„Im Auftrag Charles Mansons“ Werk X-Eldorado Wien mit erschütternder Theaterperformance. 22.11.2017.

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„Im Auftrag Charles Mansons“ Werk X-Eldorado Wien mit erschütternder Theaterperformance. 22.11.2017.

Stumm stehen vier Frauen in starrer Gestik im Kreis. Unsicherheit, Angst wie gespannte Erwartung sind die unsichtbare Mitte der Gruppe. Als sich die Gruppe zu bewegen beginnt, ist es eine gesteuerte Rhythmik und eine eruptive Sprache, die an die kahlen Wände klatscht. Umso mehr gibt es ein Ziel – das Bestrafung und Demütigung heißt. Es trifft eine Frau der Gruppe und ohne Widerstand lässt sie dies geschehen. Schließlich liegt sie stumm da. Nach kurzer Zeit formiert sich der Kreis wieder. Ein wildes Tanzen, das Ausdruck von Macht und Ohnmacht ist, beginnt jetzt. Als sich eine Person aus dem Kreis löst, wird klar, wer hier den Ton angibt. Eine Person – rücksichtslos. In lauter, bestimmender Ansprache wird jetzt das Wort zur Waffe, das keinen Dialog, keine Kritik oder Fragen kennt. Und keine Grenzen der Intimität. Hier wird bestimmt, gequält und gefordert ohne persönliche Scham. Die Sprache, der Körper – die Gewalt. Hemmungslos. Ein Rhythmus des zerstörerischen Rausches, der verschlingt und vernichtet. Mensch und Menschen…

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Das Werk X Theater Wien öffnet mit der Produktion „Im Auftrag Charles Mansons“ facettenreiche Zugänge zu zeitlosen Mechanismen von Macht, Indoktrination und Gewalt. Der Regie gelingt es anhand bruchstückhafter Bezugspunkte zur grausamen Mordserie in Kalifornien 1969 (Manson-Gang) das umfassende Thema Gruppenmanipulation in extremer Gewaltbereitschaft eindringlich anschaulich zu machen. Ein Abend, der in körperbetonter Darstellung des gut abgestimmten Ensembles und reduziertem ausdrucksstarken Bühnenbild Schlaglichter auf erschütternde Abgründe menschlicher Existenz wirft. Ein Abend aber auch, an dem das Publikum in überraschende Interaktionen miteinbezogen werden kann. Halten Sie ihr Handy jedenfalls aufmerksam fest und seien Sie dann auf vielseitige Reflexionsanstöße der Bühne gefasst.

Werk X-Eldorado, 1010 Wien: Im Auftrag Charles Mansons

Weitere Spieltermine: Sa 25.11.2017, 20.00 Uhr, Mo 27.11.2017, 20.00 Uhr, Di 28.11.2017, 20.00 Uhr, Mi 29.11.2017, 20.00 Uhr

Am 28.11.2017 um 21.30 Uhr, Podiumsdiskussion „Auf der Suche nach Zugehörigkeit: Mechanismen der Manipulation“

Walter Pobaschnig, Wien 11_2017

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„1984“ – Begeisternde Premiere am Volkstheater Wien. 17.11.2017

„1984“ – Begeisternde Premiere am Volkstheater Wien. 17.11.2017

Schalten Sie ihr Handy nicht aus, damit ihr Datenfluss ungehindert bleibt“ – so die Ansage aus dem Off vor Beginn der Vorstellung. Ein augenzwinkernder Beginn, den das Publikum mit Lächeln registriert, der jedoch sofort im Bühnenbild beeindruckend beklemmend sichtbar wird. Uniforme Menschen in uniformen Wohnboxen beobachtet von Videobildschirmen fixieren einander aufmerksam und argwöhnisch. Für sie gilt es nummerierte Lektionen des „großen Bruders“ vorbehaltlos zu inhalieren und zu vollziehen. Selbständiges Denken und Reflektieren ist verboten. Wie überhaupt die Sprache einer ständigen Vereinheitlichung im kontrollierten Reduktionsprozess unterliegt. Nachrichtenmeldungen sind für die Parteimitglieder Wahrheit und Pflicht. Hören und gehorchen in der „Mentalität der totalen Ehrlichkeit“ ebenso. Außerhalb dessen ist nichts erlaubt. Kein Schreiben, kein Sprechen, kein Lieben. Doch Winston und Julia versuchen einen revolutionären Ausbruch intensiver Zuneigung. Sie begeben sich heimlich in das verbotene Land der „Loser“, um unbeobachtet zu sein. Doch die „Horcher“ sind überall und ein dramatischer Wettlauf zwischen Sehnsucht, Freiheit und Verrat beginnt…

Das Volkstheaterensemble zieht in „1984“ alle Register modernen Theaters und wird am Premierenabend mit langanhaltenden Applaus verdient belohnt. In innovativer Regie und grandioser Ensembleleistung wird die beklemmende Parabel eines totalitären Überwachungsstaates zum begeisternden Ereignis der niveauvollen Wiener Bühnenwelt. Knapp 70 Jahre nach Erscheinen des Romans gelingt Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer ein textgetreuer wie aktueller Transfer, der eine dramatisch spannungsgeladene Inszenierung auf anspruchsvollstem Darstellungsniveau bietet wie gesellschaftspolitische Spannungsbogen zeitkritisch öffnet. Das Ensemble fasziniert in rasanter Körper- und Sprachbewegung. Ebenso ist das beeindruckende dialogische Spiel mit der kreativen Bühnen-, Videotechnik höchstes Bühnenniveau der Zeit. Die intensiv ausdrucksstarke wie fordernd facettenreiche Darstellung von Rüdiger Galke ist in einer grandiosen Ensembleleistung besonders hervorzuheben.

1984, Volkstheater Wien. Weitere Spieltermine: 22.11; 29.11; 3.12; 7.12; 8.12; 14.12; 16.12 2017. 3.1.2018

Fotos: http://www.lupispuma.com/Volkstheater“, Walter Pobaschnig.

 

Walter Pobaschnig, Wien 11_2017

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