt und in welche Richtung die Bewegung erfolgt“ ist ein unerklärliches wie großartiges Faszinosum des Abends. 

Und dieser ist bestes „Theater-Speed – stimulierendes Amphetamin“ der Sinne und in der Nachwirkung, den Gesprächen am Weg zur U-Bahn und danach „aktivierend und konzentrationssteigernd“ gegenüber Geschwindigkeit&Leben&Zeit im individuellen wie objektiven Kontext unserer Welt. Haupt- und Nebenwirkungen sind erwünscht.

 „Je nach Dosierung und Umfeld kann die Wirkung unterschiedlich erlebt werden“  – trifft ebenso gänzlich auf einen Bühnenabend des aktionstheater ensemble zu. Es ist ein Gemeinschaftserlebnis, ein Zusammenkommen, Erleben, Staunen, Feiern von Bühnenfreiheit, -möglichkeit. Vielleicht ist es so etwas wie bester „Theater-Schamanismus“, aber das weiß niemand so genau. Aber es wirkt ungemein schnell und direkt, verstört, trifft, öffnet, begeistert – „speed“.

Hervorzuheben ist ebenso die großartige aktionstheater ensemble Bühnenästhetik, die in ihren Hell-Dunkel Kontrasten wie in Musik/Kostüm eine intensive atmosphärische Wirkung der existentiell-narrativen Struktur des Wortspiels (Rückblenden, Dialog) gibt und dabei eine Art von „Theater noir“ erzeugt, welches zum unverwechselbaren Markenzeichen geworden ist.

Ein Theaterabend, der gleich zu Beginn dramaturgisch in Lebensnähe der verlorenen JÖ Karte wunderbar den Funken zum Publikum springen lässt und dann als dichtes Kammerspiel des Alltags an der Supermarktkasse, in der Wohnungssuche unter Freunden, in Erinnerungen, Bloßstellungen, Verzweiflungen das Publikum in Lachen, Staunen, spontanem Applaus wie Stille sehr beeindruckend bis zum im wahrsten Sinne des Wortes atemlosen Finale begeisternd mitnimmt – auch da eine geniale Schlussszene im Ausatmen der Schattenrisse.

Ein einmaliger unvergleichlicher Theaterabend – speed im besten Sinn!

Walter Pobaschnig 11.1.2026

SPEED aktionstheater ensemble

11.01.26 Premiere _ Theater am Werk/Kabelwerk Wien

INSZENIERUNG UND KONZEPT: Martin Gruber

TEXT: Martin Gruber und Ensemble

DRAMATURGIE: Martin Ojster

ENSEMBLE: Zeynep Alan, Isabella Jeschke, Thomas Kolle, Kirstin Schwab, Tamara Stern, Benjamin Vanyek sowie Andreas Dauböck, Pete Simpson und Jean Philipp Oliver Viol

BÜHNE und Kostüme: Valerie Lutz

MUSIK: Andreas Dauböck

VIDEO: Resa Lut

REGIEASSISTENZ: Sanna Hufsky

REGIEHOSPITANZ: Salome Seidl

GRAFIK: Martin Platzgummer

MEDIENKONTAKT: Gerhard Breitwieser

Weitere Spieltermine:

13.01.26 _ 15.01.26 _ 16.01.26 _ 17.01.26 _ 18.01.26   

aktionstheater ensemble – Wien und Vorarlberg

Alle Fotos _ Walter Pobaschnig

Walter Pobaschnig 1_26

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„ein einsamer Raum der Freiheit“ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Leopold Federmair, Schriftsteller_ Hiroshima/JPN 11.1.2026

Ingeborg Bachmann _ Leopold Federmair

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann auf der Terrasse ihrer Wohnung/Bocca di leone,
Rom um 1971

Im Interview _  Leopold Federmair, Schriftsteller_ Hiroshima/Wien

Lieber Leopold, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns? 

Ich habe vor einem Jahr ein Porträt von Ingeborg Bachmann geschrieben, es erscheint demnächst in meinem neuen Buch „Portraits“ bei PalmArtPress in Berlin. Es war mir wichtig, dass Bachmann in dieser Sammlung dabei ist, auch, weil sie zu ihrer Zeit, Mitte des 20. Jahrhunderts, eine der damals noch nicht allzu vielen Frauen war, die ein komplexes und hochinteressantes literarisches Werk geschaffen haben (neben ihrer Freundin Ilse Aichinger). Erstmals gelesen habe ich sie in meiner Studentenzeit, sie blieb immer irgendwo in meinem persönlichen Parnass vorhanden, vielleicht eher im Schatten, aber manchmal ist sie daraus hervorgetreten, oder ich habe sie eigens hervorgeholt.

Leopold Federmair, Schriftsteller_ Hiroshima/Wien _
Station bei Malina _ Romanschauplatz _ Wien _
Walter Pobaschnig 5/25, f.

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?

Wie die meisten Autoren (sie sah sich als Autor, nicht als „Autorin“, das war ihre Art, ihre Leistung als Frau zu betonen) hatte sie ihren eigenen Stil. Den zu beschreiben ist, wie bei anderen Autoren, nicht einfach und würde einen ganzen Essay erfordern. Sie hat vieles probiert, hat sich entwickelt, ihr Bachmann-Stil war nicht ab einem bestimmten Zeitpunkt da und ist dann geblieben (wie bei Thomas Bernhard), sondern hat sich ziemlich verändert. Mich interessiert mehr dieses dauernde Versuchen, das Ungenügen, das in ihrem Werk immer wieder spürbar ist – mehr als die wenigen rundum gelungenen Werke. Rundum gelungen sind am ehesten einige Erzählungen aus „Das dreißigste Jahr“. Vielleicht hat sie da zu ihrer Mitte gefunden; eine Mitte, die sie nicht dauerhaft halten konnte. Um den Roman als damals für sie neue Form hat sie gerungen, die Todesarten-Trilogie ist eine große Ruine, eine Baustelle, die vielleicht nichts anderes sein konnte als Ruine. Das Werk „behauptet“ sich als Ruine, schrieb Walter Benjamin über das barocke Trauerspiel: Die – bei Bachmann: schwierige – Neugeburt hat die Form der Ruine. In diesem Sinn würde ich Bachmanns Roman-Torsi, zu denen man vielleicht auch „Malina“ zählen sollte, als Barockliteratur bezeichnen.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?

Habe ich gerade gemacht, aber erwähnen möchte ich noch, dass einige der Bilder und auch der Formulierungen ihrer Gedichte sich mir tief eingeprägt haben, so dass sie mich sicher bis zum Lebensende begleiten werden („Ausfahrt“, „Enigma“ und andere).

„die Männer sind unheilbar krank…sie sind es, wussten Sie das nicht? Alle…“ Ingeborg Bachmann in einem Interview 1971. Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörerischen wie selbst zerstörerischen patriarchalen Welt heute?

Ich sehe einerseits die Welt, die immer noch patriarchal ist, aber viel weniger als zu Lebzeiten Ingeborg Bachmanns. Ich sehe andererseits Ingeborg Bachmann 1971, als sie Jahre hinter sich hatte, in denen sie selbst krank war. Krank gemacht von den Männern, von bestimmten Männern mit Namen und Adresse, oder doch (auch) von anderen Faktoren? Ich wage es nicht zu beurteilen. Mit dem zitierten Satz in dieser Form kann ich nicht viel anfangen. Er läuft vielleicht auf die heute ziemlich verbreitete, oberflächliche Rede von der „toxischen Männlichkeit“ hinaus, die ich so nicht teile. In einem literarischen Text könnten solche Pauschalsätze („alle Männer“) rhetorische Wirkung haben. Thomas Bernhard hat das vorgemacht. Bachmann hat Bernhard rezipiert, und ich glaube – obwohl er etwas jünger war als sie –, er hat sie in ihrer letzten Zeit beeinflusst.

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises 1971. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?

Kann gut sein, dass das Schreiben für Bachmann ein Martyrium war. Aber auch ein, wenn auch einsamer, Raum der Freiheit. Beides. In ihrer letzten Zeit wahrscheinlich mehr Martyrium als Freiheit.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?

Wenn ich eine Frage „frei“ hätte wie z. B. bei einer Pressekonferenz oder vor einer Fee, dann würde mir gar nichts einfallen. In einem mehr persönlichen Kontext würde ich sie vielleicht bitten, mir noch ein wenig mehr als das, was man eh weiß, von ihrem Zusammenleben mit Hans Werner Henze zu erzählen, der ja bekanntlich schwul war, und ob sie ihm ernstlich vorgeschlagen hat, zu heiraten, oder doch eher ironisch. Wir könnten gemeinsam in Italiensehnsüchten schwelgen und uns über diese lustig machen. Und nebenbei ein paar italienische Erfahrungen austauschen.

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

Ich bin mitten in einem Roman und hoffe, dass er gelingt und andere das auch so sehen. An diesem Punkt schreibt sich ein Text ein bisschen wie von selbst, er folgt seiner eigenen Dynamik. Das ist mir allerdings auch immer wieder suspekt. Manchmal muss man sich als Autor (d. h. den Text) bremsen. Oder?

Herzlichen Dank für das Interview!

Bitte.

Leopold Federmair, Schriftsteller_ Hiroshima/Wien _
Station bei Malina _ Romanschauplatz _ Wien _
Walter Pobaschnig 5/25
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Foto: Ingeborg Bachmann: Garibaldi Schwarze, um 1970.

Fotos: Leopold Federmair, Station bei Malina _ Romanschauplatz _ Wien _
Walter Pobaschnig 5/25
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Walter Pobaschnig   1_26

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