Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Julia Kulewatz,Schriftstellerin, Verlegerin, Literaturwissenschaftlerin, Dozentin
im Interview _ Georg Biron _ Schriftsteller, Reporter, Drehbuchautor, Schauspieler, Regisseur und Kulturproduzent.
Lieber Georg Biron, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
„Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“, so Adorno 1949. Diese Behauptung hat die Bachmann mit Paul Celan, der die „Todesfuge“ verfasste und ihr Liebhaber war, immer wieder gründlich diskutiert. Beide haben sich nicht darangehalten. B. setzte sich immer wieder auch lyrisch mit dem Faschismus auseinander, aber nicht mit Kolportagen. Ihr generelles Credo war: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar!“ Dieser Satz ist mir sehr nahe – und in einem von ihr gewörterten „Selfie“ erkenne ich mich schmerzhaft selbst: „Ich existiere nur, wenn ich schreibe, ich bin nichts, wenn ich nicht schreibe, ich bin mir selbst vollkommen fremd, aus mir herausgefallen, wenn ich nicht schreibe.“
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Man kann die Bachmann nicht aus ihrer Zeit herausschälen. Sie gilt heute als historische Erinnerung und Teil der deutschsprachigen Literaturgeschichte. Ihr Stil war sehr unique und codiert in ihren poetischen Gewaltakten – wie das Schnittmuster einer Schneiderin, die auf einem großen Bogen Papier mehrere Realitäten/Kleidungsstücke übereinander erkennt und sich zurechtfindet.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
„Die letzten Gäste waren gegangen. Nur das Mädchen mit dem schwarzen Pullover und dem roten Rock saß noch da.“ So fängt die Geschichte „Ein Schritt nach Gomorrha“ (aus dem Buch „Das dreißigste Jahr“) an. Erzählt wird von einer Frau, die in ihrer Fantasie durchspielt, wie ihr Leben verlaufen würde, wenn sie statt mit ihrem Mann mit einer Frau zusammen und selbst ein Mann wäre. Der Text ist faszinierend und besteht aus prägnanten Sätzen, die man sich am liebsten aufschreiben würde, um sie in einem Gespräch parat zu haben.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Viel zu viel ist über Ingeborg Bachmann und das Patriarchat diskutiert, gesagt und geschrieben worden. Ihre Zugänge zum Thema variieren, kommen im Lauf der Jahre nicht als einheitliche politische Manifeste daher, sondern als Biotope, in denen verschiedene Ansätze weiblicher Emanzipation wachsen und gedeihen. Die Bachmann hatte dabei mit Sicherheit eine klare philosophische Themenführerschaft, nahm sie doch bereits in den 1950er Jahren spätere Erkenntnisse der Frauenbewegung (Stichwort: Beauvoir) vorweg und kritisierte den Feminismus (der noch nicht so hieß), weil er „in den Kategorien von Männern denkt“. Zunehmend entwickelte sie die Utopie einer Gesellschaft: „Nicht das Reich der Weiber und nicht das der Männer“. Eine große Rolle spiele dabei die Bedeutung der Sprache.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises 1971. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Mein Favorit bei der Erklärung des Schreibprozesses ist Ernest Hemingway, der gesagt hat: „Schreiben ist nichts Besonderes. Alles, was man tut, ist: Man sitzt an einer Schreibmaschine und blutet.“
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Sie hat gesagt: „Wer die Geheimnisse des Bettes verrät, verdient die Liebe nicht.“ Trotzdem würde ich gerne wissen, ob sie jemals beim Liebesakt einen richtigen Orgasmus hatte.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Über ungelegte Eier spreche ich nie.
Herzlichen Dank für das Interview!
Georg Biron _ Schriftsteller, Reporter, Drehbuchautor, Schauspieler, Regisseur und Kulturproduzent.