„Wir müssen als Menschen im Verhandeln bleiben“ Christine Tielkes, Schauspielerin _ Wien 2.4.2022

Liebe Christine, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Bis vor ein paar Tagen habe ich jeden Tag am Theater geprobt, die Endproben hatten gerade begonnen. Jetzt gerade bin ich allerdings in Quarantäne, auch mich hat es erwischt, zum Glück allerdings symptomfrei. Shitty timing. Zur Premiere werde ich vermutlich wieder freigetestet sein und spielen können. Diese Erfahrung erinnert mich wieder, wie sehr sich alles von einem auf den anderen Tag ändern kann. So ging es mir auch am ersten Tag des allerersten Lockdowns. Gerade noch den ganzen Tag beschäftigt, aktiv, im Austausch – am nächsten Tag plötzlich Stillstand, viel Zeit, Handlungsunfähigkeit. Und jetzt gebe ich noch einen Satz von mir, der mit Sicherheit schon in zig Feuilleton-Artikeln von ganz vielen scharfsinnigen Menschen geschrieben wurde: Ich glaube, in gewisser Weise machen wir als Gesellschaft gerade alle kollektiv diese Erfahrung, dass Umbruch und Neusortierung zum Alltag werden. Das macht was mit uns. Und es hält zumindest wach.

Christine Tielkes, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das ist eine große Frage. Ich weiß ja an manchen Tagen nicht mal, was für mich jetzt besonders wichtig ist. Auch wenn uns das alle irgendwo eint, was gerade passiert, so sind wir doch sehr unterschiedlich davon betroffen oder beeinflusst. Strukturell allein schon. Es gibt überall Gemeinsamkeiten und Übereinstimmung und gleichzeitig auch Unterschiede und Dissens. Und sehr viel Welt zwischen diesen beiden ‚Polen‘. Das müssen wir doch aushalten und aushalten wollen. Mir kommt vor, das wird immer weniger. Oder ich habe es vor ein paar Jahren noch nicht so mitbekommen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Als Theaterschaffende muss ich natürlich an eine Bedeutung glauben (tue ich auch). Ich würde sagen: Im Theater wird etwas verhandelt. Auf welche Art und in welchem Genre auch immer. Wir müssen als Menschen im Verhandeln bleiben. Das Theater/der Film bzw. die Kunst generell hält uns dabei, hält uns dran, wenn auch manchmal unbewusst.

Was liest Du derzeit?

The Dangers of Smoking in Bed von Mariana Enriquez. Wunderschön und schwarzhumorig erzählte Kurzgeschichten des modernen Horrors.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Puh, es fällt mir schwer, sogenannten ‚inspirational quotes‘ nicht sofort mit Ironie und Zynismus zu begegnen. Ich muss dann immer an Tschibo Wandtattoos denken. Bisher kam ich gut ohne Lebensmotto oder ähnlichem aus, aber sicherlich gibt es viele Textstellen und Zitate, die mir viel bedeuten. Ich tu mir nur schwer, mit ihnen hausieren zu gehen. Das steckt sie in ein hässliches Kostüm.

Vielen Dank für das Interview liebe Christine, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Christine Tielkes, Schauspielerin

Foto_Julia Dragosits.

30.3.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Unsichtbare Gesichter“ Bela Chekurishvili, Schriftstellerin _ Give Peace A Chance _ Berlin 2.4.2022

GIVE PEACE A CHANCE

Unsichtbare Gesichter

Gestern noch schauten sie auf die Uhren,

Ihre Schultaschen waren schwer, voll

Von Büchern, Heften und dem Schulbrot dazu,

Eilig liefen sie zum Unterricht,

Präsentierten ihre Aufgaben, gestern.

Alles was gestern war, ist heute

Ein Müllhaufen.

Chaos hat nur eine Stimme,

Ein Gesicht,

Aber Kindergesichter sind unsichtbar geworden,

Choräle werden auch nicht gesungen,

Hügel der Gräber mehren sich, ohne Begräbnisrituale,

Aber den Getöteten stört dies nicht.

Nur ein Schreiber sitzt da und

Chronologisch ordnet er die Ereignisse aus dem Kriegsgebiet, welche

Einmal als Stadt Mariupol bekannt war.

Bela Chekurishvili, 31.03.22

Bela Chekurishvili, Schriftstellerin
refugees _ ukraine _ trainstation Vienna _ 3_22 _
Foto_Walter Pobaschnig
Bela Chekurishvili, Schriftstellerin

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Bela Chekurishvili, Schriftstellerin

Fotos Portrait_1 Nata Sopromadze _3 Wolfgang Korall

Walter Pobaschnig _ 31.3.2022.

https://literaturoutdoors.com

„Ich bin der rasende Hase, die Arbeit ist der stets schon präsente Igel“ Annette Hagemann, Lyrikerin, Hannover 1.4.2022

Liebe Annette, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Seit gut drei Jahren gehe ich ziemlich in Arbeit auf – und unter. Davon die letzten zwei Jahre vorwiegend im Heimbüro. Das heißt, ich stehe auf, stelle den Computer an, noch bevor ich aufs WC gegangen bin, und stelle ihn aus, wenn ich spätabends nicht mehr kann, ohne das Gefühl zu haben, wirklich etwas beendet zu haben. Das Verlangen, die Ansprüche der Arbeit an mich sind immer einige Schritte weiter als meine Fähigkeit, ihnen gerecht zu werden. Ich bin der rasende Hase, sie ist der stets schon präsente Igel. Das, was Marx früher Opium fürs Volk nannte, ist heute nicht mehr die Religion, sondern sind Arbeit und Netflix – zumindest, was mein Leben betrifft. Wenn ich frei habe (was selten passiert, weil es bedeutet, dass auch ich mir selbst ganz und gar freigeben muss), erfreue ich mich an meiner geliebten Familie, meinen Freundinnen und meinem Schrebergarten und seiner weiten Himmelsaussicht (die mir in der Stadt sonst überall fehlt). Das Schreiben als Teil meines Lebens, seit ich mit zehn ein Tagebuch mit rot-blauem Stoffeinband geschenkt bekam, entsteht in den freien Ritzen dieses heutigen Alltags und entfaltet sich am stärksten in den Ferien. Wenn ich einmal in Rente gehe, wird mein Tagesablauf durch einen Hund bestimmt werden, vielleicht einen „Aussie“ oder einen Hovawart oder einen Mischling, den ich mir dann hoffentlich, endlich, leisten werde.

Annette Hagemann, Lyrikerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ruhe bewahren und den kleinsten Anlass zum Frieden beim Schopf ergreifen, bei sich bleiben und dennoch auch seine Ideale (die vielleicht gute Gründe haben, aber dennoch nicht die ganze Wahrheit sind) hinterfragen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die Kunst an sich und die Literatur sind schon immer die Hofnarren, die sagen, was sie sehen und erkennen können: dass der Kaiser keine Kleider trägt und auch sonst womöglich falsch liegt. Die Literatur ist schon immer zugleich drinnen (sonst hätte sie keine Sprache und nichts zu erzählen) und draußen (sonst hätte sie keine Einsichten und nichts zu erzählen). Literatur und vielleicht am meisten die Lyrik sind allein damit politisch, dass sie das Normgerechte verwirren, aufstöbern, verscheuchen und durch die sanften und betörenden Unverständlichkeiten und pluralen Rätsel ersetzen, die – im glücklichsten Fall – den Menschen helfen zu verstehen, dass sie keine Ahnung und daher auch keine Bedingungen zu stellen haben. Kunst und Literatur trainieren unsere Gesellschaft, wo sie können, in Empathie und in Ambiguitätstoleranz – und das ist schon ein großer Schritt in Richtung Weltfrieden.

Was liest Du derzeit?

„Brüder“ von Jackie Thomae und „Die gleißende Welt“ von Siri Hustvedt.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Vielleicht Susan Sontags Satz: „Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke.“ Denn Schreiben ist wirklich ein wunderbares Werkzeug und Medium, um sich mit sich selbst und der Welt ins Verhältnis zu setzen. Und Klarheit können wir immer – und wie immer: gerade jetzt – gut gebrauchen.

Vielen Dank für das Interview, liebe Annette, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Annette Hagemann, Lyrikerin

Foto_privat.

18.3.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Allein im Jetzt“ Tanja Scheichl-Ebenhoch, Musikerin _ Give Peace A Chance _ Götzis/AT 1.4.2022

Allein im Jetzt

Gib dem Tyrannen

Idee des Lichts

Vergeben und vergessen

Ende der Dunkelheit

Pest und Cholera

Ende des Lichts

Allein im Jetzt

Chaos im Kopf

Ende des Lichts

Allein im Jetzt

Chaos im Kopf

Hoffen im Verderben

Allein im Jetzt

Nie wieder

Chaos im Kopf

Ende der Dunkelheit

Tanja Scheichl-Ebenhoch, 26.3.2022

Tanja Scheichl-Ebenhoch, Autorin, Musikerin und Pädagogin

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Tanja Scheichl-Ebenhoch, Autorin, Musikerin und Pädagogin

Foto_privat.

Walter Pobaschnig _ 26.3.2022.

https://literaturoutdoors.com