„dass die westliche Kultur ihre positiven Werte verteidigt“ Thomas Fitzner, Schriftsteller _ Costitx, Malloca_ESP 27.12.2022

Lieber Thomas, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Da ich im Brotberuf bei einer Steuerkanzlei arbeite, ist der Spielraum für Originalität im Tagesablauf eher gering. Ich stehe werktags sehr früh auf, versuche mit Sport meine Vergreisung hinauszuzögern, schreibe ein wenig, und am Abend und Wochenende verfeuere ich meine Restenergie in Projekten, die fast immer mit Schreiben zu tun haben, aber nicht immer mit Literatur.

Thomas Fitzner, Schriftsteller    

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Zuhören. Speziell jenen, die in konstruktiver Weise eine andere Sicht formulieren. Ich habe im Auto zwei Radiokanäle unterschiedlicher Ideologien programmiert, und in Facebook lasse ich mich auf „Freundschaften“ mit Personen ein, deren Ansichten ich in wichtigen Fragen nicht teile. Solange der Austausch einigermaßen intelligent, faktenorientiert und respektvoll ist, empfinde ich diese Diskrepanzen als Bereicherung.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Vor dem Aufbruch steht vermutlich der Zusammenbruch, die Frage ist nur, wie der aussehen wird. Apokalyptische Fantasien sind dabei nicht hilfreich, die Auflösung einer Ordnung ist notwendige Voraussetzung für das Entstehen einer neuen. Angst macht mit Recht der Übergang, die Zeit ohne Ordnung. Da kann viel passieren.

Entscheidend wird sein, dass die westliche Kultur, an der man weiß Gott viel kritisieren kann, ihre positiven Werte verteidigt. Ich nehme ein Übermaß an Relativismus wahr. Es ist eben nicht egal, ob Politik und Religion getrennt sind, ob mich Kritik an Mächtigen ins Gefängnis bringen kann oder ein Witz über Religion ins Grab, ob Homosexuelle um ihr Leben fürchten müssen, ob Frauen per Geburt untergeordnet sind …

Und es ist nicht egal, wie wir mit mächtigen autokratischen Regimes umgehen. Ist uns billige Ware wichtiger als die Freiheit unserer Nachkommen? Plötzlich spielt auch wieder eine Rolle, welchem Kollektiv ich angehöre. Welcher Religion. Ob ich Mitglied eines Clans bin, der mich schützt. Das war in Europa weitgehend überwunden. Ein Verdienst der Aufklärung. Darin bestand der Fortschritt, das ist die positive Seite der westlichen Kultur, die wert ist, ohne Wenn und Aber verteidigt zu werden.

Die Literatur, die Kunst, wenn sie überhaupt etwas bewirken kann oder will, muss furchtlos und respektlos sein. Und zwar nicht nur gegenüber dem faschistoiden Muff im eigenen Haus, sondern auch jenen gegenüber, die ideologischen Artenschutz beanspruchen.

Was liest Du derzeit?

Ich lese meist ein Sachbuch und einen Roman nebeneinander. Gerade habe ich den Roman „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ von Manja Präkels zugeklappt, eines dieser Bücher, die man ewig weiterlesen möchte. Daneben liegt „The secret history of food“ von Matt Siegel auf meinem Nachttisch.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Aus meinem Zettelkasten: „Lese gerade, dass die 140-Millionen-Dollar-Yacht eines mexikanischen Multimilliardärs im Hafen von Palma angelegt hat. Da steh ich nun, mit meiner Sammelbüchse für die Dritte Welt …“

Vielen Dank für das Interview lieber Thomas, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Thomas Fitzner, Schriftsteller

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19.9.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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