„Über den Versuch, meiner Tochter den Flug der Friedenstaube zu erklären“ Tochter &Vater _ Bülent Kacan, Schriftsteller _ Give Peace A Chance _ Minden/D 3.10.2024

GIVE PEACE A CHANCE

Tochter & Vater _
Bülent Kacan, Schriftsteller

Über den Versuch, meiner Tochter den Flug der Friedenstaube zu erklären

Ich habe, nachdem unser Gespräch über den Frieden ein geflügeltes Wort nach dem anderen angelockt hatte, meiner Tochter versucht zu erklären, was eine Friedenstaube ist: Eine Friedenstaube ist, erklärte ich ihr, ein Vogel, der für gewöhnlich ein schneeweißes Gefieder hat, das für Unschuld stehe. Die Unschuld sei so etwas wie ein noch ziemlich sauberes Lätzchen, also so ganz ohne Möhren- oder Schokopuddingflecken. Die Taube sei ein Symbol, ein Zeichen für etwas ungemein Friedfertiges, der Vogel stehe sozusagen für den Frieden unter den Menschen, also auch für die vielen Freundschaften zwischen den Menschen über sämtliche Landesgrenzen hinweg, was bedeutet, dass die Taube eine ziemlich schwere Bürde trage, was ihren Flug sicherlich nicht leichter mache. Wo nämlich kein Frieden herrsche, erklärte ich meiner Tochter, dort können auch die Menschen, wenn überhaupt, nur unter erschwerten Bedingungen Freundschaften schließen. Dies erst recht, wenn sie, was gegenwärtig leider der Fall ist, in Ländern wie Russland oder der Ukraine lebten, die sich nicht mehr so gut verstehen würden, weil das viel größere Land die Freundschaft mit dem deutlich kleineren aufgekündigt und es überfallen hat, was eine ziemlich gemeine Sache ist. Ich habe ihr auch in ein, zwei Sätzen vom jüngsten Konflikt im Nahen Osten erzählt, davon, dass die Menschen, die diese leidgeprüfte Region bewohnen, sich mehr denn je nach dem Frieden sehnen würden und dass die Friedenstaube hier ihren Ursprung habe, dass ihr erster Taubenschlag hier angesiedelt sei und sie eigentlich gerne einmal dorthin  zurückkehren würde – also so in etwa habe ich versucht, ihr zu erklären, was eine Friedenstaube ist (ich glaube, es waren auch andere Worte darunter, die mir leider wieder entfallen sind. Es waren sicherlich geflügelte, denn kaum, dass ich sie ausgesprochen hatte, hatten sie sich auf und davongemacht). Jedenfalls habe ich der Kleinen auch das Gegenbild gezeichnet, dass heißt, ich habe ihr von den Falken erzählt. Ich habe ihr erzählt, dass die Greifvögel in einer erbitterten Gegnerschaft zur Friedenstaube stünden. Und dass die Falken die Taube daran hindern würden, einmal um die Erde zu fliegen, was zugegebenermaßen gar nicht so schwer ist, schließlich ist die Erde rund wie ein Ball. Die Taube müsse nur immerzu geradeaus fliegen, sie könne sich im Grunde gar nicht verfliegen, irgendwann habe sie durch ihre bloße Anwesenheit allen Menschen die Schönheit des Lebens, für dessen Unversehrtheit der Vogel vor allen Dingen steht, vor Augen geführt, so dass zahlreiche Freundschaften zwischen ihnen entstehen und zwar, wie gesagt, über sämtliche Landesgrenzen hinweg.

Ich habe der Kleinen allerdings auch erklärt, dass die Greifvögel die Taube durch ihre schiere Präsenz immerzu in Angst und Schrecken versetzen würden. Ihre Verunsicherung gehe so weit, dass die Taube sich nicht einmal mehr traue, ihre Schwingen auszubreiten, geschweige denn, sich aufzuschwingen und zu fliegen, wohin sie möchte, meinetwegen nach Kapstadt oder nach Helgoland oder von mir aus bis zum Nordpol, wo sie sich zugegebenermaßen ein ziemlich dickes Fell zulegen müsste. Die Gegnerschaft der Falken liege sicher an der Unschuld der Taube, dass heißt an ihrem schneeweißen Gefieder. Ihre Schönheit wecke geradezu die Begehrlichkeiten der Greifvögel, die sich beim Anblick der Taube zwangsläufig ihrer eigenen Schuld bewusst werden würden – der Blick auf ihre blutigen Fänge lasse gar keinen anderen Schluss zu! – was dazu führe, dass die Falken den Himmel pausenlos nach dem Friedensboten absuchen würden, glücklicherweise ist er ihnen bisher nicht in die Fänge geraten. Zieht man das ungleiche Machtverhältnis zwischen den Falken und der Taube in Betracht, so wird letztlich alles beim Alten bleiben, was ein recht pessimistischer, aber doch realistischer Blick in die Zukunft ist. Ich wollte der Kleinen damit lediglich vor Augen führen, dass es mit der Welt, in der wir leben, alles andere als gut steht: Die gegenwärtigen Kriege, die häufig aus geostrategischen Interessen geführt werden, die vielen Toten, Verletzten und Traumatisierten und die enorme Anzahl an Geflüchteten, die zunehmende Armut breiter Bevölkerungsschichten selbst in den reichsten Ländern dieser Welt, der aufkommende Populismus und die Schwächung der Demokratien, vor allem der Klimawandel mache der Welt und den Menschen darin zusehends zu schaffen (ich habe der Kleinen lediglich den Klimawandel vor Augen geführt, während ich mir den Rest, der selbst hartgesottene Erwachsene zu schaffen macht, bloß gedacht habe). Irgendwann werde uns allen, sollten wir so weiter machen, wie bisher, die Puste ausgehen oder das Wasser bis zum Hals stehen – oder alles auf einmal.

Die Falken hätten, so lautete mein Fazit, nach wie vor leichtes Spiel mit der Taube, sie würden ihr auch künftig den Horizont streitig machen. Doch irgendwann würde auch den schnellsten Falken die Puste ausgehen, dies sei nur eine Frage der Zeit. Die Greifvögel müssten anschließend ihre Manöver unterbrechen und auf einem Ast notlanden, meinetwegen irgendwo vor Moskau, Washington oder Peking und dann, ja, dann stünde dem Flug der Friedenstaube rund um den Erdball nichts mehr im Weg.

Jedenfalls haben wir uns ans Fenster gestellt, die Kleine und ich; sie stand auf der Fensterbank und ich neben ihr und wir haben Ausschau gehalten nach der Friedenstaube. Und tatsächlich, wir hatten Glück! Dass heißt, wir haben zunächst einige Krähen dabei beobachtet, wie sie die Gegend unsicher machten. Danach haben wir zwei Falken gesehen, dass heißt, wir haben bloß gehört, wie zwei riesige Greifvögel, die stählerne Fänge unter ihren Gefiedern bargen, nacheinander am Himmel entlang donnerten. Wir hatten die Hoffnung bereits aufgegeben und am Himmel zogen auch schon dunkle Wolken auf, da sahen wir mit einem Mal eine Taube auf dem Dach des gegenüberliegenden Hauses sitzen, ganz in weiß, eine echte Friedenstaube! Wir konnten unser Glück kaum glauben. Wenn nicht wir an den Frieden glauben, so dachte ich in diesem Moment, wer sonst sollte dies tun in Zeiten des Krieges? Etwa die Krähen dort draußen? Oder vielleicht die Falken über uns?

Die Taube auf dem Dach jedenfalls flog plötzlich auf und davon, irgendetwas hatte sie aufgescheucht. Die Kleine und ich, wir haben ihr viel Glück gewünscht (lieber eine Friedenstaube auf dem Dach als ein Spatz in der Hand!). Meine Tochter breitete kurz darauf ihre Arme aus und sah mich mit großen, erwartungsvollen Augen an. „Papa, fängst du mich auf?“ – noch bevor ich realisieren konnte, sprang sie von der Fensterbank, sicher in meine Arme.

Vater &Tochter 3.10.2024

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace

Bülent Kacan, Schriftsteller

Zur Person_  Bülent Kacan, Schriftsteller, wurde am 18. Juli 1975 geboren. Er lebt und arbeitet in Minden, Westfalen.

Bülent Kacan wurde 2023 mit dem Hohenemser Literaturpreis für deutschsprachige Autor:innen nichtdeutscher Erstsprache ausgezeichnet.

https://www.kacan.eu/werk

Fotos_ privat

Walter Pobaschnig _ 3.10.2024

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Walküren. Frauen in der Welt der Wikinger. Friðriksdóttir, Jóhanna Katrín. Beck Verlag.

Die Welt der Wikinger. Das Mittelalter ist die Zeit, in der es zum Aufbruch bewaffneter Volksgruppen aus dem Norden und Osten Europas per Schiff an Meeren und Flüssen in die Herrschafts-, und Wohngebiete des Kontinentes kommt. Es kommt zu blutigen Zusammenstößen und Raubzügen, die bis heute das historische Bild prägen, welches auch Aufnahme in zahlreichen Filmen, Büchern findet.

Doch was ist über das tägliche Leben der Wikinger bekannt? Wie lebten die Familien? Wie waren Stellung und Position der Frau?

Jóhanna Katrín Friðriksdóttir, Mediävistin und Literaturwissenschaftlerin an der Yale University/USA mit den Forschungsschwerpunkten Wikinger, isländische Saga-Literatur, Mythologie und Gendergeschichte, legt nun eine interessante wie spannende Spurensuche zu den „Frauen in der Welt der Wikinger“ vor, die Kindheit, Jugend, Ehe/Scheidung, Witwendasein, weiteres im Licht aktueller wissenschaftlicher Quellen anschaulich lebendig werden lassen.

„Eine ganz außergewöhnliche Entdeckungsreise zu Leben und Stellung der Frau in der Welt der Wikinger.“

Walküren. Frauen in der Welt der Wikinger. Friðriksdóttir, Jóhanna Katrín. Beck Verlag.    Aus dem Englischen von Franka Reinhart und Violeta Topalova.

Hardcover

ISBN  978-3-406-81754-0

Erscheint am 19. September 2024

304 S., mit 7 Schwarzweiß- und 16 Farbabbildungen in einem Tafelteil

Hardcover 28,00 €

e-Book 21,99 €

Walter Pobaschnig  9/24

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„Wir brauchen Gemeinschaft, Offenheit, Kompromissfähigkeit“ Philip Krömer, Schriftsteller _ Erlangen 2.10.2024

Lieber Philip Krömer, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Care-Arbeit und inspirierende Momente, und wenn die nächste Deadline zwickt, schuften bis zur Selbstaufgabe. Dazwischen etwas Sport und zerstreuende Lektüre.

Philip Krömer, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Verlässliche Infos (Zeitung) und Empathie (Belletristik). Druckwerk jedenfalls, wie gehabt.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wir brauchen Gemeinschaft, Offenheit, Kompromissfähigkeit. Indem wir bei der Lektüre von Romanen und Erzählungen deren Geschichten nicht nur als Zeugen erleben, sondern sie uns aneignen, lernen wir, dass so viele Wahrheiten und Perspektiven existieren wie Menschen auf der Welt. Deswegen gibt es unter Anti-Demokraten und Faschistenwählern die meisten Lektüreverweigerer.

Was liest Du derzeit?

Die Lektoratsanmerkungen zu meinem zweiten Roman „Kumari“, der im Frühjahr 2025 bei Septime Wien erscheint. Außerdem … Alain Damasio: „Die Horde im Gegenwind“. Marian Engel: „Bär“. Ljudmila Ulizkaja: „Reise in den siebenten Himmel“. Tobias O. Meissner: „Barbarendämmerung“. Je nach Laune.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Materie ist nur der biegsamste Teil von Wahrheit.“ Schreibt Christian Schloyer in seinem neuen Gedichtband „VENUS-MARS“.

Vielen Dank für das Interview, lieber Philip, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen: Philip Krömer, Schriftsteller

Zur Person/über mich: Philip Krömer, geboren 1988 in Amberg, studierte Germanistik und Buchwissenschaft. Heute lebt er als freier Schriftsteller mit seiner Familie in Erlangen. Sein Debütroman „Ymir“ (2016) und sein Erzählungsband „Ein Vogel ist er nicht“ (2019) wurden beide vom Hotlist-Kuratorium unter die 30 besten Indie-Bücher des Jahres gewählt. Für seine literarische Arbeit erhielt Krömer mehrere Auszeichnungen, darunter 2015 den Publikumspreis beim 23. open mike Berlin und 2020 den Nürnberger Kulturpreis. 2023 war er Stifter-Stipendiat im tschechischen Horní Planá. 2025 erscheint sein zweiter Roman „Kumari“ im Septime Verlag Wien.

Foto: Julian Fertl

Walter Pobaschnig _ 1.10.2024

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Die Dritte Generation. Der Holocaust im familiären Gedächtnis. Sabine Apostolo (Hg.), Gabriele Kohlbauer-Fritz (Hg.), Agnes Meisinger (Hg.), Hentrich&Hentrich Verlag.

Es ist eine laufende sehr bemerkenswerte Ausstellung im jüdischen Museum Wien (vom 18. September 2024 bis 16. März 2025), die sich mit Gedächtnis, Herausforderung und Umgang mit der Shoa, der Ermordung jüdischer Bevölkerung in den Jahren nationalsozialistischer Herrschaft im 20.Jahrhundert, in der Generation der Enkelinnen und Enkel, der dritten Generation beschäftigt.

Der vorliegende Band, in gewohnt hervorragender Editionsqualität in Wort&Bild, umfasst einen Essay- wie Katalogteil, die aus verschiedensten Perspektiven Einblicke in persönliche Erfahrungen, familiäre wie gesellschaftliche Gedächtnismodelle, wissenschaftliche Studieneinblicke und künstlerische Zugänge öffnen und so den sehr zu empfehlenden Ausstellungsrundgang vertiefen und weitere Reflexion zulassen.

Die Dritte Generation. Der Holocaust im familiären Gedächtnis. Sabine Apostolo (Hg.), Gabriele Kohlbauer-Fritz (Hg.), Agnes Meisinger (Hg.), Hentrich&Hentrich Verlag.

The Third Generation. The Holocaust in Family Memory

Sprache: Deutsch, Englisch

324 Seiten, Broschur

103 Abbildungen

ISBN: 978-3-95565-673-7

Erschienen: 2024

29,90 €

Walter Pobaschnig  9/24

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Yoko. Bernhard Aichner. Thriller. Wunderlich Verlag.

Es ist ein Tag wie immer als Yoko die Glückskekse ihrer Manufaktur zum chinesischen Restaurant bringt. Im Hinterhof sieht sie einen angeketteten, mageren Hund und streichelt ihn. Kurz geht sie ins Restaurant, wechselt ein paar Worte und geht dann zurück in den Hof. Doch hier hat sich plötzlich die Situation völlig verändert. Der Hund wird geschlagen, zwei Männer sind da, und Yoko greift ein, mutig für das Leben…

Doch sie ahnt noch nicht, was sich nun auftun wird an Dunkelheit, Gewalt und auch ungeahnter Kraft und Mut…

Bestsellerautor Bernhard Aichner legt mit „Yoko“ wieder Krimispannung vom Feinsten vor. Von der ersten Seite an werden Leserin und Leser hineingezogen in die Zerbrechlichkeit des Lebens und auch den überraschenden Horizonten und Hoffnungen des Menschseins.

„Bestsellerautor Bernhard Aichner begeistert auch in seinem neuen Thriller in Spannung und Lesegenuss.“

Yoko. Bernhard Aichner. Thriller. Wunderlich Verlag.

336 Seiten

ISBN: 978-3-8052-0109-4

Gebundene Ausgabe: 23 EUR

E-Book: 14,99

Walter Pobaschnig  9/24

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Café Buchwald, Maria Wachter. Roman. Piper Verlag.

Café Buchwald“, Berlin, ist ein klingender Name in der faszinierenden Welt der Cafès und Konditoreien Europas und schon beim Eintritt umgibt die Aura großer Tradition Besucherinnen und Besucher, die dann im Kosten, genießen gänzlich zum rundum Erlebnis und Ereignis wird. Legendär ist vor allem auch der Baumkuchen, der höchste Konditorkunst darstellt.

Doch welche Geschichte und Geschichten stehen nun hinter diesen wunderbaren Gaumenfreuden? Wie beginn alles? Und wie gestaltete sich der Weg an der Wende zum 20.Jahrhundert?

Die Autorin Maria Wachter nimmt im vorliegenden Roman Leserin und Leser in einer spannenden Familiengeschichte mit hinein in die Welt duftender backfrischer Delikatessen des legendären Berliner Cafès Buchwald zwischen Glück und Dramatikin der glitzernden, schillernden Zeit Ende des 19.Jahunderts und den Weg in neues Jahrhundert.  

Der Roman nimmt Leserin und Leser von der ersten Seite an faszinierend mit und lässt über Familienereignissen, Schicksalen im Spannungsfeld von Cafè und Gesellschaft mitfühlen, miterleben im Hell und Dunkel der Zeit.

„Ein Roman wie ein wunderbarer Kaffeehausbesuch – sinnlich, genussvoll, erfrischend.“

Café Buchwald, Maria Wachter. Roman. Piper Verlag.

€ 12,00 [D], € 12,40 [A]

Erschienen am 01.09.2022

448 Seiten, Klappenbroschur

EAN 978-3-492-31802-0

Walter Pobaschnig  9/24

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Station bei Undine _ „sich selbst zu erkennen, die eigene Stimme zu stärken“ Ino Matsou, Schauspielerin _ Wien 29.9.2024

Ino Matsou, Schauspielerin _Wien   _
 performing „Undine geht“
 _
„Undine geht“ Ingeborg Bachmann. Erzählung 1961.
Ino Matsou, Schauspielerin _Wien   _
 performing „Undine geht“
 _
„Undine geht“ Ingeborg Bachmann. Erzählung 1961.

„Undine geht“ Ingeborg Bachmann. Erzählung 1961.

Ingeborg Bachmann_ Schriftstellerin (25.Juni 1926 Klagenfurt – 17.Oktober 1973 Rom)

Ingeborg Bachmann Rom 1962 _ Heinz Bachmann

Zum Projekt: Das Bachmann Projekt „Station bei Bachmann“ ist ein interdisziplinäres Kunstprojekt an den Schnittstellen von Literatur, Theater/Performance und Bildender Kunst.

Dabei kommt den topographischen und biographischen Bezügen eine besondere Bedeutung zu, indem Dokumentation, Rezeption und Gegenwartstransfer, Diskussion ineinandergreifen.

Künstler:innen werden eingeladen an diesem Projekt teilzunehmen und in ihren Zugängen Perspektiven zu Werk und Person beizutragen.

Liebe Ino Matsou, wie liest Du den Text „Undine geht“ von Ingeborg Bachmann? Welche Grundaussagen gibt es da für Dich?

„Undine geht“ kann als feministischer Text gelesen werden, der patriarchale Strukturen und die Oberflächlichkeit menschlicher Beziehungen kritisiert. Die Erzählung bietet eine Reflexion über die Schwierigkeit, sich als Frau in einer Welt, die von männlichen Erwartungen dominiert wird, eine eigene Identität zu bewahren. Gleichzeitig ist der Text eine poetische Erzählung über das Anderssein und die Einsamkeit, die daraus entsteht, nicht verstanden zu werden.

Der Text spiegelt Bachmanns Themen der Isolation, der unerfüllten Liebe und der Suche nach einer authentischen Identität wider und eröffnet gleichzeitig eine Reflexion über die weibliche Erfahrung in einer patriarchalischen Gesellschaft.

Wie siehst Du „Undine“?

Ich sehe Undine als eine symbolische Figur, die viele zentrale Themen rund um Weiblichkeit, Fremdheit, Freiheit und Identität in sich vereint. In meiner Lesart ist Undine eine vielschichtige und ambivalente Gestalt, die zwischen den Welten der Menschen und der Natur schwebt, ohne in einem davon wirklichen Halt zu finden.

„Undine geht“ wurde vor gut 60 Jahren veröffentlicht. Was hat sich seit damals im Rollenbild von Frau und Mann verändert und was sollte sich noch ändern?

Seit der Veröffentlichung von „Undine geht“ haben sich die Rollenbilder von Frauen und Männern weiterentwickelt. Frauen haben sich Freiheiten erkämpft, die ihnen früher verwehrt waren, und Männer erleben heute eine größere Bandbreite an möglichen Identitäten. Dennoch bleibt viel zu tun, um vollständige Gleichberechtigung zu erreichen, insbesondere in Bereichen wie Bezahlung, Care-Arbeit und der Bekämpfung geschlechtsspezifischer Gewalt.

Der Monolog geht mit der patriarchalen Gesellschaftswelt schonungslos ins Gericht. Wie siehst Du die Situation patriarchaler Macht heute?

Patriarchale Macht hat sich zwar in vielen Aspekten gelockert, bleibt aber in unseren politischen, sozialen und wirtschaftlichen Strukturen tief verwurzelt. Fortschritte wie die Frauenbewegungen, die Akzeptanz neuer Männlichkeitsbilder haben zwar Veränderungen gebracht, doch es gibt noch viele Herausforderungen.

Der Text drückt auch viel Trauer über das Scheitern der Liebe und eines Miteinander der Geschlechter im persönlichen wie gesellschaftlichen Leben aus. Welche Auswege siehst Du da?

Durch gegenseitiges Verständnis, Gleichberechtigung in Beziehungen, die Dekonstruktion toxischer Geschlechterrollen und strukturelle Veränderungen in der Gesellschaft kann ein gleichberechtigteres und erfüllteres Zusammenleben der Geschlechter erreicht werden. Es bedarf jedoch einer umfassenden Veränderung der individuellen und kollektiven Einstellungen, um den Traum von einer echten, gleichwertigen Liebe und Partnerschaft zu verwirklichen.

Was kannst Du als Frau und Künstlerin von „Undine geht“ in das Heute  mitnehmen?

 Als Frau und Künstlerin kann ich von Undines Kampf um Selbstbestimmung und ihre Kritik an patriarchalen Strukturen viel in mein eigenes Schaffen und Leben mitnehmen. Es geht darum, sich selbst zu erkennen, die eigene Stimme zu stärken, sich von fremden Erwartungen zu lösen und in der Kunst Raum für weibliche Perspektiven zu schaffen. Bachmanns Werk inspiriert dazu, sowohl im Persönlichen als auch im Künstlerischen immer wieder den Mut zu finden, gegen Ungerechtigkeiten anzukämpfen und neue, gleichberechtigte Formen der Beziehung und des Ausdrucks zu erfinden.

Was bedeutet Dir Natur?

Insgesamt ist die Natur für mich ein Ort der Heilung, der Kreativität und des Lernens. Sie erinnert mich daran, dass wir nicht getrennt von ihr existieren, sondern ein Teil von ihr sind – ein Teil eines Ganzen, das wir schützen und ehren müssen.

Was bedeutet Dir das Element Wasser?

Ich bin am Meer aufgewachsen und das Element Wasser hat für mich eine große, tiefe und vielschichtige Bedeutung. Es symbolisiert Leben, Veränderung, Reinheit und eine gewisse Tiefe, die sowohl emotional als auch spirituell auf mich wirkt. Und Ino, also mein Name, war eine Göttin des Wassers in der altgriechischen Mythologie…

Welche aktuellen Projektpläne hast Du?

Die Premiere des Stücks „English“ rückt näher, und so befinde ich mich in einer intensiven Probenphase. Ich habe das Vergnügen, mit sehr talentierten Künstlern und zwei großartigen und großzügigen Regisseuren zusammenzuarbeiten: Joanna Godwin-Seidl und David Rodriguez-Yanez. Vom 3. bis zum 17. Oktober könnt ihr mich im Theater Drachengasse/Wien sehen, wo ich eine stolze iranische Mutter spiele, die sich nicht für die grenzenlose Liebe zu ihren Kindern entschuldigt. Parallel dazu habe ich Proben mit der griechisch-österreichischen Theatergruppe begonnen, und Ende Oktober werden die Dreharbeiten für einen österreichischen Kurzfilm fortgesetzt, an dem ich mitwirke.

Welches Zitat aus „Undine geht“ möchtest Du uns mitgeben?

„Ich habe alles getan, ich habe alles versucht. Ich habe euch geliebt, ich habe euch gehasst. Nichts hat genützt. Ihr seid verstockt. Und es ist wahr, ihr habt nichts gewusst von mir, gar nichts.“

Darf ich Dich zum Abschluss zu einem Akrostichon zu „Undine geht“ bitten?

Uterus

Natur

Die Liebe

Identität

Nicht verstanden sein

Einsamkeit

Geschlechterkampf

Existenz

Heilen

Tiefe

Herzlichen Dank, liebe Ino!

Ino Matsou und Walter Pobaschnig _ 9/24

Alle Fotos & Interview_Walter Pobaschnig

https://literaturoutdoors.com 9/24

„wir müssen unsere Geschichten immer wieder neu erspielen“ Tristan Becker, Schauspieler _ Halle/Saale 28.9.2024

Lieber Tristan Becker, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Aktuell probe ich am neuen theater in Halle das Stück „Bakkhai“ von Anne Carson nach Euripides. Ich radle also morgens und abends zur Probe, lerne mittags Text und spiele parallel Vorstellungen und Wiederaufnahmen aus dem Repertoire. 

Tristan Becker, Schauspieler, Musiker und Sprecher

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig? 

Ich denke, wir sollten unsere Zuversicht nicht verlieren und Ruhe bewahren. Es bringt nichts, sich in Dinge hineinzusteigern. Mir geben meine Familie, meine Freunde und meine Arbeit Stabilität und darüber bin ich sehr froh und dankbar.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu? 

Theater ist die letzte wirklich analoge Kunstform. Wer Theater erleben will, muss wirklich kommen. Theater ist immer exklusiv für die, die anwesend sind und deshalb ist auch keine Vorstellung wie die andere. Darin liegt der Reiz, aber es macht es gleichzeitig auch schwer, denn die Zuschauer von heute interessiert es nicht, wie du gestern gespielt hast. Wir Theaterleute können nicht einfach auf „Play“ drücken, sondern wir müssen unsere Geschichten immer wieder neu erspielen. Vielleicht liegt darin die besondere Aufgabe von Theater, denn Theater bringt Menschen zusammen. Wir sind – wenn auch nur für einen Abend – eine Gemeinschaft. Das wünsche ich mir auch für die Gesellschaft.

Tristan Becker, Schauspieler, Musiker und Sprecher

Was liest Du derzeit?

„Marseille 1940“ von Uwe Wittstock

„Da geht ein Mensch“ von Alexander Granach

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben? 

„When too perfect, lieber Gott böse.“ – Nam June Paik

Jede Premiere ist ein Anfang.

Vielen Dank für das Interview, lieber Tristan, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theater-, Musikprojekte und persönlich alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen: Tristan Becker, Schauspieler, Musiker und Sprecher

Zur Person/über mich/Kurzbiografie: Tristan Becker ist seit der Spielzeit 2021/22 festes Ensemblemitglied am neuen theater Halle. Neben seiner Tätigkeit als Schauspieler arbeitet er auch als Musiker und Sprecher. Zuletzt übernahm er mehrfach die musikalische Leitung am neuen theater und komponierte Theatermusik. Becker ist Sänger und Gitarrist der Band „TROSTLAND“. Geboren 1996 in Köln, aufgewachsen ebenda, studierte Becker zunächst an der Universität zu Köln Kunstgeschichte und Theaterwissenschaft, bevor er von 2017-2021 an der Hochschule für Musik und Theater »Felix Mendelssohn Bartholdy« in Leipzig zum Schauspieler ausgebildet und aus dem Studio Halle direkt ins Schauspielensemble übernommen wurde. Wichtige Regisseur*innen hier in seinem Erstengagement waren und sind für ihn Mareike Mikat, Julia Hölscher, Mille Maria Dalsgaard und Ronny Jakubaschk.

http://www.tristan-becker.com

Aktuelle, kommende Theaterproduktion am neuen theater Halle mit Tristan Becker:

Bakkhai

von Anne Carson | nach Euripides
aus dem Englischen von Maria Milisavljević

Regie führt Basil Zecchinel, Tristan Becker spielt den Pentheus.
Premiere: 08.11.2024 um 19:30 Uhr im neuen theater Halle.

Wie heißt es so schön: Aller (Neu-)Anfang ist schwer? Nicht so für Dionysos. Der Gott des Rausches und der Ekstase kehrt in Menschengestalt in seine Heimat Theben zurück und zieht die Frauen der Stadt in seinen Bann. Gemeinsam feiern sie auf einem Berg wilde Feste, getrieben von der kollektiven Sehnsucht nach einem anderen Dasein. Pentheus, dem Herrscher von Theben, gefällt das gar nicht und er verbietet die hemmungslose, rituelle Verehrung. Doch dann kommt ein Fremder zu ihm in den Palast, der ihn mit allen Mitteln umzustimmen versucht. Pentheus’ Neugier auf das Treiben wird plötzlich größer als sein Bedürfnis nach Ordnung und Vernunft.

Euripides’ elektrisierende Tragödie ist ein Kampf auf Leben und Tod zwischen Ordnungswahn und Lust am Chaos, Untergangsfantasie und Vernunftdenken, Mensch und Gott. Die kanadische Autorin Anne Carson, eine der wichtigsten Stimmen unserer Zeit, hat den Bakchen-Mythos virtuos, sprachgewaltig überschrieben und erzählt sehr zeitgemäß von einer Welt, die an der Radikalisierung ihrer Gegensätze zerbricht.

Die Klangkunst zu dieser Inszenierung entsteht aus einer künstlerischen Kollaboration zwischen der experimental noise Band LUM und dem Ensemble. Gemeinsam erarbeiten sie eine dionysische Ritualpraxis.

Mit dieser Inszenierung beendet Basil Zecchinel sein Studium zum Regisseur an der renommierten »Ernst Busch« in Berlin. Die Arbeit entsteht im Doppel mit der Produktion »Die zweite Sonne«. Die Chance die Regiestars von morgen schon heute in Halle zu sehen!

https://www.buehnen-halle.de/de/program/bakkhai/234701

Fotos _ Portrait: Christin Goy; Bakkhai_neues theater Halle

Walter Pobaschnig _ 27.9.2024

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Kärnten / Koroska. 1000 Jahre gemeinsames slowenisches und deutsches Namengut. Mit einem Blick nach Osttirol. Heinz-Dieter Pohl. Hermagoras Verlag.

Heinz-Dieter Pohl, geboren 1942 in Wien, Univ-Prof. für Allgemeine und Diachrone Sprachwissenschaft an der Hochschule für Bildungswissenschaften/Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, korrespondierendes Mitglied der Slowenischen Akademie der Wissenschaften (SAZU), Mitglied des Ständigen Ausschusses für geografische Namen (StAGN) und der Arbeitsgemeinschaft für kartografische Ortsnamenkunde (AKO) sowie der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS, Zweig Wien), ausgewiesener Kenner der Kärntner Sprachgeschichte, legt ein weiteres spannendes Grundlagenwerk zur Orts-, Kulturgeschichte Kärntens in Analyse der Namensgebung vor.

Eine ausführliche Einleitung zu Geschichte und historischen Etappen kulturellen Dialoges in allen Brüchen und Erfolgen steht dem Buch voran, dem eine alphabetische Sprachanalyse der Kärntner Ortsnamen in fundierter Erläuterung folgt.

„Eine faszinierende sprachliche Fundgrube zur Ort- und Kulturgeschichte Kärntens.“

Kärnten / Koroška. 1000 Jahre gemeinsames slowenisches und deutsches Namengut. Mit einem Blick nach Osttirol. Heinz-Dieter Pohl. Hermagoras Verlag.

Sprache: Deutsch

Seiten: 300

Bindung: Broschur mit Klappe

Format: 16 x 23,5 cm

ISBN: 978-3-7086-1325-3

Walter Pobaschnig  9/24

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Station bei Undine _ „Liebe ist das Geschenk des Menschseins“ Joyce Stiernon, Schauspielerin _ Wien 27.9.2024

Joyce Stiernon, Schauspielerin _Wien   _
 performing „Undine geht“
 _
„Undine geht“ Ingeborg Bachmann. Erzählung 1961.
Joyce Stiernon, Schauspielerin _Wien   _
 performing „Undine geht“
 _
„Undine geht“ Ingeborg Bachmann. Erzählung 1961.

„Undine geht“ Ingeborg Bachmann. Erzählung 1961.

Ingeborg Bachmann_ Schriftstellerin (25.Juni 1926 Klagenfurt – 17.Oktober 1973 Rom)

Ingeborg Bachmann Rom 1962 _ Heinz Bachmann

Zum Projekt: Das Bachmann Projekt „Station bei Bachmann“ ist ein interdisziplinäres Kunstprojekt an den Schnittstellen von Literatur, Theater/Performance und Bildender Kunst.

Dabei kommt den topographischen und biographischen Bezügen eine besondere Bedeutung zu, indem Dokumentation, Rezeption und Gegenwartstransfer, Diskussion ineinandergreifen.

Künstler:innen werden eingeladen an diesem Projekt teilzunehmen und in ihren Zugängen Perspektiven zu Werk und Person beizutragen.

Liebe Joyce Stiernon, wie liest Du den Text „Undine geht“ von Ingeborg Bachmann? Welche Grundaussagen gibt es da für Dich? Wie siehst Du „Undine“?

„Für mich ist Udine nicht unbedingt das feministische Bild des Menschen, sondern möglicherweise die Verbindung und gleichzeitig der Unterschied zwischen den biologischen Geschlechtern.“

„Undine geht“ wurde vor gut 60 Jahren veröffentlicht. Was hat sich seit damals im Rollenbild von Frau und Mann verändert und was sollte sich noch ändern?

„Was ich an den momentanen Veränderungen des Geschlechterbildes mag, ist das Erscheinungsbild: Männer probieren sich immer mehr mit Mode und Make-up aus. Ich freue mich, Männer zu sehen, die den Mut haben, ihre feminine Seite zu embracen und auszuleben. Zum Bild der Frauen habe ich jedoch noch keine feste Meinung oder Entscheidung getroffen.“

Der Monolog geht mit der patriarchalen Gesellschaftswelt schonungslos ins Gericht. Wie siehst Du die Situation patriarchaler Macht heute?

„Mir fällt es schwer, dazu eine eindeutige Meinung zu haben, ich muss noch weiter darüber nachdenken.“

Der Text drückt auch viel Trauer über das Scheitern der Liebe und eines Miteinander der Geschlechter im persönlichen wie gesellschaftlichen Leben aus. Welche Auswege siehst Du da?

„Generell betrachte ich Scheitern nicht als etwas Schlechtes, für das man einen Ausweg suchen sollte. Es hängt alles von der Perspektive des Betrachters ab. Wenn man Scheitern als Chance zum persönlichen Wachstum sieht, kann man daraus viel Neues schaffen.

Speziell zum Thema Liebe im persönlichen und gesellschaftlichen Leben glaube ich, dass wir als Menschen im Vergleich zu anderen Lebewesen auf unserem Planeten das Glück haben, diese Form von Emotionen und Gefühlen ausleben zu können, genau das wonach Udine eigentlich sucht. Natürlich macht man sich dadurch auch verletzlich; Liebe kann auch eine Hölle auf Erden sein. Aber dann ist es die falsche Liebe, und vielleicht hat man einfach noch nicht die Erfahrung gemacht, um das vorhersehen zu können.“

Was kannst Du als Frau und Künstlerin von „Undine geht“ in das Heute  mitnehmen?

„Udine ist für mich die damalige Version von Veränderungen und Kritik gegenüber Geschlechtern, quasi ein Anstoß für das, was wir heute erleben. Ich heiße diese Veränderung gerne willkommen, auch wenn sie für manche noch zu langsam voranschreitet.“

Was bedeutet Dir Natur?

„Natur, Erde, Universum – ich würde es als meinen Glaubensansatz beschreiben. Durch die Erfahrungen, die ich bereits in meinem Leben machen durfte, habe ich ein Urvertrauen ins Universum entwickelt. Die Natur verbindet mich damit.“

Was bedeutet Dir das Element Wasser?

„Wasser ist ein Teil der Natur und damit eine wunderbare Möglichkeit, sich mit ihr zu verbinden. Besonders schätze ich die Stille, die man unter der Oberfläche erlebt.

Windsurfen, Wellenreiten, Tauchen, Schwimmen – das Element Wasser war schon immer ein großer Bestandteil meines Lebens. Schon als Baby brachte mich meine Mutter zum Schwimmunterricht.“

Wie lebst Du den Kreislauf der Jahreszeiten?

„So sehr ich den Winter verabscheue, da ich eine absolute Frostbeule bin, könnte ich mir dennoch nicht vorstellen, in einer Region ohne Jahreszeiten zu leben. Ich blicke gerne auf vergangene Sommer zurück und erinnere mich an die schönen Momente, die sie mit sich brachten. Durch den ständigen Wechsel der Jahreszeiten können Sommer enden, aber auch neue beginnen, auf die man sich freuen kann. Außerdem schätze ich die Veränderung und die neuen Möglichkeiten, die sie eröffnet. Der Winter mit seinen kurzen, kalten Tagen lädt beispielsweise dazu ein, sich zurückzuziehen und gemütliche Stunden mit den Menschen zu verbringen, die einem wichtig sind.“

Wie kann der moderne Mensch in Harmonie zur und mit der Welt leben?

„In einer Welt, in der man sich nicht mehr nimmt, als man braucht. Ich denke, dass Konsumreduktion ein wesentlicher Bestandteil davon ist.“

Was braucht Liebe immer, um zu wachsen, blühen?

„Kommunikation, Vertrauen und Kompromissbereitschaft.“

Was lässt Liebe untergehen?

„Unehrlichkeit, Neid und Eifersucht.“

Wie war Dein Weg zum Schauspiel?

„Mein Weg zum Schauspiel begann früh, hatte jedoch auch einige Umwege. Bereits als Kind stand ich für Theater, Tanz und später auch für Moderation auf der Bühne. Direkt nach dem Abitur mit 18 J. begann ich mein BWL-Studium in Wien. Das Fach hatte mir bereits in der Schule gefallen, da es analytisches und mathematisches Denken erforderte. Doch ich merkte, dass mir in dieser Branche die Freiheit und Kreativität fehlten.

Mein Umfeld glaubt oft, dass es schwierig war oder viel Mut erforderte, den Schritt zu wagen und noch einmal einen ganz neuen Weg als Schauspielerin einzuschlagen. Doch in Wahrheit fiel mir diese Entscheidung leicht. Das wirklich Schwierige ist nicht, das zu tun, was einem Freude bereitet, sondern den Mut zu haben, ehrlich zu sich selbst zu sein.“

Welche aktuellen Projektpläne hast Du?

„Ich finde die Frage nach „aktuellen Plänen“ schwierig zu beantworten, da wir in einer Welt leben, die sich so schnell verändert. Meine langfristigen Ziele sind Familie und die Freiheit in meinem Tun. Kurzfristig bewerbe ich mich gerade für einen Master in Export- und Internationalisierungsmanagement und plane meinen eigenen Kurzfilm. Mir ist es wichtig, immer etwas zu tun zu haben, hart zu arbeiten und nicht untätig zu sein, was einem in der Selbständigkeit zwangsläufig schnell passieren kann.“

Welches Zitat aus „Undine geht“ möchtest Du uns mitgeben?

„Immer wenn ich durch die Lichtung kam und die Zweige sich öffneten, wenn die Ruten mir das Wasser von den Armen schlugen, die Blätter mir die Tropfen von den Haaren leckten, traf ich auf einen, der Hans hieß.“

Darf ich Dich zum Abschluss zu einem Akrostichon zu „Undine geht“ bitten?


Unter Wasser

Niemand

Danach wieder

Inneres

Narben bleiben der

Erinnerung

Ganz sein

Einsam oder doch nur allein?

Heimat & Herz

Tiefe

Joyce Stiernon, Schauspielerin _Wien   _
 performing „Undine geht“
 _
„Undine geht“ Ingeborg Bachmann. Erzählung 1961.

Herzlichen Dank, liebe Joyce!

Herzlichen Dank auch an special guest, Blanca_Salzburg!

Joyce Stiernon und Walter Pobaschnig _
Wien 9/24

Alle Fotos & Interview_Walter Pobaschnig

https://literaturoutdoors.com 9/24