„Tanz ist immer ein Aufbruch“ Silke Grabinger, Choreografin & Performerin _ Linz 22.1.2022

Liebe Silke, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Immer unterschiedlich. Es kommt darauf an, ob ich konzeptioniere. Es ein Proben- oder ein Meetingtag ist.

Silke Grabinger, Choreografin & Performerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Eigentlich immer noch das gleiche wie vorher. Sich selbst treu zu sein.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Tanz/Theater, der Kunst an sich zu?

Der Tanz oder die Performance ist immer ein Aufbruch. Da es meistens eine autiobiografische Komponente hat bzw. immer eine neue Stückentwicklung ist, die sich vorwiegend nicht an literarischen Texten orientiert. Das Adaptieren per sie und dem Universum ins Auge zu blicken, bleibt.

Was liest Du derzeit?

Ich lese vieles gleichzeitig aufgrund von Recherche. Partitur von Anton Bruckner 9te Symphonie liegt am Nächsten.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Der Mensch hat überall und immerzu eine Würde. So vermag man es aus rechtlichen und politischen Grundsatzerklärungen unserer Zeit vernehmen. Unantastbar ist sie, nichts für sie eintauschbar und damit hat der Mensch selbst einen absoluten Wert. Die Reaktion der Kritik darauf ist die des Neins, „So ist es nicht!“, weder hat er sie an allen Orten der Welt, noch hatte er sie zu allen Zeiten. Das Fortleben alter Übel, die Sklaverei, der Krieg, die Ungleichheit der Geschlechter und Nationen sowie das Aufkommen neuer Nöte, das Verlustig-Gehen bisherigen Lebensraums, die Ausbeutung von Crowd- und Clickwork, kurz all die Menschenrechtsverletzungen weisen solche Feststellungen in ihre Grenzen. Doch damit wechselt die kritische Entgegnung nicht die Seiten, schlägt sich nicht auf die der auch aufgrund ihrer Härte rechthaberischen Realität. Ihren verneinenden Ausspruch mit dem in den Sätzen über die Menschenwürde liegenden Anspruch verknüpfend reformuliert sie ihren Einspruch: „Würde die Menschheit ganzheitlich in befreiter Form leben, so würde der Mensch überall und im Immerzu der Zukunft eine Würde haben.“ Dieses „würde“ öffnet innerhalb der Welt den Raum einer anderen Welt; beide sind zwar nicht identisch, sollten es in der Absicht der Kritik jedoch sein.

Der zum Hilfszeitwort geronnene Konjunktiv steht aber zur Würde in keinem derart äußerlichen Verhältnis, wie dies zunächst erscheinen mag. Seit der Renaissance liegt ein Menschenbild vor, das nicht bloß sagt, der Mensch ist dies oder jenes Bestimmte, das ist seine Natur, sondern vielmehr darauf verweist, der Mensch sei derjenige, der sagen kann „Ich würde X“ und ausgehend von diesem kreativen Akt die Möglichkeit hat, diese Äußerung über ein hoffnungsvolles „Ich werde … sein“ zu einem tatsächlichen „Ich bin X“ zu verwandeln – das ist seine Natur, freie Kultur zu schaffen. Und gerade in dieser offenen Bestimmung des Menschen als Wesen der Freiheit – sei sie kreativ oder moralisch gedacht –, wurde seine Besonderheit gesehen; die Würde des Menschen liegt dieser Vorstellung zufolge in seiner Fähigkeit, zu sich selbst und zur Welt „Ich würde …“ sagen zu können.

Gemahnte die Kritik an der Welt ein, Würde sei nicht so universell, wie sie sein sollte, so folgt aus deren Bestimmung wiederum, dass das „Ich würde …“ nicht in seiner gewünschten Umfassendheit gewährleistet ist. Dass es tendenziell im Gedanken verleibt und nicht ins Handeln eingehen kann, ist Ausdruck dessen. Von beiden Richtungen gilt es diesem Umstand entgegenzuwirken, mit der Intensivierung individueller, kreativer Akte sowie der gesellschaftlichen Verstärkung des würdevollen Behandelns der Einzelnen, das Achten der Würde überhaupt erst ermöglichend. Stimmte dadurch die Lebens- und Gesellschaftsform des Menschen mit dem klassischen, inhaltlichen Grund des Zuspruchs von Würde einmal schließlich überein, wäre die (selbst)schöpferische Freiheit aller Einzelnen zugleich die Freiheit der Gesellschaft, so würde die Würde wahrhaft wirklich. Sie würdelose Würde und zugleich Anbruch der wahren Zeit des würdevollen Ich würde im allgemeinen, dann indikativischen, Wir würden.

 (Ludwig Felhofer nach einem Konzept von Silke Grabinger 2023 Würde)

Vielen Dank für das Interview liebe Silke, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Tanz-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Silke Grabinger, Choreografin & Performerin

Silke Grabinger

Foto_Meinrad Hofer

2.12.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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