„Es ist alles, was die Leute seit der Antike lieben“ _ 50 Jahre Bachmannpreis _ Sibylle Severus, Schriftstellerin _ Zürich 11.6.2026

50 Jahre Bachmannpreis _

Tage der deutschsprachigen Literatur Klagenfurt

im Interview _ Sibylle Severus, Schriftstellerin _ Zürich

Bachmannpreisnominierte 1998

Liebe Sibylle, Du hast 1998 am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan erste Erinnerungen?

Ich erzähle über meine Erinnerungen – nach der Frage:
Wie ich die Sache erlebt habe.

Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?

Es ist das Wesen des Wettbewerbs. Das grandiose Gewinnen und ein erschütterndes, grausames Verlieren. Es ist alles, was die Leute seit der Antike lieben: die eigene und die geteilte Begeisterung, Schadenfreude, Voyeurismus – den Helden zuzusehen beim Häuten der eigenen Person.

Wie hast Du deine Lesung und die Jurydiskussion erlebt?

Hatte meine Erfahrungen literarisch verarbeitet.
Der Text erschien 2001, im Passauer Pegasus:

IMMER AN DIESEM SEE VOLLER WÖRTER, DAS KLAGEN                    

Das erste Zeichen war der Traum mit dem Schwein.
Ich hielt das Schwein für einen Glücksbringer, ein Schwein, das glühte wie eine vergessene Herd­platte: Wun­dervoll! Dazu die angenehme Kälte im Flug­zeug, statt der lastenden Sommerhitze draußen.

Die Füße in den leichten Sanda­len sind schon vor dem Start eiskalt. Sie werden in Zeitungen verpackt, damit der Kopf nicht ständig an die Füße denkt.
Ich hatte meinen Sitz A, zweite Reihe – contre coeur – dem Journalisten angeboten. Er sagte übellaunig, er habe be­wusst gewählt, er wolle lesen.
Man liest in Flugzeugen!, presst nicht die Stirn an dreckige Fenster. Ich schon. Auch beim hundertsten Flug noch. Bedauerte, links zu sitzen, das Gebirge ist rechts:von Zürich aus.

Das kleine Schwein war in einem leeren Raum auf einer Platte wie festgeschraubt gestanden. Auf einer Fläche, die sich immer mehr erhitzte, die das Tier durchglühte, bis es ganz durchsichtig geworden war. Es zerfiel jedoch nicht. Ich schrie vor Entsetzen im Traum und erwachte. Mit pochen­dem Herz sagte ich mir, ein Schwein bringe Glück, besonders ein erleuchtetes und so weiter –
Einem realistischen Menschen hätte die Summe der Vorzei­chen genügt. Er hätte sich Masern auf die Haut gemalt und wäre still zurück nach Hause gefahren mit dem Liebchen.
Ich war nicht nur von einem Traum gewarnt wor­den, sondern auch von einem Weisen. Allgemeines Abraten stachelt mich an. So kam ich im Lauf der Zeit zu sieben Geschichten, deren Figuren mir nah wie Töchter waren. Jede hatte einen anderen Vater. Männer, die sich nach dem Aufschreiben einfach verliefen. Die Töchter aber wurden nach ihren Vätern benannt. Ottilia Liebchens Vater war ein Otto.

Angekommen in der Stadt, fahre ich an einem walfischgrossen Drachen vorbei, vor dem Georg eine Holzpatsche schwingt. Es fallen mir Puppen und Plüschtiere ein, die in der Kindheit alle mit ins Bett kamen.  Der Lauf der Welt wollte es, dass eines der Spielzeuge jeweils außen liegen musste: ungeschützt den Geistern und Nachtmah­ren ausge­setzt. Ich sagte stets zur äußersten Puppe, mein Liebchen dürfe morgen ganz innen schlafen, zuallerin­nerst! Die Spielzeuge wurden Nacht für Nacht umge­schichtet, absolut gerecht. Auch für die Reise wählte ich jene Tochter, die zu diesem Zeitpunkt an der Reihe war, eine Chance zu bekommen: Ot­tilia mit dem runden Kopf und Augen, deren unteres Lid nach außen abwärts verläuft. Ottilia sieht aus, als hätte sie einen Schlag auf den Kopf bekom­men, sie erinnert an den abnehmenden Mond. Aber das täuscht. Ottilia Liebchen ist nicht dumm!
An dem Wettbewerb unter dem Motto, Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar, nehme ich mit Ottilia teil. Sieben Leute urteilen über die Dar­bie­tungen. Sieben Ka­meras filmen, sie befördern das Spektakel in eine Welt, die Freund wie Feind vor dem Bildschirm vereint.
Ich drehe und wen­de die Ottilia, hebe ihr Röck­chen, lasse sie tänzeln, klappe dreißig Minuten den Mund auf und zu. Dann reden die sieben Leute lange über mein Liebchen. Es entsteht, trotz des Zan­kens und Zausens, eine platte Stille, wie eine bleierne De­cke senkt sie sich herab. Sie ist an seidenen Fäden aufgehängt, die das Ge­wicht aushalten – wenn noch ein gu­tes Wort, ein für Ottilia günstiges, aus den Mün­dern kommen sollte. Nach jedem Satz hoffe ich auf den nächsten, denke: Hut ist weg, Stock ist weg, August, der sitzt im Dreck.
Sehe mich als Kind, das vom Kinderwagen aus, den Bauch eines Pferdes streichelt.
Das Brauereipferd beißt die Mutter in die Schulter.
Noch immer kein günstiger Satz.
Ottilialieb sieht mich in einem Halb­kreises sitzen, inmitten von sieben Rössern, sieht, wie sich Pferde mit Händen in die Mäh­nen greifen, hört sie wiehern; sieht, wie Ober­lippen von Zähnen gezogen werden, beobachte Pferde­ohren, die sich nervös vor- und zurückbewegen. Links wie rechts sehe ich Profile mit je einem braunen Auge, das über mich hin­weg­schaut. Ich weiß, was in den großen Köpfen los ist: Sie mögen mein Liebchen nicht, nein, sie mögen es nicht. Sie verurteilen es, nein, sie ver­urteilen es nicht. Sie den­ken, mein Liebchen sei ein dummes Lieschen. Nein, sie denken nicht ‚dumm’, sie sagen laut – ach, was sagen sie nicht alles … Davon werden sie müde. Köpfe sinken auf stattlichen Hälsen herab, bebende Nüstern erlahmen. Doch ein haarumschäumter Kopf reißt sich noch einmal hoch. Ein gutes Wort? Nein! Er steigert sich, er schnaubt, er beißt… Ich, die schweigt, die jede Ritze dicht macht, die nicht mehr hört, was jemand zu jemand sagt.
An vielen Leuten vor­bei gehe ich aus dem Saal, hinaus in den Park, in dem noch viel mehr Men­schen stehen. Die teilen sich augenblick­lich, kehren mir den Rü­cken, bilden eine Furt.
Ich gehe trocke­nen Fußes hindurch: Unsichtbar, zu Luft geworden, inner­halb einer Stunde.

In der Stadt werden vierzig Grad gemessen oder mehr. Ich klebe am Laken des Ho­telbetts fest. Hitze steigt aus Bo­den, glüht mich weich, verformt mich, nimmt mir die Luft, treibt mich aus dem Zimmer, jagt mich zum See.

Mit dem Liebchen sitze ich am Ufer. Ein Schwan schaukelt herbei, be­trachtet die Denkenden, fließt weg, dunkelgraue Füße im Wasser nach­ziehend. Hinter dem Rü­cken das Aufheulen eines Mo­torrads. Hellgraue Schäumchen schwappen auf und ab.
Schwarze Frau tritt Pedale eines dunkel­blauen Bootes.
Das Brummen einer Propellermaschine, die im Himmel hängt.
Immer an diesem See voller Wörter, das Klagen der I.B.: – da gibt es doch nur lauter Mei­nungen, schneidige Behaup­tungen, Meinungen über Meinungen (-)‘

Ottilialieb folgt Undines Gesang; sie geht tiefer und tiefer ins Wasser, das sich sogleich wieder nahtlos wellt. Das ist etwas ganz gewöhnliches, ja, es ist das Allergewöhnlichste.“  
Mond trödelt am Himmel. Nacht verspricht keine Abkühlung

Wie hat sich Deine Teilnahme auf Deine literarische Öffentlichkeit wie Deinen weiteren persönlichen literarischen Weg, Deinen Schreibstil, ausgewirkt?

Ein ‚Weiser‘ sagte damals: „Wenn du verlierst, bis du eine lange Zeit out!“
Ich brauchte Jahre, um bei Verlagen und Redaktionen erneut Chancen zu bekommen. Meiner persönlichen Art , eine Geschichte zu erzählen, blieb ich treu; die Kunst der Formulierung hat sich mit dem Fortschreiben naturgemäß weiterentwickelt.

Was braucht der Bachmannpreis für eine weitere gute Entwicklung?

Ein hohes Niveau der Texte. Ab und zu ein Genie.

Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?

Den Teilnehmer:innen: eine Ritterrüstung, mit  geschlossenem Visier.
Dem Publikum: Weltenöffnende, nie gehörte Texte.
Der Jury:  Der Versuchung, geistesblitzend zu brillieren, zu widerstehen.

Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!

Zur Person: Sibylle Severus, 1937 in Oberbayern geboren, lebt in Zürich. „Nauenfahrt“ ist die Fortsetzung ihrer beiden ersten Romane „Zum Mond laufen“ (1981) und „Seiltanz“ (1984).

Die Ich-Erzählerin in ihrem neuen Roman erfährt von einer Frau, deren Biographie erstaunliche Parallelen zu ihrer eigenen Lebensgeschichte aufweist. Geschichten werden erzählt. Imaginierend versetzt sich die Erzählerin in Luise oder Louise, in ein oszillierendes Ich oder Wir. Der spielerische Umgang mit der Fiktion, die Überlistung des Endlichen, die Relativierung der Schwermut durch Witz, aber auch die Magie eindrücklicher Landschaften und die leidenschaftliche Teilnahme an der Welt machen das Buch zu einem Lese-Erlebnis. Einmal mehr gelingen der Autorin eindringliche Bilder und Benennungen für bodenlose Verlorenheit.

Sibylle Severus, Nauenfahrt. Roman. Studienverlag.

ISBN 978-3-7066-2151-9

144 Seiten, broschiert

19,90 €*

Bachmannpreis

1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.

Ingeborg Bachmann, Rom 1962

Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.

Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.

Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann

Fotos: Bachmannpreis/Klagenfurt/Lenndkanal_ Walter Pobaschnig

Walter Pobaschnig, 9.6.2026

https://literaturoutdoors.com

Hinterlasse einen Kommentar