„In der Kunst geht es um Wagnisse“ Claudia Bosse, Künstlerin _ Wien/Berlin 15.1.2022

Liebe Claudia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich versuche um 8  aufzustehen. Nach 2 oder 3 Café mache ich mein morgendliches Training. Dann sind die Tage unterschiedlich. Aber gerade versuche ich zu schreiben mit noch frischem Kopf. Nach einem völligen Knoten in meinem Hirn vor 10 Tagen versuche ich gerade automatisches Schreiben. Das löst meine Gedanken. Ich kreise gerade um die Commune von Paris von 1871 und die Erweiterung der Kommunardinnen mit Pflanzen und Steinen.

Ich lese gerade zur Erinnerung von Steinen, der Entstehung der Erde und Erdschichten und den verschiedenen Prozessen der Verwesung von Körpern. Dem Selbstauflösen der Zellen wenn Sauerstoff und Nährstoffe ausbleiben. Diese Motive versuche ich im Denken um politische Visionen in das Schreiben einzubeziehen oder im Schreibvorgang zu ‚ verdauen‘. Dann fahre ich meist in unser  Atelier  im 4. Bezirk und versuche Material zu ordnen und die Konzeption  und den Raum für die Performance commune 1_73 in Düsseldorf im Februar zu entwickeln. Bilder anzuordnen, Material Recherchen, Versuche, Texte lesen etc.  Auch andere Planungen, Admin und Besprechungen mit meinem Team. Gerade ist die Zeit der Planung für das kommende Jahr mit theatercombinat. Danach schneide ich im Moment Videos, welche seit Juni und insbesondere im Herbst an verschiedenen Orten und Landschaften entstanden sind, wobei ich zugleich dabei bin das überhaupt zu lernen. Dazu versuche ich andere digitale Tools zu begreifen und zu lernen. Was mir als jemand der in Räumen denkt und arbeitet nicht leicht fällt.  Irgendwie so. Mit vielen Abweichungen wie Tisch Tennis spielen mit Freundinnen, Treffen im Atelier oder die fabulösen Zooms mit Menschen die in anderen Zeitzonen leben oder mit Freundinnen in den Wald gehen.

Claudia Bosse, Künstlerin_
Choreographin, Regisseurin, künstlerische Leiterin theatercombinat

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Pah. Das kann ich nicht für andere sagen. Ich denke für mich ist in dieser Zeit wichtig Konzentration aufzubringen, an Fragestellungen dranzubleiben, eine tägliche Praxis zu haben, die vertieft und Dinge wagen zu denken,  diese weitertreiben und Perspektiven oder besser Visionen zu entwickeln wie man ( gemeinsam) leben und arbeiten will.  Welche Werte und Inhalte will man gegenüber wem wie vertreten. Und in all dem beweglich und neugierig bleiben , flüssig und zudem unnotwendiges sein lassen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ich denke die Kunst kann Räume schaffen in denen man ohne Leib und Seele zu gefährden Erfahrung machen kann, die unsere Wirklichkeit auf Spiel setzen.  Ein Trainingsraum um Wirklichkeiten anders  zu ergreifen und zugleich zu verstehen dass man diese Wirklichkeit/en MITschafft, mitbestimmt,  nicht ihr/ ihnen ausgeliefert ist.  In der Kunst kann ich experimentieren mit Zusammenhängen, die man woanders nicht denken kann. In der Kunst kann Zusammenhänge und Material zueinander überprüfen, ich kann zb Zeiten zusammenbringen, die 2000 Jahre oder 35 Millionen Jahre entfernt sind oder Poesie mit Wissenschaft und Mythen.

Außerdem geht es um Allianzen,  Herausforderungen, ästhetische Erfahrungen, Wagnisse, die konkrete Berührung verschiedener Zeiten, und kollektives Spiel in geteilten Räumen. Oder ?

Was liest Du derzeit?

Verschiedenes : von Jean Pierre Vernant  „Tod in den Augen“ , ein Buch über Artemis und Gorgo und vieles mehr. Und Philippe Descola „Die Ökologie der anderen“, Das habe ich erst begonnen. Aristoteles“ Poetik“ habe ich wieder vorgekramt, Ovids „Metamorphosen“

Auguste Blanqui  „Ewigkeit durch die Gestirne“ zum wiederholten Male. Und seine „Anleitungen zum militärischen Kampf“ habe ich erst begonnen. Und fortlaufend Timothy Morton „Ökologie ohne Natur“ das hatte ich zur Hälfte auf Englisch gelesen und jetzt nochmals auf Deutsch und von ihm „Humankind: Solidarity with Non-Human People“.… andere Bücher habe ich angefangen und die wollen zuende gelesen werden, irgendwann. Ich lese oft parallel. Dann werden das gedankliche Landschaften zwischen den Texten. Das mag ich. Ah und vor kurzem beendet habe ich „An das Wilde glauben“ von Nastassja Martin gelesen. Eine schnelle Lektüre. Von einer jungen Anthropologin, die zu der animistischen Gemeinschaft der nomadischen Ewenen forscht, und dann dort in Sibirien einem Bären begegnete, der sie anfiel oder küsste, zumindest hat sie seitdem Schienen in ihrem Kiefer und hat ihr Denken verändert.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

So sitzend zwischen noch nicht und schon nicht mehr

 glaub ich nicht was ich denk.

Das ist von Bertolt Brecht aus dem Fatzer Fragment

Claudia Bosse, Künstlerin_
Choreographin, Regisseurin, künstlerische Leiterin theatercombinat

Vielen Dank für das Interview liebe Claudia, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Claudia Bosse, Künstlerin_Choreographin, Regisseurin, künstlerische Leiterin theatercombinat

http://www.theatercombinat.com/projekte/oraclesacrifice/os1.html

Fotos_Eva Würdinger   

7.12.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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