Es ist eine Welt und ein Leben, das sich wesentlich in verborgener täglicher Hingabe an Arbeit, Aufgabe, Gottesdienst, Gebet in Gemeinschaft und Raum vollzieht. Dies ist seit Jahrhunderten so. Das Leben im Kloster in einer christlichen Gemeinschaft.
Die Hochblüte hatte dieses Leben „im Verborgenen“ im Mittelalter. Vielfältigste Formen männlicher wie weiblicher Gemeinschaft entstanden und entwickelten sich weiter. Frauenklöster hatten dabei einen wesentlichen Anteil am gesellschaftlichen Leben in Bildung, Seelsorge, Krankenversorgung und auch Politik. Diese umfangreiche Tätigkeit und deren gesellschaftliche Ausstrahlung und Wirkung ist in vielem noch verborgen…
Die renommierten international tätigen Historikerinnen, Professorinnen Henrike Lähnemann und Eva Schlotheuber widmen sich in einer informativen wie gut lesbaren Zeitreise den vielfältigen Aspekten des Klosterlebens mittelalterlicher Nonnen. Das Buch begeistert in einem Schreibstil, der es wunderbar versteht Situationen über Jahrhunderte hinweg zu öffnen und eine Nähe zu Menschen, Gesellschaft, Welt in allen Herausforderungen, Schatten und Schönheiten zu erzeugen und gleichsam unmittelbar teilhaben. So wird Kapitel um Kapitel zur lebendigen Station in Raum und Zeit eines Frauenklosters.
„Eine wunderbare Zeitreise mit vielen überraschenden Einblicken in das verborgene mittelalterliche Leben!“
„Unerhörte Frauen“ Die Netzwerke der Nonnen im Mittelalter, Henrike Lähnemann, Eva Schlotheuber, Propyläen Verlag
Liebe Sara Glawischnig, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Meine Tage sind nicht immer gleich, aber ich habe Rituale, die ich fast jeden Tag mache. Wenn ich aufstehe, trinke ich gerne Kaffee und schaue mir an, welches Programm ich an diesem Tag singe. Dann mache ich mich bereit. Ich gehe gerne früh von zu Hause weg, damit ich Zeit habe, zu dem Ort, an dem die Probe stattfinden wird, langsam spazieren zu gehen. Ich beobachte gerne Momente, deshalb sitze ich in den Probenpausen im Park und schreibe auf, wenn mir etwas Interessantes und Wichtiges aufgefallen ist.
Nach den Proben verbringe ich oft Zeit mit meinen liebsten Menschen oder allein. Ich genieße es, von Menschen umgeben zu sein, aber auch alleine meine Zeit zu verbringen. Ich nenne es die “Hermit Phase”, die “Einsiedlerphase”, in der ich in meinem Rückzugsort zurückziehe. Manchmal bin ich sehr kreativ, ich male und tanze gerne, aber manchmal ist einfach nur Stille und Lesen genau das, was ich brauche.
Sara Glawischnig, Mezzosopranistin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich denke, das Wichtigste ist, das Leben in Einfachheit zu leben. Auf das zu achten, was uns umgibt, und das Leben niemals als selbstverständlich zu betrachten.
Ich glaube, dass das Leben voller Klänge und Farben ist, die wir nicht sehen und hören, aber fühlen können. Habe Mitgefühl, Respekt und Liebe für andere.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?
„Jedes Ende ist ein neuer Anfang“
Das zeigt uns die Natur jeden Tag. Ich glaube, dass die Menschheit diesen Wandel durchgemacht hat und immer durchmachen wird. Musik und Kunst selbst waren schon immer da und werden bleiben, mit oder ohne uns. Für mich ist Musik wie ein Lebewesen. Es verbirgt sich zwischen Stille und Klang. Manchmal hat das unausgesprochene Wort mehr Klang als das ganze Lied. Das ist also ein sehr abstraktes Thema und es ist unmöglich, es zu erfassen.
Eine wichtige Rolle der Kunst besteht darin, uns zu helfen, von “innen” zuzuhören, statt oberflächlich zu werten und zu reagieren.
Was liest Du derzeit?
Ich lese gerade Harry Potter. Ich habe diese Bücher noch nie gelesen und finde sie jetzt sehr inspirierend.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
“Die Zeit ist gekommen, dass wir erneut erfahren, in welch geheimnisvoller Welt wir leben, voller Zufälle und Begegnungen und doch vorbestimmt”
Die Prophezeiung von Celestine – James Redfield
Vielen Dank für das Interview liebe Sara, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Musikprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Sara Glawischnig, Mezzosopranistin
5 Fragen an Künstler*innen:
Sara Glawischnig, Mezzosopranistin
Zur Person_Die Mezzosopranistin Sara Glawischnig ist Preisträgerin zahlreicher internationaler Wettbewerbe: „Bruna Spiler“ (Montenegro), „Petar Konjovic“ (Serbien), Concorso Internazionale di Esecuzione Musicale „Giovani Musicisti – Città di Treviso“ (Italien), „World Art Games“ (Spanien), Preisträger „Voci de Primavara“ Timisoara (Rumänien), etc.
Auf der Bühne hat sie viele der bedeutenden Rollen des Standardrepertoires überzeugend dargestellt, darunter Mozarts Cherubino und die 2. Dame, Puccinis La Cieasca.
Im Juni 2023 wird sie Chavaleria Rusticana an der Wiener Staatsoper aufführen. Im Juli und August 2023 singt sie bei den Salzburger Festspielen in den Produktionen von Macbeth, Le nozze di Figaro, Griechische Leidenschaft und Verdis Quattro pezzi sacri unter der musikalichen Leitung von Franz Welser-Möst, Raphaël Pichon, Maxime Pascal und Riccardo Muti.
Ab September 2023 wird sie Sängerin an der Wiener Staatsoper sein. Neben dem klassischen Repertoire ist sie auch eine leidenschaftliche Sängerin und Unterstützern zahlreicher humanitärer Projekte wie Ärzte ohne Grenzen und UNICEF. Sie war Solistin bei TedxVienna und Con brio Konzert Reihe und wirkte bei Aufnahmen der Filmmusik von Hans Zimmer für den Film „Add Astra“ mit. Sie ist Projektmanagerin und Künstlerin in der Musik- und Film Produktionsfirma Apehouse Studios KG und Obmann Stellvertreterin des gemeinnützigen Vereins Apehouse in Wien, Österreich.
Sara Glawischnig hat einen Bachelor of Music und studierte bei K.M. Olivera Miljakovic und Ana Aleksic Sajrer. Sie lebt derzeit in Wien, Österreich
Fotos_privat
15.6.2023_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Lieber Günther Oberhollenzer, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Das ist sehr unterschiedlich, da mein Beruf als Künstlerischer Leiter im Künstlerhaus sowie als Kurator sehr abwechslungsreich ist. Im Idealfall besuche ich einen Künstler, eine Künstlerin im Atelier (es ist eine der schönsten Aufgaben in meinem Beruf, die Menschen hinter den Kunstwerken kennenzulernen und in ihre kreative Schaffensstätte einzutauchen). Ich schreibe an Kunsttexten und mache mir inhaltliche Überlegungen zu Ausstellungsprojekten, führe im Künstlerhaus mit meinen Kolleg*innen Gespräche zu organisatorischen Fragen. Ich beantworte E-Mails (ich bekomme derzeit sehr viele Anfragen), und vielleicht eröffne ich dann noch am Abend in einer Galerie oder eine Kunstraum eine Ausstellung und spreche über die dort zu sehenden Arbeiten…
Günther Oberhollenzer, Kunsthistoriker, Kurator und Autor _ seit Oktober 2022 künstlerische Leitung des Künstlerhauses in Wien
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Wichtig ist für mich ein persönliches Engagement und eine unbedingte Leidenschaft in allem, was wir tun und dabei auch der Mut, relevante gesellschaftliche Fragestellungen und Konflikte anzugehen, sie zu diskutieren und nach Lösungen zu suchen. Damit gepaart sollte allerdings – und das mag vielleicht wie ein Widerspruch klingen – eine gewisse Gelassenheit und eine gesunde, kritische Selbstreflexion sein. Ich wünsche mir wieder ein emphatisches Miteinander, dass wir uns mehr zuhören, anstatt unsere Meinung hinauszuschreien und zu glauben, die absolute Wahrheit zu kennen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
Siehe oben. Das Potenzial von Kunst kann darin liegen, unser Leben, unsere Gesellschaft und das System anders zu denken. Ein interessanter Gedanke dazu stammt vom Kulturtheoretiker Niklas Luhmann. Nach seiner Systemtheorie soll Kunst das „Unbeobachtbare beobachtbar machen“, sie erzeuge eine „zweite Realität“, die es ermögliche, die Realität aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Kunst leistet Luhmann zufolge damit niemals nur einen Beitrag zur Beobachtung oder Repräsentation der Welt, sondern befördert vielmehr eine Haltung von Distanz und Reflexivität.
Grundsätzlich ist die Kunst frei und muss deshalb nichts, auch keine bestimmte Rolle einnehmen – sie kann, wenn gewollt, aber vieles sein, so etwa auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam machen, sie reflektieren und den Finger in die Wunde legen, oder sie kann sogar den Anspruch erheben, die Welt ein klein wenig besser zu machen. Kunstwerke stehen dabei stets in einem Spannungsverhältnis zwischen selbstreferenzieller Geste und dem Anspruch auf gesellschaftliche Relevanz.
Was liest Du derzeit?
Annika Domainko (Hg.), Canceln, ein notwendiger Streit
Hanser Verlag, München 2023
Norbert Marion Kröll, Die Kuratorin, Roman
Kremayr & Scheriau Verlag, Wien
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Aus meinem Buch „Von der Liebe zur Kunst“, Limbus Verlag, Innsbruck 2022:
„Ich lebe für eine Kunst, die alle Sinne anspricht, ohne deshalb oberflächlich zu sein. Für eine Kunst, die mich berührt, die meinen Geist und Intellekt herausfordert. Für eine Kunst, deren Wert nicht vom Markt bestimmt wird. Für eine Kunst, hinter der außergewöhnlich beeindruckende Menschen stehen, die kennenzulernen sich lohnt. Für eine Kunst, die eine moralische Aufgabe übernehmen kann. Für eine Kunst, die dabei helfen kann, ein besserer Mensch zu werden. Für eine Kunst, die das Leben und die Gesellschaft verändern kann. (Diesen vielleicht naiven Idealismus lasse ich mir nicht nehmen!) Für eine Kunst, die Glück spendet. Für eine Kunst, die dem Leben Tiefe und Schönheit verleiht. Für eine Kunst, die mein Leben so sehr bereichert und es so lebenswert macht, dass ich diese Erfahrung mit anderen Menschen teilen möchte. In der Hoffnung, dass meine Freude, meine Leidenschaft, meine Liebe für die Kunst auf Sie überspringen mögen.“
Vielen Dank für das Interview lieber Günther, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Günther Oberhollenzer, Kunsthistoriker, Kurator und Autor _ seit Oktober 2022 künstlerische Leitung des Künstlerhauses in Wien
Zur Person_Günther Oberhollenzer, geboren 1976 in Brixen, ist Kunsthistoriker, Kurator und Autor und lebt und arbeitet in Wien. Er studierte Geschichte und Kunstgeschichte in Innsbruck und Venedig sowie Kulturmanagement in Wien. Von 2006 bis 2015 war er Kurator am Essl Museum in Klosterneuburg bei Wien, davor arbeitete er am Referat für Bildende Kunst in der Kulturabteilung der Stadt Wien. Von 2016 bis 2022 war er leitender Kurator der Landesgalerie Niederösterreich in Krems und von 2014 bis 2018 Mitglied des Südtiroler Kulturbeirates. Seit 2014 ist er Lehrbeauftragter am Institut für Kulturmanagement und Gender Studies (IKM) an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Mit Oktober 2022 übernahm er die Künstlerische Leitung des Künstlerhauses in Wien.
Die 1990er Jahre – das ist ein Jahrzehnt als Epoche eines umfassenden Umbruchs in Gesellschaft, Politik, Leben. Der Fall des „Eisernen Vorhangs“ führt zu Begegnung, Verbindung und Austausch wie es nicht (mehr) für möglich gehalten wurde. Hoffnung und Utopie von Jahrzehnten werden Realität als Mauer und Grenzdrähte fallen und Europa friedlich zueinander findet…
Das Festnetztelefon wird in rasendem Tempo vom „Handy“, der drahtlosen Telefonie ersetzt und damit eröffnen sich ganz neue Formen der Kommunikation. Und der Weg weist schon weiter in die Verbindung von Telefonie und Internet, Kamera…
Bestimmend ist die umfassende Etablierung des Internets, welches alle Lebensbereiche massiv verändert und ganz neu erleben und organisieren lässt…
Dazu die Musik, die ebenso in neuen Formen, Techno, die Welt bewegt…
Die 1990er Jahre. Ein Jahrzehnt als Baustein der Zukunft des Menschen….
Jens Balzer, renommierter Autor und Kolumnist, legt mit „No Limit“ eine informative, abwechslungsreiche und kurzweilig zu lesende Zeitreise in ein Jahrzehnt vielfältigster Veränderungen vor, die bis in die Gegenwart hineinreichen und diese umfassend prägen. Balzer ist ganz nah am Puls der 90er Jahre und es ist im Lesen gleichsam der Herzschlag der Träume, Hoffnungen einer Generation zu fühlen.
„Ein Buch, das ein Jahrzehnt als wesentliche Umbruchsepoche beeindruckend erleben lässt!“
„No Limit“ Die Neunziger – das Jahrzehnt der Freiheit. Jens Balzer. Rowohlt
Zur Person_Marcus Fischer wurde in Wien geboren und ist hier aufgewachsen. Germanistik-Studium in Berlin, danach Lehrer für Deutsch als Fremdsprache und freier Texter. Seit 2013 intensive Schreibtätigkeit. 2015: 1. Platz beim fm4 Kurzgeschichten-Wettbewerb Wortlaut. Absolvent der Leondinger Literaturakademie, Publikationen in Literaturzeitschriften, Anthologien und im Hörfunk. 2022 erschien sein Debütroman „Die Rotte“ (Leykam), der 2023 mit dem Rauriser Literaturpreises für das beste deutschsprachige Debüt ausgezeichnet wurde.
Preise
1. Platz beim fm4 Kurzgeschichten-Wettbewerb „Wortlaut 2015“ mit dem Text Wild Campen
erostepost Literaturpreis 2016 mit dem Text Schwarzwild
Der Keiler Siegertext beim Literatur Festival Stuttgart 2019
Rauriser Literaturpreis 2023für Die Rotte
Bisherige Publikationen (Literaturzeitschriften)
Die gute Haut in: D.U.M. Literaturzeitschrift Nr. 71/2014
Wild campen in VOLLTEXT 3/2015 sowie DER STANDARD Album 26.9.2015
Schwarzwildin: erostepost Nr. 52
Das ganze Grünland ein Scheißhaus in: UND #10 (Mai 2021)
Buchpublikation (Anthologien)
Wild campen in: Wortlaut 2015, Luftschacht Verlag, Wien, September 2015
Das Steinkind in: Zeilenlauf Literaturwettbewerb 2015 (Baden/NÖ)
Der Keiler in: Literatur Festival Stuttgart, Texte 2019
„Elfi Reisinger, eine junge Bäuerin, lebt Anfang der 1970er Jahre mit ihren Eltern auf einem kleinen Hof in der Rotte Ferchkogel, einer abgelegenen Siedlung im Voralpenland. Ihr Vater verschwindet eines Nachts, die Gendarmerie geht von Selbstmord aus. Durch den Tod des Bauern verschiebt sich das Gefüge in der Rotte. Die anderen im Dorf trauen den beiden Frauen nicht zu, den ärmlichen Hof weiterzuführen. Der Nachbar will den Grund für einen Spottpreis kaufen und setzt die Frauen immer mehr unter Druck. Als mit Elfis Hochzeit endlich wieder ein Mann an den Hof kommt, spitzt sich die Lage weiter zu und Elfi muss einen Weg finden, um sich aus diesem Machtgefüge zu befreien….“
Liebe Sonja Browne, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich stehe sehr früh auf, wenn noch niemand sonst wach ist, und ich in Ruhe Kaffee und Gedanken fließen lassen kann, schreibe Texte, bereite mich vor.
Dann:Projekt(mit)arbeit (derzeit ein tanzhistorisches Projekt).
Recherchieren.
Trainieren.
Unterrichten (Improvisation)/Proben mit meiner inklusiven Tanzcombo danse brute (nicht jeden Tag).
Abends Zeit mit meinen Lieben verbringen.
Früh beim Lesen Einschlafen.
Aber eigentlich ist jeder Tag anders…
Sonja Browne, Tänzerin _ Am Foto: Violetta Höhn und Sonja Browne
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Einander wahrnehmen, sich selbst als Teil des Ganzen wahrnehmen, für sich selbst und was man denkt und tut Verantwortung übernehmen. Etwas über die Welt lernen, was war („Lernen Sie Geschichte“), was ist (Nachrichten lesen, schauen usw.). Weniger kaufen, mehr wiederbenutzen, etwas verschenken, um etwas bitten, klar kommunizieren. Zuhören.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Aufbruch, Neubeginn: Auf die Umwelt bezogen, wir können natürlich alle beitragen, aber was eigentlich getan werden muss, ist Druck auf die großen Player ausüben, die die Menschlichkeit und die Natur dem Mammon opfern, weil sie persönlich die Folgen nicht tragen müssen, sondern Generationen danach. Druck ausüben heißt: lernen, sich eine Meinung bilden, nicht kaufen, boykottieren, wählen. Sich zusammenschließen.
Auf den weltweiten Rechtsruck, Fremdenfeindlichkeit, Verschwörungsglaube, Homophobie, etc. bezogen: BILDUNG! Reden, denken lesen, in Austausch treten. Bildung!Sich zusammenschließen.
Was wird wesentlich: Erkennen, wo statt gleichwertigem, partnerschaftlichem Miteinander (das gilt auch für nichtmenschliche Partner*innen) Muster der Dominanz wirken und unterstützt werden. Das nicht zulassen: Niemand ist wichtiger als jemand anderer, alles Teil eines Netzwerks.
Das ist aber jetzt nichts Neues, und trotzdem eine Einstellung, die ich für einen Neubeginn (ist da einer?) für hilfreich halte.
Theater/Schauspiel /Kunst sind automatisch (da situiert in der jeweiligen Zeit/Welt) Reflexion, Reaktion, aber nicht für politische Zwecke oder zur Belehrung instrumentalisierbar, wenn es Kunst bleiben soll.
Politisch ist eher die Art, wie, mit wem, für wen man arbeitet, auf was man sich bezieht.
Was liest Du derzeit?
Raphaela Edelbauer, „Die Inkommensurablen“ und Didier Eribon, „Gesellschaft als Urteil“.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Sie werden sich langweilen, wenn Sie nicht angesprochen sein wollen“ (Handke, Publikumsbeschimpfung)
Vielen Dank für das Interview liebe Sonja, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Tanz-, Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Sonja Browne, Tänzerin
Zur Person_Sonja Browne geboren in Wien. Private Tanzausbildung, Studium der Sozialarbeit und der Theaterwissenschaft. Tänzerin bei Editta Braun, Willi Dorner, Hubert Lepka, Olivier Gelpe. Unterrichtstätigkeit und Tourneen in Deutschland, Frankreich, Japan, Ungarn, Luxemburg, Schweiz, Ecuador. Gründung der beiden inklusiven Tanzensembles danse brute (1999) und tanzMontage (2013). Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Tanz-Archiv Wien/MUK unter der Leitung von Dr. Andrea Amort.
Liebe Gabrielle, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Seit ich in Irland lebe, also seit 40 Jahren, beginnt mein Tag mit einem Spaziergang am Strand, derzeit in Begleitung von Lily und Lotty, zwei Leonberger Hündinnen. Danach setze ich mich wie ein Buchhalter an den Schreibtisch und arbeite am nächsten Roman – es gibt immer einen nächsten Roman. Ich teile John McGaherns Ansicht, dass man nicht mehr als fünf Stunden am Tag schreiben kann. Entsprechend mache ich am Nachmittag alles andere, beantworte Mails, bereite Kurse vor, arbeite an Lektoraten, gehe Einkaufen, buddle im Garten rum. Am Abend schaue ich Nachrichten, lese, treffe Freunde, habe Zeit zum Kochen, Essen, Reden.
Neben diesem irischen Leben gab es schon immer auch ein schweizerisches mit Unterricht und Veranstaltungen. Das fast monatliche Pendeln zwischen den beiden Ländern ist in den letzten Jahren komplizierter und aufwändiger geworden, aber es entspricht mir, nicht ganz hier, nicht ganz dort zu sein. An beiden Orten bin ich zuhause, aber auch fremd.
Gabrielle Alioth, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Dass wir nicht aufgeben. Dass wir uns weiter auf das Leben einlassen, hinschauen, Fragen stellen, streiten, zu verstehen versuchen und dass wir den Möwen zuschauen, wenn sie übers Meer fliegen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Dass wir nicht vergessen, woher wir kommen und wer wir waren, dass wir uns bewusst sind, dass die Zukunft der Vergangenheit nicht widerspricht, sondern aus ihr entsteht.
Die Rolle der Literatur, der Kunst bleibt stets die gleiche. Sie erfüllt ihr Ziel, wenn es ihr gelingt, dass wir die Welt, das Leben, unseren Alltag für einen Augenblick mit anderen Augen sehen.
Was liest Du derzeit?
Schattenkaleidoskop, von Irène Bourquin (Caracol Lyrik, Werth 2023).
Die Gedichte, die auf einer Reise in den Süden entstanden, sind voll Sonne und Sommer, aber auch kleinen präzisen Beobachtungen und diesen zauberhaften Wendungen, die gute Lyrik ausmachen.
und:
The Discovery of Jeanne Baret, von Glynis Ridley (Crown Publishers, New York, 2010).
Jeanne Baret gilt als die erste Frau, die – als Mann verkleidet – die Welt umsegelte und als Entdeckerin der nach dem Kapitän der Expedition benannten Bougainvillea.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Dilige et quod vis fac.“ – „Liebe und tu, was du willst.“
(Augustinus von Hippo, 345- 430 n.Chr.)
Vielen Dank für das Interview liebe Gabrielle, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Gabrielle Alioth, Schriftstellerin
5 Fragen an Künstler*innen:
Gabrielle Alioth, Schriftstellerin
Zur Person_Gabrielle Alioth wurde 1955 in Basel geboren, studierte Wirtschaftswissenschaften und Kunstgeschichte an den Universitäten Basel und Salzburg und lebt seit 1984 als Schriftstellerin in Irland. Neben Romanen publiziert sie Kinder-, Reise- und Sachbücher sowie Lyrik und arbeitet journalistisch. 2017–2020 Mitglied der Programmkommission der Solothurner Literaturtage. 2019 Kulturpreis der Gemeinde Riehen.
Liebe Patricia Falkenburg, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Der Alltag geht seinen Gang ungeachtet aller weltpolitischen Umbrüche. Also morgens nach mehr oder minder gutem Schlaf aufstehen; frühstücken, mit mehr oder weniger intensiver Zeitungsbegleitung; die täglichen Notwendigkeiten erledigen; Zeit für die Kunstarbeit suchen und finden und dabei die lieben Nächsten nicht aus den Augen verlieren und ihnen die nötige Zeit widmen. Irgendwann ist dann Abend und Nachtmahl und Ruhe.
Wir – persönlich und als Angehörige der Art Homo sapiens insbesondere in der westlichen Überflussgesellschaft – müssen endlich unseren Hintern hochkriegen und echten Wandel wagen. Wir leben ja nicht nur am Rand unzähliger militärischer Konflikte, sondern auch am Abgrund der Klimaentgleisung und permanent über unsere Verhältnisse.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Wesentlich: den Hass zu überwinden und allen Nationalwahn. Mitmenschlichkeit zulassen und leben. Uns als Teil der belebten Welt zu verstehen und Achtung vor all dem anderen Leben zum Maß unseres Handelns zu machen. Die Welt braucht den Homo sapiens nicht. Dieser aber sehr wohl die Welt um sich herum …
Und die Rolle der Kunst, der Literatur? Nicht müde werden, die Welt zu erzählen – wie sie ist und wie sie sein könnte. Durchaus auch, die Schönheit dieser Welt zu feiern. Und immerzu zu sagen und zu zeigen, was gesagt und gezeigt werden muss.
Was liest Du derzeit?
Vordringlich „Fathoms: the world in the whale” von Rebecca Giggs. Eine ziemlich erschütternde Lektüre, die erneut die Zerstörungsmacht der Art Homo sapiens eindringlich vor Augen führt.
Und dann wartet der erste Teil von „Magellan“ des lieben Kollegen Dr. Reimer Boy Eilers auf mich – ganz anderes Buch, obwohl es auch dort um Seefahrt und ähnliche Wirrnisse geht.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Vielleicht ein Gedicht von mir?
Tagebuchnotiz
Sie werden nicht reichen. All unsere Worte. Werden nicht reichen.
Gegen Dürre und Flut.
Gegen Krieg, Hass und Gier.
Nicht einmal gegen das Unwissen und die Gleichgültigkeit werden sie reichen, unsere Worte.
Wenn wir nichts tun, wird es nicht reichen.
Und alles, was wir tun, wird nicht reichen.
Unzureichend unser Tun wie unsere Worte.
Wir werden es trotzdem allemal versuchen müssen:
Mit Worten und Taten den Lauf der Welt zu ändern.
Was sonst können wir tun.
Auch darum schreibe ich weiter.
Immer
Noch.
Vielen Dank für das Interview liebe Patricia, Schriftstellerin, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Zur Person_Dr. Patricia Falkenburg wurde 1961 in Mannheim geboren und wohnt mit ihrer Familie in Pulheim bei Köln. Sie ist promovierte Naturwissenschaftlerin, Lyrikerin und Fotokünstlerin und veröffentlicht seit 2015 Gedichte in deutscher und englischer Sprache, Fotovisualisationen und Lyrik-Videos. Texte in zahlreichen Anthologien, Zeitschriften und online-blogs, disziplinen-übergreifende Zusammenarbeit mit Kolleg:innen in unterschiedlichen Kunstprojekten. Falkenburg ist als Literaturfachbeirätin Mitglied des Bundesvorstands der GEDOK, sowie Mitglied der gzl, des Künstlervereins 68elf, der Literaturszene Köln, der Kölner Autorengruppe FAUST und des ARE, und im PEN Freundes- und Förderverein. Einzelveröffentlichungen: „in unsern Mündern lodern Zungen“, Kulturmaschinen-Verlag, Freiburg 2023; LyrikHeft Nr 24 „Portugiesische Notizen“, Sonnenberg-Presse Chemnitz, 2019.