„Die Theater sind genauso erkrankt“ Heinz-Arthur Boltuch, Schauspieler _ Wien 21.1.2022

Lieber Heinz-Arthur, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wenn ich keine beruflichen Verpflichtungen habe, fahre ich meine beiden Töchter in die Schule. Eigentlich ein sehr wichtiges Ritual für uns Drei, in den 15 Minuten besprechen wir alles was uns wichtig erscheint, ob es motivierende Worte vor einer Prüfung, die richtigen Antworten auf freche Sprüche von Mitschülern sind oder eine Nachtkritik über meine Vorleseleistung bei der Gute Nacht Geschichte ist, es geht immer lustig her.

Nachdem meine jungen Damen das Auto verlassen haben, beginnt mein Alltag. Telefonieren mit meiner Agentin, zu einem Tonstudiotermin fahren oder wieder nach Hause, um dort zu lesen, zu schreiben oder einfach wieder einmal Ordnung in die Unordnung meiner Zettelwirtschaft zu bringen. Rollenstudium, Textlernen oder neue Ideen aufschreiben und im Idealfall sie gleich mit den richtigen Leuten besprechen und zu teilen sind auch meine Tagesbegleiter. Fad ist mir nicht, nur manchmal langweilig. Doch in dieser scheinbaren Langeweile kommen oft sehr gute Gedanken oder Erkenntnisse auf.

Heinz-Arthur Boltuch, Schauspieler, Sprecher, Regisseur, Autor

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Eine sehr gute Frage, die jeder für sich selbst beantworten muss. Jeder hat seine Bedürfnisse.

Ich hoffe, daß die Gesellschaft nicht zu sehr auseinanderdriftet und wieder das Gemeinsame im Mittelpunkt steht. Das Freundschaften nicht ob des Impfstatus zerbrechen, daß man dem anderen wieder zuhört. Denn irgendwann ist diese Pandemie auch wieder vorbei und was dann? Es kommen andere Probleme und um sie zu lösen oder erträglicher zu gestalten, benötigt man Freunde, aber auch um Glück und Freude zu erleben und zu fühlen braucht man sie. Und zwar nah und nicht durch einen emotionalen Graben getrennt.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Die momentane Realität ist, daß wir Alle von der Variantenvielfalt dieses Krankheitserregers einfach in den Schwitzkasten genommen werden. War es vor ein paar Monaten noch die Angst, daß die Zuschauer nicht kommen wollen, hat sich jetzt der Angstschweiß der Theaterdirektoren, ob sie genug SchauspielerInnen für den Abend für die Woche habe, um Vorstellungen zu spielen, ja den Spielplan einhalten können, gemischt. Eine schreckliche Situation, denn im Sprechtheater hat man keine Zweitbesetzung, Keine(n) der Einspringen kann. Da die Theaterensemble kleiner wurden, müssen ganze Vorstellungsserien abgesagt werden. Die Theater sind also genauso erkrankt, wie Teile der Bevölkerung. Manche Bühnen haben einen „leichten Verlauf“, weil sie von Geldgebern „geimpft“ wurden, aber manche werden nicht mehr gesunden und einfach sterben. Sie werden einfach weg sein. Sie werden fehlen.

Die Filmindustrie hat bis auf den ersten Lockdown durchgearbeitet, jedoch mit enormem Risiko. Drehtagverschiebungen, Drehverschiebungen oder Drehstopps sind und waren die ständigen Dämonen die in den Köpfen der Produktion, Regie, Cast und Crew herumschwirren und schwirrten.

Und selbst wenn man ein Projekt fertigbekommen hat, muss man um die Kinopremiere zittern. Ich selbst habe in einem bezaubernden Kinofilm „Tutti per Uma“, eine italienisch/österreichische Kinoproduktion, mitgespielt der sollte vor Weihnachten in die Kinos, dann jetzt im Jänner und nun wird er hoffentlich im April dem deutschsprachigen Publikum vorgestellt.

Und nun zum Neubeginn. Er wird kommen, wenn sich alles beruhigt hat. Die Leute werden wieder ins Theater und ins Kino gehen und wieder über Inszenierungen streiten, SchauspielerInnen Lobeshymnen singen oder sie für nicht gut befinden. Eben die Normalität.

Drauf freue ich mich und mit meinen Freunden und Kollegen zusammenzusitzen und bis in die Puppen über Alles und Nichts zu reden.

Was liest Du derzeit?

Sein oder Nicht vom großartigen Klaus Pohl. Ein wundervoller Roman über die Hamletprobenzeit von Peter Zadeks Inszenierung. Ein Buch, das ich Jedem empfehlen kann, der wissen will wie Proben sein können und aber auch für Schauspieler, die das Gefühl haben bei Proben oder am Regisseur zu zerschellen. Dieses Werk wirkt beruhigend gegen jegliche Versagensangst.

Hamster im Hinteren Stromgebiet von Joachim Meyerhoff. Auch dieses Buch ist sensationell ehrlich und birgt für mich als Arztsohn so manche Pointe. Es ist wirklich toll geschrieben.

Und

Lockvogel Ein spannender Krimi geschrieben von meiner Schauspielschulfreundin Theresa Prammer.

Diese drei Bücher beweisen, daß Schauspieler nicht nur spielen können, sondern auch schreiben.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Der beste Weg ein Problem vergessen zu können, ist, etwas daraus zu lernen.

Und

Wer auf der Stelle tritt kann nur Sauerkraut fabrizieren.

Beide Zitate von Sir Peter Ustinov. Die gefallen mir momentan sehr gut.

Vielen Dank für das Interview lieber Heinz-Arthur, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen vielseitigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Heinz-Arthur Boltuch, Schauspieler, Sprecher, Regisseur, Autor

Foto_Barbara Kaudelka

12.1.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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