„Wir sollten uns alle überlegen was Liebe ist“ Dagmar Strobl, Model _ acting „Teorema“ _ 100.Geburtstag P.P.Pasolini _ Wien 2.8.2022

Dagmar Strobl _ Model _Make Up Artist_Wien _
acting „Teorema“ (1968) _100.Geburtstag P.P.Pasolini

Liebe Dagmar, welche Zugänge hast Du zum Film „Teorema – Geometrie der Liebe“ (1968) des italienischen Dichters, Regisseurs, Aktivisten P.P.Pasolini (*1922 Bologna +ermordet 1975 Rom)?

Der Film erschüttert und regt zum Nachdenken an, wie schnell Lebensstrukturen zerbrechen können und stellt viele Fragen nach Liebe, Mensch, Gesellschaft. Viele Emotionen bewegtem mich beim Ansehen.

Wie nah ist Pasolini mit diesem Film auch an der Gegenwart in Liebe, Leben, Glück und Leiden?

Dieses Auf- und Zerbrechen einer Familie in der Begegnung, die so vieles auslöst, halte ich auch heute nicht für unmöglich. Pasolini zeigt hier die Fragilität von scheinbaren Gewissheiten sehr drastisch auf.

Pasolini zeigt in Teorema die Kraft, Macht des Menschseins in allen Höhen und Tiefen. Es ist ein freier Fall, eine Hingebung in das Unbekannte, Schöne, Dunkle zu aller Zeit.

Gesellschaftlich gesehen, ist dieses Bild der klassischen Familie mit Vater, Mutter, Tochter, Sohn natürlich verändert. Es gibt verschiedenste Modelle, patchwork etwa, das ermöglicht viele neue Zugänge zueinander und sich selbst, wie stellt natürlich auch vor Herausforderungen. Aber Familie als „geschlossener Raum“ wie in Teorema ist doch in manchen Gesellschaften schon geöffnet, aufgebrochen. Dies betrifft auch die Möglichkeiten von Trennung, Veränderung.

Gibt es für Dich einen bestimmten inneren „Kippmoment“ der Personen in der Begegnung mit dem Fremden?

Sehnsucht, Hoffnung brechen im intensiven Impuls der Begegnung auf und dieses plötzlich freigesetzte Innere reißt den bisherigen Menschen an sich, ja, zerfetzt ihn. Da sind Momente und auch ein Prozess, der sich sturzflutartig ergießt. Dramatisch, entsetzlich, erschütternd.

Das Unglück in ihnen, das Unerfüllte, wird zur Lawine, die sie begräbt und darunter sie dann um Perspektiven ringen, um sich freizumachen.

Pasolini zeigt das unbewusst Verdrängte, Sehnsüchte, schonungslos und sehr drastisch auf und auch die unterschiedlichen Wege der rastlosen Flucht dann.

Wie funktioniert das Leben der Familie vor der Begegnung mit dem Gast?

Da ist sehr viel Gleichgültigkeit da. Es gibt keine echten Gefühle und zwischenmenschlichen Beziehungen im nebeneinander Herleben. Das ist natürlich auch ein gesellschaftlicher Spiegel der Zeit. Pasolini stößt in diesen Verlust des Menschseins schonungslos hinein.

Wie siehst Du den Gast, Besucher? Als Verführer, Befreier, Zerstörer?

Als all das. Es sind mehrere Rollen und er ist alles in einer Person.

Einerseits zerstört er nichts, weil ja nichts mehr da war.

Er selbst lässt aber auch keine Nähe zu.

Er ist für mich ambivalent. Nicht sympathisch, eher kalt.

Hilft er der Familie?

Nein. Es gibt Erwartungen an ihm von allen, diese bleiben unerfüllt.

Wie gehst Du selbst mit Wünschen, Sehnsüchten um?

Ich versuche diese zu verwirklichen. Es kommt natürlich auf die Form, Richtung dieser an.

Ich mache Wünsche nicht an anderen, sondern nur an mir selbst fest.

Wunscherfüllungen sollten keine Abhängigkeit erzeugen, sondern Freiheit geben, ermöglichen.

Wünsche sind Wege, die auch verirren lassen. Es braucht einen Plan.

Kommen die Personen in Teorema im Persönlichkeitsprozess mehr zu sich selbst?  

Das würde ich beim Vater und Sohn so sehen. Bei der Tochter, nein, da beginnt ein großes Leiden, eine innere Zerstörung. Bei der Mutter, ja, vielleicht. Sie folgt ihren Sehnsüchten. Bei der Haushälterin ist es auch so.

Ist Unglück gesellschaftlich bedingt?

Pasolini weist im Film ja zu Beginn darauf hin, als der Vater seine Fabrik den Arbeitern schenkt und damit ja Veränderungen in Arbeit und Leben ermöglichen will.

Unglück hat aber immer mehrere Dimensionen. Es gibt Angelpunkte dafür, die ganz unterschiedlich sein können.

Wir können im Leben in der Arbeit, der Familie, der Sexualität unglücklich sein. Psychoanalyse wie politische Gesellschaftskritik suchen da Strukturen aufzuzeigen. Es greift aber darüber hinaus.

Das Unglück ist eine Aufgabe des Lebens.

Wir stehen immer vor der Wahl, Unglück ertragen zu wollen oder Entscheidungen zu treffen, sich davon zu befreien versuchen.

Ist Sexualität ein Schlüssel zum Selbst?

Ja.

Sexualität ist das Innerste. Ist Geschenk und Sinn.

Der Wert der Sexualität wird heute oft zugunsten Materiellem vergessen.

Sexualität, Begehren haben für mich sehr viel mit Harmonie und Vertrauen zu tun.

Was sind für Dich Gründe dieser Tragik in Familie und Gesellschaft in Teorema?

Die Kinder sind in den Strukturen der Familie und die Familie in der Gesellschaft gefangen. Sie haben keine Chance. Die Ketten wiegen schwer, erdrücken. Da ist keine Lebensfreude, nichts Schönes mehr in der Familie. Es ist alles oberflächlich, gleichgültig, ohne Empathie füreinander.

Es ist viel da, materiell, aber innerlich und zwischenmenschlich nichts. Daraus folgt der tiefe, freie Fall. Die Darstellung, Rolle in der Gesellschaft zählt da allein, nicht das Sein, was ich, wir sind.

Ist der Körper, in Bewusstwerdung und Freiheit, ein Weg der Befreiung für die Familie?

Der Körper ist unsere Präsenz. Innen und Außen. Darin liegt Schönheit und Sinn, Befreiung wie Fall.

Was ist für Dich Glück?

Glück ist immer anders. Es ist da und dort.

Ich liebe den stillen Morgen im Sonnenaufgang etwa sehr.

Was kannst Du von Teorema mitnehmen?

Den Anspruch und das Bemühen Gleichgültigkeit in Leben, Familie und Gesellschaft nicht zuzulassen.

Wir sollten uns alle überlegen was Liebe ist.

Ist Liebe möglich?

Ja.

Liebe ist Verzicht.

Dagmar Strobl _ Model _Make Up Artist_Wien _
acting „Teorema“ (1968) _100.Geburtstag P.P.Pasolini

Vielen Dank für das wunderbare szenische Fotoshooting&Interview, liebe Dagmar!

100.Geburtstag _ P.P.Pasolini (5.3.1922 Bologna – +ermordet 2.11.1975 Rom) _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt zum Film „Teorema“ P.P.Pasolini (1968):

Dagmar Strobl_Model, Make-Up Artist _Wien

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien_6/2022

magdas Hotel _ Wien

Walter Pobaschnig 7_22

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