„Geschichten kräftigen unser Immunsystem“ Marlen Schachinger, Schriftstellerin, Wien 11.5.2020

Liebe Marlen, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Unvorhersehbar, noch enger getaktet denn je zuvor und an den Tagesrändern ausufernder, da mir ein Solidaritäts-Projekt von und für Autorinnen besonders am Herzen liegt: »Arbeit statt Almosen« auf Startnext (https://www.startnext.com/fragmente). Gemeinsam mit Robert Gampus (buchsucht.at) startete ich diese Buchidee, zu der wir 19 weitere Autorinnen einluden. Eine Crowdfunding-Kampagne initiiert für unsere Leser*innen, die sich»Fragmente: Die Zeit danach« vorbestellen können, ein Buch, welches es ohne sie nicht gäbe, und das vor allem eines nicht will: jammern. Covid-19 und Corona sind darin kein Thema – wir haben sie mit entschiedenem Auftrittsverbot belegt! Uns geht es vielmehr um das Danach, welches jedweder Krise folgt, in die wir doch alle fortwährend und unser Leben lang stolpern: Was lernen wir daraus? Wie lässt sich dieser Bestandteil unseres Menschseins erzählen? Welche Kraft schlummert auch darin und wie erwecken wir sie literarisch zum Leben?

Marlen Schachinger

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Gelassenheit und Achtsamkeit im Umgang miteinander, Tatkraft und Elan füreinander. Es sind Kleinigkeiten, die entscheiden, ob wir gut durch diese Zeit kommen, die winzigen Gesten, die Aufmerksamkeit und Zuwendung bedeuten, damit wir alle nicht in Erstarrung verharren, im So-ist-es, sondern uns fragen: Was kann ich jetzt für ein Danach tun? Nennen wir es Hoffnungsschimmer, nennen wir es einen kreativen Umgang mit dem Seienden, das wir nicht ändern können. Ich denke dieser Tage oft an Boccaccios »Decamerone«: Wer konnte, floh vor der Pest aufs Land, wo man zuerst in Langeweile und Elend versumpfte, bis man auf die Idee kam, anderes in die Mitte des Denkens zu stellen und einander Geschichten zu erzählen, schaurige, spannende, unterhaltsame und pikante, absurde und witzige – allesamt rund um weitere unerhörte Begebenheiten arrangiert. Wie auch der Schwarze Tod eine war. Ein stilbildendes Werk, das zeigt, wozu Krisen führen können, wie Geschichten unser Immunsystem kräftigen und wie daraus in weiterer Folge etwas gänzlich Neues entstehen kann.

 

Es wird jetzt ein Neubeginn sein, vor dem wir gesellschaftlich und persönlich stehen werden. Was wird dabei wesentlich sein?

Man hat immer die Wahl an das Gute oder an das Schlechte zu glauben; ich ziehe ersteres vor, denn zweites raubt viel zu viel Kraft! Eine idealistische Optimistin zu sein, muss aber keineswegs Naivität im Gepäck führen; unser bisheriges Wirtschaftskonzept scheint uns nicht mehr ganz so siegreich, unser gesellschaftliches System ist eindeutig problematisch und von Werten haben wir jahrelang nur noch am Rande etwas vernommen. Gegenwärtig erleben wir auf einer breiteren gesellschaftlichen Ebene relevante Infragestellungen, sie beginnen bereits zu einer Entwicklung beizutragen, und das ist sehr gut so. Wesentlich sind immer die Weichen, die wir im Heute für ein Morgen stellen, danach ist es zu spät. Wie bringen wir uns ein oder wagen wir es aus Mattigkeit, Feigheit, Desinteresse, Ohnmachtsgefühlen nicht? Leben heißt in meinen Augen aber Verantwortung zu übernehmen, für unsere Kinder und Kindeskinder, ihnen eine bessere Welt zu hinterlassen, als diejenige, in die wir geboren wurden – im Kleinen wie im Großen.

 

Was liest Du derzeit?

Ich habe gerade Olga Tokarczuks »Der liebevolle Erzähler« abgeschlossen, lese in den Romantiker*innen, die ich in düsterer Zeit immer sehr bereichernd empfinde; und Maria Lazar »Leben verboten«, eine grandiose österreichische Autorin, die in den 1920er- und 30-er Jahren schrieb, alsdann ausgemerzt und vergessen wurde, bis Albert Eibl sie in seinem Verlag »Das vergessene Buch« wiederauflegte. Eine spannende Wiederentdeckung einer expressionistischen Literatin und großen Österreicherin, der ich ein fulminantes Echo wünsche!

 

Welches Zitat, welchen literarischen Impuls möchtest Du uns mitgeben?

Dieser Tage wurde ich zu meiner Namensgeberin befragt, Marlen Haushofer, da die Kollegin am 11. April ihren 100. Geburtstag feiern hätte können, hätte der Krebs sie nicht 1970 – mit gerade mal 50 – zum Sterben verurteilt, deshalb sei das Schlusswort hier ihr gewidmet. Ihr literarisches Vermächtnis lautet bekanntlich »Mach dir keine Sorgen«. Jener knappe Text kennt wohl so viele Auslegungen, wie es Kommentator*innen dazu gibt. Mir ist er vor allem tröstlich, weil er implizit aussagt, wie menschlich Scheitern ist. Es geht im Leben nicht darum, Scheitern zu meiden, sondern vielmehr, Leben zu versuchen: Mit Elan, Charme und jeder Menge Humor.

 

Vielen Dank für das Interview liebe Marlen, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Marlen Schachinger, Schriftstellerin

Aktuelles Buch: „Kosovarische Korrekturen“ Promedia 2019

https://www.marlen-schachinger.com/

 

28.4.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

 

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