Liebe Jacqueline McNichol, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mein Tag beginnt meist ruhig und gemächlich, mit einer Tasse Kaffee in der Hand und einem Buch auf dem Schoß – ein Moment, um die Gedanken zu ordnen, bevor der Alltag startet und das Chaos der Termine hereinbricht. Gelegentlich arbeite ich projektbezogen als Dramaturgin, Regieassistentin oder auch in der Soufflage. Derzeit liegt mein Schwerpunkt jedoch auf meinem Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft sowie auf der Vorbereitung meines bald beginnenden Doktorats der Theaterwissenschaft. Anschließend widme ich mich dem Schreiben, überarbeite Kurzgeschichten oder beschäftige mich mit Theatertexten, die mich bewegen.
Zwischendurch gehe ich spazieren, lasse meine Gedanken schweifen und finde neue Impulse für meine Geschichten. Abends führt mich mein Weg entweder zu einer Vorstellung – hinter die Bühne oder als Zuschauerin ins Publikum.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Es ist die Fähigkeit, aufmerksam zuzuhören und auf Augenhöhe zu kommunizieren. Gerade in Zeiten, die unübersichtlich oder belastend sein können, helfen Klarheit, Geduld und gegenseitige Wertschätzung, um die eigenen Ideen und Bedürfnisse wahrzunehmen. Gleichzeitig ist es wichtig, Räume für Kreativität, Reflexion und gemeinsames Nachdenken zu bewahren. Kleine Gesten, ehrliche und direkte Worte sowie ein offenes Herz können viel bewegen – im Theater wie auch im Alltag.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Vor einem Neubeginn wird es entscheidend sein, aufmerksam zu sein – für uns selbst und für andere. Theater und Kunst bieten dafür einen besonderen Raum: Sie machen Gefühle und gesellschaftliche Prozesse erlebbar, eröffnen Perspektiven und regen zum Nachdenken an. Schauspiel und Geschichten erlauben, Erfahrungen zu teilen, Fragen zu stellen und Antworten zu suchen. Sie geben Orientierung, schaffen Empathie und zeigen, dass Veränderung möglich ist. Kunst kann Brücken bauen zwischen Menschen und zwischen Ideen, sie kann uns reflektieren, inspirieren und ermutigen.
Was liest Du derzeit?
Derzeit lese ich Versagen von Nora Weinelt – ein Essay, der sich mit der Bedeutung von Scheitern und dem Begriff des Versagens in unserer Gesellschaft auseinandersetzt. Weinelt zeigt, wie der aus der Mechanik stammende Begriff des Versagens in den allgemeinen Sprachgebrauch Eingang gefunden hat und wie sehr uns soziale wie innere Zuschreibungen darüber bestimmen, was als Erfolg oder Misserfolg gilt.
Was mich besonders fesselt, ist der Anspruch des Textes, Scheitern nicht als bloßes Defizit zu lesen, sondern als kulturelle Kategorie, die unser Selbstverständnis wie auch unser Urteil über andere prägt. Die präzise Sprache und die klare Analyse laden dazu ein, die eigenen Erfahrungen von Bruch, Bewertung und Erwartung neu zu befragen – ein Prozess, der sowohl literarisch spannend als auch persönlich anregend ist.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Ein Textimpuls, der mich beim Lesen von Versagen besonders berührt hat, stammt aus der einleitenden Beschreibung des Begriffs:
„Jemanden einen Versager zu nennen, ist die größtmögliche Beleidigung, wurzelt darin doch das Urteil, dass sich im Versagen der angesprochenen Person etwas Bahn gebrochen hat, das ohnehin nicht zu vermeiden war.“
Dieses Zitat bringt in wenigen Worten auf den Punkt, wie tief unser Denken von Zuschreibungen wie „Versager*in“ geprägt ist – und wie fundamental verletzend sie wirken können. Es lädt dazu ein, darüber nachzudenken, wie wir in Sprache und Bewertung mit Menschen und uns selbst umgehen, was wir als Scheitern markieren und welche narrative Kraft wir dem Begriff geben. Für mich ist das kein bloßer theoretischer Gedanke, sondern ein praktischer Impuls: unsere Sprache und unsere Zuschreibungen bewusst zu hinterfragen, um Raum für Verständnis, Offenheit und neue Perspektiven zu schaffen – sowohl im Theater als auch im Alltag.
Vielen Dank für das Interview, liebe Jacqueline, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theater-, Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen: Jacqueline McNichol | Dramaturgin | Regieassistentin | Souffleuse
Zur Person/über mich: Jacqueline McNichol | Dramaturgin | Regieassistentin | Souffleuse
Geboren in Wiesbaden, aufgewachsen in Oberösterreich, begann Jacqueline McNichol 2016 ihr Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaften an der Universität Wien. Schon während der Studienzeit war sie an verschiedenen Theaterhäusern tätig, darunter am Landestheater Linz, am Volkstheater Wien, am Theater in der Josefstadt sowie am Burgtheater. Nach dem Studium arbeitete sie von 2019 bis 2021 als Regieassistentin am Salzburger Landestheater, von 2021 bis 2023 am Theater in der Josefstadt sowie 2023 und 2024 bei den Seefestspielen Mörbisch. 2022 wirkte sie als Dramaturgin bei der Theaterproduktion „Die gefesselte Phantasie“ (Regie: Achim Freyer) im Rahmen der Raimundspiele Gutenstein mit. 2023 betreute sie die Produktion „Die Kirche des Teufels“ am Ateliertheater Wien dramaturgisch. 2024 war sie als Dramaturgin bei den Sommerspielen Perchtoldsdorf engagiert. Im Jahr 2025 schloss McNichol ihr Masterstudium ab. Ihre Masterarbeit wurde im selben Jahr in Buchform veröffentlicht. Während ihrer bisherigen Theaterlaufbahn arbeitete sie mit Regisseur*innen wie unter anderem Alexandra Liedtke, Claus Peymann, Stephen Medcalf und Andreas Gergen zusammen. McNichol lebt und arbeitet in Wien.
Foto: privat
14.1.2026_Interview_Walter Pobaschnig































































