„Jede Möglichkeit zum Besuch einer kulturellen Veranstaltung zu nutzen“ Uwe Kalkowski, Literaturblogger_ Köln 6.4.2022

Lieber Uwe, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wesentlich verändert sieht mein Tagesablauf nicht aus. Ich arbeite für den Eichborn Verlag in Köln und durch Corona hat sich – wie in vielen Unternehmen – das Arbeiten von Zuhause aus etabliert. Ich bin dankbar, dass uns dies ermöglicht wurde, aber inzwischen fahre ich wieder fast jeden Tag in den Verlag und genieße es sehr, einen Arbeitsweg zu haben, durch die Stadt zu radeln und am Kaffeeautomaten Kolleginnen und Kollegen zu begegnen. Ansonsten schreibe ich für meinen Literaturblog Kaffeehaussitzer zwei bis drei Beiträge im Monat – auch das hat sich nicht verändert und gab mir in den Zeiten des Lockdown Halt und Struktur. Der Blog ist seit über acht Jahren ein wichtiger Bestandteil meines Lebens.

Uwe Kalkowski, Literaturblogger

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Innerhalb des Kulturbetriebs ist die Literaturbranche – gesamt betrachtet – recht stabil durch die Krise gekommen. Hart war es aber besonders für Autorinnen und Autoren, deren Debütromane mitten in der Zeit der Ladenschließungen und abgesagten Veranstaltungen erschienen sind. Überhaupt Veranstaltungen: Lesungen digital zu besuchen mag zu Beginn der Coronakrise ein Ersatz gewesen sein, inzwischen hat sich das nach meinem Empfinden etwas abgenutzt, zumal auch die Monetarisierung stets das Problem digitaler Auftritte ist. Nun sind Live-Events wieder möglich, wenn auch mit Einschränkungen. Aber genau jetzt ist es besonders wichtig, jede Möglichkeit zum Besuch einer kulturellen Veranstaltung zu nutzen, die sich bietet. Um die auftretenden Künstlerinnen und Künstler zu unterstützen und um ein Zeichen dafür zu setzen, wie wichtig die Kunst in all ihren Facetten für unser Leben ist.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ohne eine flächendeckende Impfung gegen Covid19 wird es kein Zurück zur Normalität, wird es keinen gesellschaftlichen Aufbruch geben. Das Bekämpfen und Eindämmen von Krankheiten mittels eines Impfstoffs ist eine der großen Leistungen der Menschheit. Impfungen haben dafür gesorgt, dass wir heute nicht mehr durch Polio, Keuchhusten, Diphterie oder Pocken gefährdet sind, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Die momentan grassierende Wissenschaftsskepsis verbunden mit diffusen Ängsten oder kruden Verschwörungsmythen halte ich für eines unserer größten Probleme und nicht nur Künstlerinnen und Künstler sollten nicht müde werden, gegen diese Skepsis anzugehen. Das ist für mich eine der wesentlichen Aufgaben unserer Zeit und genauso wichtig wie ein Engagement gegen rechte Populisten – zumal die Überschneidungen hier sehr groß sind. #ImpfenSchuetzt ist der Hashtag der Stunde.

Was liest Du derzeit?

Gerade habe ich das Buch »Februar 33: Der Winter der Literatur« von Uwe Wittstock beendet. Er schildert darin die Auswirkungen der nationalsozialistischen Machtübernahme auf die deutsche Literaturszene. Innerhalb von wenigen Wochen verwandelte sich im Februar 1933 das Land in eine Diktatur, in der die Jagd auf Andersdenkende eröffnet war. Anhand von Tagebuchaufzeichnungen, Briefen und anderen Zeitzeugnissen rekonstruiert der Autor die dramatischen Ereignisse und bringt uns die persönlichen Erlebnisse vieler betroffener Schriftsteller sehr nahe. Und beschreibt, wie schnell sich alles ändern kann und es dann nur noch darum geht, das eigene Leben zu retten. Ein wichtiges Buch.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Einer meiner Lieblingsorte ist der Dorotheenstädtische Friedhof in Berlin. Er ist eine kleine Oase der Ruhe mitten in der Stadt. Und wirkt wie ein Who is who der deutschen Kulturgeschichte; man kommt an den Gräbern von Hegel und Fichte vorbei, von Bertolt Brecht und Helene Weigel, Heinrich Mann, Schinkel, Schadow, Anna Seghers, Wolfgang Hilbig, Christa Wolf und vielen anderen. Besonders beeindruckend finde ich den Grabstein von Herbert Marcuse, denn neben seinem Namen und den Lebensdaten ist noch ein einziges Wort eingraviert, tröstlich und ermutigend gleichzeitig:

Weitermachen!

Vielen Dank für das Interview lieber Uwe, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Blogprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Uwe Kalkowski, Literaturblogger

Foto_privat.

1.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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