„Ein Männerbild, das es ermöglicht sich und andere zu unterstützen“ Florian Raphael Schwarz, Schauspieler_reenacting Malina _ Wien 1.5.2022

Florian Raphael Schwarz _ Schauspieler _
reenacting _ Malina – Roman_Ingeborg Bachmann_Romanschauplatz Wien.

Lieber Florian, wir sind hier am Romanschauplatz „Malina“ (Ingeborg Bachmann, 1971) Wien. Was bedeuten Dir Orte?

Orte können für mich Ruhe und Frieden ausstrahlen – Friedhöfe haben diese Wirkung auf mich, ankommen, loslassen – meine Wohnung.

Orte können mit positiven oder negativen Emotionen, Energien und Erinnerungen behaftet sein und diese auch in verschiedenste verwandeln. Sie sind alle wichtige Bestandteile des Lebens für mich, die es auf unterschiedliche Arten bereichern.

Was bedeutet Dir Wien?

Wien ist für mich Heimat, Vielfältigkeit, Trubel und Entspannung. Wien ist ein Geschmackserlebnis, ist schräg und grantig und teilweise auch eine Gefangene in seiner eigenen Vergangenheit. Ein Potpourri aus so vielem und vor allem nicht langweilig.

Wie war Dein Weg zum Schauspiel?

In meinen Mitte Zwanzigern war ich stets auf der Suche nach einem Job, der mich fesselt. Über Freunde, die eine Theatergruppe hatten, kam ich zu einer Probe mit, da ich sehr neugierig war und unbedingt wissen wollte wie so ein Stück entsteht. An diesem Tag war jemand ausgefallen und da ich eben schon vor Ort war, bot ich an, einzuspringen und den Part zu lesen. Ich hatte einen Riesenspaß.

Damals konnte ich mir aber ganz und gar nicht vorstellen, jemals auf der Bühne zu stehen, zumal ich doch ein eher zurückgezogener und schüchterner Mensch war. Eines führte aber trotzdem zum anderen, weshalb ich zwei Jahre später mein Vorsprechen an einer Schauspielschule hatte – heute arbeite ich schon 3 Jahre in der Branche.

Welche Zugänge gibt es von Dir zu Ingeborg Bachmann und Ihrem Roman

„Malina“?

Die Autorin war mir natürlich bekannt, aber erst als Walter Pobaschnig mich zu einer seiner „Bildergeschichten“ einlud, hatte ich einen tieferen Berührungspunkt mit dem Roman „Malina“.

Ich las anfangs über die Verfilmung und schließlich auch das Buch und war gepackt von der Geschichte.

Was sind für Dich Grundaussagen des Romans?

Die Grundthemen sind der Einblick in den Kopf, die Gedankenwelt und Gefühle der Protagonistin und wie sie mit ihrer Lebenssituation umgeht, mit der Liebe, der Beziehung, dem Geheimnis, sich selbst – wie es ist Sie zu sein, wie es ist Frau zu sein, zwischen Wünschen und der Realität gefangen zu sein (Beziehung und Affäre – Liebe, Versuchung aber auch gesehen und gehört zu werden, gefühlt, verstanden in ihrem inneren Kampf mit sich und ihrer Vergangenheit).

Wie siehst Du die Protagonisten*innen im Roman?

Die Erzählerin nehme ich als eine unheimlich starke Frau wahr, die an vielen unterschiedlichen Fronten zu kämpfen hat.

Es geht um Liebe, Anerkennung, Karriere, Beziehung, die Vergangenheit und die eigenen Gedanken, wie sie sich damit und ihren Wünschen herumschlägt.

Eine Frau, die sich verliert in alledem, bis zur Selbstaufgabe und den Leser an ihrer Reise teilhaben lässt und interessante Einblicke in ihr inneres gewährt.

Ivan, ihren Liebhaber, sehe ich als jemanden, der zwar die Liebe der Erzählerin erwidert, ihr jedoch nicht die Zeit und Sicherheit schenkt, die diese sich wünscht.

Er ist vieles, was ihr Partner nicht ist. Doch ist er zu sehr mit seinem eigenen Leben beschäftigt.

Malina, den Partner der Erzählerin, sehe ich als jemanden, der seiner Partnerin wenig Zeit und Aufmerksamkeit schenkt und nicht wirklich zuhört oder da ist. Jemand, der mit sich und seinen Dingen beschäftigt ist. Er repräsentiert ein „klassisches“ Männerbild aus besagter Zeit.

Was braucht Liebe, um zu wachsen?

Liebe braucht zum Wachsen Raum und Arbeit, ganz viel Vertrauen und Kommunikation.

Liebe erfordert den Willen, sich in seine*n Partner*in hineinzuversetzen und verstehen zu wollen. Sein Gegenüber, aber auch Sich selbst. Sie braucht auch die Muße, stets im Austausch zu bleiben, mal geht dies schwerer, mal einfacher. Unterschiedlichste Gründe kann es dafür geben.

Was lässt Liebe enden?

Mit großer Wahrscheinlichkeit kann Liebe jedoch enden, wenn man aufhört daran zu arbeiten und zu kommunizieren, zuzuhören und dem anderen keine Aufmerksamkeit schenkt. Liebe kann enden, wenn das eigene Ego im Weg steht.

Was hat sich in Beziehungsrealitäten in 50 Jahren verändert?

Die „klassischen Rollenbilder“ sind aufgebrochen, haben sich verändert, oder sind teilweise sogar verschwunden. Es ist alles viel individueller geworden, teilweise schnelllebiger – was mit unserer Zeit und Aufmerksamkeit zu tun hat – und den unterschiedlichen Bildern von Beziehungen mit denen wir groß geworden sind. In der Gesellschaft wird viel mehr angenommen und auch angeboten – Karenz für Männer. Wie leider aber etwa die Zahl der Femizide zeigt, gibt es hier immer noch ganz viel Arbeit und Aufklärung zu leisten.

Wie hat sich die Rolle des Mannes in Liebe und Beziehung verändert?

Viele klassische Gesellschaftsbilder vom „Mann“ sind bereits gebrochen worden – er darf und kann Gefühle zeigen und über diese reden, um Hilfe bitten, muss nicht auf alles eine Antwort haben und hat gelernt viel mehr und offener zu kommunizieren. Er ist nicht mehr das „Familienoberhaupt“ und eines solchen bedarf es meiner Ansicht nach auch nicht.

Vieles ist am Werden und es gibt auch noch viel zu lernen. Und je nachdem wo man lebt, passiert dies schneller oder mehr, oder entwickelt sich sogar ins Gegenteil. Es wird mancherorts wahrscheinlich gekämpft, am alten und gewohnten Bild festzuhalten.

Wie geht es Dir als Mann mit gesellschaftlichen Rollenbildern?

Ich kämpfe und arbeite an jenen Rollenbildern, in denen ich selbst gefangen bin.

Viele dieser gesellschaftlichen Rollenbilder machen mich traurig oder gar wütend. Oft ist es sogar Verzweiflung stiftend, wenn man selbst nicht weiß, wie man so große Konstrukte ändern kann.

Mit gutem Beispiel voran zu gehen ist wohl der erste Schritt sowie aus seinen Fehlern zu lernen und darüber auch offen zu sprechen.

Sind Ivan und Malina auch männliche Prototypen der Gegenwart?

Natürlich gibt es diesen männlichen Prototypen heute immer noch. Diesen Menschen wurde es so vorgelebt und sie leben dies nun wiederum ihrem Umfeld auch vor, weil sie in ihrer eigenen Blase, gesellschaftlichen Situation oder in sich selbst und ihrer Vergangenheit gefangen sind.

Wie würdest Du die Vision eines neuen Männerbildes sehen?

Meine Vision eines neuen Männerbildes ist eines, welches Freiheit ermöglicht. Die Freiheit ohne Angst und ohne Scham seine Gefühle zu zeigen und offen zu kommunizieren. Mutig zu den eigenen Fehlern und Problemen zu stehen und Hilfe annehmen zu können.

Ich sehe ein Männerbild, das es ermöglicht, sich und andere zu unterstützen, um ein respektvoll funktionierendes Miteinander zu schaffen. Eines, das Freiheit ermöglicht, motiviert an sich selbst arbeitet und die Vergangenheit bewusst aufarbeitet.

Welche Eindrücke nimmst Du vom Romanschauplatz mit?

Das jede Ecke und jeder Raum eine Geschichte zu erzählen hat und viel gesehen und erlebt hat.

Was sind Deine derzeitigen Projektpläne?

Ich arbeite und forme noch im Kopf an eigenen Projekten und bin parallel auf der Suche nach neuen und aufregenden Engagements.

Florian Raphael Schwarz _ Schauspieler _
reenacting _ Malina – Roman_Ingeborg Bachmann_Romanschauplatz Wien.

Herzlichen Dank, lieber Florian Raphael, für Deine Zeit in Wort und szenischer Darstellung hier am Romanschauplatz „Malina“ in Wien! Viel Freude und Erfolg für alle Theater-, Schauspielprojekte!

Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:

Florian Raphael Schwarz _ Schauspieler

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien

Station bei Ingeborg Bachmann_Malina_Wien.

https://literaturoutdoors.com

Walter Pobaschnig 5_2022

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