50 Jahre Bachmannpreis _
Tage der deutschsprachigen Literatur Klagenfurt

Im Interview _ Klara Obermüller, Schriftstellerin, Journalistin, Fernsehmoderatorin _ Zürich
Bachmannpreisjurorin _ 1980-81; 1983-86; 1992
Liebe Klara, Du warst von 1980 bis 1992 mit Unterbrechungen Jurorin beim Bachmannpreis in Klagenfurt, dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum. Was sind spontan Deine ersten Erinnerungen?
Als Erstes verspüre ich wieder das Lampenfieber, das mich jeden Morgen immer wieder von Neuem befiel, und auch die Angst, vor den Granden des Bachmann-Wettbewerbs – Marcel Reich-Ranicki, Walter Jens, Joachim Kaiser, Peter Härtling, Hilde Spiel u.a. – nicht bestehen zu können.
Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?
Die Spontaneität der Urteile und dass man sie in Anwesenheit der betroffenen Autorinnen und Autoren abgeben muss. Normalerweise sitzt man als Literaturkritiker in einem geschützten Raum. Man kann sich vorbereiten, das Buch immer wieder zur Hand nehmen, Zitate nachschlagen und schließlich seine Kritik schreiben, ohne dem Autor ins Gesicht sagen zu müssen, was man von seinem Werk hält. Das alles fällt beim Bachmannpreis weg. Man ist ungeschützt, man exponiert sich und kann sich vor versammeltem Publikum bis auf die Knochen blamieren.
Wie hast Du als Jurorin die Lesungen, die Jurydiskussionen, die Preisverleihungen und die Begegnungen rundum erlebt?
Am Ende eines Wettbewerbs immer sehr positiv. Es gab schließlich Preise zu vergeben und Lob auszusprechen. Das hat mich jeweils auch bewogen, im kommenden Jahr wieder mitzumachen. Zuvor aber empfand ich die Lesungen oft als mühsam und die Diskussionen als unnötig verletzend. Die Juroren versuchten sich gegenseitig zu übertrumpfen und profilierten sich nicht selten auf Kosten der Autoren. Denn letztlich hatten nicht nur die Autoren vor der Jury zu bestehen, sondern auch die Juroren vor einem nicht eben wohlwollend eingestellten Publikum.
Wie gelingt es Objektivität zu bewahren?
Man kann sich darum bemühen, im Grunde aber ist der Bachmann-Wettbewerb eher dazu angetan, die Literaturkritik in ihrer Subjektivität zu entlarven. Und das finde ich gut so.
Wie hat sich diese Funktion auf Deinen weiteren beruflichen Weg ausgewirkt?
Sie hat mich kritischer mir selbst und meiner Tätigkeit gegenüber gemacht. War ich früher oft unbekümmert und harsch in meiner Kritik, stand mir danach stets die Situation in Klagenfurt vor Augen, wo meine Urteile sowohl vor meinen Jurykollegen als auch vor dem Publikum und nicht zuletzt vor den Autoren selbst zu bestehen hatten. Klagenfurt hat mich als Kritikerin Demut gelehrt.
Was braucht der Bachmannpreis für eine zukünftige gute Entwicklung?
Vielleicht wieder mehr von jener Spontaneität, die der Bewerb früher hatte, als die Juroren die Manuskripte erst unmittelbar vor der Lesung zu Gesicht bekamen und folglich auch keinen Wissensvorsprung vor dem Publikum hatten. Das mag zu kapitalen Fehlurteilen geführt haben, es machte den Prozess der Urteilsfindung aber auch auf entblößende Weise transparent. Heute hingegen hat man manchmal den Eindruck, die Juroren hätten ihre Kritik schon im Kopf, bevor die Lesung begonnen hat.
Was möchtest Du aktuellen Juroren:innen, Teilnehmer:innen und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?
Dass die Veranstaltung weitergeht, dass die Diskussionen wieder spontaner werden und dass es gelingt, vermehrt auch gestandene Autorinnen und Autoren zur Teilnahme zu bewegen. Sie haben in Klagenfurt mehr zu verlieren als der Nachwuchs, aber sie setzen auch Maßstäbe, die ein solcher Literaturwettbewerb dringend braucht.
Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!

Zur Person: Klara Obermüller
Nach dem Studium der deutschen und französischen Literatur sammelte Klara Obermüller erste journalistische Erfahrungen bei der Kunst- und Kulturzeitschrift DU. Es folgten ein kurzes Gastspiel auf der Feuilletonredaktion der NZZ sowie eine mehrjährige freiberufliche Tätigkeit. 1980 trat sie der Redaktion der Weltwoche bei, wo sie zunächst für Literatur und Theater, später für ethische und kirchlich-religiöse Fragen zuständig war. Von 1996 bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 2002 moderierte sie die Sendung „Sternstunde Philosophie“ von SF DRS. Seither ist sie als freiberufliche Publizistin und Buchautorin auf dem Gebiet von Literatur, Altersfragen, Bioethik, Kirche und Religion tätig. Klara Obermüller | Journal21 15.6.26

Bachmannpreis
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.

Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.

Foto: Klara Obermüller _ Florian Bachmann
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Fotos: Bachmannpreis/Ossiacher See _ Walter Pobaschnig
Walter Pobaschnig, 15.6.2026