„Erinnerung ist der Weg des Aufhebens, im Sinne von „Stachel ziehen“, vielleicht Frieden finden zu können“ _ Stephan Roiss, Schriftsteller im Gespräch _ Wien _Station bei Bachmann 10_20.

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Lieber Stephan, in Deinem Roman geht es um Erinnerung einer Kindheit, eines Lebens unter schwierigsten persönlichen Voraussetzungen. Wie wichtig ist Erinnerung für Gesellschaft und Mensch?

Mein Roman selbst ist ja als fundamentaler Erinnerungsakt konzipiert. Für die erzählende Stimme hat es eine wesentliche Bedeutung und Funktion. Erinnerung ist der Weg des Aufhebens, im Sinne von „Stachel ziehen“, vielleicht Frieden finden zu können mit dem Geschehenen, Erlebten.

Erinnerung ist zunächst etwas zutiefst Menschliches. Aber Erinnerung ist auch ambivalent. Der Mensch muss und soll sich erinnern, wenn es um Gesellschaft und Wert geht. Es gibt aber auch persönliche Dinge, die einfacher sind, wenn man diese vergisst. Das klingt jetzt nach Eskapismus. Aber es ist auch ein Glück sich nicht an alles erinnern zu können. Es ist auch wichtig, dass unser Bewusstsein da eine Auswahl trifft, ansonsten würden wir verrückt werden.

Der Protagonist Deines Romans ist ein Junge, der zwischen der schwerkranken Mutter und dem in vielen überforderten Vater als dramatischen Angelpunkten aufwächst. Was lässt ihn darin weitergehen und Kraft schöpfen?

Das bleibt im Innersten offen. Die Annahme „da muss es ja noch etwas geben, das kann doch nicht das Leben gewesen sein“, trägt ihn aber weiter. Und so etwas wie Zuversicht auf Erlösung, eine Befreiung von diesem Zustand. Es muss doch irgendwo einen Raum geben wo nicht alles schwarz ist.

Religion spielt eine wichtige Rolle auf Seiten des Vaters. Dieser lebt seinen Glauben sehr biblisch orientiert. Das Buch der Offenbarung und die starke Bildsprache sind dabei zentral. Welche Bedeutung und Funktion hat Religion in dieser Dramatik und Tragik einer Familie?

Ich würde den Vater als Traditionschristen bezeichnen. Es geht dabei nicht um Erfahrungshorizonte von Religion, des Glaubens, um tiefe Wurzeln im persönlichen Erleben. Sondern darum, dass Religion einfach zum Leben dazugehört. Für den Vater wie die Mutter. Es ist eine Frömmigkeit aus Routine. Da steht ein großes „das gehört sich so“ dahinter. Aber es ist ein Halt in schwierigen Lebenssituationen, eine Dimension, auf die gebaut werden kann. Für den Vater ist es eine Quelle von Kraft und Zuversicht. Sein Sohn findet die Figurenwelt der Bibel, der Apokalypse – Drachen, Löwen – sehr spannend, aber ein Schritt zum Glauben ist das nicht, da das Geschehe um ihn so massiv ist. Seine Sehnsucht nach Befreiung, Veränderung wird in der Religion nicht gestillt. Er zieht weiter und kehrt der Religion – wie er sie kennengelernt hat – schließlich den Rücken zu.

Die familiäre Vermittlung, Erzählung von Religion seitens des Vaters kennt keinerlei persönliche altersadäquate Sensibilität sondern nur die Wucht biblischer Worte und apokalyptischer Bilder als direkte Ansprache. Wie geht der Sohn mit dieser Überforderung um?

Der Vater oktroyiert seine Religiosität dem Sohn nicht auf. Einerseits hat der Sohn selbst ein Interesse an diesen wuchtigen Bildern und Ereignissen der Bibel, andererseits wird er damit und darin dann vom Vater alleingelassen, in dieser durchaus gewalttätigen und pathetischen Welt der Bibel.

Wie sind Deine persönlichen Bezüge zu Religion?

Ich bin seit jeher interessiert an Formen der Transzendenz, in Philosophie wie Religion. Selbst wurde ich katholisch erzogen, hatte aber immer ein großes Interesse an verschiedenen konfessionellen wie interreligiösen Religionsmodellen. Ich habe da auch Gottesdienste und Zusammenkünfte besucht, konnte da aber nichts finden was ich voll und ganz hätte annehmen können. Mein kritischer Geist war da so beharrlich, dass ich mich da nicht einrichten konnte. Ich bin dann auch früh aus der Kirche ausgetreten, habe mir aber immer das Interesse und die Offenheit für Transzendenz bewahrt. Als Atheisten oder Agnostiker würde ich mich nicht bezeichnen. Ich verstehe zutiefst die Sehnsucht, dass die bloße physische Welt in ihrer kruden Materialität wenig zufriedenstellend ist – wenn man Sehnsucht nach einer gewissen Tiefe im Leben hat.

Warum ist die Offenbarung als biblisches Buch so zentral in Deinem Roman?

Dieses inhaltliche Gewicht des Zerstörens von Welt und die Gewalt der Sprache, diese Bildhaftigkeit in der Offenbarung waren für das Thema meines Romans natürlich sehr dienlich. Der Junge, der Protagonist, empfindet ja eine große Zuneigung zu Monstern, nicht nur gegenüber dem titelgebenden Triceratops (Anm. Dinosaurier), sondern auch etwa dem Drachen in der Bibel gegenüber, der ihn in seiner Fremdartigkeit und Stärke fasziniert.

Die Offenbarung ist ja in der theologischen Grundaussage ein Hoffnungsbuch. Welche Perspektiven aus der Offenbarung gewinnt der Junge in seiner dramatischen Familiensituation?

Im Buch führe ich dies jetzt nicht genauer aus. Aber Trost, Hoffnung auf Verwandlung sind für den Jungen zentral und eben auch in diesen biblischen Bildern präsent.

Wie wichtig ist Gemeinschaft für den Jungen?

Gemeinschaft ist ein zentrales Thema im Buch. Dies spiegelt sich schon in Selbstbezeichnung „wir“ des Jungen. Dieses „wir“ hat verschiedene Gründe, ein zentraler Punkt ist die Einsamkeit in der Welt und das Stemmen in der Sprache dagegen. Das ist natürlich eine ambivalente psychische Dynamik. Einerseits ist es Schutz, anderseits verhindert es das Gesuchte, weil das gesagte „wir“ ja das Ego ist. Es fehlt also ein Wort für Gemeinschaft, die so sehr gesucht wird, dieses Aufheben von Verlassenheit. Er läuft da gegen eine Wand, verliert Menschen im Scheitern von Beziehungen oder Tod und steht dann wieder alleine da. Die Suche nach dem „mehr als ich“ bleibt.

Was bedeutet Sprache für ihn?

Der Junge denkt, wie es in vielen dysfunktionalen Familien der Fall ist, er muss dieses Drama ausbalancieren, tragen. Das ist natürlich eine Überforderung. Die Sprache ist so ein Versuch für ihn, die Welt „zu halten“, dass nicht alles explodiert oder zerfällt. Erst später lernt er, dass etwas zerfallen darf.

Welche Rolle spielt Bildung in der Dramatik der Welt des Jungen?

Bildung ist eine Chance Ereignisse einzuordnen und damit umzugehen. Zunächst ist es das Wissen man ist nicht allein, das ist ja schon ungemein hilfreich. Dann geht es darum, die Probleme zu benennen wie das Erlernen von Begriffen dafür. Bildung ist keine Garantie für etwas, aber eine Chance, eine ganz wichtige. Abgesehen von Bildung gibt es so etwas wie eine Herzensweisheit, die aus sich selbst heilsame Handlungen setzt, ohne jemals ein Buch aufgeschlagen zu haben.

Wie ist es mit der Inanspruchnahme von professioneller Hilfeleistung, etwa psychologisch, für den Jungen?

Der Roman spielt in den 1980er und 1990er Jahren. Heute hat sich da gesellschaftlich schon etwas verändert in der Möglichkeit psychologischer Hilfe und auch der gesellschaftlichen Akzeptanz. Vor vierzig Jahren war z.B.Psychotherapie noch stark tabuisiert. Wir wissen heute wie real psychische Krankheiten von Burnout bis Depression sind.

Ist die heutige vielfältige Bilderwelt in Medien und Internet auch ein Angebot zu Modellen von Hoffnung und Zuversicht?

Es gibt in jedem Fall eine Fülle von Superheldinnen und -helden in der gegenwärtigen Popkultur, wie auch etwa Zombies. Ein Buch lässt aber in jedem Fall mehr Freiheit für das Bewusstsein zu als etwa ein Film. Beim Lesen kommt es gleichsam auch auf die Mitarbeit, die Phantasie der LeserInnen an. Es wird  gemeinsam eine Welt erschaffen wie auch Raum für Identifizierungsprozesse, auch Schutzprozesse, eröffnet. Im Kino prasselt dies ja auf einen herein. tendenziell

Was gibt unserer Gesellschaft in den gegenwärtigen Herausforderungen Zuversicht?

Es geht um das Anerkennen und Schützen des Unverzweckbaren, um Dimensionen, die nicht nur Wert sondern auch Würde haben. Wenn wir uns für diese Dimensionen offenhalten, tritt etwas zutage was tatsächlich Schönheit und ganz große Hoffnung birgt. Das gilt es zu schützen als das Leben an sich und das Leben, das nicht der Ausbeutung anheimfällt, sondern als das was es ist, genügt und geliebt wird.

Herzlichen Dank für das Interview lieber Stephan und viel Freude und Erfolg für Deinen großartigen Roman „Triceratops“!

Stephan Roiss „Triceratops“ Roman

„Stephan Roiss schreibt virtuos und mitreißend über eine Welt aus den Angeln. Ein Romanereignis.“ literaturoutdoors

https://literaturoutdoors.com/2020/09/21/triceratops-stephan-roiss-roman-kremayrscheriau-verlag/

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _ Station bei Bachmann _ Wien 9_20

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