„Mach ich Theater, um dem Publikum etwas mitzugeben?“ Jacob Suske, Musiker/Regisseur _ Antwerpen/B 10.1.2022

Lieber Jacob, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Da ich jetzt wieder viel zu tun habe und meine Arbeit immer auch mit Reisen und Nicht-Zuhause-Sein zu tun hat, gibt es bei mir DEN Tagesablauf nicht. Das einzige was zu jedem Tagesbeginn gleich ist:

Café machen, „Europa heute“ hören, meine latenten Hüftschmerzen mit Dehnübungen im Zaum halten. Dann wird meistens geprobt. Nachts arbeite ich dann oft noch an meinen eigenen Projekten für die ich sonst keine Zeit finde. Allgemein enden die Tage also spät.

Jacob Suske, Musiker/Regisseur

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Abgesehen davon, dass die großen Konzerne und die obszön Reichen endlich einmal vernünftig Steuern zahlen müssten und die Weltpolitik das mit dem Klima hätte regeln sollen?

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, dem Theater, der Kunst an sich zu?

Aufbruch ? Ich kann leider keinen Aufbruch sehen. Habe ich etwas verpasst ? Ich empfinde leider eher eine Stagnation… im besten Falle. Nein, eigentlich ist es doch ein Rückschritt. Im Grunde sind ja alle Hoffnungen auf einen Aufbruch, die man sich im Windschatten der drohenden Katastrophe gemacht hatte verflogen. Der Staat wird nicht sozialer, die Reichen zahlen nicht mehr Steuern, die Emissionswerte sind wieder so hoch wie ehedem, wir arbeiten – wenn nicht gerade wieder Lockdown ist- wieder allzu häufig an der Belastungsgrenze, die extreme Rechte findet wieder zu ihren Themen, die Klimakonferenz bringt wieder nur Lippenbekenntnisse. Die Lockdowns kommen und gehen. Die Wissenschaft wird in offen angezweifelt, die Neuverschuldung muss in naher Zukunft wieder abgebaut werden. Nach beinahe 2 Jahren müssen wir immer noch mehr oder weniger zurückgezogen leben,  weil die Zeit nicht genutzt wurde um kreative Lösungen für das Gesundheitssystem zu finden.  Welcher Aufbruch also ?

Was das Theater angeht, bin ich gerade auch wenig optimstisch.

Das Theater ist leider aus gutem Grund sehr mit sich selbst beschäftigt.

Man schraubt also bei laufendem Betrieb am Motor herum,

und das ruckelt dann natürlich.

Wir produzieren- so meine Befürchtung- zu oft am Publikum vorbei in den Feuilleton oder in einen sehr abstrakten Diskurs hinein. Das ist in meinen Augen ein Teil eines systemischen Problems.

Überspitzt gesagt kann man sich entscheiden: mach ich Theater um dem Publikum etwas mitzugeben, oder mach ich Theater um betriebsintern Karriere zu machen. Diejenigen denen beides gelingt sind rar und beneidenswerte Ausnahmen. Im Allgemeinen schaffen wir es einfach zu selten den Kern eines Anliegens freizulegen. Die Anliegen sind ja vorhanden. Die Themen sind da.

Nur gilt es im Theater das Publikum nicht auszuschließen und sich dumm fühlen zu lassen. Das ist mir zu einfach. Natürlich muss man fordern und zuweilen auch überfordern, aber man muss sich klar darüber sein, was verstanden werden soll und wo es ins Assoziative, ins Überbordende oder Atmosphärische gehen kann.

Und ich persönlich wäre sehr dafür Theater dort zu stärken, wo es einmalig und nicht austauschbar ist. In der Nichtreproduzierbarkeit des Moments, in der Zumutung, in der Verneinung von Zuverlässigkeit und Berechenbarkeit und natürlich in seiner Freiheit.

Ich habe allerdings den Verdacht, dass das Publikum nach zwei Jahren Netflix nur noch wenig Nerv für die Anstrengungen und Zumutungen des mir vorschwebenden idealen Theaterabends hat…

keine einfache Gemengenlage mit keinen einfachen Antworten also.

Die Musikbranche hat jetzt natürlich auch einen riesigen Nachholbedarf.

All die verschobenen Veröffentlichungen und Konzerte.

Da ist´s gerade noch schwieriger sich Gehör zu verschaffen als ohnenhin schon.

Doch haben viele MusikerInnen die Zeit des Stillstands genutzt um sich weiterzuentwickeln. Alleine in meinem erweiterten Umfeld ist in den letzten beiden Jahren unglaublich viel Musik auf einem bewundernswerten Niveau entstanden. Auch wenn jetzt vieles ungehört in der Ecke liegen bleibt, bin ich davon überzeugt dass es einen kräftigen Kreativitätsschub in der Musik gibt.

Notgedrungener Maßen beruht vieles davon auf Solokonzepten, aber diese Tendenz weg von der Band oder dem Ensemble, hin zu Soloprojekten können wir ja schon lange beobachten.

Bleibt nur zu hoffen, daß die Stimmen der vielen vielen MusikerInnen auf dieser Welt denen in der Pandemie keinerlei Unterstützung zukam nicht verstummen werden.

Was liest Du derzeit?

Es liegen bei mir immer viel zu viele Bücher offen neben dem Bett.

Heute habe ich  „Nina & Tom“ vom Schweizer Schriftsteller Tom Kummer, von dem ich gerade eine Uraufführung vertont habe („Von schlechten Eltern“ in der Regie von Tilmann Köhler an den Bühnen Bern) gelesen. Er schreibt immer sehr nah und schonungslos an seiner von hohen Amplituden geprägten schillernden Biographie und rührt mich damit ungemein.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich bekam einmal eine Postkarte die mit den Worten „bleib erschütterbar“ endete. Daran muss ich in letzter Zeit oft denken. Bei der derzeitigen Großwetterlage laufen wir nämlich Gefahr abzustumpfen und die Bedeutung des Wortes Empathie zu verlernen. Das Gegenteil sollte aber der Fall sein. Und nein, ich beziehe mich hier nicht auf Impfverweigerer. Es gibt Menschen die unserer Empathie noch nötiger haben.

Jacob Suske, Musiker/Regisseur

Vielen Dank für das Interview lieber Jacob, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musik-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Jacob Suske, Musiker/Regisseur

Fotos_Amandine Monsterlet

2.12.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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