„Ich lese Bachmann heute ökofeministisch“ _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Seraina Kobler, Schriftstellerin _ Zürich 10.6.2026

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann, Rom 1973

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

im Interview _ Seraina Kobler, Schriftstellerin _ Zürich

Bachmannpreisnominierte 2026

Liebe Seraina, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns? 

Ich bin ihr zuerst zu früh, von der anderen Seite ihres Werks begegnet. Und dann nochmals später, fast vom Anfang. Beim zweiten Anlauf hat es gefunkt. 

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?

Ihre unglaubliche Bildkraft, sie setzt Worte so zusammen, dass Bilder entstehen, die gleichzeitig wunderschön und verstörend, leichtfüssig und sehr präzise sind. Und ich frage mich dann, wie kommt man auf diese Kombinationen? Sie brechen das eigene Denken auf gute Art auseinander. Es gibt diese Szene in «Der gute Gott von Manhattan», an der U-Bahn-Station, einfach großartig. 

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?

Ihre Lyrik, natürlich, «Die gestundete Zeit», «Die Anrufung des grossen Bären», auch mochte ich ihre Beschreibungen etwa von der «Zürcher Seegfrörni» in den Briefen an Max Frisch sehr. Auch wenn ich mir nicht so sicher bin, ob sie goutiert hätte, dass sie einst so breit gelesen werden. 

Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?

Was Bachmann beschreibt, ist für mich längst keine reine Geschlechterfrage mehr. Ich würde ihre Kritik heute ökofeministisch lesen: gemünzt auf eine Logik der Beherrschung, Ausbeutung und Verfügbarkeit, die sich sowohl gegen Menschen, aber eben auch in hohem Masse gegen die Natur richtet. Diese Denkweise begegnet uns in Beziehungen ebenso wie in Wirtschaft und Politik. Die Klimakrise und das Artensterben zeigen, dass es dabei um weit mehr geht als um gesellschaftliche Rollenbilder. 

Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?

Vielleicht lieben wir nach Bachmann gerade nicht, indem wir ein so großes, widersprüchliches Feld an einer einzigen Aussage festmachen. Mich interessierten die Ambivalenzen. 

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?

Denke ich an meine Altersvorsorge: Ja. Ansonsten: Nein. 

Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?

Mir gefällt sehr, wie Bachmann als Chronistin in ihren zahlreichen Briefwechseln, etwa mit Paul Celan oder Max Frisch, den Geist ihrer Zeit festhält. Immer wieder drückt dort auch etwas Vergnügtes durch, ein Humor, der die Schwere der Themen kontrastiert. 

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?

Wie gerne hätte ich ihr das heute so mediterrane Zürich gezeigt, das an manchen Ecken vor Italianità nur so strotzt, hatte sie doch auch sehr gelitten an der Stadt bisweilen. 

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

Klagenfurt, danach habe ich alle Ferienpläne abgesagt. Und möchte einen Sommer haben, wie ein leeres Blatt Papier. Nach innen hören, vielleicht eine Zeit ohne Internet. Draussen im Zelt schlafen und mit den Kindern umherziehen. 

Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten? (Besagte Szene aus Frage 2)


JAN 

Ich kann die Unterschrift nicht lesen. Kauend. Die Nüsse sind sehr gut, aber wir müssen trotzdem etwas Vernünftiges essen. Was ist vernünftig? 

JENNIFER

Italienisches und Chinesisches, Spanisches und Russisches. Die Artischocken schwimmen in Öl; es gibt bleichen Tee zu Schwalbennestern und Lauch zu den zarten Schlangen, und die Früchte aller Meere vor den Früchten aller Länder. 

JAN

Ich hätte Lust auf Heißluft, weil es so warm ist, und einen Raum mit etwas Dämmerung, auf Schneehühner und ein Getränk, das aus Grönland kommt, mit Eisschollen darin. Und ich möchte Sie ein paar Stunden lang ansehen, kühle Schultern, kühles Gesicht, kühle runde Augen. Glauben Sie, dass das möglich ist? 

Herzlichen Dank für das Interview!

Seraina Kobler, Schriftstellerin

Zur Person: Seraina Kobler, geboren 1982 in Locarno und aufgewachsen in Basel, arbeitete nach dem Studium der Linguistik und Kulturwissenschaften als Journalistin unter anderem bei der ›Neuen Zürcher Zeitung‹, bevor sie sich als Autorin selbständig machte. 2020 erschien ihr Romandebüt ›Regenschatten‹. Soeben ist ihr vierter Roman «Tal der Schwalben» bei Diogenes erschienen. Sie lebt und arbeitet mit ihrer Familie in Zürich.

Aktueller Roman:

Seraina Kobler, Tal der Schwalben. Roman. Diogenes Verlag.

„Die Schweiz in naher Zukunft: Die Städte sind zusammengewachsen zur alles beherrschenden »Metropolitane«, während die Alpen für die Stromversorgung zur Sperrzone erklärt wurden. Der junge Wissenschaftler Alesch kehrt in sein Heimatdorf Pradetta zurück, einen abgelegenen Ort im schwindenden Schatten eines Gletschers. Seltsame Wetterphänomene häufen sich am Berg, und schon bald ist Alesch hin- und hergerissen zwischen urwüchsiger Bergwelt und Hoffnung auf Fortschritt. Denn seine so revolutionäre wie gefährliche Forschung könnte die Antwort auf die Energiekrise bergen. Und dann ist da noch seine Jugendliebe Annetta …“

Hardcover Leinen, 352 Seiten

erschienen am 22. April 2026

ISBN 978-3-257-07377-5

€ (D) 25.00 / sFr 34.00* / € (A) 25.70

Foto: Seraina Kobler _ Franco Tettamanti

Foto: Ingeborg Bachmann _ Jung&Jung Verlag

Walter Pobaschnig, 8.6.2026

https://literaturoutdoors.com

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