„und am Abend im Hotelzimmer weinte ich“ _ 50 Jahre Bachmannpreis _ Martin Amanshauser, Schriftsteller _ Wien 10.6.2026

50 Jahre Bachmannpreis _

Tage der deutschsprachigen Literatur Klagenfurt

Martin Amanshauser _ Bachmannpreisnominierter 2000

Im Interview _ Martin Amanshauser, Schriftsteller _ Wien

Bachmannpreisnominierter 2000

Lieber Martin, Du hast 2000 am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan erste Erinnerungen?

ich bin froh, beim bachmannpreis dabeigewesen zu sein. nach über 25 jahren erinnert man sich nur mehr punktuell. der bürgermeisterempfang war gut, ich beziehe mich auf die brötchen-qualität, denn wer bürgermeister war, hab ich vergessen. ich war auch gerne am see, am liebsten bei maria loretto. ich glaube, es war damals fußball-em, und ich litt sehr, als ein burgenländischer schiedsrichter einen vermutlich eh korrekten hands-elfer für frankreich gegen portugal gab. es war ein streitfall. damals fand ich ihn unkorrekt. fußball und literatur vernebeln einem derart das gehirn, oft urteilt man sehr biased. ich erinnere mich auch, dass ich vor meiner lesung extrem optimistisch war. ich zog ein grün-gelbes oberteil an, das ich mich recht beengte. ich wirkte vielleicht etwas blader, als ich war, aber da ich nicht besonders blad war, ging es eh. ich fand, ich sah gut drin aus. ich mochte die farben. das dress war mir wichtig.

Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?

die unmittelbarkeit, die brutalität der kritik, der direkte austausch mit dem publikum und die live-übertragung. vor 25 jahren hatte das tv noch einen viel höheren stellenwert, ich fand es atemberaubend, dass menschen einen text, den ich geschrieben habe und vorlese, irgendwo, überall im deutschsprachigen raum, live ansehen können. ich mochte auch die sommerliche atmosphäre. klagenfurt ist meine österreichische zweitlieblingsstadt. ich komme aus salzburg, wo ja auch, zumindest architektonisch, eine italienische stimmung herrscht. klagenfurt dagegen hat weniger barock-architektur, aber trotzdem einen viel südlicheren flair. ich mochte und mag auch immer die kärntnerische sprachmelodie. in diesem ambiente bachmann entfaltet sich so eine art wandertag, ein sommerausflug der literatur-branche. für mich war bachmann eine sympathische veranstaltung.

Wie hast Du deine Lesung und die Jurydiskussion erlebt?

die lesung war großartig. ich hatte, trotz der anspannung, vorher noch nie so souverän und so gut einen eigenen text vorgetragen. die lesung selbst fand ich wirklich beglückend, ich spürte, wie die zuschauer mit jedem satz mitgingen, mitzitterten, es war eine dieser lesungen, wo du das publikum direkt erreichst und den respons fühlst als welle von energie. ich erinnere mich, dass viele schüler/innen dort im publikum saßen, und dass ich mich nie verlas. als die lesung zu ende war und der applaus begann, hatte ich ausschließlich positive gefühle. sobald allerdings die jury zu debattieren begann, änderte sich das. meine geschichte hoieß „el examen“. sie war sehr linear erzählt, in der tradition der amerikanischen short story. es war wohl nicht der richtige text für klagenfurt, aber ich hatte ihn mir eingebildet. ich war davon ausgegangen, dass der handwerkliche aspekt bei der jurydiskussion im vordergrund stehen würde. das tat er nicht. ich dachte, sie müssten sagen, wie gut das geschrieben sei. ich merkte, darum ging es denen gar nicht so. selbstredend litt ich, als kritik geäußert wurde und ich – wie man mir vorher ja geraten hatte – mich dabei nicht gegenäußern konnte, sondern dem zuhören musste wie der ochs vor dem berg, falls man das so sagt. vor jedem der jurymitglieder stand ein wasserglas, nur ich hatte als einziger keines. das machte mich wütend. als eine kritikerin etwas negatives sagte, stand ich auf, ging langsam und drohend auf sie zu und schnappte mir mit grimmigem gesicht ihr wasser. im saal gab es einige lacher deswegen, aber man sagte mir später, im tv sei das nur am rande sichtbar gewesen. eine einzige juryfrau war voll auf meiner seite, das spürte ich, sie kam wenig zu wort, das tat mir leid. sie gehörte nicht zu den alpha-tieren der jury. sie kam dann auch am nächsten tag auf mich zu und entschuldigte sich, weil ihr mein text ur gut gefallen habe, sie mich aber in der diskussion nicht ausreichend unterstützt haben können. ich fand das echt nett von ihr. das problem war, dass bei den meisten autorinnen ca. 25 minuten diskussion stattfand, über meinen text (wohl durch einen werbeblock oder irgendwas anderen unfaires, tv-bedingtes, was da vorfiel) nur ca. 10-15 minuten gesprochen wurde. am ende war ich enttäuscht. ich trank an diesem tage viel alkohol, und am abend im hotelzimmer weinte ich.

Was braucht der Bachmannpreis für eine weitere gute Entwicklung?

ich hätte das system immer schon gerne verändert: nachdem die jurymitglieder die texte vorher kennen, sprechen sie oft in auswendig gelernten und vorbereiteten sprachtools. in meiner idealen bachmann-veranstaltung würde nur jeweils das eine jurymitglied, das einen nominiert, den text kennen. die anderen würden ihn zum ersten mal hören und müssten spontan gescheite dinge zu texten sagen. damit würde man viel literatur-gelaber verhindern. ich weiß aber nicht, ob das überhaupt umsetzbar ist, denn auch jurymitglieder sind menschen bzw tratschonkel und -tanten, die würden sich die texte wohl gegenseitig schicken. die würden garantiert schummeln.

Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?

ich wünsche dem bachmannpreis weitere 50 jahre, prosit! … der jury würd ich sagen, versucht bitte, noch mehr enetrtaining zu sein, sonst schalten die leute auf einen anderen sender. den teilnehmern würde ich sagen – fahrt hin mit möglichst großer bescheidenheit, es läuft in dieser welt alles mögliche anders als man denkt. ich war damals 29 oder so, vielleicht 31, jedenfalls war ich zu sehr von meiner eigenen großartigkeit und der großartigkeit meines texts überzeugt. ich dachte ja vorher, dass ich das ding gewinne, jedenfalls, wenn alles mit rechten dingen zugeht. es lief aber ganz anders, fast so wie bei dem elfmeter, den der burgenländische schiedrichter für frankreich gegen portugal gab. hätte ich den siegertext von damals vorher gehört, hätte ich ihm null chance gegeben, einen preis zu kriegen. „da sind zu viele platte adjektive drin“, hätte ich geurteilt, „ein solcher text kann niemals einen preis gewinnen. da liegt doch völlig offen, dass der autor nicht schreiben kann, dass er sich schwer tut, worte zu finden, dass er nur herumprotzt und nichts dahinter ist.“ naja, man irrt sich im leben manchmal.

Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!

Martin Amanshauser, Schriftsteller

Zu Person&Werk: Martin Amanshauser

Bachmannpreis

1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.

Ingeborg Bachmann, Rom 1962

Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.

Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.

Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.

Foto: Martin Amanshauser _ privat.

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann

Fotos: Bachmannpreis/ORF Studio _ Walter Pobaschnig

Walter Pobaschnig, 26.5.26

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