„Dass wir verlernt haben, uns selbst zuzuhören“ Elisabetha Pejcinoska, Schauspielerin und Drehbuchautorin _ Wien 11.1.2022

Liebe Elisabetha, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich beginne meinen Tag immer mit einem Frühstück und meinem Computer, wo ich gut 1-2 Stunden damit verbringe, meine E-Mails zu bearbeiten und Bewerbungen abzuschicken bzw. nach neuen Jobmöglichkeiten, Projekten etc. zu suchen.

Ich habe vor einem Monat meinen „normalen“ Job aufgegeben, um wieder mehr kreativ arbeiten zu können, und nutze jetzt diese Zeit, um mich sowohl mental als auch körperlich in Hochform zu bringen. Das heißt für mich, jeden Tag Sprech- und Schauspieltechnik, jeden Tag Bewegung (Sport oder Spazierengehen) und eine gesunde, ausgewogene Ernährung, die zumindest 1x Tag aus einer selbstgekochten Mahlzeit besteht. Um auch ohne fixe Anstellung Geld zu verdienen, habe ich letztes Jahr mit einer Freundin eine Serie von Luxus Dinner Events entwickelt, die 1x im Monat stattfinden werden. Unser erstes Event ist für Ende Februar angesetzt, und wir sind bereits ausgebucht. Wenn ich nicht am Organisieren oder Arbeiten bin, dann lese ich oder sehe mir Filme oder Serien an. Das Eintauchen in andere Realitäten war schon immer eine Leidenschaft, die sich durch Ausgangsbeschränkungen und Lockdowns noch intensiviert hat.

Elisabetha Pejcinoska, Schauspielerin und Drehbuchautorin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Zuhören. Ich weiß nicht, ob es an der Einsamkeit oder Egozentrik der Menschen liegt, aber man hört einander nicht mehr zu. Es ist, wie wenn die meisten Menschen „aufeinander“ und nicht miteinander reden. Jeder möchte seine Information loswerden, völlig unberührt vom Gegenüber. Mit Covid hat sich diese Entwicklung noch gesteigert, der Ignoranz hat sich ein reaktionäres Verhalten hinzugesellt, das sich hauptsächlich durch Beschimpfungen und Schuldzuweisungen ausdrückt.

Vielleicht liegt das aber auch daran, dass wir verlernt haben, uns selbst zuzuhören. Wir orientieren uns zu sehr an Social Media und den Medien, die uns vorgeben, wie wir aussehen, denken und sein sollen. Wir werden tagtäglich von Bildern und Beispielen umgeben, dass alles für jeden möglich sein kann, wenn man nur fest an sich glaubt. Jeder, wenn er will, kann Ruhm und Reichtum erlangen. Dem ist aber nicht so. Die Realität ist völlig anders, und erzeugt in den Menschen einen unglaublichen Druck und daraus resultierenden Frust, weil man diese Erwartungshaltung, die ja gar nicht aus einem selbst heraus kommt, nicht erfüllen kann. Vielleicht, wenn wir wieder lernen, uns mit unseren menschlichen Schwächen und Grenzen anzunehmen, dann werden wir auch andere Dialoge führen und zuhören können.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ich empfinde es nicht als Aufbruch oder Neubeginn, zumindest nicht kollektiv gesehen. Man dachte nach dem ersten Lockdown, die Menschen würden sich besinnen, in sich kehren, auf die wesentlichen Dinge im Leben konzentrieren, und die Welt würde besser werden. Das mag für eine kurzen Augenblick so den Anschein gehabt haben, aber wie man nach wiederholten Lockdowns sieht, ist jetzt eher das Gegenteil der Fall. Von Besinnung und Rückzug ist nichts mehr zu spüren, der Mensch ist ein Gesellschaftstier und sehnt sich nach Brot und Spielen.

Theater und Kunst hatten immer schon die Magie des unmittelbaren Erlebnisses und somit der Auseinandersetzung im Hier und Jetzt.

Was liest Du derzeit?

Ich lese derzeit von Christopher Vogler „The Writer’s Journey“. Es ist so etwas wie eine Bibel für Drehbuchautoren in Hollywood. Und nachdem ich selbst auch Drehbücher entwickle, ist dieses Buch schon lange auf meiner Liste. Christopher Vogler, der als Story Editor für die größten Hollywood Studios gearbeitet und unzählige Drehbücher geprüft hat, ist zu der Kenntnis gekommen, dass alle erfolgreichen Drehbücher eines gemeinsam haben: Ein archetypisches Grundmuster der „Heldenreise“. Dabei bezieht er sich auf die Mythosstudien von Joseph Campbell (The Hero with a Thousand Faces) und C.G. Jungs Tiefenpsychologie über Archetypen. In diesem Werk beschreibt Vogler die verschiedenen Stadien der „Heldenreise“ und erklärt sie anhand von Beispielen in der Filmgeschichte. Obwohl es als Handbuch für Drehbuchautoren und Schriftsteller gedacht ist, ist es für mich nicht nur ein Buch über das Schreiben, sondern ein Buch über das Leben.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Eines meiner Lieblingszitate stammt von Akira Kurasowa: „Künstler sein bedeutet niemals den Blick abzuwenden“.

Elisabetha Pejcinoska, Schauspielerin und Drehbuchautorin

Vielen Dank für das Interview liebe Elisabetha, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen vielseitigen Projekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Elisabetha Pejcinoska, Schauspielerin und Drehbuchautorin

Fotos_Phil Jelenska

6.1.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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