Lieber Reinhard Bottländer, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich bin tagsüber in Therapie. Danach ruhe ich mich aus oder/ und übernehme Aufgaben, die ich bewältigen kann.
Reinhard Bottländer, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Es gibt drei große Ziele:
Der Frieden in Europa muss wieder hergestellt werden.
Das Klimaproblem muss gelöst werden.
Die Immigration muss human geregelt werden.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Alle Probleme sollten mit Ruhe und Entschlossenheit angegangen werden. Dabei sollte man nicht die Menschlichkeit aus dem Blick verlieren. Immer wieder darauf hinzuweisen, ist zurzeit die vornehmste Aufgabe von Kunst und Literatur.
Was liest Du derzeit?
Das Geheimnis (The secret) von Rhonda Byrne
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Die andere Welt
Hörst Du die vielen Raben?
Menschen
Auf berstendem Feld
Hörst du den Schrei der Armut?
Jammern
Rund um die Welt
Knebel
Entsetzen
Bombengedröhn
Klagen
Es nimmt kein Ende
Dürre
Kadaver
Elend zu seh`n
Haut und Knochen
Hände!
Überall
Siechtum und Tod!
Überall
Hunger und Leid!
Endet niemals der Ärmsten Not?
Heut` nicht?
Und nicht mit der Zeit?
Karin und Reinhard Bottländer, Lesung
Vielen Dank für das Interview lieber Reinhard, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Reinhard Bottländer, Schriftsteller
Zur Person_Reinhard Bottländer wurde 1948 in Bochum geboren. Im Alter von 17 Jahren nahm er seinen Dienst bei der Polizei des Landes Nordrhein-Westfalen auf. Von der Schutzpolizei wechselte er im Jahr 1972 in den Kriminaldienst. Während dieser Zeit arbeitete er auch immer wieder in verschiedenen Mordkommissionen mit. Im Rahmen der Neuorganisation der Polizei im Jahr 1994 wechselte er in die Führungsstelle der Polizeiinspektion Bochum-Mitte, bis er Ende des Jahres 1999 wegen einer schweren Krankheit vorzeitig aus dem Dienst ausschied. Eine zweite schwere Krankheit im Jahr 2020 hinterließ erhebliche motorische Defizite und beeinträchtigt seine schriftstellerische Arbeit seitdem erheblich.
Von 1978 bis 1988 wurden mehrere Kinder-und Jugendbücher von ihm in verschiedenen Buchverlagen veröffentlicht. Es gab Anthologiebeiträge und Rundfunksendungen. Kurzgeschichten wurden in Schulbüchern und Zeitungen abgedruckt.
Er ist Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller NRW (VS) , Friedrich-Bödecker-Kreis NRW und im Verein zur Förderung der deutschsprachigen Kriminalliteratur „Das Syndikat e.V“.
Reinhard Bottländer lebt mit seiner Frau Karin in Castrop-Rauxel.
Da Kärnten für lange Zeit sein zweites Zuhause war, ist die Handlung seines 3. Kriminalromans (Balkan Connection – Die Spur führt nach Feldkirchen) auch dort angesiedelt. Näheres dazu erfährt man über Google und Wikipedia
Liebe Cathrin Block, wie sieht Dein Tagesablauf aus?
Ich lebe allein, meine Kinder haben längst eigene Familien. Ich lasse den Tag langsam angehen. Irgendwann setze ich mich dann an meinen PC und schreibe weiter an meinem zweiten Roman „Der Fühlweber – Öl der Hüterin“. Im Moment allerdings kümmere ich mich auch um den ersten Roman „Der Fühlweber – Asche des Feindes“, der 2022 erschien. Ich schreibe Buchblogger an, poste in den Social Media und blogge selbst (www.startnext.com/fuehlweber), alles mit dem Ziel, das Buch bekannt zu machen.
Des Weiteren treffen sich bei mir einmal im Monat RomanschriftstellerInnen und tauschen sich bei Kaffee und Kuchen über ihre Projekte aus. Und ich layoute regelmäßig den Lokaleinleger einer Straßenzeitschrift.
Cathrin Block, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Vor allem Ruhe bewahren.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaft[1]lich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ja, wir müssen uns auf Veränderungen einstellen. Aber ich glaube, es war Descartes, der einmal gesagt hat: „Nicht alles, was anders wird, wird gut, aber damit es besser wird, muss sich vieles ändern.“ In diesem Sinne kann auch die Literatur ihren Beitrag leisten, indem sie nur nicht düstere Dystopien liefert, sondern auch aufzeigt, wie wir solche Veränderungen nutzen können.
Was liest Du derzeit?
„Feeleo“, den Roman meiner besten Freundin (noch nicht veröffentlicht). Bei einem Feeleo wird eine Handlung so produziert, dass der Konsument das Abenteuer nicht nur am Bildschirm oder mit einer Videobrille verfolgt, sondern sein Gehirn mithilfe einer bestimmte Technik in das des Protagonisten einklinkt und so das Abenteuer selbst erlebt…
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Das Zitat, welches ich oben schon genannt hab:
„Nicht alles, was anders wird, wird gut, aber damit es besser wird, muss sich vieles ändern.“
Vielen Dank für das Interview liebe Cathrin, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Rudi de Mello, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Als freischaffender Künstler arbeite ich parallel an mehreren Projekten, bei denen ich mehrmals täglich unterschiedliche Positionen einnehmen und flexibel die „Seiten wechseln“ können muss: vom Regisseur zum Schauspieler, vom Produktionsleiter zum Autor und Dramaturgen.
Bei all den professionellen Verpflichtungen, den gewissensbissigen Deadlines, der nie zu Bett gehenden Kommunikation und der Koordination des Chaos, versuche ich dem verlockend klingenden, aber dann letztendlich doch eher trockenen, steuerrechtlichen Begriff des „freischaffenden Künstlers“ Fleisch und Sinnlichkeit zu verleihen: jeden Tag suche ich in allen Tätigkeiten Frei-Räume, um schöpferisch sein zu können. Das macht für mich die Attraktivität eines solchen Tagesablaufs aus.
Rudi de Mello, Schauspieler, Regisseur, Autor und Dramaturg
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Wir sollten jetzt nicht vergessen, dass wir bei all der Unterschiedlichkeit, auf die wir uns bezüglich unserer Meinung, unserer Herkunft, unserer Religion, unseres Geschlechts und unserer Sexualität berufen, letztendlich alle „nur“ Menschen sind. Positiv ausgedrückt: Für sehr wichtig halte ich das Besinnen darauf, dass wir im Denken, Fühlen, Wollen und Hoffen mehr Gemeinsamkeiten haben als Unterschiede oder dass uns zumindest als Spezies eine Dramaturgie der Koordinaten „Denken“ – „Fühlen“ – „Wollen“ – „Hoffen“ definiert. Diese Art von Verbundenheit ist eine wunderschöne und aufregende Sache, wie ich finde.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ich beobachte zurzeit im Weltgeschehen einen salonfähig gewordenen aufklärerischen Impetus, die Aufklärung austreiben zu wollen. Und ich hoffe, dass uns das eines Tages nicht um die Ohren fliegen wird. Und das vielleicht sogar früher noch als all die prognostizierten, den Menschen in seiner Existenz bedrohenden Katastrophen. Der gerade sehr präsente Widerspruch, dass sich die Aufklärung selbst aushebelt, reiht sich ein in die Liste der vielen Widersprüche im menschlichen Dasein. Und Kunst war seit jeher sehr gut darin, latente Widersprüche im menschlichen Dasein sinnlich erlebbar zu machen.
Bedenklich finde ich daher die derzeitige, selbstverständlich gewordene Instrumentalisierung der Kunst durch das Politische, bei der die Kunst beginnt, eine politische Rolle zu spielen. Kunst sollte in diesem Sinne keine Rolle spielen, sondern sollte, nicht nur im Theater, Rollen spielen und unterschiedliche Perspektiven als ästhetisches Erlebnis aufeinanderprallen lassen. Kunst ist weder ein psychologisches noch ein soziales noch ein politisches Heilmittel. Kunst löst keine Widersprüche, sondern macht sie erst sichtbar.
Was liest Du derzeit?
Derzeit lese ich C. G. Jungs Texte über die Archetypen, Texte über die Genese der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm und Texte zur Mythen-Theorie, da ich mitten in einem künstlerischen Rechercheprojekt stecke, das vom Fonds Darstellende Künste gefördert wird: In „MetaMythos“ gehe ich im urbanen Raum Berlins auf die Jagd nach „neuen“ und noch verborgenen Archetypen, die ich in den Träumen der Großstadtbewohner:innen, in sogenannten „urban legends“ und in mündlich überlieferten Gutenacht- und Lagerfeuergeschichten suche. Daher lese ich gerade auch sehr viele interessante Träume und noch nie gehörte, märchenhafte Geschichten und hoffe, in den kommenden Monaten noch sehr viel mehr davon lesen zu können.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Wer hohe Türme bauen will, muss lange beim Fundament verweilen.“ – Aristoteles
Vielen Dank für das Interview lieber Rudi, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater-, Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Rudi de Mello, Schauspieler, Regisseur, Autor und Dramaturg
Zur Person_Rudi de Mello, 1981 in Havanna (Kuba) geboren, lebt in Berlin. Er absolvierte ein Studium der Philosophie, Kunstgeschichte und Vergleichenden Literaturwissenschaft an der TU Berlin. Seit über 20 Jahren ist er international als Schauspieler, Regisseur, Autor und Dramaturg an verschiedenen Theatern und Kulturinstitutionen tätig. Er ist leidenschaftlicher Lyriker, erdenkt und organisiert Lesungen (u.a. ÜBERGÄNGE, UNTERFÜLLE) und liest selbst auf Lesungen (u.a. bei Textur 4: UNTERWEGS).
Schauspiel: u.a. AMERIKA! (PARKAUE – Junges Staatstheater Berlin, 2009), EinzigArtig (Museum für Naturkunde Berlin, 2017) / Dramaturgie: u.a. Thinking Out Of The Shadow – Das Platon-Projekt (HAU, 2014), Rom*nja City Reloaded (Volksbühne Berlin, 2022) / Regie: u.a. Dead. End. Paradise. – Dantes Göttliche Komödie (jtw spandau, 2019), POPOL VUH (jtw spandau, 2020).
Foto_privat.
6.6.2023_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Liebe Esther Ben Mohamed, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Seit zwei Monaten bin ich wieder eine Hundefreundschaft eingegangen, so dass der Morgen zumindest strukturiert ist. Vor dem Frühstück machen wir den ersten gemeinsamen Spaziergang, hinterher habe ich viel Zeit, am Frühstückstisch zu sitzen und den Tag langsam angehen zu lassen. Oft kommen dann auch die besten Ideen zum Schreiben.
An den Nachmittagen unterrichte ich, teilweise fahre ich zu den Schülern, nehme den Hund mit und mache mit ihm hinterher kleine „Entdeckungstouren“.
Es bleibt immer noch genügend Zeit für Gartenarbeit, Pflege unseres alten Bauernhauses in Lothringen, zum Cello oder Flöte üben, je nachdem, was ich gerade vorbereite.
Esther Ben Mohamed,Musikerin und Autorin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich träume davon, dass es sowas wie einen Weltfrieden geben kann, dass alle Menschen sich achten, füreinander da sind, miteinander kommunizieren, alten Streit schlichten, sich vergeben, und dass Politiker alte Machtstrukturen aufheben und eine Gerechtigkeit in der Welt schaffen – einen Ausgleich zwischen arm und reich, dass alle Menschen leben können ohne hungern und leiden zu müssen.
Mir kam dieses Bild des Weltfriedens bei einem Besuch in Metz in der Vorweihnachtszeit. Die bunt geschmückten Fenster wirkten auf mich wie kleine Friedensbotschaften.
Auch könnten wir uns dann in Ruhe um unsere Mutter Erde kümmern und Großkonzerne, die Menschen nur für ihre Interessen ausnutzen, hätten gar keine Chance mehr zu existieren.
Erschütternd, was unserer Erde zugemutet wird, dass der Mensch seinen eigenen Planeten vernichtet. Ob es schon zu spät ist oder haben wir noch eine Chance, unseren Planeten zu retten?
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
In der Kunst haben wir die Möglichkeit, auf Missstände und Ungerechtigkeiten hinzuweisen, zu benennen, vor welcher Aufgabe wir stehen, um eine lebenswerte Welt zu erschaffen.
Wir können uns zusammentun als Hoffende, die mit guten Gedanken Impulse in die Welt setzen, die etwas Positives bewirken. Je mehr Hoffende es gibt, desto größer ist die Chance, unseren Planeten zu erhalten.
Vor Kurzem habe ich bei einer Sammlung von Texten mitgemacht zum Thema: …und trotzdem Hoffnung…
Die Auseinandersetzung mit den Kriegen, die immer irgendwo auf der Welt wüten, mit der Missachtung von Menschenrechten, mit Fremdenhass und der Gewalt – all das hat uns Schreibende verbunden und uns gegenseitig Kraft gegeben, die wir auf diese Weise in die Welt hinausschicken konnten.
Wenn wir bereit sind, uns zu verschenken mit dem, um was wir uns bemühen, kann Liebe entstehen. So können wir die Welt gemeinsam künstlerisch gestalten mit Worten, Bildern oder Melodien, die zu Herzen gehen.
Was liest Du derzeit?
Von John O’Donohue „Echo der Seele“.
Ich freue mich immer, wenn ich in einem Buch Antworten auf meine eigenen Lebensfragen bekomme.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Aus „Echo der Seele“:
„Jeder Tag, der uns geschenkt wird, ist angefüllt mit einer scheuen Anmut göttlicher Zärtlichkeit…
Jeder Tag ist eine geheime Geschichte, gewoben um das strahlende Herz des Wunders.“
Vielen Dank für das Interview liebe Esther, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musik-, Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Esther Ben Mohamed,Musikerin und Autorin
5 Fragen an Künstler*innen:
Esther Ben Mohamed,Musikerin und Autorin
Zur Person_Esther Ben Mohamed, Musikerin und Autorin, geboren in Hamburg, studierte Musikpädagogik in Saarbrücken und lebt mit ihrem Sohn und ihrem Hund in Lothringen. Sie unterrichtet Querflöte und Klavier, mit 50 Jahren hat sie noch angefangen, Cello zu lernen. Als Autorin veröffentlichte sie ihre Biografie „Das Leben ist ein reines Ausprobieren“ sowie den Gedichtband „Ich habe Liebe gefunden.“ Sie nahm an mehreren Anthologien teil und schreibt fast täglich Lyrik und Gedichte.
Foto_privat.
5.6.2023_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ich bin der Ansicht, dass Kunst stets eine Auseinandersetzung mit Welt ist und diese daher auf irgendeine Weise reflektiert. Darüber hinaus glaube ich, dass sie, im Kleinen zumindest, transformative Potentiale besitzt, die uns verblüffen, erstaunen, lernen lassen, verwirren und entsetzen können.
Was liest Du derzeit?
Jean Baudrillard – Warum ist nicht alles schon verschwunden?
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Die Spezies Mensch ist zweifellos die einzige, die einen spezifischen Modus des Verschwindens erfand, der nichts mit dem Naturgesetz zu tun hat. Vielleicht sogar eine Kunst des Verschwindens.“
Vielen Dank für das Interview lieber Lukas, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunst-, Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Zur Person_Lukas Gwechenberger ist Medien- & Konzept-Künstler sowie Musiker mit besonderem Interesse an der Verformung und Verfremdung von Material, Raum und dessen Wirkung. Bei seinen Werken handelt es sich vorwiegend um ortsbezogene Auseinandersetzungen, die in Gestalt von Installation, Sound, Fotografie und Video umgesetzt werden.
Er ist Mitglied der Künstler:innengruppe atelier ///, Teil des Teams um die Musikreihe Performing Sound und des Arbeitskreises um die Zeitschrift archipel.
„In meiner Stimme waren immer Gefühle, denn diese Gefühle waren verbunden mit dem Leben, das ich gelebt habe. Und kamen mir auf der Bühne die Tränen, dann waren sie echt und kein Hollywood“
So schreibt, Tina Turner (* 26. November 1939 als Anna Mae Bullock in Brownsville/Tennessee USA; † 24. Mai 2023 in Küsnacht/Kanton Zürich Schweiz), im Vorwort zu ihrer 2018 erschienen Biographie, die hier in der Taschenbuchausgabe vorliegt.
Tina Turner war ein Star des Rock`n`Roll seit den 1960er Jahren und wurde in den 1980er mit Hits wie „Private Dancer“ zum Superstar einer Epoche, die sie wesentlich mitprägte.
So schillernd die erfolgreiche Tina Turner in den 1980/90er Jahren auf der Bühne war, so dramatisch und tragisch waren ihre Musik- und Lebensjahre an der Seite von Ike Turner, von denen sie erstmals in einer 1986 erschienen Autobiographie schonungslos offen erzählt.
Drei Jahrzehnte nach ihrer ersten Autobiographie war Tina Turner bereit auf ihr Leben in allen Facetten zurückzublicken und offen über Weg, Glück, Krankheit zu erzählen. Viele private Fotos begleiten diese Lebensreise im Wort, die schließlich im Mai dieses Jahres ein Ende fand.
Eine Autobiographie, die für Fans wie Musik- Biographieinteressierte ein besonderes Erlebnis ist!
My Love Story. Tina Turner. Die Autobiographie. Penguin Verlag.
Aus dem Englischen von Naemi Schuhmacher, Barbara Steckhan
Liebe Daniela Elisa Mayer, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mein Tagesablauf ist zur Zeit ziemlich relaxed.. ich wache morgens auf, gehe ins Bad und danach… halt, noch mal von vorne… ich stehe morgens auf und füttere die Katze, oberstes Gebot,
dann herrscht Friede im Hause Mayer 🙂 und danach widme ich mich meinen Büchern…
ich schreibe an meinem Lyrikband „Das Fenster zum Hof“ darin geht es um unser inneres Fenster, unsere Seele, ich beschreibe in diesem Band meine Beobachtungen an mir, an der Menschheit und schildere meine Gefühle und Empfindungen.. dieser Band ist mir heilig und ich lerne dabei mein eigenes Seelenleben besser zu verstehen..
ein zweites Werk, an dem ich arbeite ist ein Kinderbuch, „Die alte Keppelzahn Katze“, ein Buch voll Empathie, Tierliebe, Freude und Gefühl.. ich schreibe über die Erlebnisse mit meinen Katzen,
prinzipiell ist es kein wirkliches Kinderbuch, sondern ein Buch für alle Tierliebhaber.. von 8 – 100 Jahren.
An manchen Tagen vertone ich meine eigenen Werke, aber auch Gedichte meiner Kollegschaft.
Im März 2021 habe ich die Prüfung zur professionellen Sprecherin absolviert.
Das Vertonen macht mir sehr viel Freude und ich kann meine Gefühle und Empfindungen durch das Sprechen noch gefühlvoller transportieren. Diese Arbeit hat etwas Spielerisches und ist mir, so wie das Schreiben, eine Herzensangelegenheit.
Der Abend klingt leise aus.. in stillen Stunden verfasse ich Gedichte und Prosa.. niedergeschrieben wird, was das Herz bestimmt.
Daniela Elisa Mayer, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Besondere Zeiten erfordern besondere Taten.. zwischenmenschliche Beziehungen sollten gestärkt werden.. zu Pandemiezeiten sind Umarmungen, ein freundliches Augenzwinkern, ein warmes Wort – oft verloren gegangen.. wir müssen aufpassen, dass die Menschheit nicht verroht, die Ablenkung nicht überhandnimmt.. wir sollten Berührungen, Umarmungen, wieder als Grundbedürfnisse verstehen lernen.
Es sind die kleinen Dinge im Leben, die mir persönlich wirklich Freude bereiten.. nicht nur ein nüchternes „Hallo“ sondern ein interessiertes „wie geht es dir“, ich denke die Zeiten sind reif für einen ehrlichen, liebevollen Umgang mit uns selbst, mit unseren Mitmenschen, mit Fauna und Flora.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Kunstschaffende sind innerlich kleine Kinder geblieben.. im besten Sinne!
Sie spielen, malen, schreiben, singen, musizieren und vieles mehr.. sie lassen ihren Gefühlen freien Lauf.
Kreative Menschen sind Phantasten .. auch das im besten Sinne!
Unsere Arbeitswelt ist oft geprägt von immensem Leistungsdruck, die oberen Etagen sind gar nicht selten von „verletzten, wütenden Kindern“, sprich Narzissten, belegt und man muss schon sehr auf sich achten, um seelisch nicht unter die Räder zu kommen.
Kunst bedeutet für mich Freiheit und Spaß, Liebe zum Schaffen.
Künstler haben für mich persönlich die Aufgabe, den Menschen ein Stück Freiheit wieder zu geben,
ein Stück unbeschwerte Kindheit.. Hoffnung und Liebe.
Mein künstlerisches Bestreben, mein oberstes Gebot, ist, die Menschen mit meiner Lyrik zu berühren, die Plattform auf ein Andocken an ihre Seele zu bieten.. an längst vergessene Gefühle, diese Gefühle aus einer längst vergessenen Schublade zu holen und nochmal zu durchleben.. endlich zu „erleben“ mit all den bis jetzt unterdrückten Gefühlen.. und ein Stück Heilung zu erlangen.
Die Kunst steht immer für Neubeginn.. jeden Tag auf`s Neue.. für Lust, Lebendigkeit und für Schöpferkraft!
Was liest du derzeit?
Drei Bücher liegen in meiner obersten Schublade, ich lese mittlerweile synchron:
„Wenn Scham krank macht“ von John Bradshaw
Dieses Buch kann eine innerliche Befreiung bewirken, in der Kindheit antrainierte, falsche Scham kann krank machen und sich wie ein roter Faden zerstörerisch durch das Leben ziehen, sehr empfehlenswert..
„Wer die Nachtigall stört“ von Harper Lee
Hier geht es um Vorurteile, Rassismus und Hass der Menschen Anfang der 30er Jahren in Amerika,
aber auch um Hoffnung, Liebe… und vor allem um die Liebe zu allen Menschen
„Und im Kopf macht`s Klick“ von Jochen Kaufmann
ich hoffe auf Heilung bezüglich Zigaretten und werde glückliche Nichtraucherin
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest du uns mitgeben?
„Nicht was wir erleben, sondern wie wir empfinden, was wir erleben, macht unser Schicksal aus“
Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach
Fühlen, Spüren, ist so essenziell und wurde uns gern abtrainiert, Funktion und Leistung ist heute angesagt.
Ich möchte mich und andere verstehen, durch Lesen und Zuhören lernen.
Die Empathie, unser Begleiter durch das Leben!
Höre auf deine innere Stimme.. das Herz irrt nie..
Vielen Dank für das Interview liebe Daniela, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Daniela Elisa Mayer, Schriftstellerin
5 Fragen an Künstler*innen:
Daniela Elisa Mayer, Schriftstellerin
Zur Person_Daniela Elisa Mayer, 1975 in Wien
Autorin & Sprecherin, wohnhaft in Niederösterreich, schreibt Gedichte und Prosa
Liebe Sibylle Gogg, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Zur Zeit verbringe ich meine Tage fast ausschließlich im Theater. An der Seite von Lars Franke (Regie) betreue ich das Sommerprojekt des Studiengangs Gesang / Musiktheater an der Universität der Künste Berlin. Wir arbeiten an zwei Einaktern: „Blue Monday“ von Gershwin und „L’Enfant et les sortilèges“ von Ravel. Zwei ganz wunderbare Werke! Ich genieße die frische Atmosphäre an der UdK, sehe und höre den jungen Sänger*innen gerne zu und gehe oft bereichert nach Hause. Wenn ich mal einen Abend „frei“ habe, spiele ich Juli in „Gelbes Gold“ von Fabienne Dür an der Vagantenbühne Berlin. Eine Figur, die mir mit all ihren Ecken und Kanten sehr ans Herz gewachsen ist. Ich freue mich, daß wir das Stück auch noch in der nächsten Saison spielen werden.
Meine Familie sehe ich seit Wochen leider immer nur nachts schlafend und beim Aufstehen. Unsere fünfjährige Tochter weckt mich manchmal in den frühen Morgenstunden, wenn sie in unser Bett krabbelt, um mir die Geschehnisse ihres Tages zu erzählen. Morgens, wenn der Wecker schrillt, schlagen wir uns dann alle tapfer in der „Bataille du matin“, um pünktlich zu unseren Wirkungsstätten zu kommen. Ich habe das Glück meine Wege in Berlin fast ausschließlich mit dem Fahrrad erledigen zu können, da fast alles in meinem Heimatbezirk Charlottenburg liegt!
Sibylle Gogg, Schauspielerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Herrje – wenn es eine Antwort auf diese Frage gäbe, am besten noch eine einfache … Ich denke, daß es uns allen gut täte, wieder aufmerksamer miteinander zu reden und vor allem zuzuhören.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Ich frage mich, ob sich die Rolle der Kunst und des Theaters wirklich durch einen Neubeginn oder Aufbruch maßgeblich ändert oder ob nicht Kunst und Theater schlichtweg immer die Ereignisse der Zeit in verschiedenster Form spiegelt oder spiegeln sollte.
Was liest Du derzeit?
„Annette, ein Heldinnenepos“ von Anne Weber
„Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ von Erich Kästner
…und „Die Cousinen“ von Aurora Venturini mochte ich sehr – gerade fertig gelesen.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Ich liebe das Leben (…). Manchmal könnte ich vor Freude in den Sonnenschein hineinbeißen oder in die Luft, die in den Parks weht. Wissen Sie, woran das liegt? Ich denke oft an den Tod, und wer tut das heute? Und weil ich an ihn denke, liebe ich das Leben. Es ist eine herrliche Erfindung, in Erfindungen bin ich sachverständig.
Erich Kästner, Fabian
Vielen Dank für das Interview liebe Sibylle und viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Sibylle Gogg, Schauspielerin
5 Fragen an Künstler*innen:
Sibylle Gogg, Schauspielerin
Zur Person: Sibylle Gogg wuchs in einem von Musik und Theater geprägten Elternhaus auf und steht auf der Bühne seit sie acht Jahre alt ist. Die gebürtige Österreicherin wirkte als Ballettelevin in zahlreichen Produktionen der Grazer Oper mit, bis sie für ihr Schauspielstudium nach Wien zog. Während der Ausbildung spielte sie in ersten Engagements am Theater in der Josefstadt und am Wiener Volkstheater. Weitere Engagements führten sie u. a. ans Theater Phönix Linz, Tiroler Landestheater, Odeon Wien, und zu den Bad Hersfelder Festspielen.
2022/23 spielt sie die Juli in „Gelbes Gold“ an der Vagantenbühne Berlin.
Abgesehen von ihrer Arbeit am Theater ist sie auch im Kino (aktuell in „Die Q ist ein Tier“, D 2022) und TV zu sehen.
Sibylle Gogg lebt seit 2002 in Berlin, Deutschland.
Fotos_(c) David Reisler 2022
26.6.2023_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Liebe Elisabeth Wandeler-Deck, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Meist erwache ich früh, d.h. um 6 Uhr herum, ich überlege mir, einen Espresso zuzubereiten, oft stehe ich dann auf, gehe in die Küche, leise, setze Kaffee auf, im Warten einige Bewegungen für Hüfte etc., giesse den Kaffee ein, trage die Tasse zum Bett, setze mich ins Bett, lese, bis ich Küchengeräusche höre, stehe auf, lasse das Bad einlaufen, setze mich an den Tisch, sage fast nichts, lese Zeitung etc.
Manchmal dann in die Stadt, irgendein Termin, oft die Gesundheit betreffend, ins Kaffeehaus, zurück an den Stadtrand, lesen, Klavier, Gitarre, Mais, mich anschleichen an das, was punkto Schreiben offen; ähnlich aber anders dann wenn ich in die Migros etc. es gibt eine Einkaufsliste, all das so Umrandungen von SchreibenLesenSchreibenAusdruckenLesen.
Seit einer Weile also flackernde Zeitverläufe und doch etc. Oft kommt auch am Abend Besuch, ich gehe aus, etc. mache weiter etc.
Elisabeth Wandeler-Deck, Schriftstellerin improvisierende Musikerin (Klavier, Gitarre, Wörter)
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Für uns alle kann ich nicht sprechen, ja, zuhören vielleicht, singen im Geheimen, nachdenken auch, ich weiß nichts von „uns allen“, etc. und doch, ja,
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Zu fragen, im Moment des Jetzt, des Morgen, des Gestern, wen küssen. Und wen küsse ich. Kunst will weiter entstehen etc. im Hin und im Her. Im et cetera. Was wird wesentlich sein, dies weiterfragen.
Was liest Du derzeit?
Ich habe immer Stapel von Büchern, Zeitschriften etc. um mich herum. Die letzten Tage intensiv Triëdere zu Werner Hamacher und von Werner Hamacher, Was zu sagen bleibt; Bodo Hell, Begabte Bäume; Flan O‘Brian, At swim-two-birds; etc.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Aus “Le temps du sommeil” von Francis Alÿs: „In the beginning, there is a situation where many people cross paths. If somebody were to say something to someone and that someone were to repeat it to someone else, and that someone else were to repeat it to someone else, then, at the end of the day, something would be talked about but the source would be lost along the way”
Vielen Dank für das Interview liebe Elisabeth, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literatur-, Musik-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Elisabeth Wandeler-Deck, Schriftstellerin, improvisierende Musikerin (Klavier, Gitarre, Wörter)
Zur Person_Elisabeth Wandeler-Deck
geboren 1939, aufgewachsen in Zug, lebt in Zürich-Affoltern und anderswo. Schriftstellerin improvisierende Musikerin (Klavier, Gitarre, Wörter). Viele Buchveröffentlichungen, zuletzt „attacca holdrio“, Lyrik, edition sacré, Zürich 2020; versionenlust ECHO, edition Howeg, Zürich 2022; Antigone Blässhuhn Alphabet so nebenher, Ritter Verlag Klagenfurt 2022. Bildtextarbeiten im Netz. Mitglied des Improvisationsquartetts bunte hörschlaufen. Basler Lyrikpreis 2013, Werkjahr der Stadt Zürich 2017, Writer in Residence in Maggia TI 2023.
Aktuelle Buchneuerscheinung Elisabeth Wandeler-Deck:
Elisabeth Wandeler-Deck, Antigone Blässhuhn Alphabet so nebenher. Ritter Verlag
„Das Blässhuhn: es taucht unter, kommt an unerwartetem Ort und Zeitpunkt wieder zum Vorschein, so auch Antigone, als volatile Figur, Fragestellung, Projektionsfläche. Als widersetzliches Mädchen trägt sie, der Etymologie ihres Namens nach, ein „Gegen“ in sich wie auch „Geburt“ und „Abstammung“, zieht Spuren nach verwandtschaftlichen Banden und durchkreuzt literarische Felder. Ein Ordnungsprinzip von A bis Z steckt den täuschend klaren Rahmen ab für Prosaminiaturen, Gedichte, Notate und Listen, Thesenhaftes oder in Zeitungen Vorgefundenes zu Affoltern und Baden, den lokalen Koordinaten einer für Reflexion, Theorie und Traumhaftes ebenso wie für Konkret-Soziales durchlässigen Textur.
Durch das fragile alphabetische Raster hindurch bricht sich das Diskontinuierliche, Wilde und Chaotische der Erscheinungen, Beobachtungen und Gedanken Bahn – von Elisabeth Wandeler-Deck virtuos zum Ausdruck gebracht in immer wieder neuen Formfindungen, die ihre Qualität gerade aus der Apperzeption von Sprüngen, Unterbrechung und Kontamination beziehen. Antigone Blässhuhn Alphabet so nebenher ist ein ästhetisch wie politisch brisantes Buch: ein flirrendes Dokument von Selbstverortung und präzises Modell kalkulierter Überschreitung.“
Liebe Antje-Kathrin Mettin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Unstet, zum Glück. Oft ein illustrer Wechsel aus: Konzentrierter Vertiefung, Lektüre und dem Versuch, Gedanken und Beobachtungen in tragfähige Worte zu fassen, dem Versuch, Korrespondenzen zu tätigen, dem Versuch, lauter sich türmenden Aufgaben nachzukommen und dem Drang nach anderem – nach Leichtigkeit, Unterbrechung, Luft, Gesang, danach, auch den bisher nicht untergekommenen, drängenden Worten Freigang zu gewähren in Ton und Text. Und dem Drang nach Wörtern, die etwas zu sagen haben, nach schillernden Wörtern, wie sie sich in guter Literatur, in schönen Gesprächen finden lassen. Ein Tag voller Versuch|ung|en also & lauter Drängen. Endet er glücklich, dann verlässt ein wenig Unruhe mich abends – wenn nicht, nehme ich sie mit in die Nacht.
Antje-Kathrin Mettin, Schriftstellerin, Theatermacherin, Literatur- und Theaterwissenschaftlerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Zu erkennen, dass die Dinge zwar komplex sind, aber nicht kompliziert zu verstehen, wäre hilfreich: Es ist nicht kompliziert zu begreifen, dass man niemandem ein Leid zufügen soll, es ist nicht kompliziert zu begreifen, dass jeder Wünsche hat, die erfüllt werden möchten, es ist nicht schwer zu begreifen, dass Leid und Kummer Unglück und Härte befördern, und es ist nicht schwer zu begreifen, dass das Leben glücklicher wird, wenn man spielerisch, freundlich, undogmatisch zu sein sich erlaubt. Die Frage, wie sich diese Dinge verwirklichen lassen, mag komplex sein – zumal wenn man bedenkt, wie verschlungen Naturgeschichte und Geschichte der Gesellschaft sind und wie lange sie einander schon durchdringen –, die Dinge zu erforschen ist unabdingbar – sie zu verkomplizieren und dadurch implizit zu negieren aber ist grausam und beschwört exakt die Scheußlichkeiten herauf, wie sie uns in Wort und Tat allenthalben in Vergangenheit und Gegenwart begegnen.
Kurzum: Die Frage danach, was jetzt besonders wichtig für uns alle ist, lässt sich vielleicht mit ähnlichen Worten beantworten wie jenen, die der Erzählung nach Rabbi Hillel jenem Mann gegeben hat, der ihn bat, er möge ihm die Tora lehren, während er auf einem Bein stehe: »Was Dir zuwider ist, das tu keinem anderen an. Das ist die ganze Tora. Geh jetzt und lerne alle Gebote, damit du weißt, was du tun sollst und was du nicht tun darfst.«
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Es wäre schön, es gäbe tatsächlich einmal einen Aufbruch – und nicht ein permanentes Verwandeln alter Verhärtungen in neuer Aufmachung. Diese Dynamik wird sich aber wohl nur ändern können, wenn ein Leben ermöglicht wird, das nicht unter dem Druck permanenter Produktivität steht. Wenn permanent produziert werden muss, um leben zu können, dann ändert sich überhaupt nichts, dann dreht alles sich in einer Spirale immer weiter und schraubt sich immer weiter ins Katastrophale. Die Kunstszene folgt darin leider oft dieser Dynamik. Der einzelne Künstler hat kaum die Möglichkeit, sich anders zu verhalten, sonst gerät er freilich unter die Räder. Aber wenn er das permanente Produzierenmüssen verherrlicht, wird es erschreckend.
Ich denke, wir brauchen nicht permanente Produktion, sondern sinnvolle. Was das aber sein könnte: eine sinnvolle Produktion, kann ohne eine Verfeinerung der Wahrnehmung, ohne eine Resensibilisierung der Sinne – des Hörens, Sehens, Riechens, Schmeckens, Fühlens, Sprechens, Denkens, Träumens,… – kaum beantwortet werden. Zur Resensibilierung gehörte auch ein scharfes Bewusstsein für die eigene Materialität, die eigene Vergänglichkeit, die Kostbarkeit des Augenblicks, für Schönheit. Und es gehörte die Fähigkeit zur Utopie dazu: Ein Drängen nach einem glücklichen Leben, nach einem Leben ohne Tod, ohne Zwang. Literatur, Theater, Kunst gehören, so wie sie historisch geworden sind, heute zu den wenigen Bereichen, in denen eine solche Verfeinerung der Sinne potentiell überhaupt noch möglich ist – es müssten nicht die einzigen Bereiche sein und allzu oft wird auch hier nicht verfeinert, sondern vergröbert und paralysiert.
Was liest Du derzeit?
Unstet ist auch mein Lesen – auch hier, zum Glück, oftmals ein illustrer Wechsel: Ich lese versetzt die letzten Seiten von Gisela von Wysockis ›Der hingestreckte Sommer‹, E.T.A. Hoffmanns ›Der goldene Topf‹, Prosastücke aus Robert Walsers ›Kleinen Dichtungen‹, Soma Morgensterns ›Joseph Roths Flucht und Ende‹, Jörg Wickrams ›Rollwagenbüchlein‹, August Klingemanns ›Die Nachtwachen des Bonaventura‹, Gedicht-Fragmente von Sappho, Märchen aller Art, freilich immer wieder Walter Benjamins wundervoll poetische Texte, dazu Ernst Schöns ›Der Verlust der Sinnlichkeit/ oder die Verwandlungen des Lesers‹ über die Ursprünge unseres heute doch arg entsinnlichten und verdisziplinierten Lese- und Literaturverständnisses, und aus aktuellem Anlass – meiner Beschäftigung mit frühen ›Zeitungensformen‹ – gerade auch immer wieder in der Schedelschen Weltchronik von 1493. Dies sind Lektüren, für die ich selbst mich entscheiden kann. Um das permanente Lesen kommt man sonst ja, leider, kaum herum: Alles ist voller Buchstaben, überall Zettel, überall Äußerungen, überall zweifelsfreies Meinen – als wären Sprache und Buchstaben nichts Kostbares, als wären diese Schlangenlinien, die Bilder formen, als wären die Laute, die Klangbilder formen, nichts, was es zu deuten gälte. Um diese Art des suggestiven Lesens drücke ich mich, so gut es geht – und lese lieber in den Dingen, der Welt, den Augen, in Mimik und Gestik, in den Farben, Formen und Klängen – dort, wo ich deuten kann und darf.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Ein Zitat aus Gisela von Wysockis ›Der hingestreckte Sommer‹, das auf den Punkt bringt, was hoffnungsvolles Sprechen, Schreiben und Mitteilen wäre. Wysocki fragt sich nämlich, warum die Texte Peter Altenbergs auf sie als Elfjährige einen solch überwältigenden Reiz ausüben konnten und gelangt zur Vermutung: »Es könnte ein Reiz davon ausgegangen sein, kein Verstehen aufgetischt zu bekommen. Sondern die Suche danach. Das wird es vielleicht gewesen sein. Für das Kind, beim Umblättern der Seiten. Es wird keine Ruhe gefunden haben und keine Klarheit.« Man könnte mit Wysocki selbst noch hinzufügen: Es wird außerdem daran gelegen haben, dass Altenbergs Worte »ruhelose Wörter« sind – Wörter, die aussprechen wollen, »was ihnen ins Auge sticht. An sich reißen, was sie kriegen können. Aus den letzten Winkeln kehren sie sich ihr Zeug zusammen. Es käme einer Täuschung gleich, ihnen etwas vorzuenthalten. Dafür würden sie sich rächen, sich in ihre Reviere zurückziehen. Eiskalt machen sie dicht und schweigen. Weil sie nicht nur ruhelose sind, sondern selbst Getriebene.« Das aber hat es mit jedem wirklich gelungenen Sprechen und Schreiben auf sich: Dass in ihm ruhelose, getriebene Wörter am Werk sind – und nicht vorgeplante, absichernde Suggestionen, die kein Deuten leiden mögen.
Vielen Dank für das Interview liebe Antje-Kathrin, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literatur-, Theater-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Antje-Kathrin Mettin, Schriftstellerin, Theatermacherin, Literatur- und Theaterwissenschaftlerin
Zur Person_Antje-Kathrin Mettin _ geboren 1989 am Niederrhein, lebt derzeit in Leipzig und ist als Schriftstellerin, Theatermacherin, Literatur- und Theaterwissenschaftlerin tätig. Im Entstehen inbegriffen sind derzeit mehrere Gedichtzyklen: ›Durchbrüche – oder auch: Epiphanien im Bade‹, ›Schwesternschaften‹, ›Farbsuche‹ und ›Mikroskopie : Krustentiere‹ sowie ihre ›Mikrogramme‹ – lyrische Continuationen, die sie laufend bei Instagram veröffentlicht. Parallel dazu arbeitet sie derzeit an einem Buch zu Walter Benjamins Idee des Erzählens sowie an verschiedenen Theaterprojekten – darunter aktuell gemeinsam mit Juliane Harberg eine Aufführung von Paul Scheerbarts ›Okurirasûna‹ sowie Experimente zu einer neuen Form des Licht- und Schattentheaters. Sie studierte, gefördert durch die Studienstiftung des Deutschen Volkes, Literatur- und Theaterwissenschaft in Leipzig und Paris. Es folgten Lehr- und Forschungstätigkeiten an der Universität Leipzig sowie der Hochschule für Musik und Theater Felix Mendelssohn Bartholdy.
Fotos_privat
26.5.2023_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.