
2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview _Tina Schlegel, Schriftstellerin
Liebe Tina, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Ingeborg Bachmann begleitet mich schon sehr lange. Ich habe Ihre Gedichte schon als Jugendliche gelesen und geliebt und im Studium meine Abschlussarbeit über ihren Gedichtband „Die gestundete Zeit“ geschrieben. Und nicht zuletzt begegnete ich der Autorin und ihrem Werk, da meine Tochter am Ingeborg Bachmann Junior Literaturwettbewerb 2024 teilnahm und ins Finale kam. Auf der Reise dorthin, die vom Niederrhein aus doch recht lange ist, beschäftigten wir uns noch einmal intensiv mit Texten von Ingeborg Bachmann und mit ihrem Leben. Ein Satz, der Titel eines Buches von ihr, begleitet mich überdies fortwährend. „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Geprägt von der Stunde Null, von der Idee, dass es nach den Erlebnissen des Zweiten Weltkrieges keine Schönheit mehr in der Literatur geben könne, dass Literatur, das Schreiben sich neu erfinden müsse, hat Ingeborg Bachmann eine eigene Sprachschönheit entwickelt, die zwischen Kargheit und einer rohen Poesie der Naturbilder sich bewegt. Als wäre die Natur in ihrer Unverfänglichkeit und Unbestechlichkeit ein Rettungsanker, als wäre dort und darin ein gefahrloses Sprechen möglich. Ich spüre in ihrem Schreiben einen unbedingten Willen, Worte zu finden. Es geht nicht darum, eine Geschichte zu erzählen, es geht immer um die Auseinandersetzung, um den Weg zu einem Ziel, um das Schreiben zu einem Ende hin. Das entwickelt eine bestechende Kraft. Gleichzeitig haben Texte von ihr auch etwas Zerbrechliches, Filigranes. Ich denke, das Besondere liegt genau in diesem Spannungsfeld und im Grunde spiegelt sich das auch in der Person Ingeborg Bachmann: Ein unbedingter Wille, in dieser aus den Fugen geratenen Zeit, die nach Aufbruch strebt und schreit, zu bestehen und gleichzeitig die eigene, weibliche Zerbrechlichkeit im Umfeld ihrer meist männlichen Kollegen zu thematisieren.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Ihre Gedichtbände „Die gestundete Zeit“ und „Die Anrufung des großen Bären“ und „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Es ist aktueller denn je. Toxische Männlichkeit ist das drängendste Problem unserer Gegenwart, sie kehrt in einem Ausmaß zurück, das lebensbedrohlich für die Umwelt, die Demokratie, die Freiheit der Kunst und Frauenrechte ist. Das ist schockierend. Ich organisiere seit 2024 immer zum 25.11., dem Aktionstag zur Sichtbarmachung von Gewalt gegen Frauen eine Lesung mit Musik. Mit Autorinnen aus meinen Schreibkursen haben wir Texte gesammelt, autobiographische – es waren so viel mehr als erwartet – und fiktionale Geschichten sowie Gedichte. Aus diesen Texten ist eine Anthologie entstanden, die ich herausgebe und die ganz aktuell im Geest Verlag erscheint (2.3.2026). Darauf bin ich sehr stolz. Für viele Autorinnen war es ein Teil der Aufarbeitung, dort sind Dinge genannt, die noch nie erzählt wurden. Und es wird immer wichtiger, dass die Kunst laut wird, dass wir Autorinnen uns positionieren, Haltung zeigen und nicht verstummen. Ich bin der Meinung, dass Kunst nicht zum Selbstzweck entsteht, sondern dass Kunst einen Beitrag zur Gesellschaft leisten sollte, dass Kunst und Demokratie und Frauenrechte zusammengehören – weil es stets um Freiheit geht. Nichts davon darf zum Spielball und politischen Kampffeld werden.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Oh, das ist schwer zu sagen. Ich denke, Ingeborg Bachmann hat selbst ein Leben lang genau nach dieser Antwort gesucht: Wie begegnen wir einander, wohl wissend, dass wir von unterschiedlichen Mustern und Verhaltensweisen, aber auch grundsätzlichen Denkansätzen geprägt sind. Ich glaube, in der Liebe ist es wie mit der Demokratie und auch der Gleichberechtigung: Alle drei sind sie keine Prozesse, die man abschließt und dann ruhen lassen darf. Die Demokratie muss jeden Tag weiter bestärkt werden, die Gleichberechtigung ebenfalls. Genauso ist es mit der Liebe. Es sind keine Errungenschaften, auf denen man sich ausruhen kann, es sind lebende Organismen, die in Bewegung bleiben, die wachsen können, die aber auch schrumpfen können, die wir immer und immer wieder mit Leben füllen müssen.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Für AutorInnen, die sich als Kunstschaffende sehen, auf jeden Fall. In der Gegenwart, in der die Literatur immer stärker der Kommerzialisierung unterworfen ist und viele AutorInnen mit ihren Werken nur noch Produktionsfaktoren einer Industrie sind, geht die Künstlerseele ein wenig verloren, da kaum Zeit bleibt zum Innhalten. Dabei ist in diesem schmerzhaften Prozess, der aus der Kunst und dem Schreiben etwas Existentielles werden lässt, doch auch der größte Reiz eingeschrieben. Die Wut sei der größte Antrieb für Kreativität, sagte einst der Regisseur Rosa von Praunheim, Selbstzweifel sind dann gewiss der wichtigste Begleiter für den schöpferischen Prozess.
Und ja, Schreiben ist ein einsamer Prozess, der sich für viele mit der Idealvorstellung verknüpft, ein Zimmer mit Aussicht zu haben, Ruhe, Zurückgezogenheit. Auch ist Schreiben immer eine Auseinandersetzung mit sich selbst, eine Reise zu eigenen Erfahrungen, ein Entdecken eigener Gedanken und Spielräume der Fantasie.
Schreiben ist etwas Wunderbares, mal tieftraurig, mal verzweifelt, dann wieder erhebend und erhellend und mutmachend. Aber nie geradlinig.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Ich denke, dass gerade in der Gegenwart die Lyrik Ingeborg Bachmanns noch einmal neu gelesen werden kann im Hinblick auf die Naturmetaphern. Während aktuell Nature Writing wieder verstärkt im Kommen ist, das Naturbeobachtung in das Zentrum des Erzählens rückt und gleichzeitig innere Zustände spiegelt, setzte Bachmann die Natur ein, um sogar in der unbestechlichen Natur, die Zerrüttung der Welt zu zeigen. Und doch wirkt die Natur für mich in ihrer Lyrik wie die einzige Zuflucht. Natur ist Beständigkeit, die den Menschen in seiner Bereitschaft zu zerstören, nicht braucht. Natur überlebt.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich hätte sie gern gefragt, was sie sich im Leben gewünscht hätte. Welche Worte, welche Art der Anerkennung von den männlichen Kollegen, um zufrieden zu sein. Ich hätte ihr vor allem Kraft gewünscht, ihre zerrissene Seele zusammenzufügen und glücklich sein zu können. Und, ach, ich weiß nicht, was ich ihr gesagt hätte …
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Morgen, am 2. März, erscheint ein neuer Thriller von mir bei Ullstein, „Totenmosaik“. Zeitgleich erscheint die Anthologie, die ich herausgebe: „Ausgesprochen – Frauen schreiben über Gewalt an Frauen“ im Geest Verlag. Ich arbeite gerade an einem Romanprojekt über drei Generationen einer deutschen und einer jüdischen Familie, deren Leben sich immer wieder kreuzen und suche nach einem neuen Verlag, um mich literarisch anders aufzustellen.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
Wohin aber gehen wir
ohne sorge sei ohne sorge
wenn es dunkel und wenn es kalt wird
sei ohne sorge
aber
mit musik
Aus ihrem Gedicht: Reklame
Herzlichen Dank für das Interview!

Zur Person/aktuelle Bücher: https://tinaschlegel.de/
Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann
Foto: Tina Schlegel _ privat.
Walter Pobaschnig, 26.2.26