„Die Literaturszene und auch die Literaturkritik ist im Wandel“ Lop Strasoldo, Schriftsteller_ Wien 20.10.2021

Lieber Lop, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Meine Wochen sind zweigeteilt: Wenn ich arbeiten muss, ich arbeite in einem kleinem, sehr feinen Silberwaren Geschäft im Ersten Wiener Bezirk, stehe ich gegen halb acht auf, trinke einen Kaffee, fahre zur Arbeit. Abends lese ich und koche ich zusammen mit meiner Freundin.

An den anderen Tagen trinke ich morgens meinen Kaffee, frühstücke gemütlich, während ich Deutschlandfunk höre oder politische Diskussionen etwa auf Phoenix verfolge. Vormittags schreibe ich, allerdings fast nie länger als eine Stunde, danach lässt meine Konzentration nach und ich verziehe mich auf mein Sofa oder zurück ins Bett, lese meistens etwa 100 Seiten, lerne Italienisch, pflege meinen Blog.

Abends koche ich dann. Kochen ist für mich in den Zeiten, in denen man das Haus kaum verlassen hat, zu einem wichtigem Quell von Lebensqualität geworden: neue Rezepte entdecken, frische Zutaten einkaufen, gemeinsam schnibbeln und essen.

In den letzten Wochen sind wieder mehr Veranstaltungen dazugekommen: Lesungen, Kino- oder Theaterabende, Freunde, die auf ein oder fünf Gläser Wein vorbeikommen. Da muss viel nachgeholt werden.

Lop Strasoldo, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Neben den offensichtlichen Pflichten wie dem Impfen, halte ich es für besonders wichtig, dass wir uns als Gesellschaft klar machen, was wir in den letzten anderthalb Jahren verloren haben. Gerade im kulturellen Raum sind viele kleine Initiativen und Gestaltungsräume eingegangen, die großen Institutionen können so etwas wegstecken, das Burgtheater braucht sich um sein Publikum in gewisser Hinsicht keine Sorgen zu machen. Kleine Lesereihen oder Off-Theatergruppen dagegen haben sich jetzt teilweise über viele Monate nur Online treffen können, dabei ist gerade hier der physische Kontakt, das Aug in Aug sitzen, lesen oder spielen, unmittelbar zuhören ohne Mikrofon und die ganze Körpersprache des Anderen mitbekommen eminent wichtig. Viele beginnende Freundschaften oder Kontakte sind eingeschlafen, wer sich erst ein zwei Mal auf einer Lesung gesehen hat, der hat sich nicht Mal eben auf Zoom zusammengesetzt und geplaudert. Viele junge Künstler haben den Kontakt zu Anderen verloren und nicht alle werden wieder zurückkommen, dass sollten wir nicht auf die leichte Schulter nehmen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wir stehen in mehrfacher Hinsicht vor einem Aufbruch: die Veränderungen, die der Klimawandel von uns verlangt, die Zukunft Europas, die immer tiefgreifendere gesellschaftliche Globalisierung, neue Formen des Wirtschaften und Leben. All diese Veränderungen passieren nicht einfach so, sie müssen wahrgenommen und gestaltet werden. Es gibt bei all diesen Themen mehrfache Gräben zwischen den Generationen, den gesellschaftlichen Klassen, Menschen mit oder ohne Migrationshintergrund, verschiedenen Bildungshorizonten. Viele fühlen sich aus verschiedenen Perspektiven nicht verstanden oder abgehängt, nicht gehört. Hier muss die Kunst und speziell die Literatur ansetzen! Es ist für uns alle wichtig, dass Stimmen, die in den letzten Jahrzehnten eher nicht gehört wurden, zu Wort kommen, wir profitieren alle davon. Literatur kann Brückenbauer sein, aber dafür muss sie gelesen werden. Polemik ist hier fehl am Platze: weder ist es sinnvoll, keine Bücher mehr von „alten weißen Männern“ zu lesen, noch jüngere weibliche Autorinnen mit Schlagwörtern wie „Identitätskitsch“ zu belegen. Immer da, wo mir Bücher Einblick in eine mir fremde Lebensrealität geben, wo Perspektiven eingenommen werden, die ich aus mir selbst heraus nicht einnehmen kann, habe ich gewonnen. Das können nur Bücher und vielleicht noch Filme: über viele Seiten hinweg eine Stimme im Kopf zu haben, der ich im echten Leben nicht so eben über dem Weg laufe, ein Gespräch führen, mir detailliert und ohne Eile eine Welt erklären lasse, Gefühle nachvollziehe, Verletzungen miterlebe. Dafür braucht es manchmal viele Seiten, denn das Leben ist nicht einfach: es ist kompliziert, widersprüchlich, anstrengend, hässlich und zum Kotzen und schön, aufregend, bunt, voller Liebe und Freundschaft. Nicht nur, aber auch deswegen darf Literatur auch kompliziert und widersprüchlich sein, wenn es gute Literatur sein will, muss sie das vielleicht sogar.

Hier stoßen wir dann an einen heiklen Punkt: was ist „gute“ Literatur und wer bestimmt eigentlich, was „gut“ oder „schlecht“ ist? Ich habe darauf keine Antwort, einstweilen finde ich die Diskussion spannend. Die Literaturszene und auch die Literaturkritik ist im Wandel und das ist auch verdammt gut so, je mehr Stimmen sich lautstark Gehör verschaffen, desto besser. Das quere und/oder außereuropäische Literatur heute viel mehr gelesen und diskutiert wird, war allzu lange überfällig! Als Literat habe ich meinen eigenen, sehr persönlichen ästhetischen Anspruch, der auf gar keinen Fall Allgemeingültigkeit anstrebt und immer wieder von neuen Leseerlebnissen erschüttert wird. Aus dieser Perspektive muss ich sagen, dass ich auf den großen, verbindenden Aufbruch innerhalb der Literatur noch warte. Der Roman der Generation, die mit 9/11 groß geworden ist, wurde noch nicht geschrieben.

Was liest Du derzeit?

Gerade erhole ich mich von einem Buch, das so ein erschütterndes Ereignis war: der Roman „Wiesengrund“ der Autorin Gisela v. Wysocki. Ihre Sprache hat mich umgehauen, nachdem ich das Buch küssend weggelegt hatte, konnte ich erst mal für ein paar Tage nichts lesen. Heute beginne ich mit dem Roman „Roter Mohn“ des tibetisch-chinesischen Autoren Alai, über den ich naturgemäß noch nichts sagen kann außer, dass ich mehr chinesische Literatur lesen wollte und mich am renommiertesten Literaturpreis des Landes orientiert habe. Daneben lese ich den Gedichtband „Einmal hatten wir schwarze Löcher gezählt“ von Raoul Eisele, aber bei Gedichten bin ich langsam, mehr als ein oder zwei am Tag gehen nicht. (Außer Abends beim Wein, da geht alles!)

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtet Du uns mitgeben?

Vielleicht passt dieses Zitat aus dem oben genannten „Wiesengrund“ von Gisela v. Wysocki ganz gut (S.43):

„Es wurde Zeit, mich nach eigenen Instrumenten umzusehen, nach meinen Teleskopen. Die Leihbibliothek am Rudolfskai war meine erste Anlaufstelle. Ich trug Bücher, Bücherberge in die Wohnung. Die Bücher hielten Lupen bereit. In ihnen kamen die Menschen ganz groß heraus. Man konnte sie überdeutlich erkennen, sie trugen ihre Eigenschaften wie auf einem Tablett vor sich her. Ich hatte immer gedacht, dass die Sterne am Ende der Welt leben, aber es sind die Menschen. In den Büchern irren sie gedankentief herum. Oder sind vollkommen aus dem Häuschen geraten. Preschen in gewagte Unternehmungen vor, in die Gefahr. Es sind Komiker, Schöpfer oder Verräter. Gebeutelt von Einbildungen, heimgesucht von Einsichten. Auch von den Sternen war die Rede, Alascos Sternen. In den Büchern sahen sie aus, als wären sie in einer Gemäldegalerie überarbeitet worden. Bei Georg Trakl haben sie das Aussehen „fallender“ und von „weißer Traurigkeit“ gezeichneter Phantome. Bei Chamisso hat sich ein „lichtes Gold“ über sie gebreitet. Hofmannsthal zeigt sie uns als Gäste, die „mit zum Fest gehören“ in einem „durchsichtigen Haus“.

Vielen Dank für das Interview lieber Lop, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Lop Strasoldo, Schriftsteller

https://lopstrasoldo.wordpress.com

Foto_privat.

23.9.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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