„Literatur kann uns an unsere eigenen Versprechen und Ideale erinnern“ Katharina Goetze, Schriftstellerin_ Berlin 26.12.2020

Liebe Katharina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Äußerlich betrachtet, nicht sonderlich originell: Aufstehen, Tee trinken, Schreiben, Home Office, irgendwo dazwischen mal 20 Minuten YouTube Yoga, Lesen. In der Mittagspause oder am Abend ein bisschen spazieren gehen. Das Sozialleben passt sich dem jeweilig vorherschenden Lockdown-Stadium an.

Katharina Goetze, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich will nicht für alle sprechen, aber für mich ist der Kontakt zu Familie und Freunden im letzten Jahr um einiges dringlicher geworden, als das zuvor der Fall war. Obwohl – oder gerade, weil – wir einander viel weniger sehen als zuvor, gibt es umso mehr Telefonate, Nachrichten, Voice Messages. Auch wenn ich manchmal tagelang niemanden so richtig treffe, fühle ich mich doch zum Glück ständig in irgendeiner Form verbunden.

Darüberhinaus ist für mich auch eine Tagesstruktur wichtig, gerade die Morgenroutine gibt mir Halt. An der hat sich auch gar nicht so viel geändert – nur dass ich jetzt gerade eben in Berlin ins Home Office gehe (das heißt also: am selben Schreibtisch sitzenbleibe), während ich vorher beruflich für einige Zeit in Addis Abeba war und dort jeden Morgen ins Büro gelaufen oder gefahren bin.

Außerdem merke ich immer wieder, wie sehr mich kreative (und manchmal auch soziale) Projekte beflügeln.

Die Autorin Dorina Marlen Heller und ich arbeiten gerade an unserem zweiten gemeinsamen Theaterstück. Das erste ist bereits vor Corona in einem virtuellen Miteinander über Ländergrenzen hinweg entstanden, diese Arbeitsweise ist uns also schon vertraut.

Eine große Rolle hat für mich seit dem Frühjahr auch das von Marlen Schachinger initierte Projekt rund um die „Fragmente“-Anthologie, das Hörbuch und den Film „Arbeit statt Almosen“ gespielt. Marlen hat sich den Gedanken eines solidarischen Miteinanders im Literaturbetrieb ganz groß auf die Fahnen geschrieben und mit einer unfassbaren Energie über das Jahr 2020 hinweg Schriftstellerinnen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum in diesem Projekt zusammengebracht. Das war wirklich großartig!

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich frage mich, inwieweit wir es schaffen werden, Erkenntnisse und Einsichten, die wir in den letzten Monaten über unsere Gesellschaften und uns selbst gewonnen haben, auch über die Pandemie hinaus zu beherzigen und etwas daraus zu machen.

2020 hat mich sicher gelehrt, ein wenig langsamer und bewusster zu leben. Werde ich mich daran erinnern, wenn ein anderes Leben wieder möglich ist?

Wird ein Prozess einsetzen, der dazu führt, dass diejenigen, die unsere Gesellschaften auch in einer Krise am Laufen halten, fairer behandelt werden? Oder werden wir, sobald es geht, wieder genauso viel konsumieren, reisen, von unseren Bucket Lists abhaken wie zuvor?

Ich tippe auf „Jein“.

Literatur kann uns aber in jedem Fall zurechtrütteln, und uns an unsere eigenen Versprechen und Ideale erinnern.

Was liest Du derzeit?

“The small backs of children” von Lidia Yuknavitch, “Der letzte Kaiser von Afrika – Triumph und Tragik des Haile Selassie” von Asfa-Wossen Asserate, “Emergency Sex And Other Desperate Measures: True Stories from a War Zone”, “Trigger-Warnung. Identitätspolitik zwischen Abwehr, Abschottung und Allianzen“

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Keines Menschen Schmerz ist größer als der Comer See.“ (Karen Duve)

Vielen Dank für das Interview liebe Katharina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Katharina Goetze, Schriftstellerin

5 Fragen an KünstlerInnen:

Katharina Goetze, Schriftstellerin

Katharina Goetze

Foto_Ricardo Sarmiento Ramírez

22.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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