Donna Leon, Ein Sohn ist uns gegeben. Roman. Neuerscheinung Diogenes Verlag.

 

Commissario Brunetti hat Dienstschluss. Er blickt noch kurz aus dem Fenster, bevor er die Questura verlässt. Ein wolkenloser Himmel über Venedig. Einer dieser Tage und Abende, in denen der Glanz der Sonne im Wasser zu malen scheint und sich die Gondeln darin wie tanzende Sterne spiegeln. Er überlegt kurz über die Piazza San Marco zu gehen, aber das Wetter und die damit verbunden zu erwartenden Menschenaufläufe verbieten das. So steigt er in die öffentlichen Verkehrsmittel um zum Palazzo Falier zu gelangen. Sein Schwiegervater bat ihn um einen Termin…

Angekommen, erzählt ihm der Conte über seinen langjährigen Freund Gonzalo, der auch zur Familie gehört und ebenso dem Commissario und seiner Frau gut vertraut ist. Brunetti hat ihn selbst kürzlich getroffen und sein heller gewordenes Haar und auch der bemühte aber sichtbare der Gang des Alters fiel ihm auf. Und jetzt kommt der Conte auf den Punkt. Brunetti zieht die Augenbrauen hoch…

Der kinderlose Gonzalo wünsche sich jetzt eine Regelung für sein Erbe. Er wünsche sich einen Sohn und habe sich bereits über Adoptionen erkundigt. Und jetzt mache sich der Conte Sorgen. Doch seine Hilfe hat der Gonzalo abgelehnt. Darum dieses Gespräch mit seinem Commissario Schwiegersohn…

Brunetti ahnt, dass dies eine sehr heikle Angelegenheit ist, in der Interessen und Geld bald den Himmel über der Lagunenstadt verdunkeln könnten. Und er hat Recht. Es beginnt ein Sturm, in dem er nun Ruhe bewahren muss, um die schwankende Stadt und deren Familien wieder in sichere Häfen zu führen…

Die amerikanische Bestsellerautorin Donna Leon legt mit ihrem achtundzwanzigsten Fall für Commissario Brunetti eine spannende, abwechslungsreiche und wunderbar lebensweltliche Reise zu Familienwegen und Interessen vor, der Leserin und Leser gerne folgen.

„Ein Roman, der über die Macht des Sterbens und die Angst davor und noch viel mehr über das Leben in Traum, Erwartung und schwieriger Endlichkeit erzählt.“

Donna Leon, Ein Sohn ist uns gegeben. Roman. Neuerscheinung Diogenes Verlag.

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„Eine bejahende, freiheitsliebende Message“ Bachmannpreis 2019

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Abwechslungsreich, engagiert und spannend. So lassen sich die 43.Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt zusammenfassen. Dies trifft auf die Texte der 14 AutorInnen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz  – Martin Beyer, Ines Birkhan, Birgit Birnbacher, Yannic Han Boan Federer, Leander Fischer, Andrea Gerster, Daniel Heitzler, Julia Jost, Tom Kummer, Lukas Meschik, Ronya Othmann, Katharina Schultens, Silvia Tschui, Sarah Wipauer – wie auf die Jurydiskussionen (Jury – Hubert Winkels, Stefan Gmünder, Nora Gomringer, Klaus Kastberger, Hildegard Elisabeth Keller, Michael Wiederstein, Insa Wilke –  im Saal wie des Publikums danach zu. Es sind Texte, die im unterschiedlich bewerteten Anspruch von literarischer Konstruktion wesentliche Fragen an Mensch und Gesellschaft in Aufmerksamkeit, Kritik  und Utopie stellen.

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Der Ingeborg Bachmannpreis ging heuer, nach einer spannenden Stichwahl zwischen Birgit Birnbacher und Yannic Han Bao Federer, an die in Salzburg geborene und lebende Schriftstellerin und Soziologin Birgit Birnbacher. Ihr Text „Der Schrank“ verband hohe sprachliche mit kritischer sozialer Aufmerksamkeit. Die Jurorin Hildegard Elisabeth Keller, beim Literaturclub des Schweizer Fernsehens tätig, betonte, dass die soziale Frage nach der Reaktion des Individuums im „Wegbrechen von Arbeitsverhältnissen“ und den Prozessen neuer Identitätsfindung, etwa angesichts von „Zynismen: Neue Arbeit“, im Text thematisiert werde. Stefan Gmünder, Literaturredakteur bei „Der Standard“, hob hervor, dass das „reduziert werden auf eine Nummer im Text nicht plakativ ist“ sondern im „hier und jetzt“ passiert. Insgesamt sei der Text literarisch „äußerst fein gemacht.“ Klaus Kastberger, Professor für neuere deutschsprachige Literatur am Franz Nabl Institut der Stadt Graz und Leiter des Literaturhauses Graz, sprach davon, dass viel „Bachmann im Text steckt“, in literarischen Topoi (etwa Das Verschwinden, Romanende von Malina) und der Erzählstruktur „puren Alltagsleben in Leichtheit und Verspieltheit und doch Dringlichkeit“. Michael Wiederstein, Chefredakteur des Schweizer Literaturmagazins Literarischer Monat/Schweizer Monat, betonte die „Empathie für eigene Figuren und den Humor – etwa bei Berlacovic (Erzählfigur, Anm.)“, das ist „großartig.“

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Im Interview nach der Preisverleihung wies die Bachmannpreisträgerin darauf hin, dass es „für uns Autorinnen und Autoren eine Verpflichtung ist, bestimmte Missstände in der Gesellschaft nicht auszusparen. Mein Text handelt von der Erosion der sozialen Mitte. Es war mir sehr, sehr wichtig dies zu zeigen.“ Ebenso sei aber die Referenz auf Samuel Beckett am Ende wesentlich, „das Singen als große Freiheitslust“. Denn am Ende sollte „eine bejahende, freiheitsliebende message“ stehen.

Grundsätzlich werde in der modernen Gegenwartsliteratur um „Inhalte gerungen“, dies zeigten für sie auch eindringlich „die Texte wie die Jurydiskussionen in Klagenfurt.“

 

Marie-Luise Mathiaschitz, Bürgermeisterin der Stadt Klagenfurt, welche den Ingeborg Bachmann Hauptpreis in Höhe von 25 000EUR zur Verfügung stellt, hob hervor, dass „moderne Literatur immer Reflexion unserer Gesellschaft ist und diese verschiedenen Blickwinkel sind wichtig, um Gesellschaft mitgestalten zu können.“ Der Landeshauptmann von Kärnten, Peter Kaiser, wies darauf hin, dass es gesellschaftliche „Aufgabe der Kultur an sich ist, im Besonderen aber auch der Literatur, autokratischen Formen entgegenzuwirken.“

Hubert Winkels, Juryvorsitzender und Literaturredakteur des Deutschlandfunk, betonte die „Reflexionskraft von Literatur“, die in allen Lebensbereichen, besonders aber auch in gesellschaftspolitischen Herausforderungen wichtig ist.

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Weitere PreisträgerInnen sind: Leander Fischer – Deutschlandfunk Preis, Ronya Othmann – Publikumspreisträgerin BKS Preis, Julia Jost – Kelag Preisträgerin, Yannic Han Biao Federer – 3sat Preis.

Herzliche Gratulation den PreisträgerInnen und Dank an die Veranstaltungsleitung/Unterstützung von ORF, 3sat, Stadt Klagenfurt und Land Kärnten!

Der Ingeborg Bachmannpreis wird seit 1977 in Klagenfurt vergeben. Der erste Preisträger war Gert Jonke. Der renommierte Literaturwettbewerb ist einer der wesentlichen Treffpunkte der Präsentation und Diskussion moderner deutschsprachiger Gegenwartsliteratur.

 

Walter Pobaschnig, 3.7.2019

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