„Geben, ohne etwas dafür zu verlangen“ Edgar Bangert, Schauspieler _ Give Peace A Chance _Berlin 24.8.2022

GIVE PEACE A CHANCE

G  Geben, ohne etwas dafür zu verlangen. Das klingt altruistisch, beinah religiös. Aber das ist es mitnichten. Wir müssen nicht einmal den Begriff Spiritualität bemühen. Vielmehr geht es darum, einen Irrweg zu erkennen und durch diese Erkenntnis unser Handeln zu verändern. Was will erkannt werden? Das der Geist der zweckrationalen Unvernunft der Götze der modernen Zeit geworden ist. Ein alles zerstörender Geist. Davor hat bereits die Frankfurter Schule gewarnt.

I Irrwege: Siehe oben!

V Vielschichtigkeit: Hand aufs Herz: Sind wir nicht alle aufgrund der Informationsüberflut überfordert? Was bedeutet es, Unterschiede auszuhalten und auf der anderen Seite rote Linien zu ziehen, wenn Unrecht geschieht? Das müssen wir immer wieder neu verhandeln.

E Ehrlichkeit: Oft ist von Spaltung der Gesellschaft die Rede. Dieser Topos wird meiner Meinung  nach inflationär gebraucht. Wir führen Debatten kaum noch sensibel, dafür aber unangemessen ideologisch. Das ist nicht mehr meine Gesprächskultur. Denn Alarmismus hat noch nie zu etwas geführt. Die Algorhitmenlogik macht eine ehrliche Debatte unmöglich. Ich muss in Kauf nehmen können, dass mich jemand für das, was ich sage, verachtet. In diesen Zeiten eine sehr schwere Prüfung.

P Pazifismus: Nun schildere ich unumwunden meine Aporie und mein Wort  ist nicht in Stein gemeißelt. Ich glaube, dass Pazifismus möglich ist. Sowohl der Fall der Mauer, als auch Ghandis Salzmarsch sind historische Belege dafür. Wer also Pazifisten pauschal Weltfremdheit unterstellt, macht es sich zu bequem. Zur historischen Wahrheit zählt aber auch: Adolf Hitler wurde nicht wegverhandelt. Darum halte ich es für genau so verlogen, jenen, die sich für Waffenlieferungen an die Ukraine ausgesprochen haben (und ich gehöre dazu) das Etikett Bellizismus aufzudrücken. Ich fühlte mich, in politischer Hinsicht, selten so hilflos wie heute.

E Eschatologie: Kaum ein Begriff passt besser in unsere Zeit als dieser. Mit welchen Weltbildern haben wir es zu tun? Durchgesetzt haben sich der Neoliberalismus, ein rückständiger Kommunismus und – noch immer – die monotheistischen Religionen. Eschatologische Weltanschauungen ersticken die Bemühungen um Frieden im Keim. Das erleben wir seit mehr als 2000 Jahren.

A Aufruhr: Täglich muss ich mein inneres Beben aushalten. Hinzu gesellen sich die Horrormeldungen der Realpolitik. Innerer Frieden ist ein ständiger Kampf. Diesem Zwiespalt fühle ich mich hilflos ausgeliefert. Wer noch?

C Christentum: Wir leben in einer pseudochristlichen Kultur. Ständig rechnen wir die Verfehlungen unserer Mitmenschen auf. Und wir vergeben unsererm Nächsten nicht. Würde in diesen Tagen Jesus von Nazareth erscheinen, dann stünde die politische Elite unter Schock. Ich übrigens auch. Die Frage, was ich tun kann, um ein besserer Mensch zu werden, martert mich. Und das ist auch gut so.

E Endlichkeit. In meiner Jugend war der Tod ein romantischer Gedanke. Jetzt, wo ein Freund nach dem anderen stirbt, springt mir dessen Realität förmlich ins Gesicht. Wie dieses Leben nutzen? Wie eine bessere Welt hinterlassen? Fragen, die mich ebenfalls martern und die ich mir stelle bis zum Verrücktwerden.

A Aushilfskräfte. Warum wird in dieser Gesellschaft über alles diskutiert, nur nicht über Armut? Warum wird hingenommen, dass Menschen im Rentenalter Pfandflaschen sammeln müssen und andere wiederum für Billiglöhne arbeiten? Darum spreche ich mich sowohl für ein bedingungsloses Grundeinkommen aus, als auch für ein Gesetz gegen Obdachlosigkeit.

C Cancel Culture: Das ist ein gewaltiges Problem. Auf der einen Seite ist es richtig und gut, dass in einer modernen, demokratischen Gesellschaft nicht alles gesagt werden darf. Auf der anderen Seite befürchte ich ein neues Jakobinertum. Wenn allen Ernstes gefordert wird, die Bücher von Dostojewski oder Flaubert zu verbieten, anstatt diese Werke zu editieren, dann sind wir nicht mehr weit entfernt von den Warnungen George Orwells.

H Heimat. Für mich ein Begriff, der zunehmend an Bedeutung gewinnt. Vielleicht, weil ich älter werde. Wir müssen dieses Wort den reaktionären Kräften stehlen und inhaltlich neu füllen. Die Musik von den Pixies, ein Roman von Gerhard Hentschel, ein Film von Tarkowski, mein Fußballverein Arminia Bielefeld, eine Theaterarbeit, ein geschriebenes Gedicht, der Teutoburger Wald, all das ist Heimat für mich.

A Arbeit: Wenn Arbeit nicht glücklich macht, sollte sie verboten werden. Das sollte ebenfalls im Grundgesetz stehen!

N Nacht: Früher lebte ich in der Dunkelheit auf. Jetzt ertrage ich sie nicht mehr.

C Corona: Mehr als nur ein Brandbeschleuniger. Nicht alle mussten die gleichen Opfer bringen. Wo wir wieder beim Thema Armut wären.

E Erlösung: Wie gelingt es, dem unsäglichen Leid um uns herum zu begegnen? Und wie gelingt es, Mitgefühl für uns selbst zu entwickeln? Eine Antwort darauf kann ich nicht geben. Aber diese Fragen zu stellen, ist elementar.


Edgar Bangert, 17.8.2022

Edgar Bangert_Schauspieler, Theaterregisseur, Schriftsteller

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Edgar Bangert_Schauspieler, Theaterregisseur, Schriftsteller

http://www.edgarbangert.de/traum.html

Fotos_1,4 Sven Ch.Schramm; 2 Bernd Rietdorff; 3 Kenéz Kíra;

Walter Pobaschnig _ 17.8.2022.

https://literaturoutdoors.com




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