„Dann ist der Abend gekommen“ Annette Mathilde Winz, Schriftstellerin _ Niederrhein/D 28.8.2022

Liebe Annette, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Schon lange halte ich das morgendliche Aufstehen für eine der größten Leistungen der Menschheit: dieses Trotzdem. Sich dem Ungewissen, der nächsten fraglichen Minute entgegenstellen. So verbringe ich den Morgen oft mit Staunen. Ich, der langsamste Mensch der Welt, setze dann Schritt für Schritt. Gut ist, wenn daraus ein Mitgehen entsteht.

An den Tagen, an denen ich zum Minijob ins Callcenter fahre, folgt eine strenge Choreografie von Tätigkeiten, damit ich um 8.35 Uhr aufs Rad steigen kann. Mit fremden Menschen telefonieren, ihnen für einen Moment Gehör schenken, erfordert hohe Konzentration. Ich versuche, gut zu ihnen zu sein, freundlich, sie ernst zu nehmen.

Manchmal beginnt ein Tag damit, dass ich die falsche Brille aufsetze. Manchmal vermeide ich die Radionachrichten. Manchmal meine Neugierde, mein Wunsch nach den vertrauten Stimmen der Moderator:innen, die Hoffnung auf kleine erleichternde Neuigkeiten, eine Buchbesprechung, eine Theaterkritik, eine Preisvergabe, eine Schriftstellerin, die aus der Haft entlassen wurde. Zwischen mir und den Nachrichten aus den Höllen dieser Welt versuche ich etwas Luft zu lassen, die Kriegsseiten der Tageszeitung überschlage ich – manchmal. Manchmal gelingt es.

Manchmal gehe ich mit einem Korb voll mit Wäsche in den Keller, sortiere sie, belade die Maschine, stelle das Programm ein. Manchmal räume ich den Keller wieder nicht auf. Ich putze das Bad. Oft suche ich nach Worten, nach Sätzen. Manchmal schaue ich im Garten nach Zinnien, Wicken, Kosmeen, deren Samen ich Ende April gelegt hatte, die kräftig geworden sind, sich nun zum Licht recken und deren Blüten ich erwarte – ein Glück. Manchmal backe ich Kuchen für den Besuch morgen. Manchmal antworte ich auf eine Nachricht wieder nicht. Manchmal lege ich das Buch zur Seite. Manchmal telefoniere ich mit einer Mitarbeiterin der Apotheke, vorige Woche hieß es, das Medikament sei zurzeit nicht lieferbar, heute kann sie mich beruhigen, allerdings sei es mit nur noch kurzem Haltbarkeitsdatum, und ich weine vor Erleichterung.

Immer, niemals manchmal, gliedern die Mahlzeiten, drei und eine Tasse schwarzen Tee am späten Nachmittag, den Tag. So gelingt es mir, das Essen nicht zu vergessen, so sichere ich mich. Manchmal planen mein Mann und ich einen Ausflug, er stellt den Proviant zusammen, Brot, Käse, Tee, Kekse. Manchmal verabrede ich mich. Manchmal schaue ich nach den Öffnungszeiten einer Ausstellung, die ich besuchen möchte. Ich schreibe. Ich male. Manchmal finde ich Wörter, die mir etwas öffnen. Das Buch, das ich aus der Hand gelegt hatte, begleitet mich.

Dann ist der Abend gekommen. Es ist warm, die Balkontür steht weit offen. Ich höre den Igel auf seinem Rundgang, er schnauft, es raschelt. Ich mache Notizen. Manchmal, oft, immer, niemals – sind nur ungefähre Kategorien. Das Fragliche beginnt mit den Träumen, bald.

Annette Mathilde Winz, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

wer sind: wir alle / für wen könnte ich sprechen / was wünschst du dir / wohin
wendet sich mein Sehnen / was macht dich leicht / was hast du gesehen /
wohin gehen wir / und von wo aus / wer jagt mich / vor mir / hinter mir / seid
ihr bei Trost / wohin fliegt ihr / wohin flieht ihr / liegt ihr gut / wollt ihr es warm
/ ist euch wohlig / bleibt der Preis stabil / was steht da ins Haus / wollen wir die
Tür öffnen / hinausgehen / um den Block gehen / sich regen bringt / Segen /
mal nachsehen / ein paar Nachrichten verdauen / es geht schon / es wird schon
/ wollt ihr auch die anderen Türen öffnen / sich an die anderen Türen erinnern /
hinter den Mauern / ist da etwas Fauliges / kennst du / drehst du dich um /
kommst du mit / sag, kommst du mit / in die Gärten will ich gehen / graben /
dort nachsehen / mich erinnern / wer sind: wir alle / die aus der Erde / die aus
dem Wasser / die aus dem Feuer / die aus der Luft / die das Feuer legen / oder
die sich in Rauch auflösen / wer ist: wir alle / die / diese / zeigst du mit dem
Finger / weißt du’s? / ich weiß es nicht

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ja – aufbrechen. Aufbruch. In seiner ganzen Doppeldeutigkeit. Das erinnert mich daran, dass ich nicht warten sollte, bis Rucksäcke ausverkauft sind. Ich meine die etwas größeren, größer als ein Tagesrucksack, aber noch so, dass ich ihn zu tragen überhaupt bewältigen könnte. Wesentlich ist aber die Packliste.

Kunst, Literatur usw. sind befreiend, strahlend, berührend, politisch. Grund für Verletzung, Grund, um zu töten. Sie einigen und entzweien. Wegen all dem sind sie so gefürchtet.

Was liest Du derzeit?

Sie dreht sich um – von Angelika Overath
Die Blaue Frau – von Antje Rávik Strubel
auch solche Tage waren immer schon da – von Katrin Pitz

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Mir scheint, ich bin nun umgeben von Zitaten. Einmarsch, Angriff, Annexion, Fliegeralarm, Flucht, Vertreibung, Verschleppung, Zerstörung, Massaker, Flak, Artillerie, Verteidigen, Besiegen, Verlieren, Aufgeben, Leichtes und Schweres Geschütz, Recht, Zivilisten, Opfer, Gefangene …

Ich höre auch die Stimmen: gierig, machtbesessen, angstvoll, getrieben, hoffnungslos, verwirrt, gehorsam, ergeben, mutig, kampfbereit, hungrig …

Vor einiger Zeit hörte ich seit langem wieder das Wort Schrapnell. Ich kenne es aus
Kindertagen und war immer fasziniert davon. Es gibt Wörter, die lautmalerisch exakt
ihre Bedeutung vermitteln. Dieses ist eins davon.

All diese Vokabeln sind Zitate von Zitaten, weitergetragen von Generation zu
Generation. Wie eine Sprache, die eine Weile in mir geschlafen, sich wissend im
Hintergrund gehalten hat. Da bin ich, sagt sie. Und ich brauche nichts neu lernen,
alles ist da, alles ist bekannt.

Vielen Dank für das Interview liebe Annette, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Annette Mathilde Winz, Schriftstellerin

Foto_privat

30.6.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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