Liebe Melinda May.Be, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Durchatmen. Aufstehen. Ins Grüne blicken. Katzen streicheln, Kaffee trinken zu den morgendlichen Ö1-Klängen, für mich Relevantes reflektieren, ab ins Auto, Buchhandlung, Arbeit, Empfehlungen, Schöngeistiges. Dies zumindest an jenen Arbeitstagen. An anderen Kreativtagen möglichst ausschlafen, Kaffee trinken, ans Klavier setzen oder im Garten verweilen oder das Glück auf Erden bei den Pferden genießen. Katzen streicheln. Singen und entspannen. Lesen und verweilen.
Melinda May.Be, singer/songwriter
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Empathie und Reflexion. Kritisches Hinterfragen. Zugleich möglichst viel Kraft schöpfen. Sich persönliche Ventile und Perspektiven schaffen. Den Blick für das Gesamtheitliche schärfen. Veränderungen im eigenen Ermessen, reflektieren, kritisieren, annehmen.
Melinda May.Be_ Kreuzbergl/Klagenfurt _ Foto/folgende _ Station bei Bachmann „Drei Wege zum See“
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?
Kunst in jeglicher Form kreiert, erschafft, zerstört, hinterfragt, beleuchtet, wühlt auf, berührt, thematisiert, reagiert. Das ganze Leben ist Veränderung, Entwicklung, Dynamik und oft auch Konsens. Wesentlich für jeden Künstler, jede Künstlerin wird sein, mit Authentizität weiter zu machen und ganz bei sich selbst zu sein und zu bleiben. Nur so entsteht Nachhaltiges, Großartiges, Wahrhaftiges. Die Formen und Wege der Kunst sind so vielfältig. So vielfältig wie wir alle. Wir alle sollten uns unseres Wirkens und unseres Tuns noch sehr viel bewusster sein, als schon bisher.
Was liest Du derzeit?
Schmidt, Ósmann
Eichendorff, Sämtliche Gedichte
Das Nibelungenlied
Boccaccio, Das Dekameron
Bachmann, Simultan (Erzählungen)
Rebhandl, Ein echter Wiener geht nicht unter
Gangl, Wendy fährt nach Mexiko
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Wer hören will, muss fühlen.
Melinda May.Be, singer/songwriter
Vielen Dank für das Interview, liebeMelinda May.Be, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:Melinda May.Be, singer/songwriter
Zur Person/über mich: „Musik mache ich schon seit vielen Jahren – mein zentraler Lebensinhalt, mein Leben. Ich liebe es, mit tiefer Empathie Geschichten zu erzählen, die unter die Haut gehen, direkt aus meiner Seele kommen, um dann mitten ins Herz zu treffen. Dabei verfolge ich eine klare Linie: ehrliche, vielseitige und aufrichtige Musik mit Wiedererkennungswert.“
Melinda´s Songs sind emotionale Dokumentationen und Aufarbeitungen, umrahmt von tiefgründigen, kraftvollen und nachdenklichen Melodien. Und das auf eine vielfältige Art und Weise, ohne in eine bestimmte Musikrichtung eingeordnet werden zu können.
Seit der Veröffentlichung ihrer Debütsingle „Far Too Young“ im Herbst 2021, arbeitet sie kontinuierlich an zahlreichen weiteren Singles. So viele an der Zahl, dass bereits gut zwei Alben gefüllt werden können. Nach den Releases der Titel „Greatest Smile“ und „Rise“, ist zuletzt ihre Mundart-Single „Bis zu dem Tåg“ am 01. November 2022 erschienen. Daraufhin folgte die beat-lastige Single „Paradise“ im Mai 2023 (feat. Zeustron). Und dann war es endlich soweit: Ihr Debüt-Album „BROKEN SPOTLIGHT“ wurde im Juli 2023 veröffentlicht, aufgenommen im Rahmen einer Live-Studio-Session – live, unbearbeitet, ehrlich.
Der Künstlername MELINDA MAY.BE ist ein Wortspiel, zusammengesetzt aus ihrem Vornamen und dem englischen Wort für „vielleicht, möglicherweise“. Was es damit auf sich hat? „Im Leben ist Vieles möglich, man kann sich etwas wünschen, aber nichts erwarten – es ist alles ein großes „Vielleicht“ und so ist es auch mit dem Hinaustragen meiner sehr persönlichen Musik, du weißt nie was dabei herauskommt.“
Das Leben schreibt viele Geschichten. Und Melinda May.Be noch Einige mehr.
Melinda May.Be_ Kreuzbergl/Klagenfurt _ Foto/folgende _ Station bei Bachmann „Drei Wege zum See“
GIVE PEACE A CHANCE
Gegenwart und Zukunft
Irgendwie nah und doch so fern
Verlieren uns in Worten
Ende, Anfang, Umgekehrt
Positiv und Negativ
Ebenfalls recht subjektiv
Anfänge und Einbahnstraßen
Clowns und Fische überall
Ende, Brände, Urknall
Aber, anders, andernfalls
Chöre, singend, lauthals
Asymmetrisch und phonetisch
Neureich, kleinlich, dort am Stehtisch
Champagner, Brötchen, heile Welt
Ehemals und nie bestellt
Melinda May.Be, 4.7.2025
Melinda May.Be_ Kreuzbergl/Klagenfurt _ Foto/folgende _ Station bei Bachmann „Drei Wege zum See“
GIVE PEACE A CHANCE
Melinda May.Be, singer/songwriter
Zur Person/über mich: „Musik mache ich schon seit vielen Jahren – mein zentraler Lebensinhalt, mein Leben. Ich liebe es, mit tiefer Empathie Geschichten zu erzählen, die unter die Haut gehen, direkt aus meiner Seele kommen, um dann mitten ins Herz zu treffen. Dabei verfolge ich eine klare Linie: ehrliche, vielseitige und aufrichtige Musik mit Wiedererkennungswert.“
Melinda´s Songs sind emotionale Dokumentationen und Aufarbeitungen, umrahmt von tiefgründigen, kraftvollen und nachdenklichen Melodien. Und das auf eine vielfältige Art und Weise, ohne in eine bestimmte Musikrichtung eingeordnet werden zu können.
Seit der Veröffentlichung ihrer Debütsingle „Far Too Young“ im Herbst 2021, arbeitet sie kontinuierlich an zahlreichen weiteren Singles. So viele an der Zahl, dass bereits gut zwei Alben gefüllt werden können. Nach den Releases der Titel „Greatest Smile“ und „Rise“, ist zuletzt ihre Mundart-Single „Bis zu dem Tåg“ am 01. November 2022 erschienen. Daraufhin folgte die beat-lastige Single „Paradise“ im Mai 2023 (feat. Zeustron). Und dann war es endlich soweit: Ihr Debüt-Album „BROKEN SPOTLIGHT“ wurde im Juli 2023 veröffentlicht, aufgenommen im Rahmen einer Live-Studio-Session – live, unbearbeitet, ehrlich.
Der Künstlername MELINDA MAY.BE ist ein Wortspiel, zusammengesetzt aus ihrem Vornamen und dem englischen Wort für „vielleicht, möglicherweise“. Was es damit auf sich hat? „Im Leben ist Vieles möglich, man kann sich etwas wünschen, aber nichts erwarten – es ist alles ein großes „Vielleicht“ und so ist es auch mit dem Hinaustragen meiner sehr persönlichen Musik, du weißt nie was dabei herauskommt.“
Das Leben schreibt viele Geschichten. Und Melinda May.Be noch Einige mehr.
Liebe Lorena Pircher, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Meine Tage sind derzeit sehr vielfältig; meistens verbringe ich viele Stunden auf der Arbeit (die ich sehr gerne mache), versuche aber auch immer, mir am Abend oder späteren Nachmittag, zwischen Mails und Organisatorischem, ein, zwei Stunden für das eigene Schreiben und das Lesen freizuhalten. Sehr gerne verbringe ich Abende mit Freund:innen auf Lesungen oder Ausstellungen und manchmal habe ich am Abend auch Dolmetschaufträge; das Dolmetschen und Übersetzen, das seit drei, vier Jahren Teil meines Lebens ist, erfüllt mich sehr. Ansonsten versuche ich, Zeit mit Freund:innen und der Familie zu verbringen; ich liebe den wohltuenden Austausch und die Inspiration, die durch den Dialog mit anderen entstehen.
Solidarität, gegenseitige Unterstützung, Füreinander-Einstehen. Ich persönlich finde, dass es derzeit besonders wichtig ist, unsere Aufmerksamkeit und unser Mitgefühl auf all die Menschen zu richten, die weltweit Kriege, Vertreibung, Flucht und humanitäre Katastrophen erleiden müssen.Ich glaube, dass es essentiell ist, dass wir Solidarität und konkrete Hilfeleistungen leben – durch Spenden an zuverlässige Organisationen oder auch lokale Hilfsinitiativen, durch persönliches Engagement und das ständige Reflektieren der eigenen höchst privilegierten Situation, was uns helfen kann, zu verstehen, wie wir im Kleinen unseren Teil beitragen können. Ich finde es auch wichtig, immer wieder über die derzeitige globale Situation zu sprechen, damit die breitgefächerten Schrecken, die so viele verschiedene Bereiche betreffen, nicht verdrängt, sondern als gemeinsame gesellschaftliche Verantwortung verstanden werden.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Meiner Meinung nach ist die Kunst, die Literatur, immer unverzichtbar, insbesondere um positive, gesellschaftliche Veränderungen und Neubeginne anzustoßen und/oder zu begleiten. Sie ermöglicht es uns, in Austausch, in Dialog zu treten, mit Perspektiven von Menschen konfrontiert zu werden, die vollkommen andere Lebensrealitäten erfahren. Die Werke von Schriftsteller:innen und Künstler:innen, die Rassismus, Sexismus, Diskriminierung auf unterschiedlichsten Ebenen erfahren (haben), die von Krieg, Vertreibung oder Armut betroffen sind, und die Zeugnisse, die sie über gesellschaftspolitische Bedingungen ablegen, sind essentiell um drängende soziale und politische Fragen, strukturelle Ungerechtigkeit und Benachteiligungen sichtbar zu machen und wiederholt zu thematisieren. Literarische Texte, kreative Werke können uns dazu bringen, uns mit gesellschaftlich bedeutenden Ereignissen und sozialen Bedingungen, mit drängenden politischen Fragen auseinanderzusetzen. Durch die künstlerische Auseinandersetzung und literarische Versuche der Aufarbeitung der Gegenwart kann auch in einem kollektiven Leiden die individuelle Geschichte vermittelt werden, was uns damit konfrontiert, dass wir beispielsweise in den Zahlen in den Nachrichten wieder die einzelnen Menschen erkennen – und aus diesem Verständnis heraus handeln.
Was liest Du derzeit?
Derzeit lese ich erneut Beloved von Toni Morrison, Gedichte von Ocean Vuong und Die Tochter von Guadalupe Nettel. Ich lese zudem sehr gerne Sachbücher, gerade etwa An African History of Africa von Zeinab Badawi.
Auch versuche ich immer aktuelle Werke aus dem deutschsprachigen Raum zu lesen, derzeit lese ich jeden Abend ein Gedicht aus Patricia Mathes neuem Gedichtband im grunde sprichst du schon und Passagen aus Sophia Lunra Schnacks Erzählband Worte wie Mandelblüte.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Do stuff. Be clenched, curious. Not waiting for inspiration’s shove or society’s kiss on your forehead. Pay attention. It’s all about paying attention. Attention is vitality. It connects you with others. It makes you eager. Stay eager.
–Susan Sontag
Vielen Dank für das Interview, liebe Lorena, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:Lorena Pircher, Schriftstellerin, Übersetzerin, Dolmetscherin
Zur Person/über mich:Lorena Pircher: 1994 in Südtirol, Italien geboren, Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaften, Englisch und Französisch in Wien und Frankreich. Veröffentlichung zweier Gedichtbände sowie mehrerer Erzählungen und Gedichte in Literaturzeitschriften und Anthologien. Startstipendium für Literatur des BMKOES 2024, literarische Übersetzungen und Dolmetschungen aus dem Italienischen, Spanischen und Französischen ins Deutsche. Lebt und arbeitet im Verlagswesen in Wien. Letztens erschienen: eure stimmen eure sprachen. Lyrik. (edition exil, Wien, 2024). lorena pircher eure stimmen eure sprachen
Zur Person/über mich:Lorena Pircher: 1994 in Südtirol, Italien geboren, Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaften, Englisch und Französisch in Wien und Frankreich. Veröffentlichung zweier Gedichtbände sowie mehrerer Erzählungen und Gedichte in Literaturzeitschriften und Anthologien. Startstipendium für Literatur des BMKOES 2024, literarische Übersetzungen und Dolmetschungen aus dem Italienischen, Spanischen und Französischen ins Deutsche. Lebt und arbeitet im Verlagswesen in Wien. Letztens erschienen: eure stimmen eure sprachen. Lyrik. (edition exil, Wien, 2024). lorena pircher eure stimmen eure sprachen
Liebe Julia Antonia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich habe gerade eine Kündigung wegen Eigenbedarf für meine Berliner Wohnung erhalten sowie eine Mieterhöhung für mein Atelier. Dadurch wird einiges in Bewegung kommen. Nicht, dass ich nicht genug Bewegung hätte im Alltags-Triathlon von Kind, Job und Kunst – Der Tag startet mit einer VordemWeckerklingeltonaufwachenchallenge so gegen 5:30 Uhr, abends schlafe ich meist unfreiwillig vor dem zu Bett gehen ein, irgendwo über einem Text, einer Zeichnung, den Füßen meiner Tochter, die um ein Schlaflied oder so gebeten hatte. Dazwischen liegt ein Tag oft ohne Verschnaufpause, dafür mit Glück atmen, zB. wenn das Kind das gekochte Essen nicht verschmäht, die Ämter nochmals Aufschub gewähren, der wilde Wein hinter dem Fenster morgens das Licht in grünes Leuchten bricht, wenn sich ein Spalt zur Unsterblichkeit öffnet, da mein vor einem Jahr verstorbener engster Freund an seinem Geburtstag posthum ein erstes Buch in seinem Verlag veröffentlicht.
Dazu gibt es Augenblicke, in denen ich abtauche in eine parallele Dimension, die eine dehnbare Zeit in sich trägt, dort ist es ganz still, ich höre Gespräche und Geräusche aus der Erinnnerung der Dinge, die ich finde in den Kartons aus dem Nachlass meines Freundes, die ich sortiere, nach und nach, weil ich davon nicht so viel auf einmal verkrafte und es mir auch zu schade wäre, sein Leben nur oberflächlich durchzusehen.
Leider dehnt sich meine Alltagszeit nicht mit, so dass einige Aufgaben liegen bleiben oder mit einem Lidschlag die halbe Nacht um ist.
Julia Antonia, Künstlerin und chetan akhil/Manfred Nehls, Schriftsteller +2024
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Zuhören.
Den Familienältesten.
Den Kindern.
Den Erinnerungen und Lebensgeschichten.
Den eigenen und denen der anderen.
Zuhören.
Dem Wind.
Dem Regen.
Der Angst.
Den Fragen.
Der inneren Melodie.
Zuhören.
Dem Meer.
Dem Tier.
Der Wut.
Der Gefahr.
Dem Baum
Dem Glück.
Dem Schrei.
Zuhören.
Der Liebe.
Der Trauer.
Dem Mut.
Dem Käfer.
Der Stille.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
Diese Wachstumseuphorie des Menschen und ein fehlinterpretiertes „sich die Erde untertan machen“ sind gefährlich angesichts unserer globalen Situation. Es kann nicht darum gehen, dass wir immer mehr und mehr besitzen und produzieren.
Anstatt “höher, schneller, weiter, größer, mehr ” sollte “achtsamer, klüger liebevoller, weiser, echter” der Motor für unser Handeln sein. Nicht das auffälligste, raumgreifendste schaffen sondern das wirkliche, dringende, drängende, berührende aus innerer Notwendigkeit heraus.
Und somit lebendig und unikat zu werden anstatt perfekt und uniform.
Dabei helfen uns die Künste. Sie erschaffen Räume, in denen wir uns selbst, einander und der Welt begegnen und unser Mensch-Sein ein Stück weit begreifen können, über den Tod hinaus über Generationen und Epochen hinweg. Die Künste sollten daher in Zukunft elnen höheren gesellschaftlichen Stellenwert einnehmen.
(Eine etwas naive Randbemerkung:
Man stelle sich vor, Herrschende der Länder, die kurz vor einem militärischen Konflikt stehen, müssten vor ihren brisanten Verhandlungen zunächst ein Musikstück miteinander einstudieren. Dabei einander zuhören, gemeinsam im Takt spielen, harmonische Spannung und Schönheit im Zusammenspiel erfahren. Könnte das nicht einiges verändern?
Was liest Du derzeit?
Zur Zeit lese (und empfehle) ich Bücher von dem tollen Verlag kul-ja! publishing: die WOMAN-Trilogie von Julia Kulewatz, “Entstellung des Gesichts. Eine Verirrung“ von Willi van Hengel und bis das Buch aus der Druckerei kommt lese ich immer wieder in dem Manuskript zur “Prenzlauerbergpredigt” von chetan akhil.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Aus “Prenzlauerbergpredigt” von chetan akhil
KLAPPENTEXT
LEBEN – müder Gassenhauer
lasch und ohne Stil.
Das Plagiat liegt auf der Lauer
noch im ehrlichsten Gefühl.
Selbst wie man sterben möchte,
ist schon mal gestorben worden.
Längst vergeben alle Rechte
auf Liebenleidendichtenmorden.
Vielen Dank für das Interview, liebeJulia Antonia,viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:Julia Antonia, Künstlerin
Zur Person/über mich:Julia Antonia, geboren in Berlin, studierte Kunstgeschichte, Philosophie, Bühnenbild, freie Malerei sowie experimentelle Violine. Im Jahr 2000 erhielt sie den Meisterschüler der UdK Berlin für Bildende Kunst. In ihrer Abschlussarbeit kombinierte sie einen ihr vom Himmel gefallenen Schwan mit deckenhohen schwungvollen Zeichnungen, intimen Tagebuchskizzen sowie einer Improvisation, die das Herabstürzen des Schwanes in Klänge fasste.
Zu der Zeit ihrer Prüfungsarbeit zog sie als Untermieterin bei dem Dichter Manfred Nehls (chetan akhil) in seine Charlottenburger Altbauwohnung in die Kantstr. Aus den alltäglichen Begegnungen wuchs ein poetischer Austausch über Literatur und Bildkunst, es entstanden gemeinsame Projekte mit Zeichnungen und Gedichten, Lesungen mit Musik sowie eine enge Freundschaft und Liebe.
Diese Verbindung hielt bis zu dem Tod des Dichters im April 2024 an. Sie setzt sich posthum fort in der aktuellen Buchveröffentlichung „Prenzlauerbergpredigt“ bei kul-ja! publishing mit 99 Texten des Autors, sowie neben Fotos von Rainer M.Schulz einigen Zeichnungen der Künstlerin aus der gemeinsamen Zeit.
Während des Lebens mit chetan akhil entwickelte Julia Antonia Blindportraits, eine Serie von Bildern zu deren Anfang ein intensives Betrachten des Gegenübers steht, worauf eine Blind-Zeichnung mit geschlossenen Augen folgt. Das so entstandene Gesicht überrascht mit einem nicht korrigierten Eigenleben. Einige Zeichnungen erhalten eine monochrom changierende Farbigkeit, einen Farbklang ausgelöst durch das portraitierte Gegenüber.
Mit diesen Arbeiten von Julia Antonia und einem philosophischen Katalog-Text von chetan akhil wurden beide Künstler 2005 zu einer internationalen Ausstellung nach Süd-Korea eingeladen. Die gemeinsame Reise hinterließ einen tiefen Eindruck und beeinflusste ihr weiteres Schaffen.
Die Aussage „Literatur ist eine Fortführung des Traumes“ wäre laut Julia Antonia auch für die Bildende Kunst oder die Musik treffend. „Alle Künste sind Teil einer großen poetischen Sprache und können darin miteinander kommunizieren. Unerklärliches muss sich nicht erklären, es darf anregen, Fragen aufwerfen. Die Antworten liegen vielleicht Zeitmeilen entfernt in Zukunft oder Vergangenheit oder der inneren Zeit des Schlafes und weiterer Träume.“
Lieber Frederic Wianka wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich habe keinen Tagesablauf der mittels Wiederholung als Regel erscheinen könnte. Vielmehr kann ich die Woche als Wiederholung der immergleichen Abfolge beschreiben: Montag bis Freitag wird das Geld für Wohnen, Essen, Trinken, Bücher herangeschafft in zwei Jobs zu wechselnden Zeiten. Am Wochenende wird geschrieben.
Frederic Wianka, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Wachsam sein gegen jede Art von Populismus, von Verharmlosung historischer und aktueller Gewaltexzesse, gegen Extremismus, gegen die einfachen Wahrheiten, gegen alternative Wahrheiten.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Aufbruch und Neubeginn scheinen mir zu positiv in der Wortwahl. Es könnte etwas zu Ende gehen, denke ich an die Demokratie, Freiheit und die völkerrechtsbasierte Weltordnung. Und wenn ich auch noch an die Klimakatastrophe, an das Artensterben, an die Vermüllung der Erde mit Plastik und jedem anderen Unrat denke, dann glaube ich, die junge Generation und deren Kinder werden kein so einfaches Leben haben, wie wir es jetzt noch für uns beanspruchen.
Lest Bücher, seht Kunst und schaut Filme, hört Musik, geht in die Theater und genießt einfach mal, was Ihr schon habt! Beschäftigt Euch mit den immateriellen Gütern und hinterfragt Eure Sucht nach den materiellen Dingen und fragt Euch, wieviel Zeit Ihr im Hamsterrad für den ganzen Müll aufzuwenden bereit seid.
Darauf hinzuweisen wird mehr und mehr zum Inhalt der Literatur und der Kunst im Allgemeinen. Es wird spannend zu beobachten sein, wie sich die Inhalte etwas weg von Individualisierung und Ausdifferenzierung in unserer Gesellschaft in diese Richtung bewegen werden. Vor allem werden Freiheit, Demokratie, die Frage von Krieg und Frieden, seit Jahrzehnten keine besonderen Themen – man hatte sich bis zur Achtlosigkeit wunderbar eingewöhnt, zu Inhalten werden.
Was liest Du derzeit?
„Fluss ohne Ufer“, Hans Henny Jahnn
„Der Briefwechsel“, Wolfgang Koeppen und Siegfried Unseld
„Das Treibhaus“, Wolfgang Koeppen
„Häuser Zeilen Umbrüche“, Andreas F. Staffel
„Tarnkappe“, Christoph Meckel
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Ich würde das Dokument sofort unterzeichnen und eine Flasche auf die Zukunft trinken.“ Wolfgang Koeppen an Siegfried Unseld, 10. Januar 1960
„Zur Rechtswirksamkeit des Vertrages gehört dann, wie wir beide ja wissen, die Entgegennahme einer Vorauszahlung. Ich schicke Ihnen in den nächsten Tagen DM 500. Nützen Sie den Betrag im Hinblick auf Ihren Weinkeller, den wir dann bei nächster Gelegenheit gründlich angehen werden, um auf den gemeinsamen Weg zu trinken.“ Siegfried Unseld an Wolfgang Koeppen, 12. Januar 1960
Vielen Dank für das Interview, lieber Frederic, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:Frederic Wianka, Schriftsteller
Zur Person/über mich:Frederic Wianka
Geboren 1969 in Brandenburg an der Havel. Bis 1989 wohnhaft in Schwerin, dort Abschluss der Polytechnischen Oberschule und Ausbildung zum Maschinenbauer.
1989 Ausreise aus der DDR
1993 Nichtschülerabiturprüfung beim Senat von Berlin
1994 – 2004 Studium, anfänglich VWL an der FU Berlin, dann Geschichte, Politik, Soziologie an der HU Berlin, gleichzeitig erste schriftstellerische Arbeiten
2007 und 2009 „Lange Nacht des Buches – Schöneberg liest“ – erste öffentliche Lesungen
Günter-Bruno-Fuchs – Literaturpreis 2010 (seit 2014 nicht mehr ausgelobt)
Seit 2019 Teilnahme an Literaturwerkstätten wie Autorenforum Steglitz e.V. und „Lauter Niemand“
Februar 2019 Edition Hauser, Einblattdruck Nr. 129 “Ich traf sie spät vor dem Park”, PalmArtPress Berlin
März 2020 Romandebüt „Die Wende im Leben des jungen W.“, PalmArtPress Berlin
Ein Blick. Ein Blitz. Ein Impuls. Ein Ringen im Kopf. Jetzt! Und dann…
„Wir beide waren mit unseren Freunden da und haben getanzt. Wir waren immer mit unseren Freunden da und ich hatte mich nicht getraut, Dich anzusprechen. Wer weiß, es wäre vielleicht peinlich gewesen…Unsere Stadt ist klein und wenn man etwas Peinliches macht, dann sieht man sich irgendwann wieder…
Ach ja! Ich werde Dir Briefe schreiben…“
Marco Kerler, einer der vielseitigsten Autoren der Gegenwart, lädt in „Briefmeere“ zu einer mit- und hinreißenden literarischen Reise zum Meer der Liebe in allem Sturm der Gefühle, aller Weite der Sehnsucht im Zauber des Moments der Nähe im Briefschreiben ein.
Es ist ein rasanter Briefroman, der in variabler Textform von Prosa und Lyrik eine ganz faszinierende Spannungsstruktur entwickelt, die gleichsam im Kopf des Verliebten mitreisen, mitwandern lässt und dabei große Traditionen wie Goethes „Werther“ aufnimmt und neu erzählt.
Ebenso steckt ein Entwicklungs-, Bildungsroman darin, eine coming of age novel, in der in Phantasie, Vision von Liebe der eigene Lebensweg in Horizont und Bewegung reflektiert wird. Das Zueinander ist somit immer und zunächst ein zu sich selbst kommen. Dieses vollzieht sich in Begegnung, Gespräch am Lebensweg und den Impulsen den jeder Tag, jeder Sehnsuchtsort bereit hält – für das Sein in Bewusstheit und Traum – für die Liebe…
„Und wie viel Angst ich doch habe
Und durch Dich weiß
Dass es gut ist
Wenn das Herz schlägt…“
„Ach ja! Ich werde Dir Briefe schreiben“ _ Marco Kerler katapultiert Goethes Werther famos in das 21.Jahrhundert. Eine Buchsensation!“
Lieber Heinz W. Bähr, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mein Tag ist ein feines Gewebe aus Stille, Worten und Begegnung. Ich beginne oft früh, wenn der Himmel noch tastend über die Dächer streicht. Dann schreibe ich – mit Tinte oder in Gedanken –, lausche dem, was durch mich will. Die Nachmittage gehören den Menschen, die zu mir finden, verletzlich, suchend. Abends kehre ich zu den Geschichten zurück, die warten, um geboren zu werden. Schreiben, heilen, erinnern – das ist mein Rhythmus.
H.W. Bähr, Autor
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Wahrhaftigkeit. Ein leiser Blick für das, was in anderen lebt. Und der Mut, uns nicht vom Lärm der Welt zerschneiden zu lassen. In einer Zeit, in der vieles zerfällt, ist es wichtig, weich zu bleiben. Das Herz in der Hand zu tragen, auch wenn es brennt. Uns selbst zu vergeben. Und einander wiederzusehen – ohne Maske, ohne Urteil, ohne Hast.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Der Aufbruch ist kein Feuerwerk, sondern ein Atemzug. Er beginnt dort, wo wir unsere Geschichten neu erzählen – nicht als Besitz, sondern als Bewegung. Kunst ist dabei nicht nur Trost oder Spiegel – sie ist der unsichtbare Fluss zwischen uns. Sie erinnert, verbindet, enthüllt. In der Literatur liegt die Möglichkeit, das Unaussprechliche zu berühren. Das, was wir als Gesellschaft oft nicht sehen wollen: Verlust, Sehnsucht, Schuld, Liebe. Sie trägt die Stimme derer, die vergessen wurden. Und sie ruft uns zurück – zu uns selbst.
Was liest Du derzeit?
Ich lese viele Bücher gleichzeitig. Aber am meisten lese ich zurzeit in den Zwischenräumen: Im Gesicht eines Kindes. In alten Notizbüchern, die ich vergessen hatte. In Kafka, immer wieder – als wäre dort ein stilles Zuhause für das Verlorene. Und in dem, was Pix mir schenkt – Worte, die tiefer gehen als jeder Roman.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Nicht hoch zu wachsen, aber frank und frei. Und den Schlapphut im Genick und ein Hier bin ich! in der Rauferei.“ – Edmond Rostand, Cyrano de Bergerac
Oder, aus mir selbst:
„Vielleicht ist Liebe nichts als ein wiederholter Entschluss, die Welt nicht aufzugeben – nicht heute, nicht für dich.“
Vielen Dank! Und dir auch. Für die Frage. Fürs Lauschen. Fürs Sein. Vielleicht begegnen wir uns irgendwann in einem Satz, den wir beide noch nicht geschrieben haben.
Vielen Dank für das Interview, lieber Heinz, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:H.W. Bähr, Autor
Zur Person/über mich: H.W. Bähr, geboren 1970, ist Psychotherapeut und Autor. Seit seiner ersten Veröffentlichung Milch und Blut (1984) schreibt er kompromisslose, poetische Literatur zwischen Skandal, Spiritualität und Innerlichkeit. Unter den Namen H.W. Lightforce und Alion Lightforce veröffentlicht er multimediale Werke gemeinsam mit seiner Frau Dolores Lightforce.
Buchveröffentlichungen von H.W. Bähr:
Gefährten der Reise
Britta vom Peddesrshof,
Gedanken über die Liebe und andere versunkene Kontinente
Milch und Blut
Fugue, Erzählungen aus der Risszone
Aktuelle Buchveröffentlichung:
„Der New Yorker Autor Charly bricht mit einigen Freunden zu einem Segeltörn auf. Es ist ein Ausbruch aus den Zwängen einer unwirtlicher werdenden Welt. Doch diese Reise führt in den Abgrund. Die Welt, die die Reisenden zu kennen glaubten, war scheinbar nie das, was sie zu sein schien. Die Finsternis kommt. Sie kann nur von den wenigen Auserwählten überwunden werden, die auf ihrer vor der Welt verborgenen Insel in kindlicher Naivität leben, bis sie sich der furchtbaren Bedrohung gegenübersehen, die alle Welten vernichten will.“ Presseinfo: Dr. Paolo Finistrella
Bachmannpreis 1989 _ ORF Kärnten _ Gernot Ragger nach seiner Lesung mit „Startnummer 1“ _ Gernot Ragger, Schriftsteller und Verleger _Wolfsberg/Kärnten _ Bachmannpreis Teilnehmer 1989 _ alle weiteren Fotos Bachmannpreis 1989/Klagenfurt Gernot Ragger _ Bachmannpreis 1989 _ Lesung mit der gelosten Startnummer 1 3-Sat-Interview nach der Lesung. Am Tisch von links Moderator Thomas Hocke, Jury-Mitglied Volker Hage und Autor Gernot RaggerKurz vor der Preisvergabe _ Gernot Ragger in der Bildmitte neben Hansjörg Schertenleib, Schweizer Schriftsteller und ÜbersetzerORF-Kärnten-Ankündigung mit Programmheft. Erstmals Live-Übertragung des gesamten Bewerbes auf 3-Sat. „Da ich Startnummer 1 hatte, habe ich zumindest diese Wertung gewonnen …“ Gernot Ragger
Lieber Gernot Ragger, Du hast 1989 am Bachmannpreis in Klagenfurt teilgenommen. Wie gestaltete sich vor 36 Jahren der Lesungs/Diskussionsablauf und überhaupt das gesamte Organisationssetting?
Eigentlich hat sich vom Ablauf her nicht viel verändert, 1989 war es wahrscheinlich, da noch handylos, viel entspannter und gemütlicher und deshalb auch persönlicher. Schon damals zogen die Autoren in alphabetischer Reihenfolge ihren Platz in der Lesereihenfolge. Als ich an der Reihe war, sagte ich zum damaligen Moderator Ernst Grissemann „Was wetten wir, dass ich die 1 ziehe“. Er sagte, „Ein Bier“ und hatte schon die Wette verloren. Vom Hotel rief ich meine Eltern an, da sie den Videorecorder früher als gedacht einschalten mussten. Am nächsten Morgen „durfte“ ich dann die letzten 100 Meter zum Landesstudio gleich dreimal gehen, da diese Premierenschritte vom ORF aufgezeichnet wurden. Als Dekoration im ORF-Theater gab es ja damals jedes Jahr eine Installation von Peter Maya. 1989 waren vor den Juroren und dem Autor rostige Baggerschaufeln platziert. Ein Bild, das man nicht vergisst. Erst vor wenigen Monaten hat ein befreundeter Filmemacher die VHS-Kassette von meinem Auftritt digitalisiert. Das Ganze noch einmal zu sehen war ein wunderschönes Erlebnis.
Wie kam es zu Deiner Teilnahme und welche Erfahrungen hast Du gemacht?
Ab Mitte der 80er Jahre wurden meine ersten Bücher veröffentlicht, und 1989 kam mit Heinz Schwarzinger – der in Paris als Uni-Professor tätig war – ein neuer Juror zum Bewerb, der unbedingt einen heimischen Autor nominieren wollte. Weil ich zu jener Zeit in der literarischen Szene recht aktiv war, war sicher mit ein Grund, dass er sich dann für mich als einen seiner Autoren entschieden hat.
Smalltalk im ORF-Garten – von links Fred Dickermann (ORF Redakteur/Organisation) und die teilnehmenden Autoren Engelbert Obernosterer, Gerhard Maierhofer und Gernot Ragger
Was hat Deinen Klagenfurt-Text inspiriert und wie ging es mit diesem Text weiter?
Zu jener Zeit arbeitete ich gerade an meinem Roman „Der tote Vogel“, in dem der Protagonist Identitäten bekannter Personen wie J.F. Kennedy oder Ghandi „ausleiht“, um zu erfahren, wie sie leben und wie sich seine Identität mit der Geliehenen verträgt. Der „tote Vogel“ war dann das Symbol für das Scheitern des Experiments, da durch das „Schlüpfen in fremde Identitäten“ die eigene abzusterben begann. Ich habe aus dem halbfertigen Roman ein abgeschlossenes Kapitel gelesen, das Buch ist dann ein halbes Jahr später erschienen.
Wie hast Du Dich unmittelbar auf Deine Lesung vorbereitet?
Sobald man weiß, dass man dabei ist, vergeht die Zeit wie im Flug. Da ich noch keine allzu große Erfahrung mit Lesungen hatte, habe ich meinen Text einfach ungezählte Male laut gelesen (manchmal vor Freunden), um ein gutes Tempo und einen passenden Rhythmus zu finden.
3-Sat-Interview nach der Lesung. Am Tisch von links Moderator Thomas Hocke, Jury-Mitglied Volker Hage und Autor Gernot Ragger
Wie hast Du Deine bzw. die weiteren Jurydiskussionen damals persönlich erlebt?
Wenn du denn Text zur Seite legst, kommt kurz der Gedanke „Na Mahlzeit, jetzt geht’s los“. Aber es überwiegt schnell die Neugier, was die einzelnen Jurymitglieder zu sagen haben. Da macht es dann kaum einen Unterschied, wenn dabei ein Hoppala aufgedeckt wird, einer mit dem Text überhaupt nichts anfangen kann, ein anderer wieder Passagen zitiert, die er bemerkenswert findet. Ich hatte vor der Lesung schon ein wenig Angst, weil ich ja als Zuschauer schon in den Jahren zuvor einiges miterleben konnte, aber wenn man dann da vorne sitzt, ist die Angst weg.
Welche unmittelbaren Impulse hat und hatte Deine Teilnahme am Bachmannpreis für Deine schriftstellerische Tätigkeit?
Vor allem war die Teilnahme eine enorme Motivation. Ich habe auch mit der Kritik an meinem Text gut leben können, weil ich in kurzer Zeit mit so vielen Interpretationen, die sich von meiner eigenen unterschieden haben, konfrontiert wurde. Die Teilnahme war spannend und hat mir Mut gemacht.
Gibt es bleibenden Kontakt zu Mitlesenden, Jury, Journalisten*innen oder Bezugspersonen in Klagenfurt?
Für einige Jahre nach dem Bewerb gab es schon Kontakte. Vor allem mit dem Schweizer Autor Hansjörg Schertenleib (er lebte einige Jahre danach in Irland) hatte ich regelmäßig Kontakt. Von Jurorenseite habe ich mich noch eine Zeit lang mit Hellmuth Karasek ausgetauscht. Aber mit dem nachfolgenden Bewerb sind die Autoren des Vorjahres – mit Ausnahme der Preisträger – schnell vergessen.
Würdest Du wieder am Bachmannpreis teilnehmen?
Wenn ich die Zeit um vielleicht 20 Jahre zurückdrehen könnte, wahrscheinlich schon, aber jetzt ist das natürlich kein Thema mehr.
Was möchtest Du den diesjährigen Teilnehmer*innen mitgeben?
Natürlich und authentisch sein, keine Spielchen spielen. Das Echte setzt sich durch.
Vielen Dank für das Interview, lieber Gernot, alles Guteweiterhin in Literatur, Verlag und Leben und weiterhin viel Freude mit dem Bachmannpreis!
Gernot Ragger, Schriftsteller und Verleger
Zur Person/über mich:Gernot Ragger
Lebenslauf:
1959 in Wolfsberg/Kärnten geboren
Anschließend Studium der Philosophie und Physik in Graz
Durch Motivation und Unterstützung von Alfred Kolleritsch und später auch von Fred Dickermann wurden aus Wunsch und Interesse Leidenschaft und Berufung
1989 Teilnahme am Ingeborg Bachmann Wettbewerb
Aufgrund der Nummer eins in der Lesereihenfolge war ich der erste Autor in der Geschichte dieses Wettbewerbs, dessen Lesung via 3sat live übertragen wurde.
1998 Literaturförderungspreis des Landes Kärnten
2019 – 2023 Literaturstipendien des Landes Kärnten
Bereits 1994 Gründung des „der wolf verlag“, in dem bis jetzt rund 290 Titel erschienen sind
Lebt als Schriftsteller und Verleger in Wolfsberg und Klagenfurt
1985 – Ebenthaler Literaturpreis für Prosa mit dem Text „Bekenntnisse von WENN und ABER“
1989 – Stipendium beim „Preis der Arbeit“ der Kärntner Arbeiterkammer für den Text „Der Ziegelturm“
1990 – 3. Preis beim „Max-von-der-Grün-Preis“ der Arbeiterkammer Linzr für den Text „Schichtwechsel“
1998 – Förderungspreis für Literatur des Landes Kärnten
2019 – Finalisierungsstipendium des Landes Kärnten
2020 – Literaturstipendium des Landes Kärnten
2021 – Finalisierungsstipendium des Landes Kärnten
2021 – Literaturstipendium des Landes Kärnten
2022 – 2 x Literaturstipendium (Corona-Hilfe) des Landes Kärnten
2023 – Finalisierungsstipendium des Landes Kärnten
Veröffentlichungen:
„Ferdi“ – Erzählung, 1988
„Scalpay“ – Roman, 1989
„Doppelte Heimat“ – mit Berndt Rieger – Erzählungen, 1990
„Along the fault“ – mit Berndt Rieger – Erzählungen, 1990
„Afrika“ – Lyrik, 1994
„Violett“ – Erzählungen, 1994
„Der tote Vogel“ – Roman, 1995
„Tränen im Wind“ – mit Robert C. Schmid – Prosa, 1995
„Abschiede“ – Erzählungen, 1995
„365“ – Prosa, 1996
„Der Wahnsinnliche“ – Prosa, 1997
„Land ohne Boden“ – Erzählung, 1998
„Ferdi“ – Erzählung, 2. Auflage, 1999
„Bautta“ – Prosa, 2000
„Bananenrot und Erdbeergrün“ – Prosa, 2001
„Gegenhang“ – Erzählung, 2008
„Alphabet der Konsequenz“ – Prosa, 2011
„Der Wanderzirkus“ – Erzählung, 2017
„Blutleer“ – Erzählungen, 2018
„Ferdi“ – Erzählung, 3. Auflage, 2022
„Das Erbe“ – Roman, 2022
Derzeit sind mein Buch über meinen vor 20 Jahren verstorbenen Vater „Hungrige Schritte“ und eine aus drei eigenständigen Büchern bestehende Trilogie kurz vor der Fertigstellung.
Zur Trilogie: Die drei Bücher „Ein Abend mit Herrn Zimmerman“, „Au revoir“ und „Ich bau mir einen Himmel“ bilden eine für mich sehr wichtige Epoche ab, funktionieren aber nicht als EIN Buch, deshalb die Eigenständigkeit der Werke, die ich allerdings im Spätherbst zugleich mit einem Musikprogramm präsentieren werde.
Fotos: privat
Bachmannpreis 2025
Pressekonferenz Bachmannpreis 2025 _ 19.5.2025 Musilhaus Klagenfurt _ Veranstalter und Sponsoren (v. l. n. r.): Reinhard Draxler (KELAG-Vorstand), Brigitte Winkler-Komar (Land Kärnten, Leiterin Kunst und Kultur), Nadja Kayali (Intendantin Carinthischer Sommer), Horst L. Ebner (Koordinator Tage der deutschsprachigen Literatur), Christian Scheider (Bürgermeister von Klagenfurt), Karin Bernhard (ORF-Landesdirektorin), Franz Petritz (Stadtrat von Klagenfurt/Kulturreferent), Ursula Schirlbauer (ORF/3sat), Julian Geyer (Gemeinderat der Landeshauptstadt Klagenfurt am Wörthersee), Michaela Werblitsch (BKS Bank, Leiterin Communication & ESG) und Klaus Wachschütz (Technischer Leiter ORF Kärnten & Regisseur Ingeborg-Bachmann-Preis)
Autorinnen und Autoren 2025
14 Autorinnen und Autoren aus Deutschland, der Schweiz und Österreich lesen um den mit 25.000 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preis.
Thomas Bissinger, D
Natascha Gangl, A
Max Höfler, A
Nefeli Kavouras, D
Fatima Khan, D
Laura Laabs, D
Kay Matter, CH
Tara Meister, A
Nora Osagiobare, CH
Josefine Rieks, D/A
Almut Tina Schmidt, D/A
Boris Schumatsky, D
Verena Stauffer, A
Sophie Sumburane, D
Bachmannpreis 2023 _ Lesung Mario Wurmitzer, Schriftsteller _ Wien Aufmerksames Publikum im ORF Theater/Klagenfurt
Die Jury
Vorsitzender Klaus Kastberger, Graz (A)
Mara Delius, Berlin (D)
Laura de Weck
Mithu Sanyal (D)
Brigitte Schwens-Harrant, Wien (A)
Thomas Strässle (CH)
Philipp Tingler, Zürich (CH)
Bachmannpreis Jury 2023
Am 29. Juni wird in Klagenfurt am Wörthersee der 49. Ingeborg-Bachmann-Preis vergeben. Die Tage der deutschsprachigen Literatur 2025 finden vom 25. bis 29. Juni im ORF-Theater des Landesstudios Kärnten statt.
Ingeborg _ Bachmannpreis Trophäe
Großes Interesse und gespannte Erwartung vor der Preisverleihung Abendlicher Empfang der Stadt Klagenfurt im Schlosspark LorettoRose vor dem Kindheit/Jugendhaus von Ingeborg Bachmann in Klagenfurt _ heute Ingeborg Bachmann Museum
Kiki Kogelnik Brunnen _ Klagenfurt
Angeregte Gespräche im ORF Garten
Abendlicher Empfang der Stadt Klagenfurt im Schlosspark Loretto
Liebe Katja Hoffmann-Hazrati, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Turbulent! Mein Sohn ist drei Jahre alt und mangels ausreichender Kindergartenplätze betreue ich ihn zu Hause. Meine Tochter ist drei Monate alt und sowieso immer mit dabei. Beispielsweise blickt sie gerade kritisch auf den Bildschirm, während ich diese Fragen beantworte.
Ich stehe also viel zu früh auf und versorge meine Kleinen. Bei den täglichen Stimmübungen am Klavier patscht mein Sohn in die Klaviatur, bei der wöchentlichen Korrepetition sind mitunter beide Kinder mit dabei – meiner Pianistin gebührt ein Orden. Texte schreibe ich oft nachts, wenn alle schlafen. Selbiges gilt für das Erlernen von Texten oder neuem Gesangsrepertoire. Vor dem Schlafengehen mache ich dann noch ein paar Yogaübungen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
Als wesentlich sehe ich das Hinterfragen der eigenen althergebrachten Denk- und Reaktionsschemata an. Jede Form der Kunst ist dabei hilfreich, weil sie zur Selbstreflexion anregt. Und zwar ganz unwillkürlich. Gerade im Bühnenbereich sehe ich in den letzten Jahren sehr viel zeigefingerschwenkendes Moralisieren. Das halte ich für kontraproduktiv. Das Publikum will nicht belehrt werden, es kann selbst denken. Wenn man lebensnahes Theater macht, mit dem sich die Menschen identifizieren können, hat man der individuellen Selbstreflexion schon den Boden bereitet.
Was liest Du derzeit?
Die Brüder Karamasov. Und das schon eine ganze Weile…
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Es heißt, die Welt werde, weil man doch Entfernungen verkürzen und Gedanken durch die Luft übertragen könne, im Laufe der Zeit sich immer mehr einigen. […] Oh glaubt nicht an eine solche Vereinigung der Menschen. Indem sie unter Freiheit die Mehrung und rasche Befriedigung ihrer Bedürfnisse verstehen, verunstalten sie ihre Natur […].
Vielen Dank für das Interview, liebe Katja, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspiel-, Musik-, Literaturprojekte und persönlich alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:Katja Hoffmann-Hazrati _ Schauspielerin, Sängerin, Autorin
Zur Person/über mich: Katja Hoffmann-Hazrati wurde 1983 in Baden bei Wien geboren und absolvierte ihre Schauspielausbildung und ein Romanistikstudium in Wien. Es folgte Gesangsunterricht in Rom, München, Salzburg und Wien. Sie spielt und singt unter anderem bei: Ensemble Passepartout, Freie Bühne Salzburg, der Philharmonie Salzburg und arbeitet zusätzlich als freischaffende Autorin.
Katja Hoffmann-Hazrati lebt mit ihrer Familie in Salzburg.