Es ist ein literarisches Requiem als ganz besonderes Leser:innen Geschenk wie hommage an eine der bedeutendsten modernen Schriftsteller:innen, deren Werk virtuos, konsequent und wegweisend ist. Ihr Tod nach schwerer Krankheit 2024 fällt mit dem 100.Todesjahr Franz Kafkas zusammen und die Werksparallelen – der Mensch in seinem Lebenskosmos voller Sehnsucht inmitten von Dunkelheit, Unerbittlichkeit und Verzweiflung gesellschaftlichen Seins – sind erstaunlich wie erschütternd. Was ist der Mensch? Was hat sich in hundert Jahren verändert an Existenz und Möglichkeit?
Die Titelüberschrift der drei versammelten Nachlasstexte „Miserere“(auch der geplante Bachmannpreis Text ist dabei) verweist auf einen religiösen (Psalmen) wie medizinischen (Erbrechen des Darminhaltes) Kontext und verbindet damit die Schonungslosigkeit körperlicher Gebrechlichkeit wie sozialer Brutalität mit einer fragenden wie anklagenden transzendenten Geist- und Sprachbewegung, die eine Form findet und einen Stil prägt, der sich über gängige Kategorisierung hinaushebt. Sprache wird hier zum Sturm, Orkan der Seele, die Welt und Gott schüttelt und erschüttert bis alle Worte und aller Atem verstummen.
Helena Adler ist eine literarische Stimme, die Leben und Sehnsucht, Gesellschaft und Leiden schonungslos ins Wort setzt.
„Miserere“ Helena Adler. Drei Texte. Jung und Jung Verlag.
Liebe Kaśka Bryla, herzliche Gratulation zur Nominierung zum Bachmannpreis! Was war Deine erste Reaktion dazu und auf was freust Du Dich besonders?
Ich habe mich wahnsinnig gefreut und anschließend meiner Mutter erklärt, was der Bachmann Wettbewerb ist.
Welche Bedeutung hat der Bachmannpreis heute?
Es ist der einzige derart öffentliche Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum. Das ist schon sehr besonders.
Was ist Dir in Deinem Schreiben wichtig?
Rückgrat
Was hast Du mit Ingeborg Bachmann gemeinsam?
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Welche drei Dinge kommen unbedingt nach Klagenfurt nicht mit?
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Vielen Dank für das Interview, viel Freude und Erfolg in Klagenfurt!
Zur Person:Kaśka Bryla, geboren 1978 in Wien, lebt in Wien. Liest auf Einladung von Brigitte Schwens-Harrant.
Kaska Bryla sudierte Volkswirtschaft in Wien und Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut Leipzig, Mitbegründung der Zeitschrift PS – Politisch Schreiben. Veröffentlicht seit 2012 Essays, Kurzprosa, Dramen und Romane, gibt Schreibkurse im Gefängnis für Menschen mit Fluchterfahrung und an Schulen.
Veröffentlichungen (Auswahl)
Konkurrenz und Kanon (Essay in PS – Politisch Schreiben #1, 2015)
alter – das andere Erleben von Dauer (Essay in PS – Politisch Schreiben #4, 2018)
Zeig mir, was du kannst (Kooperation mit Jessica Beer in PS – Politisch Schreiben #6, 2020)
Roter Affe, Residenz Verlag (Roman, 2020)
Im September sterben die Wespen, SUKULTUR (Erzählung, 2020)
Die Eistaucher, Residenz Verlag (Roman, 2022)
Im Herzen der Krähen, Uraufführung Werk-X Petersplatz, Wien (Drama, peira, 2023)
Im Osten nichts Neues oder Wer wem den Hintern auswischt, Uraufführung Hellerau, Dresden (Drama, missingdots, 2023)
Zum Projekt: Das Bachmann Projekt „Station bei Bachmann“ ist ein interdisziplinäres Kunstprojekt an den Schnittstellen von Literatur, Theater/Performance und Bildender Kunst.
Dabei kommt den topographischen und biographischen Bezügen eine besondere Bedeutung zu, indem Dokumentation, Rezeption und Gegenwartstransfer, Diskussion ineinandergreifen.
Künstler:innen werden eingeladen an diesem Projekt teilzunehmen und in ihren Zugängen Perspektiven zu Werk und Person beizutragen.
Liebe Christina Cervenka, wie liest Du den Text „Undine geht“ von Ingeborg Bachmann? Welche Grundaussagen gibt es da für Dich?
Für mich ist Undine, die ja auch eine Art Wassergeist ist, ein zutiefst fremdbestimmtes Wesen. Sie muss immer wieder die gleiche Geschichte mit einem Mann („Hans“) durchleben. Bachmann wandelt sie in „Undine geht“ in einen selbstbewussten Charakter um, der nach Autonomie strebt. Sie zieht sich ins Wasser zurück. Sie schreibt in meinen Augen damit gegen ein Patriarchat, dass Frauen wie Männer in Schubladen steckt und immer gleiche Handlungsweisen oder Strukturen vorgibt.
Wie siehst Du „Undine“?
Undine als Naturwesen wird dem Element Wasser zugeordnet. Sie ist nicht fassbar, wie eine Welle, und daher im historischen Kontext für die Männerwelt eine Bedrohung. Bachmanns Undine versucht einen anderen Weg, sie lässt sich nicht mehr in die gleiche Rolle stecken. Immer ist sie hin- und hergerissen zwischen Kampfansagen und schönen Erinnerungen. Sie beschließt aufzuhören, ins Wasser zu gehen und unterzutauchen.
„Undine geht“ wurde vor gut 60 Jahren veröffentlicht. Was hat sich seit damals im Rollenbild von Frau und Mann verändert und was sollte sich noch ändern?
Sicherlich haben sich die Rollenbilder von Mann und Frau seit damals verändert. Ich spüre heute weniger Abhängigkeit, weniger klare Bilder, wie ich als Frau oder Mann zu sein habe. Jedoch gibt es immer noch ein großes Ungleichgewicht, Themen wie Bezahlung, Chancengleichheit, etc. Vor allem wenn man über die Grenzen von Europa hinausblickt, ist noch viel zu tun!
Selbst ich als junge Frau der heutigen Zeit fühle mich manchmal noch in eine Richtung gelenkt, gewisse Handlungsweisen oder Charaktereigenschaften werden mir als weiblich gelesene Person angedichtet.
Ich würde mir ein vorurteilsfreies Miteinander wünschen, in dem sich jede und jeder so entfalten kann, wie sie oder er es gerne möchte. Unabhängig vom Geschlecht, der Hautfarbe, Alter etc. Es ist natürlich sehr unwahrscheinlich, dass das überall so bald Realität sein wird – aber vielleicht schaffen wir diese Richtung gemeinsam beizubehalten!
Der Monolog geht mit der patriarchalen Gesellschaftswelt schonungslos ins Gericht. Wie siehst Du die Situation patriarchaler Macht heute?
Immer noch gibt es patriarchale Strukturen, im Kleinen z.B. in Beziehungen, oder im Großen – in Firmen, Organisationen usw. Sehr oft passieren diese Dinge auch versteckt, ohne dass es von außen so leicht bemerkt werden kann. Es braucht sicherlich viel Feingefühl und Geduld um nachhaltig etwas zu verändern.
Der Text drückt auch viel Trauer über das Scheitern der Liebe und eines Miteinander der Geschlechter im persönlichen wie gesellschaftlichen Leben aus. Welche Auswege siehst Du da?
Meiner Meinung nach geht es viel um Akzeptanz und Kommunikation. Wenn ich das „Anders-sein“ meines Gegenübers akzeptiere, auch wenn ich es schwer nachvollziehen kann, lasse ich diesem Menschen Raum sich zu entfalten. Das nimmt viel Druck raus und ermöglicht vielleicht eine bessere Kommunikation ohne Angriffe. Sowohl in persönlichen, als auch in gesellschaftlichen Strukturen. Weniger Angriffe wären generell gut, aber auch das ist manchmal leichter gesagt als getan.
Was kannst Du als Frau und Künstlerin von „Undine geht“ in das Heute mitnehmen?
Mich nicht instrumentalisieren zu lassen in einer Welt, in der wir alle immer noch mit vorgefertigten Meinungen kämpfen müssen. Und mich nicht entmutigen zu lassen, wenn ich ungerecht behandelt werde, sondern weiter zu versuchen meinen Weg zu gehen und so zu leben, wie ich sein möchte.
Was bedeutet Dir Natur?
Natur steht für mich über allen Dingen. Sie hat weder „Gutes“ noch „Schlechtes“ im Sinn, sondern ihre Gesetze, denen sie folgt. Das ist schön, aber auch manchmal bedrohlich. Ich denke es wäre wichtig, ihr mehr Respekt zu schenken. So gut es in der heutigen Welt geht, versuche ich mit der Natur in Einklang zu leben und sie nicht zu sehr zu belasten. Einfachheit und Reduktion sind für mich da wichtige Stichworte.
Was bedeutet Dir das Element Wasser?
Wasser ist total mein Element! Ich liebe das Meer, auch Flüsse und Seen und fühle mich im Wasser lebendig. Es gibt mir Kraft und holt mich immer wieder zurück zu mir selbst. Auch ist es für uns alle ein Lebenselixier.
Wie lebst Du den Kreislauf der Jahreszeiten?
Jahreszeiten haben sich ja sehr verändert im Lauf der Zeit. Ich erlebe einen kürzeren Frühling und Herbst, dafür stärkere Extreme im Sommer und Winter. Persönlich merke ich, dass ich in den wärmeren Monaten definitiv mehr Energie habe und mehr nach außen gewandt bin. Im Winter möchte ich mir auch mehr Zeit nehmen, mit mir selbst zu sein, zu reflektieren und mich auch einmal zurückziehen zu dürfen.
Wie kann der moderne Mensch in Harmonie zur und mit der Welt leben?
Das ist eine sehr schwierige Frage… Aber für mich hat es wiederum mit einer Form von Reduktion zu tun. Nicht zu glauben, dass alles immer in unendlichem Maß vorhanden ist. Und den Lauf der Natur besser zu lesen und ihm nachzugehen. In dem ich zum Beispiel das esse, was gerade dort wächst, wo ich bin. Oder wiederum die Menschen um mich herum sich frei entfalten lasse und versuche, gute Energie auszusenden anstatt Aggression. Aber auch indem ich mir und anderen „Fehler“ erlaube und nicht dogmatisch urteile, wenn wir nicht alles zu 100% schaffen. Aber das muss auch jede/r für sich selbst entscheiden!
Was braucht Liebe immer, um zu wachsen, blühen?
Freiheit und Nähe.
Was lässt Liebe untergehen?
Einengung und Gewalt – auch mit Worten.
Wie war Dein Weg zum Schauspiel?
Schon als Kind wollte ich Schauspielerin werden – Filme und Theater haben mich immer fasziniert. In meiner Familie gibt es dazu eine Vorgeschichte: auch meine Oma und ihre Schwester waren Schauspielerinnen und mein Uropa Dramaturg am Burgtheater. Das war für mich als Kind nicht so klar ersichtlich, aber vielleicht habe ich unterbewusst etwas mitbekommen.
Als Jugendliche habe ich in Kärnten schon viel Theater gespielt und dann während des letzten Schuljahrs an Schauspielunis vorgesprochen. Mein erstes Vorsprechen in Graz hat dann gleich geklappt – das war natürlich sehr aufregend! So bin ich nach dem Abschluss ans Burgtheater gekommen und etwas später zum Film.
Momentan liegt mein Fokus auf der Arbeit vor der Kamera. Ich liebe das intime Spiel und die intensive Arbeit am Set! Es gibt mir die Freiheit mich künstlerisch auszudrücken und viele spannende Figuren „erleben“ und erzählen zu können. In jedem Fall bin ich sehr dankbar, diesen Beruf so leben zu dürfen, wie ich es momentan tue!
Welche aktuellen Projektpläne hast Du?
Im Sommer beginne ich mit Dreharbeiten zu „Die Liesl von der Post“ (MR Film) – eine neue Reihe für Servus TV, die Ausstrahlung ist noch für 2024 geplant. Wir haben ein tolles Team und ich freue mich schon sehr auf diese Arbeit!
Dieses Jahr werden auch noch bereits abgedrehte Projekte gezeigt, an denen ich beteiligt war – zum Beispiel eine Folge der „Toten vom Bodensee“ (Graf Film) und „Universum History – Meilensteine queerer Geschichte – Verbotenes Begehren“ (Vienna Set). Darin darf ich Gretl Csonka verkörpern, eine junge Frau, die von ihren Eltern wegen ihrer sexuellen Orientierung unverstanden, zu Freud in Therapie geschickt wird und sich mühevoll ihren eigenen Weg erkämpft. Eine wahre Geschichte! Dieses Projekt liegt mir sehr am Herzen, es war schon letztes Jahr im ORF zu sehen und wird heuer noch einmal im ZDF und auf arte ausgestrahlt.
Welches Zitat aus „Undine geht“ möchtest Du uns mitgeben?
„Wenn dir nichts mehr einfiel zu deinem Leben, dann hast du ganz wahr geredet, aber auch nur dann. Dann sind alle Wasser über die Ufer getreten, die Flüsse haben sich erhoben, die Seerosen sind gleich hundertweis erblüht und ertrunken, und das Meer war ein machtvoller Seufzer, es schlug, schlug und rannte und rollte gegen die Erde an, daß seine Lefzen trieften von weißem Schaum.“
Darf ich Dich zum Abschluss zu einem Akrostichon zu „Undine geht“ bitten?
Zur Person_Eva Surma, gebürtige Grazerin. Lebt und schreibt in Leibnitz, in der Südsteiermark, aber auch sehr gern am Meer. Sie hat Deutsch als Fremdsprache in Graz, Judenburg und Modena im MA-Studium abgeschlossen und darf sich, nach einem Studium an der Donau Universität Krems, Akademische Expertin der Migrationswissenschaften nennen. Feminismus ist ihr Beruf und ihre Berufung. 2005 gründet sie gemeinsam mit der Geschlechterforscherin Sandra Jakomini den verein-freiraum, der fortan die Frauenberatungsstelle Leibnitz trägt. 2021 gründet sie mit Mark Klenk den Verein Worte und Taten, der aktuell in der Ukrainehilfe sehr aktiv ist. Seit 2022 ist Eva Surma Mitglied der IGfem und gründet in selben Jahr zusammen mit der IGfem-Präsidentin Gerlinde Hacker und der Wordrapperin Anna Cech die IGfem Bezirk Leibnitz Schwesternvereinigung. Eva Surma ist seit vielen Jahren leidenschaftliches Mitglied der internationalen Plattform literatur*grenzenlos und seit 2023 PEN Mitglied.
Als dem Chaos verbundene Grenzgängerin ist sie immer auf der Suche nach Altem und nach Neuem. Seit 15 Jahren ist Eva Surma Mitglied des Lebringer Literaturkreises. Jüngster Poetik-Preis: 2022 Un Monte di Poesia, Florenz, „Premio Oltre Confine“. Am 26. Mai 2023 reklamiert sie ihre Meerschutzgedicht „Mare, il grande fratello blu“ auf der Piazza Unitá in Triest auf Italienisch und Deutsch, im Rahmen der Veranstaltung von Mare Nordest gemeinsam mit ihrer feministischen Künstlerkollegin Qing Yue.
Zum Projekt: Das Bachmann Projekt „Station bei Bachmann“ ist ein interdisziplinäres Kunstprojekt an den Schnittstellen von Literatur, Theater/Performance und Bildender Kunst.
Dabei kommt den topographischen und biographischen Bezügen eine besondere Bedeutung zu, indem Dokumentation, Rezeption und Gegenwartstransfer, Diskussion ineinandergreifen.
Künstler:innen werden eingeladen an diesem Projekt teilzunehmen und in ihren Zugängen Perspektiven zu Werk und Person beizutragen.
Liebe Patrizia Leitsoni, wie liest Du den Text „Undine geht“ von Ingeborg Bachmann? Welche Grundaussagen gibt es da für Dich?
Gleichberechtigung und Gleichstellung benötigen Aufmerksamkeit. Ist es eine Frage von Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen? Warum unterdrücken Personen/Gruppen oder Gesellschaften andere Personen/Gruppen? Erst wenn verstanden wird, dass durch Vielfalt eine Bereicherung und Wachstum für alle erfolgen kann, besteht eine Chance, dass Ungerechtigkeit aufhört.
Wie siehst Du „Undine“?
Undine erkennt die Probleme zwischen den Geschlechtern im Kontext ihrer Zeit und kann es auf sprachlicher und emotionaler Ebene greifbar machen. Die Erkenntnis bleibt in ihrem Inneren und daran geht sie schließlich auch zugrunde. Sie denkt und fühlt emanzipiert und ist somit sicherlich eine Vorreiterin ihrer Zeit. Sie ist eine Frau, die aufgrund ihres Intellektes die gesellschaftliche Ordnung hinterfragt und anzweifelt. Schade, dass der einzige Ausweg darin besteht, sich dieser ungerechten Welt zu entziehen, anstatt sie zu revolutionieren.
„Undine geht“ wurde vor gut 60 Jahren veröffentlicht. Was hat sich seit damals im Rollenbild von Frau und Mann verändert und was sollte sich noch ändern?
Glücklicherweise ist zumindest auf dem Papier die Gleichstellung angekommen. In der Praxis müsste definitiv noch mehr passieren, z. B. gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit, Gleichberechtigung in sozialen und gesundheitlichen Berufen. Ansichten müssen verändert werden: Pflege, Bildung, Kinderbetreuung sind nicht überwiegend Aufgaben, die an Frauen hängen bleiben sollten – dafür müssen aber die Wertigkeit, Wichtigkeit und der Respekt für diese Aufgaben um ein Vielfaches wachsen. Es muss auch selbstverständlicher werden, dass Frauen Führung und Verantwortung übernehmen und es muss ihnen gestattet sein, dies auf ihre eigene Art und Weise zu tun.
Der Monolog geht mit der patriarchalen Gesellschaftswelt schonungslos ins Gericht. Wie siehst Du die Situation patriarchaler Macht heute?
Sie ist wohl in den meisten Gesellschaften das praktizierte System. Es sind Fragen zu stellen, allen voran: Warum ist das so? Ich möchte hier aber auch eine Lanze für die Männer brechen: ich kenne genügend Männer, die die Gleichstellung ganz selbstverständlich leben. Männer, die ihren Frauen den Rücken freihalten, damit sich diese beruflich verwirklichen können. Männer, die voller Stolz in Karenz gehen, damit sie Zeit mit ihren Kindern verbringen können. Männer, die einen Haushalt führen – kochen, waschen, putzen und aber auch Reifen wechseln und schwere Sachen schleppen. Männer, die psychologische Hilfe annehmen, um sich und ihre Gefühle besser zu verstehen und auch dazu stehen. Bestimmt unken nun einige im Sinne von: „Ja und, das sollte doch selbstverständlich sein, soll ich denen jetzt applaudieren?“ Ja, es sollte selbstverständlich sein und nein, ist es aber noch nicht überall. Und erst, wenn die positiven Beispiele vor den Vorhang geholt werden und somit anderen Mut machen, es jenen gleichzutun, kann Veränderung stattfinden. So wie es ja auch Initiativen gibt, wo Frauen andere Frauen darin bestärken, sich Führungspositionen zuzutrauen oder in „typisch männliche“ Berufe zu gehen. Ich glaube fest daran, dass wenn die letzten alteingesessenen Patriarchaten, die verzweifelt an ihrer vermeintlichen Macht festhalten, weggestorben sind und wenn bis dahin das tatsächliche Umsetzen und Leben von Gleichberechtigung immer lauter unterstützt und positiv verstärkt wird, es letztlich auch im politischen System ankommen wird.
Der Text drückt auch viel Trauer über das Scheitern der Liebe und eines Miteinander der Geschlechter im persönlichen wie gesellschaftlichen Leben aus. Welche Auswege siehst Du da?
Werte wie Respekt, Anerkennung und Unterstützung sollten wieder mehr in die tägliche Sprache und in den persönlichen Umgang einfließen, damit es auch tatsächlich ein MITEINANDER gibt und kein NEBENEINANDER oder GEGENEINANDER. Ich finde es essenziell, dass man seinen Mitmenschen Dank und auch Lob zukommen lässt, so erfolgt gemeinsames Schaffen und Wachstum.
Was kannst Du als Frau und Künstlerin von „Undine geht“ in das Heute mitnehmen?
Undine hat einen ausgeprägten Zugang zu ihrer Gedanken- und Gefühlswelt – das ist sehr wichtig, um sich zu reflektieren und um sich persönlich entwickeln zu können.
Was bedeutet Dir Natur?
Natur ist ein Ort, um Kraft zu schöpfen, Energie zu tanken, um Stille zu genießen und um Gedanken ordnen zu können. Nicht umsonst sind die Farben der Natur auch meine Lieblingsfarben: blau steht für das Wasser – der Fluss von Energie & Kreativität, grün steht für den Wald – die Stille, das Innehalten, das Verarbeiten von Erlebnissen, grau steht für den Berg – die Kraft, das Unverrückbare, die Grundwerte, die das Innere formen.
Was bedeutet Dir das Element Wasser?
Wasser ist vielseitig. Es ist ruhig und kann einen tragen. Es ist wild, aufgewühlt und kann mitreißen. Es kann auch gefährlich sein, obwohl es lebensspendend ist. Es ist voller Widersprüche und doch beständig. Es ist sanft und kraftvoll. Es schillert in verschiedenen Farben und ist manchmal undurchsichtig, dann wieder ganz klar.
Wie lebst Du den Kreislauf der Jahreszeiten?
Wovon ich sehr beeinflusst bin, ist der Wechsel des Lichts – wie sich das Verhältnis von Tag zu Nacht verändert. Jede Jahreszeit hat etwas Besonderes an sich: der Frühling ist geprägt von Reinigung und dem Wiederaufblühen von Energie. Der Sommer bietet die Möglichkeit, die Natur voll auszuschöpfen – sei es sportlich oder durch die Fülle an frischen Nahrungsmitteln. Im Herbst bietet die Natur ein unglaubliches Farbenspiel und lässt etwas zur Ruhe kommen. Der Winter steht für Rückzug und um den Energiehaushalt zu bilanzieren.
Wie kann der moderne Mensch in Harmonie zur und mit der Welt leben?
Man muss sich darauf besinnen, dass wir nur diese eine Welt haben. Darauf müssen wir aufpassen – sie ist die Grundlage unseres Lebens. Jeder sollte sich kritisch reflektieren und überlegen, welchen Beitrag man persönlich leisten kann, um diese Welt in ihrer Vielfalt und Schönheit noch möglichst lange zu erhalten.
Egoismus, keine Fähigkeit zur Empathie, Sprachlosigkeit
Wie war Dein Weg zum Schauspiel?
Ich bin mit 18 Jahren nach Wien gezogen, weil ich am Konservatorium der Stadt Wien (heute MUK) im Studiengang „Musikalisches Unterhaltungstheater“ aufgenommen worden bin. Ich bin sehr dankbar für die dreigleisige Ausbildung in Schauspiel, Gesang und Tanz – es ist sehr bereichernd im kreativen Prozess der Rollengestaltung, wenn man aus der Fülle der Möglichkeiten von drei Sparten schöpfen kann.
Welche aktuellen Projektpläne hast Du?
Im Sommer stehe ich im Rahmen des Märchensommers in der Produktion „Der gestiefelte Kater – neu geschnurrt“ auf der Bühne. Ab Herbst gibt es an der Wiener Staatsoper die Wiederaufnahme von „Das verfluchte Geisterschiff“ – einer für Familien adaptierten Version des Fliegenden Holländers, die aufgrund der innovativen Inszenierung von Nina Blum quer durch die Räumlichkeiten des Opernhauses führt. Außerdem habe ich mit einer Kollegin „Vocal Massage Vienna“ gegründet – wir bieten manuelle Techniken speziell für die an der Stimmproduktion beteiligten Muskelgruppen an (Hals, Kehlkopf, Kiefer, Kaumuskulatur, Atemmuskulatur), um einen Beitrag zur Regeneration und Gesunderhaltung der Stimme (insbesondere für Stimmnutzer_innen wie Schaupsieler_innen, Sänger_innen, Sprecher_innen) zu leisten.
Welches Zitat aus „Undine geht“ möchtest Du uns mitgeben?
Mir gefallen folgende zwei Textstellen sehr gut:
„Weil ich zu keinem Gebrauch bestimmt bin und ihr euch nicht zu einem Gebrauch bestimmt wußtet, war alles gut zwischen uns.“
Denn ihr kennt doch die Fragen, und sie beginnen alle mit „Warum?“
Darf ich Dich zum Abschluss zu einem Akrostichon zu „Undine geht“ bitten?
Zur Person_Marlies Blauth, *1957 in Dortmund, lebt in Meerbusch bei Düsseldorf.
Bildende Künstlerin und Autorin (Studium Kunst, Biologie, Kommunikationsdesign),
4 Lyrikbände, zuletzt: morgens ein Atemzug Winter. Hrsg. Jürgen Brôcan, Dortmund 2024; zahlreiche Veröffentlichungen in Anthologien, ein paar kleinere Preise / Auszeichnungen.
Station in den 80thies _ Pia Raunjak, Schauspielerin, Produzentin und Moderatorin
Station in den 80thies _ Pia Raunjak, Schauspielerin, Produzentin und Moderatorin
Liebe Pia Raunjak, welche Bezüge gibt es von Dir zu den 1980er Jahren, besonders der Musik, der Kultur?
Mein Vorname „Pia“ ist tatsächlich eine Reminiszenz an die 80er: Ich wurde nach der Schauspielerin und späteren Sängerin Pia Zadora benannt.
Falco sagte einmal, „Wer sich an die 80er erinnern kann, hat sie nicht erlebt.“Ich kann mich gut an sie erinnern – ich war Kind. In meiner Erinnerung waren die 80er zum einen grau (die Straßen und Gebäude waren trister und ungepflegter als heute), zum anderen so bunt, wenn man an den Stil dieses Jahrzehnts denkt.
Was möchtest Du in dieser Dekade hervorheben?
In den 80ern ging alles vorwärts. Ich hatte junge Eltern und ich habe gemerkt – die dachten nicht rückwärts. Es ging eine Befreiungswelle von politischen Systemen durch die Länder. Nie werde ich vergessen, wie wir 1989 vor dem TV-Gerät saßen und die Öffnungen der Grenzen miterlebten.
Ich glaube, in den 80ern begannen sich die Menschen stärker zu individualisieren. Sie hatten mehr und mehr das Gefühl, dass man seine Zukunft selbst gestalten kann.
Was sind Deine drei Lieblingssongs und Filme der Zeit?
Mein absoluter Lieblingsfilm aller Zeiten ist „Amadeus“ von Miloš Forman aus dem Jahr 1984. Geprägt hat mich „Der Club der toten Dichter“ von Peter Weir aus dem Jahr 1989, den ich erst in den 90ern als Teenager wahrgenommen habe. Er ist für dieses Alter genau richtig. Werner Herzogs „Fitzcarraldo“ (1982) ist für mich ein zeitloses Meisterwerk.
Die Neue Deutsche Welle hat mich damals begeistert – als Kind konnte ich mit den englischen Liedern ja noch nicht so viel anfangen. Wenn es um 80er-Lieder geht, weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll – es war ein so expressiv kreatives Jahrzehnt in der Musik.
In die 80er fallen auch die Erfindung des Linn Drum Computers und des MIDI Formats. Die Erfinder beider Neuerungen durfte ich einmal kennenlernen und ihnen zuhören, was unheimlich faszinierend für mich war.
In der Gegenwart sind die 80thies in Musik, Mode, Kultur allgegenwärtig, woran liegt dieses Revival?
Der Stil von Jahrzehnten, die man persönlich verpasst hat, übt immer eine gewisse Faszination aus. Vielleicht ist die junge Generation deswegen gerade verrückt auf die 80er.
Oder war diese Zeit tatsächlich ganz besonders?
Es war das letzte weitgehend analoge Jahrzehnt – vielleicht trägt dies zur Faszination bei. Ich kann mich auch erinnern, in den 80ern (und auch 90ern), musste man so viel warten, ohne sich vom Smartphone ablenken zu lassen. Man wartete auf den Bus, beim Arzt, am Amt. Warten (und sich dabei zu langweilen) war etwas ganz Normales.
Wie siehst Du als Schauspielerin und Produzentin die Konzeption der Videoclips der 80thies?
Die Clips waren große Kunst. Selbst Anfang der 2000er-Jahre, als ich in die Branche einstieg, waren grafische Bearbeitungen am Bewegtbild noch sehr aufwändig. Wie arbeitsintensiv das wohl in den 80ern gewesen sein muss.
Große Videoclip-Klassiker waren natürlich „Land of Confusion“ von Genesis, das mit seinen Spitting Image Puppenfiguren große politische Botschaften trug.
„Take On Me“von a-ha und Michael Jacksons “Thriller” sind auch unvergesslich, oder?
In Wien, Österreich ist vor allem Falco der Superstar dieser Epoche? Was machte ihn als Künstler aus?
Über Falco wurde so viel geschrieben und philosophiert. Da kann ich wohl wenig dazu beitragen.
1999, ich war gerade 19 Jahre alt und junge Reporterin für’s Radio, durfte ich Falcos Mutter zwei Stunden in seiner ehemaligen Wohnung in der Wiener Schottenfeldgasse interviewen. Sie gab mir auch eine Führung. Im selben Jahr wurde Falcos „Europa“ posthum veröffentlicht. Ich war bei der Vorstellung für die Presse dabei. Ich mochte das Lied und mag es heute noch.
Was für mich so frappierend ist: Da hatte Österreich einen Weltstar und dieser ging nicht wirklich in die Welt hinaus.
Es gibt dieses Zitat von Falco: „Ich hätte oftmals Gelegenheit gehabt, nach Amerika zu gehen. Ich habe es nicht getan, weil das Schönste an der amerikanischen Fahne die rotweißroten Streifen sind.“ Wie bezeichnend.
Aber vielleicht konnten seine Werke auch nur die Österreicher so richtig begreifen.
Wie war Dein Weg zum Schauspiel, zur Musik und welche Station gab es da?
Ich wurde schon so oft gefragt: „Singst Du auch?“ Und ich denke mir nur „Um Himmels willen, besser nicht!“ 😊 Aber die Sprache und die Artikulation, die liegen mir im Blut. Ich begann meine Arbeit als Journalistin, schon während meiner Schulzeit schrieb ich für die Jugendseite der Oberösterreichischen Nachrichten. Dann wurde ich Reporterin und Moderatorin bei Life Radio, ging dann nach Wien, um für eine sehr starke Filmproduktionsfirma zu arbeiten.
Meinen ganzen beruflichen Weg zu zeichnen, sprengt fast den Rahmen. Es war immer sehr abwechslungsreich. Seit 2007 bin ich selbständig und arbeite als Sprecherin, Schauspielerin, Moderatorin und Produzentin.
Du hast auch in Los Angeles/USA gelebt, welche Erfahrungen hast Du da gemacht?
Im Gegensatz zu Falco habe ich die USA immer geliebt. Meine Zeit in Los Angeles hat mich geprägt. Die Stadt erfüllt nicht nur jedes Klischee, sie übertrifft sie alle. Los Angeles ist große Freiheit, unheimliche Kreativität und knallhartes Überleben.
Was sind Deine aktuellen Projekte?
Für eine TV-Krimi-Reihe durfte ich gerade für eine kleine, feine, durchgehende Rolle vor der Kamera stehen. Als Produzentin und Moderatorin warte ich gerade auf das Green Light für eine TV-Sendung. Und als Sprecherin stehe ich immer sehr viel vor dem Mikrofon.
Darf ich Dich abschließend zu einem Falco Akrostichon bitten?
Fabulously
Artistic
Last
Communication
Offline
Station in den 80thies _ Pia Raunjak, Schauspielerin, Produzentin und Moderatorin
Station in den 80thies _
Pia Raunjak, Schauspielerin, Produzentin, Moderatorin, Werbe- und Synchronsprecherin
Pia Raunjak und Walter Pobaschnig
Alle Fotos & Interview _ Walter Pobaschnig
Vielen Dank an das Hotel „Jaz in the City Vienna“ für die freundliche Kooperation!
Franz Kafka, Schriftsteller _ 100.Todesjahr Franz Kafka * 3.Juli 1883 Prag+ 3.Juni 1924 Kierling/Klosterneuburg (AUT) _ Schriftsteller
Zum Projekt: Das Literatur outdoors Projekt „Station bei“ ist ein interdisziplinäres Kunstprojekt an den Schnittstellen von Literatur, Fotografie und Theater/Performance.
Dabei kommt den topographischen und biographischen Bezügen eine besondere Bedeutung zu, indem Dokumentation, Rezeption und Gegenwartstransfer, Diskussion ineinandergreifen.
Künstler:innen werden eingeladen an diesem Projekt teilzunehmen und in ihren Zugängen Perspektiven zu Werk und Person am biographischen bzw. werksgeschichtlichen Bezugsorten beizutragen.
Station bei Milena Jesenska und Franz Kafka_ Katrin Koch, Sopranistin _Wien_performing
Liebe Katrin Koch, welche Zugänge gibt es von Dir zur Schriftstellerin/Übersetzerin und Journalistin Milena Jesenska wie zu Franz Kafka, Schriftsteller?
Bisher noch nicht so viele, ich habe mich erst vor Kurzem näher mit Franz Kafka und Milena Jesenska auseinandergesetzt.
Wir sind hier am Lebensort Jesenskas, an Kafka im Sommer 1920 4 Tage zu Gast war. Welche Eindrücke hast Du vom Haus/Umfeld hier?
Ich glaube dass diese Ecke der Lerchenfelderstraße, in der das Haus steht, vor über 100 Jahren viel mehr Vorstadt- als Großstadtcharakter hatte. Vor meinem inneren Auge sehe ich ein damals gemütliches und eher ruhiges Viertel, mit Marktständen, Greißlern und der wunderschönen Kirche Altlerchenfeld nebenan als soziales Zentrum. Heute dient die Lerchenfelderstraße zwar als häufig genutzte Verbindung zwischen Ottakring und dem Zentrum, doch wenn man genau hinschaut und hinspürt, lässt sich noch viel vom Charme vergangener Zeiten erahnen.
Wie siehst Du den Briefwechsel und die Beziehung beider?
Ich denke Kafka und Milena haben sich auf einer Ebene verstanden, die sich nicht allen Menschen eröffnet. Waren sie Lebensmenschen? Seelenverwandte? Kann man das überhaupt aus einer Briefsammlung herauslesen? Kafkas Sprache dringt beim Lesen tief ein, vorbei an vielen verschiedenen Schichten die man sich als Mensch aus verschiedensten Gründen zugelegt hat. Am Ziel angekommen zerlegt seine Sprache scheinbar bestehende Strukturen, reißt sie nieder und baut Neues auf – mit einer unvergleichlichen Eindringlichkeit aber auch als unerbittlicher Spiegel. Kafka war meiner Meinung nach ein sehr einsamer Mensch, der seine Sprache als seine eigene Welt um ihn herumbaute. Milena war wohl einer der wenigen Menschen, der eine Tür in diese Welt öffnen konnte, um für kurze Zeit darin zu verweilen.
Gibt es Textstellen, die Du hervorheben möchtest?
„Jetzt bin ich zwei Stunden auf dem Kanapee gelegen und habe wohl kaum an etwas anderes gedacht als an Dich. Du vergißt Milena daß wir doch nebeneinander stehn und dieses Wesen auf dem Boden anschauen, das ich bin; aber ich der dann zuschaut, bin dann allerdings wesenlos. (…) Wie kommt es Milena dass du noch immer nicht Angst oder Abscheu vor mir hast oder dergleichen? In was für Tiefen geht dein Ernst und deine Kraft!
(Prag, September 1920)
Was lässt Liebe wachsen, was Liebe untergehen?
Bereitschaft an sich selbst und an der eigenen Veränderung zu arbeiten und eine Verbindlichkeit zum Gemeinsamen lässt Liebe aus meiner Erfahrung wachsen. Ein Mangelerleben an unterschiedlichsten Stellen leitet den Untergang der Liebe ein.
Was macht für Dich die Schriftstellerin Jesenska und den Schriftsteller Kafka aus?
Im Vergleich zu Kafka, aus dem eine alte Seele zu sprechen scheint, nehme ich die Schriftstellerin Milena Jesenska ungestümer, frecher, jünger wahr. Ihre Sprache bahnt sich ihren Weg freier und bunter als die in jedem Wort Gewicht tragende Sprache Kafkas. Beiden gemeinsam scheint mir ein durch und durch Kennen des eigenen Wesens, eine daraus entstehende authentische literarische Sprache.
Wann bist Du erstmals mit den Texten Kafkas in Berührung gekommen und welche Aussagen gibt es da für Dich?
Meine erste Berührung mit Kafka war wahrscheinlich wie bei vielen die Pflichtlektüre von ‚Die Verwandlung‘ in der Schule. Obwohl doch schon einige Zeit her kam mir diese Geschichte im Laufe des Lebens immer wieder in Erinnerung und ist mir in verschiedenen Situationen durch den Kopf gegangen – von wie vielen Büchern kann man das behaupten? So eindringlich hat Kafka das im Körper des Ungeziefers Feststecken beschrieben, dass man diese Ohnmacht am eigenen Körper miterlebt. Das Gute daran ist, als Mensch kann man aus seinen Ohnmächten auch wieder rauskommen.
Wie hast Du Dich auf das Fotoshooting/die Performance vorbereitet?
Ich habe mich in die Briefe an Milena eingelesen und mich mit den Biografien der beiden intensiver auseinandergesetzt.
Gab es bisher schon Kafka Projekte für Dich?
Nein bisher noch nicht.
Wie musikalisch/rhythmisch schreibt Kafka?
Hm das ist eine schwierige Frage, ohne lange darüber nachzudenken ist das erste was mir spontan in den Sinn kommt eine Fuge von Bach. Unglaublich komplex und detailliert, aber im Gesamten von einer ungemeinen Klarheit und Schönheit.
Wie war Dein Weg zur Musik?
Musik war schon immer da in meinem Leben als ein Teil von mir, also kann ich nicht von einem Weg zur Musik sprechen sondern eher von einem Weg mit der Musik. Der geht wie fast alle Wege nicht nur gerade aus, sondern auch mal auf und ab und nimmt auch schon mal einen Umweg. Aber ich würde ihn auf jeden Fall immer wieder gehen.
Was sind Deine nächsten Projektpläne?
Neben einigen Messen und Konzerten möchte ich ein Projekt, das mir besonders am Herzen liegt hervorheben, nämlich eine (halb)szenische Schöne Müllerin mit Müllerin, die die Handlung durch andere Schubert Lieder ergänzt oder auch in den direkten Dialog mit dem Müllersgesellen tritt. Es gibt zwei mögliche Enden, das Publikum kann in der Pause abstimmen, wie es ausgeht. Den Abend haben wir bereits mehrfach gespielt und jedes Mal wieder freue ich mich wahnsinnig wenn ich mitbekomme, wie das Publikum in der Pause darüber diskutiert, wie es mit der Handlung weitergehen soll. Dann habe ich das Gefühl, ich habe meine Aufgabe erfüllt, die Musik ist bei den Menschen angekommen. Zu Hören im September in der Klimt Villa in Wien.
Darf ich Dich abschließend zu einem „Milena Franz“ Akrostichon bitten?
Mutig
Inniglich
Lebensmensch
Eingeengt
Narrativ
Analytisch
Faszination
Ruhelos
Angst
Nachdrücklich
Zweifel
Station bei Milena Jesenska und Franz Kafka_ Katrin Koch, Sopranistin _Wien_performing
Liebe Eva Surma, wie sieht jetzt dein Tagesablauf aus?
Nachdem ich mit 58 zum allerersten Mal in meinem Leben alleine lebe, ist für mich alles neu. Als hätte ich immer noch Kinder, die den Schulbus erreichen müssen, bin ich besonders morgens zwanghaft.
Im freien Spiel der Mächte bin ich eine Frühaufsteherin und eigentlich auch eine Früh-Einschläferin. Ich bemerke jetzt an mir Ähnlichkeiten mit meiner Mutter, die 20 Jahre allein gelebt hat. Es hat sich schon in der ersten Woche des Alleinlebens nicht das Syndrom des leeren Nests eingestellt, sondern eine unbändige Freude darüber, frei und selbstbestimmt meine Zeit zu strukturieren. Ich hab jetzt sehr viel Ruhe und Ideen zum Schreiben, Zeit zum Lesen, zum Laufen, Zeit um ans Meer zu fahren oder Ausstellungen zu besuchen. Der Broterwerb als Beraterin in der Leibnitzer Frauenberatungsstelle, die ich selbst mit einer Kollegin vor 20 Jahren gegründet habe, ist eine zentrale und nicht wegzudenkende Beschäftigung.
Eva Surma, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Selbstfürsorge und Besonnenheit. Wer nicht gut auf sich selbst schaut, verliert den Anschluss an die Gesellschaft. Ruhiges Nachdenken kann da hilfreich sein. Wer für sich selbst interessant ist, weiß auch worauf bei den Mitmenschen zu achten ist. Dadurch entsteht Beziehung, Bindung, Nähe und dafür ist der Mensch gemacht. In der heutigen Gesellschaft müssen wir uns nicht dadurch verleugnen, dass wir uns alles leisten (können). Gemeinsames Schwingen ist etwas Unbezahlbares. Das erlebe ich gerade in der Gleisdorfer Konvergenzzone des Martin Krusche, im Lyrik.Treff.Punkt der Karin Klug und in der IGfem, bei den feministischen Autorinnen, um Gerlinde Hacker und Doro Pointner. Wer mit sich selbst anständig umgeht, kommt auch mit neuen und vielen und sehr unterschiedlichen Menschen gut aus. Und es braucht eine Bezugsperson, der wir uns anvertrauen können, Liebe spüren. Für mich ist das meine Tochter, der ich nicht immer so nahe war.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn, also in unserer jetzigen Situation: Welche Rolle kommt dabei der Kunst, der Literatur zu?
Tatsächlich stehen wir an jedem neuen Tag vor einem Neubeginn, der uns nicht auf Ewigkeiten gewährt ist. In der Kunst teilen wir uns mit. Wir bringen unser Innerstes zum Ausdruck. Das macht uns für die Außenwelt interpretierbar, aber auch wir selbst lernen dadurch immer wieder neue Seiten an uns kennen. Die Kunst besteht nicht darin, sich möglichst clever zu verkaufen. Die Kunst liegt in der Freude am Perspektivenwechsel, liegt in der Wertschätzung der Arbeiten, die bei persönlichen Auseinandersetzungen mit mir und der Welt entstehen und dem ständigen Austausch darüber mit den mir Nahestehenden. Wer sich für meine Gedichte nicht interessiert, hat an einem wesentlichen Bestandteil von mir kein Interesse. Das habe ich viel zu spät verstanden und daher mein Schreiben immer hintangestellt. Den Menschen, die mir etwas bedeuten bringe ich Interesse entgegen. Ich hebe ihre Talente und lasse sie glänzen. Alles andere, was nur mir zum Nutzen ist, was Kohle bringt, was mir Bequemlichkeit beschert, ist kapitalistische Ausbeuterei. Das macht den Gendergap so richtig weit auf. Auch wir Feministinnen sind Teil des Patriarchats. Jammern bringt nix. Wir leben die Sisterhood. Und glaub mir: Das ist eine Kunst!
Was liest du derzeit?
Dunkelgrün fast schwarz, von Mareike Fallwickl, nachdem mir Die Wut, die bleibt so gut gefallen hat.
Immer wieder: Die Liebe ruht von Drago Jancar.
Lieblingsbücher habe ich viele. Allen voran Brigitte Schwaiger: Wie kommt das Salz ins Meer. Atwoods Report der Magd. Das Fünfte Kind von Doris Lessing, Stay away from Gretchen von Susanne Abel. Die Gedichte der Kaschnitz. Mascha Kaleko.
Die Postkarte von Anne Berest hat mich auch sehr beeindruckt.
Und ich liebe die Filme von Doris Dörrie. Und Undine vom Petzold. Auch In den Gängen ist ein steiler Film.
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Simone de Beauvoir: Das Private ist politisch und das Politische ist Privat.
Das spricht für sich selbst, finde ich. Und erklärt, warum Feminismus für alle da ist. Augen auf!
Vielen Dank für das Interview, liebe Eva, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Eva Surma, Schriftstellerin
Zur Person_Eva Surma, gebürtige Grazerin. Lebt und schreibt in Leibnitz, in der Südsteiermark, aber auch sehr gern am Meer. Sie hat Deutsch als Fremdsprache in Graz, Judenburg und Modena im MA-Studium abgeschlossen und darf sich, nach einem Studium an der Donau Universität Krems, Akademische Expertin der Migrationswissenschaften nennen. Feminismus ist ihr Beruf und ihre Berufung. 2005 gründet sie gemeinsam mit der Geschlechterforscherin Sandra Jakomini den verein-freiraum, der fortan die Frauenberatungsstelle Leibnitz trägt. 2021 gründet sie mit Mark Klenk den Verein Worte und Taten, der aktuell in der Ukrainehilfe sehr aktiv ist. Seit 2022 ist Eva Surma Mitglied der IGfem und gründet in selben Jahr zusammen mit der IGfem-Präsidentin Gerlinde Hacker und der Wordrapperin Anna Cech die IGfem Bezirk Leibnitz Schwesternvereinigung. Eva Surma ist seit vielen Jahren leidenschaftliches Mitglied der internationalen Plattform literatur*grenzenlos und seit 2023 PEN Mitglied.
Als dem Chaos verbundene Grenzgängerin ist sie immer auf der Suche nach Altem und nach Neuem. Seit 15 Jahren ist Eva Surma Mitglied des Lebringer Literaturkreises. Jüngster Poetik-Preis: 2022 Un Monte di Poesia, Florenz, „Premio Oltre Confine“. Am 26. Mai 2023 reklamiert sie ihre Meerschutzgedicht „Mare, il grande fratello blu“ auf der Piazza Unitá in Triest auf Italienisch und Deutsch, im Rahmen der Veranstaltung von Mare Nordest gemeinsam mit ihrer feministischen Künstlerkollegin Qing Yue.