Liebe Norma Norvald, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Erstmal Kaffee und dann alles andere…– Mein Tag fängt langsam und früh an. (Ich gehöre zu der Gattung nerviger Frühaufsteher, die vor sechs Uhr herumsingen). Nach einem ausgiebigen Frühstück stehen organisatorische Sachen auf dem Programm, bevor ich vormittags trainiere und Zeit in der Natur verbringe. Am Nachmittag lasse ich meinen poetischen Vogel im Caféhaus oder am Schreibtisch daheim frei fliegen, und insofern ich keine Abendkurse leite oder Freunde/ KollegInnen treffe, schreibe ich am Abend oft weiter. Zurzeit schreibe ich an einem Buch über Schafe… und Elfen… und Orchas…, und abwechselnd schreibe ich auch Lyrik. Wenn ich kann, gönne ich mir den Luxus früh ins Bett mit guter Lektüre zu gehen.
Norma Norvald, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Entschleunigung: In der Langsamkeit sehen wir das Leben um uns klarer, in der Langsamkeit lässt sich der Mensch in uns besser erkennen, in der Langsamkeit wird unser Herz wieder sanft – in der Langsamkeit erinnern wir uns an unsere wichtigste Aufgabe und an unseren Seelensinn; eben Mensch füreinander zu sein.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Mut zu finden, um unser Denken zu befreien, und damit uns selbst die eigenen Haltungen zu entblößen. Das versetzt uns in die Lage, unsere Umwelt bewusster wahrzunehmen und den Bedarf zu entwickeln, noch mehr Gutes für unsere Umwelt zu tun. Kunst und Literatur fordern uns zu poetischem Denken auf, statt abgefertigte politische und wirtschaftliche Schablone und Floskeln zu konsumieren und produzieren. Das Ergebnis ist: eine eigene Stimme mit individueller Sprachfärbung und Klang.
Kunst und Literatur haben die Aufgabe, Perspektiven und Reflexionen zu erweitern, und so Denkprozesse und Handlungen auszulösen. Dieses bewirkt wiederum ein Stück Befreiung von der allgemeinen Masse und fördert gesunde, tatkräftige Individuen.
Was liest Du derzeit?
The well of loneliness von Radclyffe Hall
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Die Tage sind heller, wenn man liebt. (Ruth Maier Wien 1920 – 1942, Auschwitz)
Vielen Dank für das Interview, liebeNorma,viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:Norma Norvald, Schriftstellerin
Zur Person/über mich:Anfangsweise führte ich meinen Pinsel unsicher, bescheiden, schüchtern. Aber dann! Mit dem steigenden Farbenklang der Polarnacht wurde ich immer schwunghafter, dreister: großzügig, flirtend fegte ich in unsterblichen Schreibserenaden unter den Sternen – an diesem Winterabend wurde ich geboren, an diesem Winterabend schrieb ich mir über den Nachthimmel frei
Norma Norvald *1978/ Norwegen, seit 2015 sesshaft in Österreich. Lebt und arbeitet mit einem schwarzen Kater im Waldviertel. Beruflich: Schriftsteller, Schreibpädagoge, Kursleiter für Deutsch und Basisbildung, Skandinavische Sprachen und Literatur. Studium: Sprachwissenschaft an der Universität Bergen / Norwegen.
Zuletzt gesehen: Grand Café Oslo in Gesellschaft eines schwarzen Katers.
Sonstiges: Vorliebe für alte Schreibmaschinen und noch ältere Achterbahnen, schwarzen Kaffee mit goldenen Perlen, Waldlaufen, Stegreifphilosophie und Wortetymologie.
Zur Person/über mich:Anfangsweise führte ich meinen Pinsel unsicher, bescheiden, schüchtern. Aber dann! Mit dem steigenden Farbenklang der Polarnacht wurde ich immer schwunghafter, dreister: großzügig, flirtend fegte ich in unsterblichen Schreibserenaden unter den Sternen – an diesem Winterabend wurde ich geboren, an diesem Winterabend schrieb ich mir über den Nachthimmel frei
Norma Norvald *1978/ Norwegen, seit 2015 sesshaft in Österreich. Lebt und arbeitet mit einem schwarzen Kater im Waldviertel. Beruflich: Schriftsteller, Schreibpädagoge, Kursleiter für Deutsch und Basisbildung, Skandinavische Sprachen und Literatur. Studium: Sprachwissenschaft an der Universität Bergen / Norwegen.
Zuletzt gesehen: Grand Café Oslo in Gesellschaft eines schwarzen Katers.
Sonstiges: Vorliebe für alte Schreibmaschinen und noch ältere Achterbahnen, schwarzen Kaffee mit goldenen Perlen, Waldlaufen, Stegreifphilosophie und Wortetymologie.
Fotos: Portrait _ privat; Motiv _ Walter Pobaschnig.
Lieber Christoph Höhtker, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Aufstehen, Kaffee, Müsli, kurz eine Textdatei anstarren (aber nicht verändern), dann zum Job, dann wieder zurück, Essen, Schlaf auf dem Sofa, Schlaflosigkeit im Bett, dann wieder Aufstehen usw. (ich spiele den Alltag eines normalen Arbeitnehmers nach, obwohl ich ein normaler Arbeitnehmer bin)
Christoph Höhtker, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Nichts ist für alle wichtig. Selbst Gesundheit oder das Leben als solches nicht.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Die Menschheit steht jeden Tag vor einem Aufbruch oder irgendeinem Neubeginn. Momentan werden die Debatten und der vorpolitische Raum von rechts dominiert, das wird in den kommenden Jahren oder Jahrzehnten vermutlich so bleiben. Literatur und Kunst spielen in diesem wie in jedem anderen Zusammenhang höchstens als Dekor bzw. als Frühindikator eine Rolle.
Was liest Du derzeit?
Noch einmal „Der Himmel über der Wüste“, da ich mich demnächst in Tanger aufhalten werde.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Ein Buch, das nicht scheitert, ist kein Buch. Aber auch das gescheiterte Buch ist kein Buch.
(Alfreda Dimenchoa-Emst, zitiert in „Staaten“)
Vielen Dank für das Interview, lieber Christoph, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:Christoph Höhtker, Schriftsteller, Diplomsoziologe.
Zur Person/über mich:Christoph Höhtker, geb.1967 in Bielefeld (D), Taxifahrer, Diplomsoziologe, 5 veröffentlichte Romane, zuletzt „Staaten“ (Ventil).
Wohnhaft seit 2004 in Genf (CH)
Aktueller Roman von Christoph Höhtker:
„Ein Besuch des Elternhauses mutiert zu einer Reise an die Grenzen der Realität.
Ein in der Schweiz lebender Autor besucht sein Elternhaus in einem Außenbezirk Bielefelds, um sich vorübergehend der Pflege seiner zweiundneunzigjährigen Mutter zu widmen. Im Gepäck hat er mehrere unvollendete Romanprojekte, einen dysfunktionalen Zugang zum Literaturbetrieb und jede Menge durch manische Beobachtungssucht befeuerte schlechte Laune. Angekommen in Bielefeld-Heepen fühlt sich der Autor jedoch deutlich besser als erwartet. Während sich die Protagonist:innen seiner Manuskripte allmählich verselbstständigen, taucht er immer tiefer in das »Tal der Witwen«, sein ebenso durchschnittliches wie gespenstisches Herkunftsmilieu, ein. Eine Reise an die Grenzen der Realität hat begonnen.“
Zur Person/über mich: Tanja Gurke (*1971, Graz) Ausbildung: Bundesgymnasium Seebacher in Graz Diplomstudium Kunstgeschichte, Karl-Franzens-Universität Graz, Auszeichnung Doktoratstudium Kunstgeschichte, Karl-Franzens-Universität Graz, Auszeichnung Buchhändlerprüfung an der Wirtschaftskammer Graz Beruflicher Werdegang: Praktikum in der Neuen Galerie, Landesmuseum Joanneum GmbH Tutorin in Bibliothek bzw. Diathek am Institut für Kunstgeschichte, Uni Graz freie Mitarbeit im Büro für Kommunikation am Joanneum Graz Lektorin am Institut für Kunstgeschichte Bereich Diathek, Uni Graz Verfassung von englischen Kunstkritiken für eine koreanische Kunstzeitschrift Angestellte der Buchhandelsfirma Georg Prachner GmbH Filialleiterin der Zweigstelle Fachbuchhandlung Prachner in Graz Leiterin Shop Kunsthaus Graz an der Landesmuseum Joanneum GmbH Leiterin Referat Shops, Buch- + Verlagswesen, Landesmuseum Joanneum GmbH Angestellte Einrichtungshaus Casa Michaela Organisation Verlag Wirtschaftsnachrichten Verlagsleiterin Haus der Architektur Graz Office- und Vertriebsassistenz, ilsinger editions Organisation Häuser schaun Architekturführungen, Haus der Architektur Graz Büroleitung und Pressearbeit, Grazer Kunstverein Geschäftsleiterin, Grazer Kunstverein Freiberufliche Kuratorin, Kunsthistorikerin und Kulturmanagerin Berufsorientierte Ausbildungen: Italienisch-Kurse, Karl-Franzens-Universität Graz Sommerschule für Kunstgeschichte, Cambridge Cambridge First Certificate, Wirtschaftskammer Graz Kurse des Hauptverbands des Österreichischen Buchhandels, Wien Unternehmerprüfung, Wirtschaftskammer Graz Education & Mentoring Programm mit St. Bildungspass, BIC Graz Lehrgänge Kulturmanagement + Kulturvermittlung, Institut für Kulturkonzepte Wien Weitere Qualifikationen: ausgezeichnete Computerkenntnisse, Englisch fließend, Französisch und Italienisch sehr gut Hobbies: Reisen, Lesen, Kunst, Kino, Architektur, Fotografie, Pilates, Meditation
Liebe Tanja Gurke, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Diesen Sommer hab` ich ein neues Ritual entwickelt: Ich gehe kurz vor 8 Uhr zum Kirchplatz vor der Herz-Jesu-Kirche in Graz, St. Leonhard, und beobachte, wie sich Wasser in einer schönen, in den Boden eingelassenen Betonform sammelt. Egal, welches Wetter ist, es bedeutet Innehalten, Durchatmen, Wirken Lassen und ist fast wie eine Meditation. Danach bin ich fit für den Tag.
Tanja Gurke, Kulturmanagerin, Kunsthistorikerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Wir müssen uns wieder mehr auf das Essentielle unseres Lebens fokussieren, dankbar sein für das, was wir trotz aller Turbulenzen haben, aufeinander zugehen, wertfrei, auf Augenhöhe, und unsere Energie positiv lenken.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
Wesentlich ist es, authentisch zu sein und zu bleiben. Sich zu verstellen und zu viele Kompromisse zu schließen ist nicht nur auf Dauer anstrengend, sondern gibt von uns auch ein falsches Bild. Mithilfe der Kunst schaffen wir es, unsere Gefühle und Gedanken auszudrücken und ein Ventil zu finden, um innerlich loslassen und Sorgen ein wenig erleichtern zu können. Wenn wir über Jahrhunderte zurückschauen, passierte dies in allen Kunstphasen, und es kann als Ausdruck jeder Zeit gesehen werden.
Was liest Du derzeit?
Den 14. Bretagne-Krimi von Jean-Luc Bannalec. Ich fühle mich bei jedem seiner Bücher in die dortige Landschaft versetzt, vermag die verschiedenen Stimmungen zu sehen, den Geruch wahrzunehmen und die Kulinarik zu schmecken. Es ist ein Eintauchen in eine andere Welt, die die Sinne schärft.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Der Garten ist der letzte Luxus unserer Tage, denn er erfordert das, was in unserer Gesellschaft am kostbarsten ist: Zeit, Zuwendung und Raum“. (Dieter Kienast, 1945-98)
Vielen Dank für das Interview, liebe Tanja, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:Tanja Gurke, Kulturmanagerin, Kunsthistorikerin
Zur Person/über mich: Tanja Gurke (*1971, Graz) Ausbildung: Bundesgymnasium Seebacher in Graz Diplomstudium Kunstgeschichte, Karl-Franzens-Universität Graz, Auszeichnung Doktoratstudium Kunstgeschichte, Karl-Franzens-Universität Graz, Auszeichnung Buchhändlerprüfung an der Wirtschaftskammer Graz Beruflicher Werdegang: Praktikum in der Neuen Galerie, Landesmuseum Joanneum GmbH Tutorin in Bibliothek bzw. Diathek am Institut für Kunstgeschichte, Uni Graz freie Mitarbeit im Büro für Kommunikation am Joanneum Graz Lektorin am Institut für Kunstgeschichte Bereich Diathek, Uni Graz Verfassung von englischen Kunstkritiken für eine koreanische Kunstzeitschrift Angestellte der Buchhandelsfirma Georg Prachner GmbH Filialleiterin der Zweigstelle Fachbuchhandlung Prachner in Graz Leiterin Shop Kunsthaus Graz an der Landesmuseum Joanneum GmbH Leiterin Referat Shops, Buch- + Verlagswesen, Landesmuseum Joanneum GmbH Angestellte Einrichtungshaus Casa Michaela Organisation Verlag Wirtschaftsnachrichten Verlagsleiterin Haus der Architektur Graz Office- und Vertriebsassistenz, ilsinger editions Organisation Häuser schaun Architekturführungen, Haus der Architektur Graz Büroleitung und Pressearbeit, Grazer Kunstverein Geschäftsleiterin, Grazer Kunstverein Freiberufliche Kuratorin, Kunsthistorikerin und Kulturmanagerin Berufsorientierte Ausbildungen: Italienisch-Kurse, Karl-Franzens-Universität Graz Sommerschule für Kunstgeschichte, Cambridge Cambridge First Certificate, Wirtschaftskammer Graz Kurse des Hauptverbands des Österreichischen Buchhandels, Wien Unternehmerprüfung, Wirtschaftskammer Graz Education & Mentoring Programm mit St. Bildungspass, BIC Graz Lehrgänge Kulturmanagement + Kulturvermittlung, Institut für Kulturkonzepte Wien Weitere Qualifikationen: ausgezeichnete Computerkenntnisse, Englisch fließend, Französisch und Italienisch sehr gut Hobbies: Reisen, Lesen, Kunst, Kino, Architektur, Fotografie, Pilates, Meditation
Fotos: Portrait _ privat; Motive _ Garten _ Walter Pobaschnig
Ernst Jandl, dessen 100.Geburtstag heuer gefeiert wird, ist eine der originellsten, unverwechselbarsten Stimmen deutschsprachiger Literatur der Moderne. Seine experimentelle Lyrik, in welcher das Hören, der Vortrag ganz wesentlich ist, begeistert und inspiriert Generation um Generation immer wieder neu.
Zum Geburtstag legt der Wagenbach Verlag eine Neuauflage einer sehr spannenden Zusammenstellung von Gedichten aus verschiedensten Werkperioden Jandls vor, die einen sehr guten Ein-, wie Überblick über das Besondere seines Schreibens geben und Form, Rhythmik kennenlernen bzw. vertiefen lassen.
Ein Nachwort und Lebensdaten runden diese sehr gelungene Ausgabe ab.
Ernst Jandl. Einer raus, einer rein. Die schönsten Gedichte ausgewählt von Klaus Wagenbach. Wagenbach Verlag.
Ernst Jandl, Schriftsteller, geboren vor 100 Jahren am 1. August 1925 in Wien, gestorben am 9. Juni 2000 ebenda, ist eine der, weit über den deutschsprachigen Raum hinaus, bedeutendsten literarischen Stimmen der Moderne. Sein lyrisches Werk von virtuosem experimentellen Sprachspiel bestimmt, ist untrennbar mit seinem energiegeladenen dynamischen Vortrag verbunden, der einen seiner Höhepunkte am 11. Juni 1965 in der Londoner Royal Albert Hall findet, in welcher der so facettenreiche Autor vor 4000 Zuschauer*innen, mit weiteren internationalen Schriftsteller*innen, darunter Allen Ginsberg, begeisternd unter langanhaltendem Applaus performt. Dieser literarische Anspruch des ganz lebendigen, gleichsam performativen, Vortragens und Hörens von Text, bleibt zeitlebens ein Charakteristikum seines Schreibens, das sich auch in zahlreichen künstlerischen Kooperationen bis zu seinem Tod ausdrückt.
Der Titel der vorliegenden Jandl Biografie von Bernhard Fetz, renommierter Literaturwissenschaftler, Direktor des Literaturarchivs Wien, nimmt auf diese Mitte des künstlerischen Werkes Bezug und geht dann einen spannenden Weg einer „Stimme“ im biographisch-literarischen wie gesellschaftshistorischen Kontext, der viele neue Zugänge in Interviews, der Analyse und Darstellung von Werk- und Lebensstationen öffnet und den Klang dieser so einflussreichen „Stimme“ eindrucksvoll würdigt.
„Eine beeindruckende facettenreiche Biografie einer einzigartigen literarischen Stimme.“
Ernst Jandl. Biografie einer Stimme. Bernhard Fetz. Wallstein Verlag.
Liebe Daniela Ölweiner, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mein Tagesablauf ist nicht einfach zu beschreiben. Mein Alltag folgt keinem festen Plan. Ich lasse mich von Tag zu Tag treiben. Ehrlich gesagt liege ich abends im Bett, schaue auf meinen Kalender und plane den nächsten Tag rund um meine anstehenden Termine.
Daniela Ölweiner, Künstlerin
Ich liebe diese Tage, an denen nichts im Kalender steht. Dann verbringe ich meine Zeit im Atelier, am See. An Orten, die mir Ruhe schenken und Raum für Kreativität lassen.
An den Tagen mit Terminen verlagert sich mein kreatives Arbeiten oft in die Abendstunden. Diese verbringe ich dann im Atelier oder zu Hause. Manchmal allein, manchmal gemeinsam mit kreativen Freund*innen. Solche Abende können tief in die Nacht hineingehen. Wenn ich einmal im Flow bin, vergesse ich alles um mich herum und genieße die Stille beim Zeichnen und Malen.
Daniela Ölweiner, folgende
Im Sommer nehme ich mir bewusst Zeit für Blumenwiesen und Spaziergänge durch die Natur. Der Sommer ist für mich die wichtigste Zeit im Jahr, denn ich bereite mich auf den Herbst und Winter vor. Da ich mit getrockneten Blumen arbeite, ist diese Jahreszeit essentiell. Doch mein Alltag besteht nicht nur aus Tun, sondern auch aus Staunen. Zum meinem Tagesablauf gehört es, fasziniert und aufmerksam zu sein für das, was mich umgibt: für die kraftvollen und intensiven Farben der Blumen, für Vögelformationen am Himmel, für das Glitzern des Sees im Sonnenlicht. Diese kleinen Momente berühren mich, nähren meine Kreativität und erinnern mich daran, wie lebendig alles ist.
Als Künstlerin kann jeder Tag zu einem neuen Abenteuer werden. Sei es ein Kunstprojekt, eine Ausschreibung, ein neuer Auftrag oder die Kunst, sich selbst immer wieder neu zu begegnen und kennenzulernen.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich glaube, was uns heute wirklich guttut, ist das Bewahren der Ruhe und ein liebevolles und verständnisvolles Miteinander.
Was ich besonders wahrnehme ist, das viele Menschen unserer Gesellschaft getrieben sind, von ständigem Input, sozialen Medien, Konsum, To-do-Listen und vollen Terminkalendern. Orte und Momente, in denen wir wirklich bei uns sind sind daher besonders wichtig. Nicht erreichbar sein. Nicht funktionieren müssen. Einfach nur sein, atmen, schauen, wahrnehmen, lachen, Neues ausprobieren, Zeit vergessen.
Zwischen all dem Lärm brauchen wir die leisen Räume, in denen wir wieder hören können, was in uns klingt. Für diese Antworten braucht es besonders verständnisvolle Mitmenschen, die einem Zeit schenken, zuhören und Geborgenheit schenken.
Vielleicht geht es genau darum: wieder spüren zu lernen, was wirklich zählt. Nicht das, was sich laut in den Vordergrund drängt , sondern das, was leise da ist, wenn wir still werden.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
Was dabei wesentlich sein wird, ist das Bewusstsein für Veränderung und die Bereitschaft, uns selbst und unser Umfeld neu zu entdecken. Es braucht Offenheit für Neues und den Mut, Schritte ins Unbekannte zu wagen. Gleichzeitig ist es wichtig, genau hinzuschauen und nicht alles gedankenlos zu übernehmen.
Ebenso wichtig ist es, das Bewährte nicht zu vergessen. Unsere Traditionen und das uralte Wissen, das oft eng mit der Natur verbunden ist, können uns Orientierung und Halt schenken. Das Gefühl, das entsteht, wenn wir etwas mit unseren eigenen Händen herstellen oder verarbeiten, ist kaum in Worte zu fassen. Dabei entsteht eine Verbindung zwischen dem, was wir tun, und dem, was wir sind. Selbst herzustellen bedeutet Verantwortung zu übernehmen., also bewusst mit Materialien, Ideen und Prozessen umzugehen.
Ein Beispiel für solch eine alte Tradition, die ich in meiner Arbeit weiterführe, ist das Pressen und Konservieren von Blumen. Die Arbeit mit getrockneten Pflanzen hat eine lange Geschichte. Man denke an Herbarien, an fein säuberlich gepresste Blätter in dicken Büchern, an getrocknete Blüten zwischen den Seiten alter Lexika. Für viele sind diese Erinnerungen mit der Kindheit verbunden, an Sommernachmittage bei der Großmutter und an das Staunen über die Formen und Farben, die sich beim Trocknen verändern.
Dieses einfache, stille Tun, das Blumen sammeln, sortieren, pressen und bewahren, ist für mich Verbindung: zur Natur, zur Zeit und zur Erinnerung. Indem ich dieses alte Wissen in meine künstlerische Arbeit einfließen lasse, entsteht etwas Neues, das trotzdem seine Wurzeln kennt. Es ist ein zarter Dialog zwischen gestern und heute.
Meiner Meinung nach spielt Kunst im Prozess des Wandels eine ganz besondere Rolle. Sie ist nicht nur Ausdruck unserer inneren Welt, sondern auch ein Spiegel unserer Gesellschaft. Kunst schafft Räume, in denen Fragen gestellt und Visionen sichtbar werden können. Sie lädt uns ein, innezuhalten, zu reflektieren und neue Perspektiven einzunehmen. Gerade in Zeiten des Umbruchs ist es wichtig, das Unsichtbare sichtbar zu machen, das Unausgesprochene fühlbar zu machen und dabei auf wesentliche Werte zu erinnern.
Die Kunst öffnet Räume, in denen wir hinter die Kulissen blicken, das Verborgene spüren und neue Perspektiven entdecken können. Sie verbindet das Sichtbare mit dem Unsichtbaren, das Alte mit dem Neuen, das Innere mit dem Äußeren. Für mich ist die Kunst eine Einladung, den Wandel nicht nur zu erleben, sondern ihn aktiv mit Offenheit, Kreativität und Achtsamkeit mitzugestalten.
Kinder sind für mich ein ganz besonderer Schatz in diesem Wandel. Sie tragen eine natürliche Offenheit in sich, einen unvoreingenommenen Blick auf die Welt, der uns Erwachsenen oft verloren geht. Ihre Neugier und ihre Verbundenheit zur Natur sollten wir behüten und bewahren. Es ist essenziell, dass Kinder nicht von der Natur entfremdet werden wie technisierte, künstliche Umgebungen, die den direkten Kontakt zu Erde, Pflanzen und Tieren ersetzen. Stattdessen brauchen sie Räume, in denen sie barfuß über Wiesen laufen, im Regen tanzen und den Wind auf der Haut spüren können. Nur so können sie ihr natürliches Gespür für das Leben entwickeln und mit offenem Herzen in die Zukunft gehen.
Kunst kann Kinder wunderbar unterstützen, indem sie ihnen die Freiheit schenkt, frei und kreativ zu denken, sich mit sich selbst und anderen zu verbinden und ihre eigene Sprache zu finden. Durch das Spielen mit Farben, Formen und Materialien entdecken sie ihre Individualität und lernen gleichzeitig, Teil eines größeren Ganzen zu sein.
Was liest Du derzeit?
Zurzeit begleitet mich The War of Art von Steven Pressfield. Ein Buch, das mit erstaunlicher Klarheit über kreative Prozesse und innere Widerstände spricht. Und es trifft einen Punkt, den viele Menschen kennen. Nämlich, dass das größte Hindernis oft in uns selbst liegt.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
“Art is not what you see, but what you make others see.” – Edgar Degas
Dieses Zitat zeigt, dass Kunst als Brück dienen kann. Eine Verbindung zwischen Menschen, zwischen inneren Welten und der äußeren Realität. Kunst ist nicht nur Ausdruck des Künstlers, sondern öffnet Türen für andere, sich selbst neu zu entdecken, Gefühle zu spüren und Perspektiven zu wechseln. Sie lädt uns ein, genauer hinzuschauen und das Verborgene sichtbar zu machen.
Vielen Dank für das Interview, liebe Daniela, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:Daniela Ölweiner, Künstlerin
Zur Person/über mich:Daniela Ölweiner ist eine zeitgenössische Künstlerin mit Sitz in Klagenfurt am Wörthersee. Schon immer von der Natur und ihrer Schönheit fasziniert, fließen florale Elemente organisch in ihre Werke ein.
Ihre einzigartigen Blumencharaktere sind eine spielerische Verschmelzung von Farbe, Form und Emotion – ein Ausdruck von Lebendigkeit und zarter Stärke.
In ihrer Kunst arbeitet sie mit getrockneten Blumen, die als symbolische Repräsentation für die emotionalen und charakterlichen Wurzeln eines Menschen dienen. Diese Blumen verleihen den Bildern einen individuellen Ausdruck, indem sie die vielfältigen Facetten der menschlichen Persönlichkeit und Gefühlswelt verkörpern. Sie machen sichtbar, was oft flüchtig und ungreifbar ist: die feinen Nuancen unserer Emotionen.
Nach Jahren in der Selbstständigkeit fand sie ihren künstlerischen Weg über die Liebe zum Detail. Neben Originalkunstwerken bietet die ausgebildete Pädagogin Workshops an, um Kunst greifbar zu machen und Menschen zu inspirieren.
Liebe Johanna Wack, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mein Tagesablauf ist meistens recht ähnlich: (sehr müde) aufstehen, mindestens zwei Kaffee trinken (vorher bin ich funktionsunfähig), Kind schulfertig bekommen, mich selbst so hinbekommen, dass ich wie ein normaler Mensch aussehe, Arbeit, Arbeit, Arbeit, Haushalt, Kind, Haushalt, feststellen, dass es plötzlich Abend ist, ins Bett fallen. Wenn noch Kraft dafür da ist, lese ich natürlich gern.
Johanna Wack, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Empathie. Lernen, Fake News/KI/Manipulation zu erkennen. Mehr Ehrlichkeit. Und vor allem: Irgendwie weitermachen. (Und hat irgendjemand vielleicht meinen Glauben an die Menschheit gefunden? Ich scheine ihn gerade verlegt zu haben.)
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ich habe mich als Kind durch alle Bücher zum Thema Holocaust gelesen, die ich in die Hände bekommen habe. Außerdem durch sämtliche Comics. Und durch medizinisch/psychologische Fachliteratur. Das sind auch heute noch meine großen Themen: Menschen und ihre Motive verstehen, Wissen anhäufen, dabei den Humor nicht verlieren. Die Menschen habe ich in vielerlei Hinsicht bis heute nicht vollständig verstanden, aber durch die Literatur konnte ich in andere Leben und Welten eintauchen und diese besser nachvollziehen und auch nachfühlen und vieles besser verstehen, was sich rein aus den historischen Fakten niemals in dieser Tiefe ergeben hätte. Auch Comics haben mir Perspektiven eröffnet, wenn auch auf anderen Wegen. Ich habe diese Wege schon immer sehr geschätzt, sie sind sehr direkt, leicht zugänglich und unterhaltsam.
Die Perspektiven der anderen einnehmen zu können, sich einfühlen zu können, halte ich für wesentlich. Ein rundum empathischer Mensch kann kein Nazi sein, kann keine Lebewesen quälen oder die Welt aus egozentrischen Gründen zugrunde richten.
Was liest Du derzeit?
„Der Junge auf dem Berg“ von John Boyne. Dazu zwischendurch Comics und Graphic Novels und medizinisch/psychologische Fachliteratur. (Ich bleibe hier offensichtlich bei meinen alten Gewohnheiten.)
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Nie wieder ist jetzt.
Vielen Dank für das Interview, liebe Johanna, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Buchprojekte und persönlich alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:Johanna Wack, Schriftstellerin
Zur Person/über mich:Johanna Wack wurde 1979 in Hamburg geboren und hat seitdem keinen Grund finden können, ihren Wohnort zu wechseln.
Sie ist eigentlich Ökotrophologin, verirrte sich aber während des Studiums auf eine Poetry-Slam-Bühne und ist dort einfach geblieben. Sie war erfolgreich bei mehreren Slam-Meisterschaften, gewann 2008 den Publikumspreis beim Berliner Literaturwettbewerb open mike und ist Mitgründerin der Hamburger Lesebühnen Randale und Liebe und Soirée Süd.
Im Fernsehen trat sie bei der ARD »Ladies Night« auf, beim »WDR-Poetry-Slam« oder dem »NDR Comedy Contest«. Sie hat übrigens wirklich mehr Allergien als Freunde. Aber nur, weil sie verdammt viele Allergien hat.
„Johanna Wack sucht im Baumarkt nach dem Urks, sie schreibt Märchen aus der Sicht der Wölfe und stellt sich die Frage, wie eigentlich andere Frauen reagieren, wenn sie Penisfotos geschickt bekommen.
Dies ist das lang ersehnte Debüt einer der komischsten Autorinnen Deutschlands. Seit zwanzig Jahren steht Johanna Wack auf den Lese- und Poetry-Slam-Bühnen dieses Landes. Ihre Storys sind wie Sex and the City auf Norddeutsch. Und noch viel mehr.
Johanna datet Männer mit schlechtem Kunstgeschmack, dreht als alleinerziehende Mutter Pirouetten mit Pinguinen, bedichtet den Ü40-Sex, lauscht bei einer Trennungstherapie und weiß, wie man als Frau trotz Penisneid hart bleibt. Stets schreibt sie mit Spaß an Selbstironie, hoher Pointendichte und reichlich schwarzem Humor.“ Pressetext/Verlag
Johanna Wack:MEHR ALLERGIEN ALS FREUNDE. Aber das juckt mich nicht.Geschichten. Satyr Verlag
Dan Jones, Historiker, Journalist und Schriftsteller, legt mit „Kreuzfahrer“ eine facettenreiche Zeitreise in eines der dramatischsten und blutigsten Kapitel mittelalterlicher Geschichte vor.
In der Verbindung von lebendigem Erzählstil und historischem Rahmen gelingt ein ganz besonderes Werk, das Stationen und Situationen in Biographie, Politik, Gesellschaft der Kreuzzüge eindringlich darstellt. Zudem geben zahlreiche Abbildungen und Landkarten unmittelbaren Einblicke der zeithistorischen Bewegungen und Manifestationen.
Ein ausführlicher Anhang rundet dieses spannende Werk zur mittelalterlichen Geschichte sehr gut ab.
„Eine informative wie lebendige Zeitreise in eines der erschütterndsten Kapitel mittelalterlicher Geschichte.“
„Kreuzfahrer“ Der epische Kampf um das Heilige Land. Dan Jones. Beck Verlag.