50 Jahre Bachmannpreis _
Tage der deutschsprachigen Literatur Klagenfurt

Im Interview: Wolfgang Hegewald, Schriftsteller _ Hamburg
Bachmannpreisnominierte 1984
Preis der Industriellenvereinigung
Lieber WH, Du hast 1984 am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan erste Erinnerungen?
Ich befand mich in einer besonderen Lebenssituation. Ich hatte Ende September 1983 das Weite gesucht und einer kommoden Diktatur namens DDR den Rücken gekehrt. Ich lebte in einer Sozialwohnung in Hamburg, hatte noch kein Buch, kein Ged und auch sonst nichts zu verlieren. Da lud mich Juror Peter Härtling nach Klagenfurt ein; er kante schon Texte von mir. Was für eine Chance für mich, erste Erfahrungen im Konkurrenzuniversum Literaturbetrieb zu sammeln. Aber ich schloss in Klagenfurt auch Freundschaften mit Kolleginnen und Kollegen, jenseits der Rivalität.
Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?
Damals war Klagenfurt eine Art Familienausflug des deutschsprachigen Literaturbetriebes. Kontakthof. Gerüchteküche. Prosabörse. Expedition. Kritiker, Lektoren, Agenten, Autoren, Enthusiasten und Verächter des Schaulesens unter sich. Das generische Maskulinum war 1984 noch nicht unter geschlechterpolitischen Verdacht geraten.
Familienbande eben.
Wie hast Du deine Lesung und die Jurydiskussion erlebt?
Ich trat als völlig unbeschriebenes Blatt an, schwer und leicht zugleich. Ich erinnere mich, wie mich Marcel Reich-Ranicki während meiner Lesung von der Seite fixierte. Die unausgesprochene Frage, die sich in seiner Mimik ausdrückte, lautete: Ist dieser Typ arrivierbar oder hat er nicht das Zeug dazu.
Später hat MRR meinen Text „Burgenland“ immerhin in der Tiefdruckbeilage der FAZ veröffentlicht.
Wie hat sich Dein Preisgewinn für Dein weiteres Schreiben ausgewirkt?
Im Herbst 1984 erschien mein erstes Prosabuch, und der Erfolg in Klagenfurt hat ihm Aufmerksamkeit eingetragen.
Ich war damals sehr knapp bei Kasse, und mit dem Preisgeld reiste ich sofort nach Venedig. Was für ein Erlebnis, wenn man vor Jahresfrist noch in der DDR eingemauert war.
Was braucht der Bachmannpreis an Weiterentwicklung für eine gute Zukunft?
Dafür fehlt mir die Phantasie. Im Moment verliert die Formel „gute Zukunft“ nicht nur für den Bachmannpreis ihre semantische Plausibilität.
Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?
Alles Gute. Alles Gute.
„Frohe Ostern, frohe Western“, mit Wolfgang Neuss gesprochen. Falls sich noch jemand an ihn erinnert.
Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!

Zur Person:

Bachmannpreis
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.

langjähriger Juror beim Bachmannpreis
Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.


Foto: Wolfgang Hegewald _ Roman Pawlowski
Foto: Humbert Fink/privat.
Fotos: Bachmannpreis/ORF Studio_ Klagenfurt/Alter Platz _ Walter Pobaschnig
Walter Pobaschnig, 3.6.2026