Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Martina Sinowatz, Schriftstellerin _ WienPia Schiel, Schauspielerin _Wien
Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann.
Foto: Martina Sinowatz _ privat.
Fotos_ Pia Schiel, Schauspielerin_Wien _ acting „Malina“ _ Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971 _ Szenische Fotos am Originalschauplatz _ Walter Pobaschnig, 10/23.
Liebe Ina, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Für mich legt Ingeborg Bachmann Wunden frei. Ihre Sprache formt poetische Räume und diese funktionieren für mich wie Bildfragmente die eine Stimmung öffnen. Auch eine Spannung zwischen Sprache und Stille, eine Welt aus Brüchen, aus Unsicherheit, aus dem Versuch, eine Wahrheit zu formulieren, die sich immer wieder entzieht.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Besonders für mich ist die existenzielle Kraft, die radikale Ehrlichkeit; die Psyche, der musikalische Rhythmus, Schönheit, Präzision und Verletzlichkeit. Sie geht kritisch mit Sprache und Machtstrukturen um. Das Offenlegen von struktureller Gewalt, die in Beziehungen, in gesellschaftlichen Rollen und in der Sprache selbst eingeschrieben sind.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Das Gedicht „An die Sonne“ liebe ich, besonders den Klang, wenn sie es selbst liest. Die Schönheit ihrer musikalischen Sprache, der Rhythmus ihrer Stimme. Der Roman Malina. Ein seelisches Protokoll, wie eine Installation; die Verdichtung in den Gedichten aus der gestundeten Zeit;
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden patriarchalen Welt heute?
Leider noch immer sehr aktuell. Noch immer gibt es Machtverhältnisse der Gewalt in allen Kulturen bzw. werden diese wieder in diversen Bewegungen wie „etwa der „Tradwifes“ reinszeniert. Psychische und strukturelle Gewalt wird auch vor allem in der Sprache sichtbar. Noch immer.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema – „die Männer sind unheilbar krank…“ (1971). Wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Bachmann zwingt uns, Liebe nicht romantisch zu verklären. Ihre Texte zeigen, wie sehr Liebe mit Macht, Angst und Projektion verbunden sein kann. Wenn sie schreibt, dass die Männer unheilbar krank sind, kritisiert sie damit ja vor allem die zerstörerischen Machtstrukturen innerhalb von Beziehungen. Nach Bachmann zu lieben bedeutet vielleicht, Beziehungen bewusster und gleichberechtigter zu gestalten, ohne Dominanz und Abhängigkeiten, sondern die Freiheit des Anderen anzuerkennen.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren …“ – Ist Kunst immer auch eine Form des persönlichen Martyriums?
Für Bachmann ist Kunst eine sehr intensive und schmerzhafte Form der Existenz. Ob Kunst eine Form des persönlichen Martyriums ist, kommt immer auf den Menschen an, der Kunst macht und wie er sie zum Ausdruck bringt.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- und gesellschaftskritischen Positionen noch hervorheben?
Ihren bedeutenden Beitrag zu feministischen Diskussionen in der Literatur. Ihre Musikalität. Ihre Texte haben einen Rhythmus, der fast körperlich wirkt. Außerdem beeindruckt mich ihre Fähigkeit, Bilder zu erzeugen, die gleichzeitig konkret und traumartig sind. Diese poetische Bildkraft. Sie lädt dazu ein, weiterzudenken, zu übersetzen, visuelle Formen zu finden.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt oder gefragt?
Ob bei ihr am Anfang Bild oder Wort steht? Ob sie beim Schreiben Bilder sieht? Ob ihre Texte aus inneren Bildern entstehen oder ob die Bilder erst durch die Sprache entstehen?
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Das nächste Projekt ist am 21, März im Kulturhof Villach. In den zwei ausgestellten Werken geht es um eine Reflexion über zehn Jahre sozialer Arbeit mit fremduntergebrachten Kindern. Kinder, die Gewalt, Missbrauch, Vernachlässigung und Suchterkrankungen im familiären Umfeld erlebt haben. Kinder, deren Biografien von Brüchen geprägt sind – und dennoch von einer leisen, oft übersehenen Stärke. Für die Ausstellung entwickelte die Band Man of Isle eine eigens konzipierte Klanglandschaft. Ausgangspunkt bildet bisweilen unveröffentlichtes Material, aus dem ein Loop hervorgeht, der sich im Verlauf zunehmend auflöst.
Danach folgt am 23. März eine Ausstellung mit dem Künstlerinnenkollektiv Barbara Ambrusch Rapp und Marjeta Angerer-Guggenberger um 18: 00 in der BV Galerie. In der interdisziplinären Ausstellung „zeiTräume“ navigieren wir zwischen historischen Epochen, formalen Zugängen und gesellschaftlichen Fragestellungen der Gegenwart und Zukunft. Hier habe ich mich mit altmeisterlich klassischen Maltechniken auseinandergesetzt und kunstgeschichtliche Elemente in gegenwärtige Allegorien übersetzt.
Ein weiteres Projekt ist dann am 16.04. beim Kulturforum Kärnten, kuratiert von Ludwig Riedmann, mit einer Lesung von Lojze Wieser und Barbara Maier. Ich habe die slowenische Bibliothek illustriert und werde mehrere Werke, neuere und ältere, dort ausstellen.
Darf ich abschließend um ein Bachmann-Zitat bitten?
„Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“
Ingeborg Bachmann, Rede zur Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden 1959 für „Der gute Gott von Manhattan“.
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Ina Riegler, Malerin
Julia Hagenhofer, Schauspielerin_Wien
Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann.
Fotos: Ina Riegler 1 NMH; 2 privat.
Fotos: Julia Hagenhofer, Schauspielerin_Wien _ acting „Malina“ _ Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971 _ Walter Pobaschnig, 10/21.
Im Interview _ Hubert Maria Moran, Schriftsteller, Künstler
Lieber Hubert, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Mein Zugang zu Ingeborg Bachmann war anfänglich in der Jugend, als ich meine Bettstatt im Klagenfurter Musil Haus, welches vormals dem Konsum gehörte unter der Woche hatte. Abends lernte ich im „Bierjokl“, ein Lokal in der 10. Oktobers Straße den gleichaltrigen „Gerd Jonke“ kennen. Am Tresen infizierte ich mich durch geistvolle Dialoge mit dem Ingeborg Bachmann-Virus. Humbert Fink sei Dank, er hatte das Wettlesen ins Leben gerufen. Leider habe ich Gert, den ersten Bachmannpreisträger später aus den Augen verloren. Meine Jugendzeit war weniger behütet als die seine und vielen anderen in der damaligen Zeit.
Später verfolgte mich Ingeborg Bachmanns Stimme im Radio. Insbesondere waren es ihre Gedichte, die mich berührten. Sie besprachen die Ängste des Lebens, ähnlich wie bei Christine Lavant. Irgendwann gab es Toncassetten, auf denen mich ihre Stimme im Autoradio in den Bann zogen. Noch heute spiele ich häufig eine nachvertonte CD in meiner Audioanlage ab. Ich glaube zu meinen, es besteht eine Seelenverwandtschaft zwischen mir und der großartigen Dichterin. Was für sie, in den Texten das Feuer war, ist für mich das Blut und die vernehmbaren Schritte des nahenden Schnitters.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Das Besondere in ihrem Sprachduktus war die verankerte Melancholie und ihre Philosophie des individuellen Daseins. Die Furcht vor dem Feuertod war im Hinterher doch eine Prophezeiung.
„Gute Gedichte sind immer Produkte des kontrollieren Außersichseins, nicht von Innerlicher Schlafwandelei“
Thommas King
„ERKLÄR MIR LIEBE“
Wasser weiß zu reden, die Welle nimmt die Welle an der Hand, Im Weinberg schwillt die Traube, springt und fällt, so arglos tritt die Schnecke aus dem Haus! Erklär mir, Liebe, was ich nicht erklären kann: Ein Stein weiß einen anderen zu erweichen! Erkläre mir, Liebe, was ich nicht erklären kann: sollt ich die kurze schauerliche Zeit nur mit Gedanken Umgang haben und allein nichts Liebes kennen und nichts Liebes tun? Muss einer denken? Wird er nicht vermisst? Du sagst: es zählt ein anderer Geist auf ihn … Erklär mir nichts. Ich sehe den Salamander durch jedes Feuer gehen. Kein Schauer jagt ihn, und es schmerzt ihn nichts.
Ingeborg Bachmann
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Die gestundete Zeit, Anrufung des Großen Bären und alle ihre Gedichte.
„Er kam das Feuer immer wieder in ihren Texten eine Rüsselmaske sein Antlitz eine Patronentasche sein Gürtel einen Flammenwerfer seine Hand. Oder „von Schaukelstühlen heimlich gewordene Geschlechter stößt er sich ab“ – „außer sich geraten mit dem Feuerhelm verwundet er die Nacht.“
Wunderbare Essays und ihr vermischtes Schriftwerk zeigten ihre persönliche Note geistvoll auf. Die große Kärntner Autorin gab in ihren Tagebüchern vieles preis und ihre Beiträge las ich auch in internationalen Gazetten und Journalen. Texte wie „die blinden Passagiere“ waren epochal und für die vergangene Zeit eine stimmige Absprengung in der Lyrik zugunsten gehobener Literatur. Der deutsche Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki bezeichnete Ingeborg Bachman überheblich als gefallene Lyrikerin. Heute würde er sich für seine unbedachte Äußerung entschuldigen.
„die Männer sind unheilbar krank…sie sind es, wussten sie das nicht? Alle…“ Ingeborg Bachmann in einem Interview, 1971 _ wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörerischen wie selbst zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Ingeborg Bachmann hat als Jugendliche auch den 2. Weltkrieg erlebt und ihre Texte bezüglich der Gesellschaftskritik waren nicht zerstörend. Einer patriarchalischen und gewaltdurchtränkten Welt hätte sie die Stirn geboten. Häme, Hetze und Hass in sozialen Medien sind leider gang und gebe, Ingeborg Bachmann wäre diesem Übel sicher textbewaffnet entgegengetreten!
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises 1971. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Literatur und Kunst werden auch immer das persönliche Martyrium thematisieren. Literatur darf auch nicht schweigen und wegschauen, sondern den Finger auf die wunde Stelle legen, wo es weh tut. Ingeborg Bachmann hat alles besprochen, alles, was sie bewegt, oder gedrückt hat sie thematisiert. Die Welt brauchte ihr niemand mehr erklären.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ob sie wieder den Beruf einer Schriftstellerin ausüben würde.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
ERNTEZEIT
Ich habe weiterhin viel zu tun, bevor mich der Schnitter in die ewigen Jagdgründe holt. Am Ende meines achten Jahrzehnts ist es nach sechs Publikationen wieder an der Zeit, mein Buch „SIEGEL DES SEINS“ (ca. 348 Seiten, Arial Pt 10) in die literarische Umlaufbahn zu bringen.
„Immerfort bist du Dichter, als ob du keiner wärest. Du schreibst satirisch, melancholisch und lebensfroh. Entflammt bist du vom Traum der Vergangenheit und blutjung atmet jedes Gedicht in der Zukunft. Das oft einfach Scheinende und Naturgebundene liebst du unumwunden, bald wird es wieder in ein Buch gebunden. Sichtbar gute Laune rollt, wie in einer Kalesche sanft und weich am Fahrweg deiner Seele. Selbst lebst du im passenden Gehöft, abseits hinter dem Hügel, im aufgeschlagenen Land. Du atmest die klare Bergluft. Auf deiner Wiese äst das Wild vor dem Sensenschnitt, denn dort wächst üppig der wilde Klee im langen Schatten hoher Eichen. Das Abendlicht verschluckt deine Blicke weichen zu den Wiesenblumen hin und du genießt täglich das Sonnenlicht beim Entgegensehen deiner letzten Nacht!“
Hubert Maria Moran
Hubert Maria Moran, Schriftsteller, Künstler _ Mitglied beim Kärntner Schriftstellerverband, Kärntner Bildungswerk, IG Autoren Wien und Literar-Mechana Wien
Sylvia Caba, Künstlerin _ Wien _ performing Malina _ Original Romanschauplatz _ Wien _ Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971. Walter Pobaschnig 12/24, folgende
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Text & Performance
MALINA_ Akrostichon
Text_ Hubert Maria Moran, Schriftsteller, Künstler
Performance _ Sylvia Caba, Künstlerin
Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig
Sylvia Caba, Künstlerin _ Wien _ performing Malina _ Original Romanschauplatz _ Wien _ Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971. Walter Pobaschnig 12/24, folgende
MALINA
MAUERN SCHWEIGEN
ABER NICHT IMMER
LEIDENSKERKER
INNERHALB
NOTLEIDEN
AUFGABE
Hubert Maria Moran, 23.2.26
Sylvia Caba, Künstlerin _ Wien _ performing Malina _ Original Romanschauplatz _ Wien _ Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971. Walter Pobaschnig 12/24, folgende
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Text & Performance
MALINA_ Akrostichon
Text_ Hubert Maria Moran, Schriftsteller, Künstler
Performance _ Sylvia Caba, Künstlerin
Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig
Ingeborg Bachmann, 1962
Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971.
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Linda Pichler, Schauspielerin _ Wien _ performing „Undine geht“ _ Donau/Wien _ „Undine geht“ Ingeborg Bachmann. Erzählung 1961. _ Walter Pobaschnig 9/24, folgende
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Text & Performance
MALINA_ Akrostichon
Text_ Friedrich G.Paff, Schriftsteller
Performance _ Linda Pichler, Schauspielerin
Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig
Linda Pichler, Schauspielerin _ Wien _ performing „Undine geht“ _ Donau/Wien _ „Undine geht“ Ingeborg Bachmann. Erzählung 1961. _ Walter Pobaschnig 9/24, folgende
MALINA
Meerhin der Blick
Atme das Salz
Laß dich fallen
In die Wellen hinein
Nirgends ist Atem
Außer in dir
Friedrich G.Paff, 24.2.26
Linda Pichler, Schauspielerin _ Wien _ performing „Undine geht“ _ Donau/Wien _ „Undine geht“ Ingeborg Bachmann. Erzählung 1961. _ Walter Pobaschnig 9/24, folgende
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Text & Performance
MALINA_ Akrostichon
Text_ Friedrich G.Paff, Schriftsteller
Performance _ Linda Pichler, Schauspielerin
Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig
Ingeborg Bachmann, Rom 1962
Undine geht, Erzählung, Ingeborg Bachmann, 1961.
„Undine geht“ ist einer der zentralen Texte in Ingeborg Bachmanns Werk. Dieser erschien im ersten Prosaband „Das dreißigste Jahr“ und nimmt das Motiv des Undine Mythos _ Liebe, weibliche Menschwerdung, Verrat und Rache – auf und transformiert dies in die Struktur gegenwärtiger patriarchal geprägter Gesellschaftsverhältnisse. „Undine geht“ ist einer der meist rezipierten Texte Bachmanns und erfährt zahlreiche künstlerische Zugänge und Dialoge.
Lieber Friedrich, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Das Glück gehabt, sie nie in der Schule oder an der Uni lesen zu müssen.
Auf Einladung der Kärtner Slowenen war ich mal in Klagenfurt, den großen steinernen Lindwurmdrachen dort gesehen, in einem Gasthof gewesen und dort vernommen, wie ein Literaturpapst dort immer speiste und Hof hielt, ehe die Bachmann-Wettbewerbe begannen. Vom Präsidenten des Kärntner Landtages Josef Schantl habe ich noch einen großen Bierkrug als Erinnerung.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Wind, Salz und Klang. Und das Wort ein Funke, ein Vers, ein Atem.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Ihre Gedichte.
Zum Beispiel : “Das Spiel ist aus“ oder “Wahrlich“.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Sie hat gerochen, dass gesellschaftliche Zerstörungen tiefer liegen als Rollen, Klischees, Zuweisungen und Schablonen. Gebrandmarkt flieht das aufgescheuchte Wild in die Einsamkeit der Wälder oder in die Leere der Gassen oder in den abendlichen Trubel. Wie zerstörerisch ist allein dieses „heute“, was in den Feuilletons gerade angesagt Mode, heute ist, was “in“ ist. Aber in der Dichtung ist das heute immer auch schon ein ex.
Die Spannungsfelder der Geschlechterrollen weiß Elfriede Jellinek besser auszuleuchten. Aber interessant – Bachmann schreibt in ihrem Gedicht Exil, „ein Toter bin ich. Abgetan lange schon und mit nichts bedacht“. Sie schreibt nicht „eine Tote“.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Was wäre Liebe denn, wenn sie heilbar wäre. Liebe erklärt sich nie. Das Zittergras würde sofort verbrennen.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Ja.
Um mit ihren Worten es zu sagen, sonst leuchten wir das Dunkel mit den Fingerspitzen nicht aus. Rollen die Blutorangen nicht.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Über den Tag hinaus den Horizont zu sehen. Die Weite des Meeres und in sich den Auftrag, der selbstzerstörerisch und schöpferisch zugleich, den eigenen Vater zu erfassen und zu bewältigen. Der Auftrag in ihr, auch wo sie diesen nicht äußert, welches Du der Opfer hat überlebt, das uns von unseren eigenen Schatten erlöst.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Böhmen liegt nicht am Meer
und der Hades nicht nur in der Unterwelt
Orpheus durchstreift die Reiche
wo ungeschieden Leben und Tod
Sensen und Blühen des Grases
in der höchsten Lust der Tod
schon zuckt, in den Fossilien noch
rauscht das Meer, Franziskus
seine Gebeine jetzt sichtbar
füttert die Vögel, Gott wartet
auf Dante wenn er die Höllen
durchstreift, an der ligurischen
Küste in Lerici einem einsamen
Fischerdorf brennen die Kähne
verspannen die Netze sich
glänzen Muscheln weiß im Sand
lösen alle Netze sich auf
knoten nie mehr sich zu
geht die Sonne auf oder unter
über den sieben Hügeln von Rom
plätschern die Brunnen
stauben sich Plätze und Straßen
dass Du ist immer der andere
nie erreichbar, nur ersehnt
es zählt nur die Dichtung
das Wort, Atem ist nur
im Schweigen das sich
dem Geplärre entzieht
in den Nischen der Wände
ruht das Licht in Schatten sich aus
wenn die Nacht hereinkommt
vom Fluss her noch Lichter
was bleibt ein Funke, ein Vers
ein Atem, zieht alles sich glatt
zündet eine Zigarette sich an
schreibt eine Dichterin der Schritt
ins Leere ist der letzte Schritt
doch das Lied überm Staub danach
wird uns übersteigen
* * *
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Meine Texte sichern. Fortfahren auf facebook meine autonome Gedichtproduktion. Leider keine Hilfe bei homepage, Wikipedia-Artikel usw.
Mich abfinden damit, dass meine geliebten Italienaufenthalte in Cartosio mir wohl nicht mehr gegönnt sind. Was sagt Ingeborg Bachmann über Italien: Hier hab ich leben gelernt.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
Im Gewitter der Rosen ist die Nacht von Dornen erhellt.
Ich seh den Salamander durch jedes Feuer gehen. Kein Schauer
„Undine geht“ ist einer der zentralen Texte in Ingeborg Bachmanns Werk. Dieser erschien im ersten Prosaband „Das dreißigste Jahr“ und nimmt das Motiv des Undine Mythos _ Liebe, weibliche Menschwerdung, Verrat und Rache – auf und transformiert dies in die Struktur gegenwärtiger patriarchal geprägter Gesellschaftsverhältnisse in Macht und Zerstörung. „Undine geht“ ist einer der meist rezipierten Texte Bachmanns und erfährt zahlreiche künstlerische Zugänge und Dialoge.
UNDINE GEHT
Text _ Rotraut Schöberl, Schriftstellerin, Buchhändlerin _ Wien
Liebe Tatjana, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ein normaler Tag (wie es auch Virginia Woolf beschreibt): Noch immer halte ich an Bewährtem aus der 2jährigen Coronaisolation fest. Unspektakulär autistisch, wirkungsvoll in schönster Disziplin: Frühmorgens Lesehalbestunde Zeitungen, Bücher von Autorenkollegen, es stapelt sich an verschiedene Stellen im Haus, Sport, meinen Selbstversorgergarten und Haus besorgen, Büro-/Admin- und Schreibzeit, Küche, ich koche täglich, viel Buntes aus dem Garten, Ruhezeit, wenn nicht ein Termin, eine Lesung ansteht, kreative Schreibzeit 2. Schicht am Abend, oft des Längeren, bis Mitternacht.
Tatjana Gregoritsch, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Wie zu allen Zeiten und in schwierigen besonders: Früher aufstehen,-), Bewegung, Reduktion, Freundlichkeit anderen gegenüber, Achtsamkeit, Konzentration, Zielbewusstsein, Dankbarkeit, mit Ressourcen gut haushalten, positiv gestimmt voll Energie und Kreativität die Dinge tun, für die man da ist. Zuversicht hellen Blicks – Gottvertrauen für jene, die glauben.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Selbsterkenntnis, rasches Lernen, Verantwortungsbewusstsein und Gespür dafür, was real umsetzbar ist. Kriege, neue Unsicherheiten, die strapazierte Umwelt stellen Weichen radikal neu. Umso mehr kommt es auf wirkungsvolle Arbeit an.
Was liest Du derzeit?
Neben Rechercheliteratur für mein nächstes Buch über die Karawanken lese ich immer mehreres gleichzeitig: Kate Crawford („Atlas der KI“), Hans-Markus Gauss („Schuldhafte Ungewissheit“), Andrej Rahten („Der Tod des Thronfolgers“), viel Historisches, aber auch Krimis, lieber sog. harte Kost als Weichgespültes. Jeden Freitag Wanderkarten, denn zu allen Jahreszeiten bin ich in Bergen unterwegs.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Als Sacrecoeuse in Wien erzogen: „Nichts blockiert den Geist Gottes mehr als ein Leben in Trägheit“ (Madeleine Sophie Barat) bedeutet für mich, sich immer wieder, nach Krankheit, Rückschlägen, Unfällen, aufraffen, voll Tatkraft und Humor, allen Widrigkeiten zum Trotz (nach meinem Lehrer Otto Schenk/Uni Wien/Theaterwiss.) und selbst meine ich: Etwas geht immer, Schritt für Schritt ,-)
Tatjana Gregoritsch, Schriftstellerin
Vielen Dank für das Interview, liebeTatjana,viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Buchprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:Tatjana Gregoritsch, Schriftstellerin
Zur Person/über mich:Tatjana Gregoritsch, aufgewachsen im Zentrum Wiens und in Kärnten. Studium Wien, Helsinki (Medien-, Film- und Theaterwissenschaften, Skandinavistik, Finno-Ugristik, Germanistik/ Fächerkombination, Wirtschaftsuniversität Wien/ postgraduate Lehrgang für Werbung und Verkauf (Mag. phil., akad. geprüfte Werbekauffrau). Kulturreferentin in Finnland (Diplomarbeit zum skandinavischen Film). Tätig in Verlagen, Werbung und in der IT. Eigene Agenturgründung „Empower“.. Längere berufliche Auslandsaufenthalte ua. in Finnland, Deutschland und England. Lebt seit 2006 in Kärnten und Wien, schreibt Prosa und Lyrik, betreibt Bergsport und fotografiert.
Veröffentlichte Sachbücher, Beiträge in Anthologien, regelmäßige Zeitungskolumne. 2020 Krimi Verschwunden im Meerauge, Hermagoras, Klagenfurt und Erzählband Fest am Land, Löcker, Wien. 2023 Lili Novy. Durch die Zeit/Skozi čas (zweisprachige Monographie über die in Slowenien berühmte Altösterreicherin, Autorin und Netzwerkerin ihrer Zeit). 2024 Brandalarm. Ein mörderisches Frauentrio. Krimi. Hermagoras, Klagenfurt, nach dem authentischen Kriminalfall „Hexentrio“ in Kärnten. Demnächst erscheint bei Löcker, Wien: Samotans Leiche. Roman, Einem Mann holt um das Jahr 2000 seine Vergangenheit ein, Zeitgeschichte (russische Besatzung in Wien, Ostarbeiterinnen in Kärnten). Mitglied PEN Club Austria, IG Autoren, Kärntner SchriftstellerInnenverband.
Es ist eines der bemerkenswertesten Interviews der Musik-, Kulturgeschichte, welches der in Boston/USA geborene Autor, Journalist David Sheff mit dem Künstlerehepaar John Lennon und Yoko Ono im Sommer 1980 in New York über einen Zeitraum von drei Wochen führt und dabei über künstlerische und private Stationen, Begegnen, Inspirationen und Ausblicke spricht und so die musikalische Karriere John Lennons (Beatles, Solokarriere, Projekte) wie die künstlerische Entwicklung Yoko Onos einzigartig öffnet. Bis heute ist dieses Interview ein Meilenstein in Dokumentation von Leben und Werk, das weit über den unmittelbaren Kontext hinausreicht und Kultur-, Gesellschaftsgeschichte der Zeit in Reflexion, Gestaltung und Erfahrung ganz anschaulich lebendig werden lässt.
Die Wiedergabe des Interviews ist eingebettet in den Rahmen von Kontaktaufnahme, Organisation wie das jeweilige Setting, das auch das Privatleben – das immer auch ganz nah an der Öffentlichkeit war – beleuchtet und so auch in das Spannungsfeld von Kunst und Wirkung (Rezeption/Fankultur) interessante Einblicke bietet.
Sehr bemerkenswert ist die Offenheit des Interviews, in dem Lennon und Ono sowohl Künstlerisches (Beatles/Bandgeschichte/Trennung_gemeinsame Projekte) wie Privates (Beziehungsleben) an- und aussprechen.
Es ist das letzte große Interview, das John Lennon im Jahr seiner Ermordung (8.12.1980 Ney York) führte.
„Ein Buch als einzigartiges Dokument der Musik-, und Kulturgeschichte!“
John Lennon / Yoko Ono / David Sheff _ Die Ballade von John und Yoko _ Im Gespräch mit David Sheff _ Kamba Verlag
Originaltitel: All We Are Saying. The Last Major Interview with John Lennon and Yoko Ono