Liebe Julia Novacek, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich bin Frühaufsteherin, meist beginne ich direkt nach dem ersten Kaffee mit der Arbeit. Das ist für mich die produktivste und liebste Zeit.
Theaterproben starten meist gegen 10 Uhr, davor habe ich dann noch Zeit, die Proben zu reflektieren und sie vorzubereiten.
Neben der Arbeit an Performanceprojekten mache ich Filme und arbeite viel am Computer, da kann ich es mir einteilen wie ich will, was ich sehr schätze.
Abends gehe ich oft ins Theater und schaue mir Stücke von Kolleg:innen an.
Julia Novacek, Performance- und Videokünstlerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Immer aktueller werden Fragen nach der Zusammenarbeit von Menschen und nicht-menschlichen Akteur:innen, wie zum Beispiel Künstlicher Intelligenz. Spätestes mit der Einführung von ChatGPT ist das Thema in der Gesellschaftsmitte angekommen.
Philosoph:innen und Wissenschaftler:innen prognostizieren eine politische Landschaft, die zunehmend durch die Fortschritte der technologischen Entwicklung der künstlichen Intelligenz geprägt wird.
Wichtig ist es, denke ich, offen zu sein für Neues, sich zu informieren und kritisch zu hinterfragen, nützliche Schnittstellen in der Kooperation von Menschen und nicht-menschlichen Akteur:innen zu fördern, die beispielsweise in der Medizin nicht mehr wegzudenken sind.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Aufgabe der Kunst ist es meiner Meinung nach, das zu reflektieren und zu befragen, was ist, und den gesellschaftlichen Konsens künstlerisch zu hinterfragen und zu bearbeiten. In meinen Projekten geht es im ersten Impuls darum, etwas zu verstehen. So entstehen Projekte, die mit einem sehr dokumentarischen Interesse an einem Thema beginnen. Für mich bietet das Theater die Möglichkeit, mit künstlerischen Strategien gemeinschaftliche Erfahrungen zu schaffen, neue Denkanstöße mitzunehmen und in den Austausch mit anderen Disziplinen und mit dem Publikum zu kommen.
Was liest Du derzeit?
Aktuell lese ich „Critique and the Digital“- herausgegeben von Erich Hörl, Nelly Y.Pinkrah und Lotte Warnholt im Diphanes Verlag, 2021.
Der vielstimmige philosophische Band gibt Einblick in den kritischen Diskurs zur Politik und Ästhetik der „Computational Media“. Mich interessieren die politischen und philosophischen Implikationen unseres digitalen Lebens. Das Buch zeigt spannende kritische Reaktionen vor dem Hintergrund der politischen und technologischen Transformationen, die allgegenwärtig sind. Empfehlung!
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Ein schönes Zitat aus dem aktuellem Stück STREAMS.Catching caches: „In dieser Laborsituation, in dieser wissenschaftlichen, entwickeln wir uns gemeinsam mit den Systemen weiter, also künstliche Intelligenz wird auf jeden Fall nicht nur auf technischer Seite entwickelt, sondern wir entwickeln auch eine Art künstliche Intelligenz dabei, das darf man nicht vergessen. Also wir werden auch zum Teil, wenn man das jetzt so blöd in diesem Dualismus sagen möchte, wir werden auch ein bisschen künstlicher dadurch. Es ist immer die Frage: Was weiß man, was kann man wissen, was will man wissen und ab wann muss ich nur mehr blind vertrauen und was brauchts wiederum, damit ich blind vertrauen kann?“ – Katja Mayer, Wissenschafts- und Technikforscherin (Interview, Juni 2021)
Vielen Dank für das Interview lieber Julia, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theater-, Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Julia Novacek, Performance- und Videokünstlerin
Zur Person_Julia Novacek, geboren 1989 in Wien, ist Performance- und Videokünstlerin. Sie studierte Kunst und digitale Medien sowie Kunst und Film an der Akademie der Bildenden Künste Wien und Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen. Sowohl filmisch als auch performativ ist der feministische Blick leitend in ihrem Schaffen. Sie setzt sich mit der medialen Konstruktion und Brechung von Authentizität auseinander. Gezeigt wurden ihre Arbeiten sowohl auf internationalen Film- und Performancefestivals als auch in vielen deutschen Produktionshäusern.
Neben ihren Soloarbeiten wie „Dosta, Dosta (genug, genug)“ kooperierte Julia Novacek in Projekten wie „Nach dem Ende der Versammlung“ am Künstlerhaus Mousonturm oder der Performance „RAGE. A Tennis Western“ ebenda, die 2021 mit dem Hessischen Theaterpreis ausgezeichnet wurde. Ihre eigenen Werke waren u. a. zu sehen in der Klosterruine Berlin 2020, am SON/TON Festival (Brüssel) 2018, flausen+festival 2018, Kasseler Dokfest 2017, im Casa del Sol (Los Angeles) 2017, den Hessischen Theatertagen 2017, am brut Konzerthaus (Wien) und dem Nakt Festival / K3 Kampnagel (Hamburg).
Seit 2019 arbeitet und recherchiert sie mit ihrem Frauenkollektiv Studio Studio an ortsspezifischen filmisch-performativen Projekten zwischen Fiktion und Dokumentation mit Fokus auf die Darstellung und Analyse des Wandels der Lebens- und Alltagskultur im ländlichen Raum.
2018 erhielt Novacek ein FLAUSEN-Stipendium mit Artemiy Shokin, 2019 das Start-Stipendium für Musik und Darstellende Kunst vom Bundeskanzleramt Österreich und 2020 ein Reload-Stipendium der Kulturstiftung des Bundes.
Lieber Marcus Fischer, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Wenn`s keine dringenden Termine gibt, nach dem Aufwachen liegen bleiben und schreiben – das ist oft meine produktivste Zeit.
Am späteren Vormittag wird dann „gehackelt“, d.h. Brotarbeit, Redigieren von Artikeln für das Magazin, für das ich arbeite, Termine organisieren, Layouts besprechen etc. Meistens wird’s dann am späteren Nachmittag ruhiger und ich geh mit dem Hund ins Kaffeehaus, wo ich weiterschreibe.
Marcus Fischer, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Uns Gutes tun, damit wir Kraft haben, um dem zu stellen, was gemacht gehört.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Die Kunst führt uns zu uns selber zurück. Wenn ich einen starken literarischen Beitrag auf Ö1 höre, schwingt der den ganzen mit, ich erinnere mich daran wie an einen intensiven Traum.
Was liest Du derzeit?
Ich hab gerade Ursula Krechel, Der Übergriff, fertiggelesen, ein sehr intensives Buch mit einer kraftvollen poetischen Sprache. Zum Einschlafen lese ich gerade Alice in Wonderland. 🙂
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“ Franz Kafka. Ein Buch muss natürlich gar nichts sein, aber wenn es dieser Eisbrecher ist, auch nur in Ansätzen, ist es großartig.
Vielen Dank für das Interview lieber Marcus, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Marcus Fischer, Schriftsteller
Zur Person_Marcus Fischer wurde in Wien geboren und ist hier aufgewachsen. Germanistik-Studium in Berlin, danach Lehrer für Deutsch als Fremdsprache und freier Texter. Seit 2013 intensive Schreibtätigkeit. 2015: 1. Platz beim fm4 Kurzgeschichten-Wettbewerb Wortlaut. Absolvent der Leondinger Literaturakademie, Publikationen in Literaturzeitschriften, Anthologien und im Hörfunk. 2022 erschien sein Debütroman „Die Rotte“ (Leykam), der 2023 mit dem Rauriser Literaturpreises für das beste deutschsprachige Debüt ausgezeichnet wurde.
Preise
1. Platz beim fm4 Kurzgeschichten-Wettbewerb „Wortlaut 2015“ mit dem Text Wild Campen
erostepost Literaturpreis 2016 mit dem Text Schwarzwild
Der Keiler Siegertext beim Literatur Festival Stuttgart 2019
Rauriser Literaturpreis 2023für Die Rotte
Bisherige Publikationen (Literaturzeitschriften)
Die gute Haut in: D.U.M. Literaturzeitschrift Nr. 71/2014
Wild campen in VOLLTEXT 3/2015 sowie DER STANDARD Album 26.9.2015
Schwarzwildin: erostepost Nr. 52
Das ganze Grünland ein Scheißhaus in: UND #10 (Mai 2021)
Buchpublikation (Anthologien)
Wild campen in: Wortlaut 2015, Luftschacht Verlag, Wien, September 2015
Das Steinkind in: Zeilenlauf Literaturwettbewerb 2015 (Baden/NÖ)
Der Keiler in: Literatur Festival Stuttgart, Texte 2019
„Elfi Reisinger, eine junge Bäuerin, lebt Anfang der 1970er Jahre mit ihren Eltern auf einem kleinen Hof in der Rotte Ferchkogel, einer abgelegenen Siedlung im Voralpenland. Ihr Vater verschwindet eines Nachts, die Gendarmerie geht von Selbstmord aus. Durch den Tod des Bauern verschiebt sich das Gefüge in der Rotte. Die anderen im Dorf trauen den beiden Frauen nicht zu, den ärmlichen Hof weiterzuführen. Der Nachbar will den Grund für einen Spottpreis kaufen und setzt die Frauen immer mehr unter Druck. Als mit Elfis Hochzeit endlich wieder ein Mann an den Hof kommt, spitzt sich die Lage weiter zu und Elfi muss einen Weg finden, um sich aus diesem Machtgefüge zu befreien….“ https://www.leykamverlag.at/produkt/die-rotte/#description
Sonstiges
Jänner 2020: Die Texte Wildblumeninselund Marmeladenlandwerden im Rahmen
des Ö1 Kunstsonntags gesendet, gelesen von Michael Dangl.
Foto_Christian Fischer
12.6.2023_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Zum Projekt: Das Bachmann Projekt „Station bei Bachmann“ ist ein interdisziplinäres Kunstprojekt an den Schnittstellen von Literatur, Theater/Performance und Bildender Kunst.
Dabei kommt den topographischen und biographischen Bezügen eine besondere Bedeutung zu, indem Dokumentation, Rezeption und Gegenwartstransfer, Diskussion ineinandergreifen.
Künstler:innen werden eingeladen an diesem Projekt teilzunehmen und in ihren Zugängen Perspektiven zu Werk und Person beizutragen.
Den Schwerpunkt bildet dabei Werk und Leben Ingeborg Bachmanns. Ebenso weitere Künstler:Innen.
50 Jahre – Malina – 1971 – 2021 – Roman _ Ingeborg Bachmann
Liebe Christina Cervenka, herzliche Gratulation zur Romy Nominierung 2023 für Deinen Film „Immerstill“ (2023, Landkrimi)!
Vielen Dank! Es war eine große Ehre dafür nominiert zu werden und ich bin dankbar, dass ich diesen wundervollen Film machen durfte!
Wir sind hier an literarischen Bezugsorten des Romans „Malina“ (1971) von Ingeborg Bachmann in Wien. Sind Dir die Orte hier vertraut?
Tatsächlich bin ich an den Schauplätzen immer wieder mal vorbeispaziert, doch zuvor ohne Bezug zum Roman von Bachmann. Jetzt, da ich ihn gelesen habe, werde ich die Ungargasse immer damit verbinden.
Welche Bezüge und Zugänge gibt es von Dir zu Ingeborg Bachmann und dem Roman Malina?
Wie Bachmann bin auch ich in Kärnten aufgewachsen und habe sie als Literatin bereits in meiner Schulzeit kennen gelernt. Ihren Roman „Malina“ habe ich aber erst vor Kurzem gelesen.
Sie war eine faszinierende Person – diese Tragik und Zerbrechlichkeit in ihrem Inneren ist für mich als Schauspielerin sehr interessant. Manchmal ist sie auch einfach nicht fassbar, unerklärbar. Aber genau das ist ja das Spannende an ihr!
Ihre poetische Sprache und die Auseinandersetzung mit so großen Themen wie Liebe, Tod, Krieg, Gewalt und die Rolle der Frau machen sie in meinen Augen zu einer zeitlosen Autorin.
Eine kleine Anekdote: Meine Oma hat als junge Schauspielerin – damals als Traute Servi im Berufsleben – „Ein Geschäft mit Träumen“ von Ingeborg Bachmann für das Radio aufgenommen.
Welche Eindrücke hast Du von den Schauplätzen in der Ungargasse, die wir besucht haben?
Rein äußerlich betrachtet sind es wunderschöne alte Häuser – mit den Löwenköpfen und dieser schweren Tür! Sie strahlen eine starke Eleganz aus.
Natürlich verbinde ich jetzt durch den Roman eine gewisse Schwere damit, als ob die Geschichte hier immer noch lebt und mitschwingt. Die Umgebung hat eine ganz spezielle Energie, die ich nicht leicht in Worte fassen kann.
Wie siehst Du den Aufbau und das Konzept des Romans?
Im ersten der drei Teile steht die Liebe zu Ivan im Mittelpunkt – eine problematische und belastende Beziehung! Es gibt ein starkes Machtungleichgewicht und sie ist emotional abhängig von seiner Zuneigung.
Im zweiten Teil geht es hauptsächlich um die Beziehung zu Malina, mit dem sie zusammenlebt. Er ist ruhig und rational, genau das Gegenteil von Ivan. Ich empfinde ihre Verbindung als stabil und gleichmäßig, aber dafür eher monoton und emotionslos. Es beginnen die Träume von Mord und Gewalt, sie sieht immer wieder ihr eigenes Verschwinden oder ihren Tod kommen.
Gegen Ende, vor allem im letzten Kapitel löst sich die Struktur des Romans immer mehr auf – ihre Fantasie und die Realität vermischen sich. Als Leserin spüre ich eine starke existenzielle Angst, einen Wahn, der mich auch während des Lesens sehr mitgenommen hat.
Was sind für Dich zentrale Themen und Aussagen des Romans?
Im Mittelpunkt steht für mich ihre permanente Suche nach dem „Glücklichsein“, auch nach Selbstbestimmung. Ihre Beziehungen zu Männern definieren Großteils ihre Identität. Es schwingt immer eine Abhängigkeit von anderen mit – ein sich selbst in Anderen finden, das doch nie möglich sein wird.
Liebe und Beziehungen sind somit auch ein wichtiges Thema im Roman, aber meiner Meinung nach immer in Verbindung mit Machtverhältnissen und Unterdrückung. Ihr Umgang mit anderen erzeugt für mich ein Gefühl der
Schwere und Enge.
Gewalt und Mord spielen auch eine zentrale Rolle, oft kommen Anspielungen auf Kriegserlebnisse vor. Es verschwimmen gegen Ende die Grenzen zwischen Realität und Fantasie.
Wie ist die Beziehung zwischen Mann und Frau im Roman dargestellt und wie ist dies heute zu sehen?
Die Beziehungen zu Ivan und Malina sind sehr unterschiedlich. Doch in beiden Verbindungen ist sie abhängig von den Taten oder Handlungen der Männer. Bei Ivan ist es eine mehr emotionale Abhängigkeit, von Malina braucht sie Stabilität und ist auch in gewisser Weise finanziell an ihn gebunden.
Dennoch habe ich oft das Gefühl, dass sie versucht selbstbestimmt ihren Weg zu gehen und sich nicht beirren zu lassen. Was ihr immer wieder stark zusetzt, ist, dass sie ständig von den Männern in ihrem Leben überschattet wird und Schwierigkeiten hat, ihre eigene Identität und ihr Selbstwertgefühl in sich – ohne Beziehungen zu Anderen – zu finden.
Sicher hat sich die Beziehung zwischen Mann und Frau verändert, ich spüre heute weniger Abhängigkeit. Jedoch gibt es immer noch ein großes Ungleichgewicht – vor allem wenn man über die Grenzen von Europa hinausblickt.
Wie beurteilst Du die Protagonisten Ivan, Malina, Ich-Person in Ihrem literarischen Kontext bzw. dem Kontext der Autorin und Ihrer Biographie?
Die Ich-Person teilt viele Gemeinsamkeiten mit Bachmann. Auch sie ist eine Schriftstellerin, eine intellektuelle Frau in Wien. Sie hat eine intensive emotionale Sensibilität und ist von den Traumata des Krieges und der Nachkriegszeit geprägt.
Ivan wird als sehr dominant gezeigt und die Erzählerin ist in vieler Hinsicht abhängig von ihm. Er könnte für die schwierigen Beziehungen stehen, die Bachmann selbst in ihrem eigenen Leben hatte.
Malina hingegen, der als stabil aber distanziert beschrieben wird, könnte vielleicht ihren eigenen Wunsch nach Stabilität verkörpern. Er ist die Konstante, die sich durch ihr Leben zieht, unterstützt sie, aber geht wenig auf ihre emotionale Art ein.
Welches Frauen- und Männerbild spricht Ingeborg Bachmann in Malina an und wie aktuell ist dies heute?
Auffallend finde ich, dass die Erzählerin meist eine untergeordnete Position zu den Männern in ihrem Leben einnimmt. Sie wird oft als passiv und abhängig dargestellt. Ihr Selbstwert und ihre eigene Identität scheinen eng mit ihrer Beziehung zu den Männern in ihrem Leben verknüpft zu sein.
Beide Männer üben – auf unterschiedliche Weise – Macht und Kontrolle über sie aus. Ivan eher auf der emotionalen Ebene, Malina durch seine Stabilität, die sie sehr braucht, und durch seine dominante Rolle in der Beziehung.
Bachmann zeigt die schädlichen Auswirkungen der Rollenbilder einer patriarchalischen Gesellschaft auf das Selbstbild und die Unabhängigkeit von Frauen. Sie regt dazu an, Geschlechterrollen und -identitäten neu zu denken – viele dieser alten Strukturen sind nach wie vor aktuell.
Welchen Einfluss hatte und hat der Roman auf die Entwicklung von Literatur, Kunst und Emanzipation und Gesellschaft?
Bachmanns kritische Darstellung von Machtverhältnissen in Beziehungen und Geschlechterrollen, hat sicherlich zur Diskussion über Emanzipation und Gleichberechtigung beigetragen. Auch hat sie durch ihren innovativen Erzählstil viele Autor*innen inspiriert.
Wie siehst Du das Ende des Romans?
Die Ich-Person verschwindet am Ende in einem Riss in der Wand ihres Hauses. Bachmann lässt uns als Leser*innen Raum für unsere eigenen Gedanken dazu. Das Verschwinden könnte für eine Art Selbstauflösung in den unterdrückenden Machtstrukturen in ihren Beziehungen stehen. Oder aber auch für eine Befreiung von ihnen! Für mich symbolisiert es auch die Erkenntnis, dass für sie keine Beziehung mehr möglich ist.
Gab es in Deinen Schauspielprojekten Berührungspunkte zu Ingeborg Bachmann?
Tatsächlich hatte ich in meinem Berufsleben noch keine Berührung mit Ingeborg Bachmann. Selbstverständlich haben wir im Studium über sie gesprochen oder ihre Texte gelesen, aber zu einer Aufführung mit Werken von ihr, ist es in meiner Karriere noch nicht gekommen. Hoffentlich in Zukunft!
Wie war Dein Weg zum Schauspiel?
Seit ich denken kann, wollte ich Schauspielerin werden – Filme und Theater haben mich immer fasziniert. Das ist auch ein bisschen familiär vorbelastet – wie gesagt: auch meine Oma und ihre Schwester waren Schauspielerinnen und mein Uropa Dramaturg am Burgtheater. Das war mir als Kind alles nicht so klar, aber vielleicht habe ich da unterbewusst etwas mitbekommen.
Als Jugendliche habe ich in Kärnten schon viel Theater gespielt und dann während des letzten Schuljahrs an Schauspielunis vorgesprochen.
Mein erstes Vorsprechen in Graz hat dann gleich geklappt – das war natürlich total aufregend!
Was bedeutet Dir Wien und welche Erfahrungen hast Du hier als Schauspielerin gemacht?
Nach der Uni bin ich für 4 Jahre ans Burgtheater – zuerst als Gast und dann für 2 Jahre ins fixe Engagement. Dadurch habe ich viel Zeit in Wien verbracht und die Stadt besser kennen gelernt. Zuvor hatte ich nie soviel Bezug dazu, hab mich mehr als Fremde oder „Gast“ hier gefühlt. Heute habe ich mehr Verbindung zur Stadt und auch meine liebsten Plätze.
Man spürt die Geschichte und die großen Persönlichkeiten die hier gelebt haben noch sehr stark und ich denke die Stadt ist auch sehr stolz auf „ihre“ Künstler*innen.
Was sind Deine derzeitigen Projektpläne?
Mich hat die Faszination für das Drehen nie losgelassen – in den letzten Jahren habe ich mich mehr auf Film und Fernsehen fokussiert.
Gerade habe ich eine Episodenhauptrolle für „Die Toten vom Bodensee“ abgedreht und bereite mich momentan auf eine spannende Rolle im Sommer vor: Ich spiele Gretl Csonka, eine junge Frau, die von ihren Eltern wegen ihrer sexuellen Orientierung unverstanden, zu Freud in Therapie geschickt wird und sich mühevoll ihren eigenen Weg erkämpft. Eine wahre Geschichte! Fritz Kalteis wird Regie führen und Freud wird von Karl Markovics verkörpert. Ich freue mich schon sehr auf dieses – für mich erste – historische Filmprojekt!
Die Arbeit vor der Kamera gibt mir viel Energie und ich bin gespannt, welche Projekte in nächster Zeit noch auf mich warten. Auf jeden Fall bin ich sehr dankbar diesen wundervollen Beruf so ausüben zu dürfen!
Hättest Du mit Ingeborg Bachmann gerne einen Tag in Wien verbracht und wenn ja, wie würde dieser aussehen?
Gerne wäre ich mit ihr durch den 3. Bezirk, durch ihr „Ungargassenland“ spaziert und hätte ihr einfach nur zugehört, oder sie beim Erleben „ihrer“ Wege und „ihrer“ Häuser beobachtet. Vielleicht wäre ich auch mit ihr in ein Wiener Kaffeehaus gegangen und hätte sie in ihrer Rätselhaftigkeit auf mich wirken lassen.
Ende Juni beginnt der Bachmannpreis in Klagenfurt. Verfolgst Du den Wettbewerb? Warst Du schon vor Ort?
Tatsächlich war ich noch nie selbst vor Ort, bin aber sehr gespannt, welche Texte die Autor*innen dieses Jahr vortragen werden. Wenn ich Zeit habe, werde ich sicherlich die eine oder andere Lesung online oder im TV verfolgen.
Darf ich Dich abschließend zu einem Malina – Ingeborg Akrostichon bitten?
Machtstrukturen
Albtraum und Fantasie
Launenhaft vergessen
Instabil im Wandel
Namenlos
Am Ende doch unsichtbar
Im Leben
Nicht zu fassen
Gegen jede Konformität
Existenziell
Bruchstückhafte Erinnerungen
Obsession und Kampf
Reife Verirrungen
Gleichgewicht in Disbalance
Vielen Dank, liebe Christina, für Deine Zeit in Wort und szenischem Bild im „Ungargassenland“, alles Gute für alle Projekte!
Zur Person:Insa Segebade, geboren 1969 in Leer, hat Literatur und kreatives Schreiben bei Hanns-Josef Ortheil sowie Musik an der Universität Hildesheim studiert. Sie ist ausgebildete Sängerin und hat klassischen Gesang bei Dörte Blase sowie Jazzgesang bei Elena Brandes und Nanni Byl studiert. Als Stipendiatin der Hans-Böckler-Stiftung hat sie am Musikinstitut der Universität Hildesheim darüber promoviert, wie Rockstars im Spielfilm und in Printmedien dargestellt werden. Mit Rockmusik beschäftigt Insa Segebade sich schon seit langem – nach einem längeren Aufenthalt in Paris war sie im Musikmanagement tätig, hat Tourneen organisiert und begleitet. Seit 1999 arbeitet Insa Segebade hauptberuflich als Schriftstellerin, Journalistin und Dozentin für kreatives Schreiben an verschiedenen Hochschulen u.a. Bildungseinrichtungen im In- und Ausland.
Liebe Tanja Scheichl-Ebenhoch, wie siehst Du die aktuelle Debatte rund um männlichen Machtmissbrauch und sexuellen Übergriffen an Frauen in der Rock`n`Roll Musikbranche?
Ich denke, gerade als Musikerin, auch als klassische, kommt man nicht um die momentane Diskussion herum. Und, um es gleich vorwegzunehmen: sollte man auch nicht.
Wie in anderen Branchen ist es meiner Ansicht nach ebenso im Musikbusiness längst überfällig, alte Strukturen zu überdenken und sich auf eine seriöse Debatte rund um das Thema Machtmissbrauch einzulassen. Leider geschieht das bei Musiker:innen, Künstler:innen recht wenig. Zu heiß ist das Thema, denn Musikmanager, Plattenbosse, gut im Geschäft stehende Vorzeigebands und andere (männliche) Mächtige der Branche lauschen schließlich mit. Sie könnten sich daran stören, wenn die Kritik zu heftig wird. Ein Machtgefälle zwischen weiblichem Fan und Rock’n Roller ist doch „normal“ und gehört in gewisser Weise seit jeher zum Business, oder?
Die „Schuldfrage“ objektiv zu klären, ist Aufgabe der Juristen und Anwälte. Darüber hinaus ist eine falsch-veraltete Nostalgie von Sex Drugs and Rock’n Roll, die in einem abstoßenden Machotum verhaftet ist, zu thematisieren. Eben in einer, in der ein Machtgefälle zum (weiblichen) Fan zumindest toleriert wird. Eine gefährliche „Nostalgie“, in der es dem (Alt-)rocker seines Erachtens zynischerweise doch wohl erlaubt sein muss, „etwas Spaß“ zu haben. Im schlechtesten Fall bedeutet es also, dass derjenige überhaupt nicht verstanden hat, was Mannsein, Frausein, Demokratie, Freiheit und Menschenrechte tatsächlich bedeuten.
Wer diese Zusammenhänge nicht versteht oder verstehen will, der ist geistig noch nicht in unserem Jahrhundert angekommen. Der versteckt sich feige hinter dem Vorwand des pseudocoolen „Rock’n Rollertums“ auf Kosten unserer Musikkultur, der Humanität im allgemeinen und nicht zuletzt auf Kosten der Akzeptanz der Frau als gleichberechtigten Partner.
Tanja Scheichl-Ebenhoch, Musikerin, Autorin und Pädagogin
Was braucht es jetzt in dieser Debatte?
Ich denke, es braucht jetzt in erster Linie den Mut und die Bereitwilligkeit von allen Seiten, Missstände, Gefahren offen an- bzw. auszusprechen. Und vonseiten der Musiker:innen Verantwortungsbewusstsein den Kollegen:innen, dem Publikum/Fans, der Bedeutung Musik und Kunst generell gegenüber. Für mich enden der Kunstbegriff die künstlerische Freiheit genau dort, wo Macht, Gewalt ins Spiel kommen. Handeln im Sinne der Menschlichkeit und wie Aretha Franklin schon sagte: RESPECT sind dabei sicher die besten Ratgeber.
Wie stehst Du zu einer Konzertabsage diesbezüglich?
Tja, wie ich zum jetzigen Zeitpunkt zu einer Konzertabsage stehe, ist nicht einfach zu beantworten. Die Untersuchungen laufen ja derzeit noch und der Sachverhalt muss erst restlos geklärt werden. In einem solchen Fall ein Konzert abzusagen, wäre juristisch gesehen vermutlich eine komplexe, annähernd unlösbare Sache. Denn wer zahlt bei einer Absage des „Millionenunterfangens Rockkonzert auf Großbühne“ wann, an wen was und warum (nicht)…
Hinzu kommt, dass ich mir als Musikerin und Autorin oft selber die Frage stelle, was mir in meiner Kunst wichtig ist. Was möchte ich mit meiner Kunst erreichen und/oder ausdrücken. Es sind jedenfalls Dinge, hinter denen ich als Person stehen kann. Dinge, die mein Herz berühren und die ich gerne weitergeben möchte. Frauenverachtende Texte und Gewaltverherrlichung als rein künstlerische Provokation anzusehen, fällt mir daher sehr schwer.
Was hast Du selbst erlebt als Musikerin und Fan?
Ich bemerke, dass mir vor allem meine männlichen Musikerkollegen heute mit mehr Respekt begegnen als noch in jungen Jahren. Das sehe ich eindeutig als Vorteil an, gerade in der Musikbranche. Meist werden Vorschläge/Ideen ernst genommen. Auch ein „nein“, egal in welchem Bereich, wird eher akzeptiert.
Untergriffige sexuelle verbale Anspielungen und “Vergriffe“ im Ton in der Orchester- und Ensemble-Hierarchie von oben nach unten habe ich des Öfteren in meinem direkten Umfeld erlebt. Jede einzelne hat mich befremdet und angewidert, selbst dann, wenn ich nicht selber betroffen war.
Heute mache ich allerdings mein „eigenes Ding“ mit Soloauftritten zu Lesungen, Vernissagen, genreübergreifenden (Musik-)Projekten etc. Daher bin ich auch weniger von anderen abhängig und mein eigener Chef. Diesbezüglich sicher kein Nachteil…
Wie sieht es in der klassischen Musik bezüglich Machtmissbrauch und sexuellen Übergriffen aus?
Ein heikles Thema. Da wir in der Klassik mit unseren Konzerten nicht die gleiche Reichweite haben, wie im Rock/Popbereich, gibt es meist auch nicht denselben Hype. Doch auch wenn unsere Töne leiser sind, ist der Bereich der Klassik ebenso keine Insel der Seligen.
Was braucht es in der Musikbranche für alle Beteiligten?
Ich glaube dennoch, dass wir insgesamt auf dem richtigen Weg zu mehr Sensibilität im Umgang mit heiklen Themen wie sexueller Gewalt und Machtmissbrauch sind. Und dass die ganze Diskussion nicht wie ein Gewitter einfach wieder „vorbeizieht“. Dass junge Frauen sich endlich in die Öffentlichkeit trauen und wenigstens zum Teil auf offene Ohren und Unterstützung stoßen, ist zumindest ein gutes Zeichen. Wenn auch immer noch erst der Anfang eines dringend benötigten Umdenkens und einer neuen Bewusstseinsbildung in der Musikbranche.
Tanja Scheichl-Ebenhoch, Musikerin, Autorin und Pädagogin
Interview: Tanja Scheichl-Ebenhoch, Musikerin, Autorin und Pädagogin
Liebe Insa Segebade, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich vermeide bewusst, gleich morgens Emails zu lesen oder Nachrichten zu hören. Die ersten Stunden des Tages sollen ganz mir gehören, ich schirme mich vom Außen ab. Nach einem ersten Spaziergang mit dem Hund – Irlanda, ein ehemaliger Straßenhund aus Sizilien – wird der Vormittag zum Schreiben genutzt, zum Versinken in fiktive Welten, die doch auf den zweiten Blick sehr real sind, nur in ihren einzelnen Ebenen etwas verschoben.
Die Wirklichkeit hält dann ab dem Nachmittag wieder konkreter Einzug – mit Nachrichten, der Arbeit im Garten (wie herrlich, mit bloßen Händen in der Erde zu wühlen), meinen Studierenden von der Hochschule Emden, dem Schreiben von Artikeln. Letzteres beschränkt sich seit ein paar Jahren auf Fachartikel übers Schreiben, die Literatur. Vom Tagesjournalismus habe ich mich schon vor längerer Zeit verabschiedet.
Insa Segebade, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Den Blick für das Schöne nicht zu verlieren. Und das gibt es nach wie vor. Überall. In der Kunst. In der Natur. Im Alltag, in flüchtigen Momenten. Vor ein paar Tagen beispielsweise fuhr ich auf dem überfüllten Stadtring von Antwerpen. Von links überholte mich ein Kleinlaster, für ein paar Sekunden war er auf gleicher Höhe mit meinem roten Peugeot. Ich sah den Beifahrer, der zu mir herüberblickte und lächelte. Ich lächelte zurück. Gerade noch rechtzeitig bevor der Kleinlaster an mir vorbeizog. Dieses kurze Lächeln eines Fremden, den man vermutlich nie wieder sieht, begleitete mich den ganzen Tag – und auch jetzt, während ich diese Zeilen schreibe, zaubert mir die Erinnerung daran wieder ein kleines Lächeln ins Gesicht.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Der Literatur, der Kunst an sich kommt dabei eine ganz elementare Rolle zu. Da ist zum einen die Kraft der Phantasie, die über der Wahrnehmung der Realität stehen kann. Dabei muss ich gerade an Marcel Proust denken, der schrieb: „… es ging mir wie denen, die sich auf die Reise begeben, um mit eignen Augen eine Stadt ihrer Sehnsucht zu schauen, und sich einbilden, man könne der Wirklichkeit den Zauber abgewinnen, den die Phantasie uns gewährt.“ („In Swanns Welt“) Das soll jetzt kein Aufruf dazu sein, allein in der Phantasie zu leben, aber regelmäßige Ausflüge in diese können neue Energie schenken. Nicht vergessen dürfen wir zum anderen, dass die Phantasie sich ja auch aus der Realität speist, die durch sie zu einem formbaren Material wird. Sie lässt uns Dinge aus anderen Blickwinkeln sehen, was tröstend und heilsam sein kann, aber auch neue Lösungswege offenlegen kann.
Was liest Du derzeit?
Ich lese gerade „Die schöne Stille. Venedig, Stadt der Musik“ von Elke Heidenreich. Hier kommen die zwei von Proust angesprochenen Elemente zusammen:Phantasie und Realität. Ich kenne die Stadt und hoffe, dort eines nicht mehr fernen Tages zu leben. Bis es soweit ist, kann ich mit Elke Heidenreich dorthin reisen. Ich weiß, wie gut es sich anfühlt, allein durch das nächtliche Venedig zu laufen, vor allem im Winter. Davon zu lesen, ist wie ein Katalysator für die Phantasie, die mich flugs an diesen wunderbaren Ort bringt, der niemals enttäuscht.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Von all den Dingen, die zu ihrem Troste wir ersannen, ist doch das Einzige, was funktioniert, die Morgendämmerung. Wenn Dunkelheit wie feiner Ruß der Luft entrieselt und mählich sich von Osten her das Licht ausbreitet, regt selbst im jämmerlichsten aller Menschenkinder sich frisches leben.“
(aus: John Banville „Unendlichkeiten“, übersetzt von Christa Schuenke)
Vielen Dank für das Interview liebe Insa und viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Insa Segebade, Schriftstellerin
Zur Person:Insa Segebade, geboren 1969 in Leer, hat Literatur und kreatives Schreiben bei Hanns-Josef Ortheil sowie Musik an der Universität Hildesheim studiert. Sie ist ausgebildete Sängerin und hat klassischen Gesang bei Dörte Blase sowie Jazzgesang bei Elena Brandes und Nanni Byl studiert. Als Stipendiatin der Hans-Böckler-Stiftung hat sie am Musikinstitut der Universität Hildesheim darüber promoviert, wie Rockstars im Spielfilm und in Printmedien dargestellt werden. Mit Rockmusik beschäftigt Insa Segebade sich schon seit langem – nach einem längeren Aufenthalt in Paris war sie im Musikmanagement tätig, hat Tourneen organisiert und begleitet. Seit 1999 arbeitet Insa Segebade hauptberuflich als Schriftstellerin, Journalistin und Dozentin für kreatives Schreiben an verschiedenen Hochschulen u.a. Bildungseinrichtungen im In- und Ausland.
Lieber Jürgen Polinske, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Aufstehen, Wetterlage checken (vor der Haustür durch Augenschein und in der politischen Welt per Internet), mich mit Kaffee dopen und dann je nach Wochentag und Uhrzeit unterschiedlichsten kulturellen, gesellschaftlichen Aktivitäten* nachgehen, wenn möglich eine kreative Mittagsruhe nur für mich einhalten, Entspannung im Grünen suchen und zum Tagesausklang in einen friedlichen Schlaf finden
*in Literaturkreisen, Malgruppen, Bürgerinitiativen, Förderung und Mitarbeit in verschiedensten Vereinen
Jürgen Polinske, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Frieden, Frieden, Frieden.
Keinerlei Waffenlärm, nirgends in der Welt
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Wüchsen weltweit das Bewusstsein der Menschen, Bildung, der Wissensstand zu Zusammenhängen, dürfte ich optimistischer in die Zukunft schauen.
Literatur und Kunst können ziemlich viel: informieren, sensibilisieren, konfrontieren, polarisieren, schockieren, Augen öffnen für Hintergründe, Ursachen, Zusammenhänge.
Was liest Du derzeit?
Lyrik, Lyrik und immer noch Lyrik von alten und neuen Freundenaber auch Sachliteratur zu politischen, ökonomischen, kulturellen Entwicklungen.
(„Die Farbe der Ferne“ und mehrfach Daniela Dahn)
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Mir zum Nutzen, Niemandem zum Schaden oder Was du nicht willst, was man dir tu, das füg auch keinem andern zu.
Vielen Dank für das Interview lieber Jürgen und viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Jürgen Polinske, Schriftsteller
Zur Person: Jürgen Polinske, 1954 in Potsdam geboren, 1973 Abitur NVA, Kristallographiestudium (nicht beendet), Dienst an der Staatsgrenze der DDR Fachschulstudium, Bibliotheksfacharbeiter, verheiratet, zwei Kinder. Von 1990 bis April 2018 Obermagaziner der Zentralen Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin, jetzt Rentner
Werke:
„in guter Gesellschaft“
„stürmische Umarmung“
„Infinitamente Azul y Sabor a Cacao / ursprüngliches Blau und Geschmack von Kakao“
“Am Ende der Siesta / AlFinal de la Siesta“
„Erborgtes Licht mit geborgten Worten von den Brüdern Humboldt“ Gedichte / mehrsprachig
„Dos huellas en el agua / zwei Spuren im Wasser ; collección Plegar orillos2
Frühe Veröffentlichungen und erste Artikel schon in der Schulzeit; Später verstärkt Lyrik in Zeitschriften wie „neues leben“, in verschiedenen Anthologien während der Armeezeit, in diversen Zeitungen wie z.B. „Hellersdorfer“, „Humboldt“
Seit 1998/99 öfter in Anthologien u.a.
– Nationalbibliothek des deutschsprachigen Gedichtes, ausgewählte Werke
– der Anthologie der Frankfurter Bibliothek der Brentanogesellschaft
– die Literareon Lyrik Bibliothek
– „seltenes Spüren“, „So weit so grün“
sowie in spanischsprachigen Anthologien: „palabras de la tierra“ ; „El abrazoo del Nogal de Daimuz / Antologia Lorquiana“; „Letras de Babel 4“ ; für das 1. Internationale Festival der Poesie für den Frieden in Paris vom 19.09. bis 23.09.2007 miterarbeiteten Anthologie „… am Leben gewinnen wir“ des Karlshorster Dichterkreises
Herausgeber mehrerer Anthologien zur internationalen Dichterbegegnung „Cita de la Poesia“; „was wir zu sagen haben“, „Arboretum“; „Dulcinea lebt, Herr Quijote“ ; „brennen auf den Nägeln und der Seele“; „LiebeSünde – Amor Pecado“; „Unter Kiefern und Königspalmen – Entre Pinos y Palmeras“ (dt.-kubanische Anthologie); „Ich will alles von der Welt“ zur 25. Cita und für Elisabeth Hackel, ihren letzten Gedichtband; „Tage ohne Geländer“; „Interrogantes del viento _ Fragen des Windes“ für Maria Nancy Sanchez Perez,
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6.4.2023_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Es ist ein ganz außergewöhnliches Leben zwischen Glanz, Glamour, Krieg und Tragik in Kunst, Wissenschaft wie Leben, das am 9.November 1914 in Wien seinen Anfang nimmt.
Hedwig Eva Maria Kiesler, in Hollywood nimmt sie Ende der 1930er Jahre den Künstlerinnamen Hedy Lamarr an, ist schon in ihrer Kindheit im großbürgerlichen Wiener Bezirk Döbling von Musik, Film, Kunst umgeben und ihr Weg führt bald in die Filmstudios und begeistert das Publikum. Dabei scheut sie es nicht, Tabus zu brechen. Ihre Nackt-, wie Liebesszenen in „Symphonie der Liebe“ (Ekstase) von 1933 werden zum Skandal und sorgen für Aufsehen über Jahrzehnte hinweg.
Berühmt wird die Tochter des Präsidenten des Wiener Bankvereins und einer Konzertpianisten, die Ende der 1930er Jahre emigriert, auch mit der Erfindung eines Frequenzsprungverfahrens, im Zweiten Weltkrieg zur Torpedosteuerung gedacht, das auch weltweite spätere Anerkennung der Wissenschaft erhält wie vielfältige Verwendung in der modernen Kommunikation bis heute findet.
So weit die großen faszinierenden Lebenslinien, denen die Wiener Autorin und Kuratorin, Michaela Lindinger, folgt und viele spannende Details des „Mythos Hedy Lamarr“ ans Licht bringt.
Großes historisches Fachwissen zu Zeit und Leben verbinden sich mit mitreißender Erzählform, die von Beginn an begeistert und gleichsam einem Leben in Licht und Schatten wie auf der Leinwand fasziniert folgen lässt. Viele Fotos geben zudem einmalige persönliche Einblicke in ein in vielem unbekanntes wie geheimnisvolles Leben.
„Eine Biographie als ganz großes Kino von Kunst und Leben zwischen Glamour und Tragik!“
Im Gedenken an Louis-Ferdinand Céline und Joseph Conrad, die beide in Kolonialismus und Imperialismus die Triebfedern für Kriege erkannten und in ihren Romanen den Höllensturz des modernen Menschen schilderten.
Sophia Lunra Schnack, Schriftstellerin_ Wien _ am Wohnort Ingeborg Bachmanns in Wien_ 50.Todesjahr_Ingeborg Bachmann_Schriftstellerin (25.Juni 1926 Klagenfurt – 17.Oktober 1973 Rom)Erste Wohnung Ingeborg Bachmanns in Wien_ sie kam 1946 in Wien an und lebte zunächst in der Wohnung ihres Onkels in Wien/Alsergrund Sophia Lunra Schnack, Schriftstellerin_ Wien _ am Wohnort Ingeborg Bachmanns in Wien_ 50.Todesjahr_Ingeborg Bachmann_Schriftstellerin (25.Juni 1926 Klagenfurt – 17.Oktober 1973 Rom)Sophia Lunra Schnack, Schriftstellerin_ Wien _ am Wohnort Ingeborg Bachmanns in Wien_ 50.Todesjahr_Ingeborg Bachmann_Schriftstellerin (25.Juni 1926 Klagenfurt – 17.Oktober 1973 Rom)
Liebe Sophia Lunra Schnack, wir sind hier im Wiener Wohnhaus von Ingeborg Bachmanns erster vorübergehender Unterkunft.
Ingeborg Bachmann kam hier als Studentin, Schriftstellerin am 9.10.1946 an und wohnte hier vorübergehend bei einem Onkel väterlicherseits bis 18.10.1946, danach zog sie eine Untermietwohnung.
Es ist für Dich, liebe Sophia, ein besonderer Tag, da Du heute Deinen ersten Roman („feuchtes Holz“ Otto Müller Verlag 8/2023) in der Endfassung beim Salzburger Otto Müller Verlag einreichst. Welche Gedanken bewegen Dich und welche Eindrücke nimmst Du vom Wohnhaus auf?
Jetzt, wo du mir die genauen Daten nennst, kommen mir sofort zwei Oktobertage, die für mich und mein Debüt „feuchtes holz“ eine Rolle spielen: der 19. Oktober 1944, an dem der Zwillingsbruder meines Großvaters gefallen ist. Und der 15. Oktober 2017, an dem mein Großvater gestorben ist. Die Wochen vor seinem Tod hat er immer öfter nach seinem Bruder gefragt. Nach seinem Leben, also wo er denn sei. Jedes Jahr um diese Zeit habe ich aufs Neue den Eindruck, das jeweilige Sterben nochmals zu spüren. Dass das fast genau der Zeitspanne entspricht, in der Ingeborg Bachmann hier gewohnt hat, füllt diese Tage gerade mit Lebendigkeit: zu allererst sehe ich den blühenden Flieder im Innenhof, die Tropfen darauf, die der Regen kurz vor unserem Besuch hinterlassen hat. Wie eine Lupe, in der sich deine Linse und meine Pupillen gespiegelt haben. Durch die Regenluft hat der Flieder besonders intensiv gerochen. Und dann ist da dieser kleine weiße Kinderschirm an einem Fenster im ersten Stock lehnend, der uns aufgefordert hat, zu Bachmanns Wohnung hinaufzugehen.
Du wohnst hier in unmittelbarer Nähe. Was schätzt Du hier besonders, welche Besonderheiten gibt es in diesem Wiener Bezirksteil?
Die Lage ist super zentral und trotzdem fühle ich mich teils wie in einem Dorf. Ich habe rundherum meine Stammgeschäfte und gleich mehrere ganz großartige Stammkaffees, wo ich die Leute kenne und sie mich. Das genieße ich sehr, wenn alltägliche Wege ein bisschen persönlicher ablaufen. Es gibt Plätze und Ecken, an denen die Zeit stehengeblieben zu sein scheint, und es ist in Sommermonaten eine kühle Umgebung mit vielen Bäumen, teils sogar Brunnen. Da streifen dann auch ab und zu Füchse herum. Dass ich den Türkenschanzpark zu Fuß erreichen kann ist Luxus, zu jeder Jahreszeit. Zur Volksoper muss ich nur ein paar Mal umfallen. Und ich bin in meiner Altbauwohnung umgeben von MusikerInnen, da kann es schon einmal vorkommen, dass von oben, nebenan und unten die Saiten gestrichen werden. Wunderbar!
Wann bist Du hierher gezogen und wie war Dein Ankommen?
In das Haus bin ich im Sommer 2016 gezogen, in die jetzige Wohnung 2019. 2016 bin ich gerade aus der Provence zurückgekommen und war frisch mit meinem Studium fertig. Es war meine erste eigene Wohnung und ich war sofort verliebt: zum Beispiel in die Küche, in der gleichzeitig eine Duschkabine war, und in das kleine Zimmer direkt zum Innenhof mit Linden und Kastanien zum Angreifen nah. Das breite Fensterbrett, zwischen zwei Flügeln, ist sofort zu meinem liebsten Leseort geworden. In der jetzigen Wohnung habe ich auch so eines. Meine Katze hat natürlich auch sofort die Vorzüge dieses Zwischenraums erkannt, ich muss also immer schnell sein.
Welche Zugänge hast Du zu Werk und Leben von Ingeborg Bachmann?
Werk und Leben, bei Bachmann sind sie tatsächlich erschreckend nah verwoben. Wobei es ihr im Schreiben gelingt die Kräfte zwischen Höllenfeuer und Himmelsluft auszugleichen und rein sprachlich zu bändigen. In ihrem Privatleben ist ihr das nicht gelungen, da war ihre gewaltige Gefühlswelt stärker als sie. Nur im Schreiben hat sie sich über Wasser halten können. Sie sagte ja auch von sich selbst, dass sie nur im Schreiben existiere, diese existentielle Schreibnot spürt man in ihren Texten. Das überwältigt mich, dann macht es mir manchmal Angst.
Die zwei Mandarinen waren ein Begrüßungsgeschenk von Fatima (afghanische Gastfamilie in der ehemaligen Wohnung von Ingeborg Bachmann)
Was schätzt Du an Ingeborg Bachmanns Schreibens besonders?
Ob Lyrik oder Prosa, ihr Schreiben ist immer ein Spiegel grundlegender, zeitloser Fragen unseres Daseins. Und es ist immer eine Alternative zum Verstummen. Das heißt, eine Reaktion auf eine Realität, die man nicht wiedergeben, nur verschweigen oder neugestalten kann. Ihr Schreiben wählt die Neugestaltung, was aber nicht bedeutet, die Sprache an sich neu zu machen. Sie sucht nach einer neuen „Gangart“, wie es in den Frankfurter Vorlesungen heißt, hinter der ein „neuer Geist“ wohnen muss. Das heißt ein Sprachspiel, das rein innerhalb der Sprache bleibt, gibt es nicht bei Bachmann. Es geht immer um mehr, um neue Möglichkeiten der Welterfahrung, um Varianten von Wahrnehmung. Um ein Ringen mit dieser Sprache, mit der gerade SchriftstellerInnen in Konflikt stehen und sich nach einem Vertrauensverhältnis mit ihr nur sehnen. Mich fasziniert auch die lyrische Kraft ihrer Prosa: Klang, Rhythmus, tastendes Suchen nach Sprache bleiben in allen Gattungen, die Bachmann verfasst hat, zentral. Vielleicht hat das auch mit dem eben Gesagten zu tun und vielleicht auch mit der Tatsache, dass Bachmann ursprünglich Musikerin werden wollte.
Möchtest Du ein Gedicht, ein Prosawerk, Eine Rede hervorheben?
Wie man an der obigen Antwort merkt, bin ich absolut vernarrt in die Frankfurter Poetikvorlesungen Bachmanns. Als, Bachmann würde sagen, „immer noch junge“ Frau, ist mir in letzter Zeit speziell die Erzählung Das dreißigste Jahr nah gewesen. Vor allem die Gedanken über das Erinnern, das ab diesem Alter Eingang ins Leben findet. Davor lebt man in einem ewig zukünftigem Gegenwartsgefühl, entfernt sich von der Herkunft, spielt mit dem Leben, braucht nicht mit allen Fasern an ihm zu hängen und nimmt jedes Risiko an: „die Welt schien ihm kündbar, er selbst sich kündbar“. So rund um die 30 entdecken wir in uns „die Fähigkeit, sich zu erinnern“. Wir beginnen Bisheriges zu formen, zu reflektieren, uns mit manchen Dingen zu versöhnen und vielleicht das Leben als weniger dramatisch zu nehmen: „Er wirft das Netz der Erinnerung aus, wirft es über sich und zieht sich selbst, Erbeuter und Beute in einem, über die Zeitschwelle, die Ortschwelle, um zu sehen, wer er war und wer er geworden ist.“ Der Protagonist erwacht aus einem Dämmerzustand des Selbstverständlichen, fasst Vertrauen in die Poren auf seiner Haut, in den Salzgeschmack des Meeres… also in Dinge, der er „nicht beweisen“ muss.
Dein erster Roman erscheint im August des Jahres. Was ist der inhaltliche Schwerpunkt und wie kamst Du zum Thema?
Über den Geruch nach feuchtem Holz auf einer Brücke am See wird die Protagonistin an ihr nicht mehr stehendes Familienhaus erinnert. Sie ist zu Besuch am Ort ihrer Kindheit, durchwandert ehemalige Strecken und taucht so in vergangene Stimmen, Silhouetten und Berührungen ein. Gleichzeitig begreift sie, wie nicht verarbeitete Kriegstraumata ihrer Vorfahren in ihrem Körper, ihren Emotionen und Denkmustern fortwirken. Die Rückblicke vermischen sich dabei mit einer latenten Furcht vor Wiederholung. Vor allem die sinnlichen Ebenen rund um ein abgerissenes Familienhaus begleiten mich schon sehr lange. Dass es so stark um Spätfolgen von Krieg in der jetzt jungen Generation gehen würde, hätte ich allerdings nicht gedacht. Das ist erst beim Schreiben selbst entstanden. Und durch Aussagen meiner Großmutter in ihren letzten Lebensjahren verstärkt worden.
Ingeborg Bachmann kam von der Lyrik zur Prosa. Ist es auch bei Dir ein radikaler Formwechsel?
Eigentlich nein. Ich habe eher den Eindruck, dass die Form meines Romans eine Verlängerung meiner Lyrik ist beziehungsweise die Trennlinien absolut verschwimmen. Meine Prosa funktioniert auch sehr rhythmisch, visuell, sehr sinnlich und löst sich regelmäßig in Strophen auf. Das ist auch in meinem ersten Roman „feuchtes holz“ so. Es gibt Passagen, die narrativer funktionieren, andere, die sehr lyrisch aufgebaut sind. Mir geht es um einen stetigen Tempowechsel. Die Lyrik dehnt Zeit, hält einen Raum an, der sich nicht nach vorne bewegen muss. Die narrativeren Passagen sorgen für Fluss, ein Vorankommen, ohne sie würde der Romanraum zu weit, haltlos werden.
Was ist Dir im Schreiben wichtig?
Sich ständig neu zu verlieben. In einzelne Worte, ihren Klang, ihre Materialität. Ich hebe diese dann auch gern visuell hervor, lasse weißen Raum um sie, das Gewicht soll, in aller Leichte, auf ihnen liegen. Deswegen bleibt wohl auch meine Prosa lyrisch, als hätte ich Angst, dass die Tragweite einzelner Worte, ihrer Beziehungen, in einer vorwärtsstrebenden Narration nicht vollends ausgekostet werden könnte. Schreiben bedeutet für mich, nicht zu fabrizieren. Das heißt, sich von Worten tragen, weiterführen zu lassen. Es ist ein Weiterspinnen voller Unsicherheiten. Ich gehe natürlich von einem Bild, einem Thema, einer Stimmung aus, die geben Richtung. Aber nicht mehr als Richtung. Zu viel im Voraus zu planen würde mein Interesse am Text verhindern, dann würde in mir das Gefühl entstehen, nur mehr vorgezeichnete Schablonen auszumalen.
Wie wichtig sind für Dich Orte im Schreiben?
Radikal bis zwanghaft wichtig. Letztendlich fange ich in jedem Text, ob jetzt in meiner Prosa oder Lyrik, Orte in ihren Stimmungen, Begegnungen, Gerüchen oder Bedeutungen zwischen Individuum und Kollektiv ein. Mein Deütroman ist eine tiefe Auseinandersetzung mit allen Dimensionen, die ein Ort aus der eigenen Kindheit für einen persönlich aber auch als Spiegel von Weltgeschehen annehmen kann. Hier war auch ein ganz konkreter Ort zentral für das Schreiben, nirgends sonst hätte es stattfinden können.
Welchen Eindruck hast Du hier vom ersten Wohn- und damit auch Schreibraum Ingeborg Bachmanns bzw. der Wohn- Schreibumgebung hier?
Die Wohnung liegt sehr ruhig, ganz am Ende des Ganges im ersten Stock. Das Wohnzimmer hat zwei große Fenster. Licht und Stille, schon einmal zwei sehr gute Voraussetzungen. Ich frage mich, wie viel Ingeborg Bachmann hier tatsächlich geschrieben hat. Und was. Briefe sicher. Vielleicht ja auch über den Magnolienbaum, der etwas weiter unten in der Severingasse einen ganzen Innenhof füllt? Gegeben hat es ihn damals wohl schon. So wie viele andere versteckte Ecken, von denen man trotzdem zu Fuß schnell im Zentrum sein kann.
In der Wohnung lebt nun eine afghanische Flüchtlingsfamilie. Welche Erinnerung hast Du jetzt an den Besuch, die Begegnung?
Ich denke sofort an die zwei Mandarinen, die wir von Fatima, der jetzigen Bewohnerin der Wohnung, geschenkt bekommen haben. Sie haben die sprachlose Kommunikation mit ihr eingeleitet, ihr Willkommenheißen aus Blicken und Berührungen. Ich bin fast froh, dass wir uns in keiner Sprache unterhalten konnten. Es ist so ein ganz anderer Raum entstanden, man musste sehr genau hinsehen, sehr direkte Zeichen setzen. Ich nehme ihre Herzlichkeit mit, das viele Lachen und die von Fatimas Sohn mit Buntstift bemalten Wände.
Was inspiriert Dich im Schreiben?
Alles Lebendige. Das klingt jetzt sehr allgemein, aber auf die Frage, was brauchst Du im Leben, würde dieselbe Antwort kommen. Das Schlimmste ist innere Abgestumpftheit, der Verlust von Lebendigkeit. Dann bleibt eine Hülle, die ein- und ausatmet, bestehen bleibt, aber nichts ein- und auslassen kann, innerlich also in sich zusammenfällt. Das Lebendige ist immer mehr Aufwand, als das Unlebendige. Und viel riskanter. Und genau das interessiert mich: im Schreiben das Risiko radikal anzunehmen und bis zum Ende zu gehen. Diese Gratwanderung ohne Kompromiss, wie in einer Liebesbeziehung.
Wie, wann schreibst Du?
Neues schreibe ich am liebsten am Vormittag. Gleich nach dem Aufstehen. Da bin ich noch nicht geformt vom neuen Tag, noch nicht beeinflusst von äußeren Ereignissen. In diesem noch unangetasteten Zustand bin ich am durchlässigsten für den Text an sich, bevor neue Eindrücke sich über ihn und mich legen. Das ist eine sehr heikle, fragile Zone, die mit einer falschen Begebenheit für den restlichen Tag verschwinden kann. Beim Überarbeiten ist es flexibler, das kann ich zu jeder Tageszeit und eigentlich auch recht unabhängig von inneren und äußeren Zuständen.
Darf ich Dich abschließend zu einem Ingeborg Akrostichon bitten?
I nnerlich dieses
N agen an
G gewohnheit das dich
E rpresst
B estehen vorspielt bis zur
O hnmacht aus der du
R ingst dann darüber
G leitest
Liebe Sophia, vielen Dank und viel Erfolg für Deinen Roman!
Sophia Lunra Schnack, Schriftstellerin_ Wien _ am Wohnort Ingeborg Bachmanns in Wien_ 50.Todesjahr_Ingeborg Bachmann_Schriftstellerin (25.Juni 1926 Klagenfurt – 17.Oktober 1973 Rom)
Station bei Bachmann_Wien
im Interview und Fotoportrait_
Sophia Lunra Schnack, Schriftstellerin_Wien
Sophia Lunra Schnack, Schriftstellerin_Wien
Zur Person_Sophia Lunra Schnack, geboren 1990, lebt und schreibt überwiegend in Wien. Veröffentlichte bislang Lyrik und (lyrische) Prosa u. a. in den „Manuskripten“, in der „Poesiegalerie“, in „Das Gedicht“ oder in den „Signaturen“. Die Autorin schreibt auf Deutsch und Französisch. Immer wieder sucht sie eine klanglichatmosphärische Annäherung zwischen den beiden Sprachen.
2022 erhielt sie den rotahorn-Literaturförderpreis. Seit 2023 leitet sie einen Lyrikblog für „Das Gedicht“ (Hg. Anton Leitner).https://www.sophialunraschnack.com/