„Die Seele unserer Gesellschaft benötigt vielseitige Nahrung“ Marcela Selinger, Sängerin_ Vienna Calling Interview _Hotel Imperial Wien _ 26.12.2021

Herzlich willkommen, liebe Marcela Selinger, Sängerin, hier im Hotel Imperial an der Wiener Ringstraße. Das Hotel Imperial zeichnet eine reiche glanzvolle Wiener Tradition über die Zeiten hinweg aus. Welche Bezüge gibt es von Dir zum Imperial?

Marcela Selinger, Sängerin, Musikerin

Als ich beim Film arbeitete, hatten wir 2004 einen Dreh für den Film „Bestseller – Wiener Blut“ mit Gudrun Landgrebe und Ottfried Fischer hier im Imperial.

Ich kannte Wien zu dem Zeitpunkt nicht sehr gut, da ich erst frisch ankam- ich fand das Hotel außergewöhnlich, mit dem Stuck, den Teppichböden, den schweren Vorhängen und Ölgemälden der Monarchiegeschichte an den Wänden.

Das Hotel Imperial ist ein Kunstwerk in sich, die Menschen hier arbeiten sind überaus freundlich und die Stimmung ist ehrwürdig, friedlich und gelassen.

An diesem Ort habe ich den Eindruck, dass es nicht wichtig ist, ob man berühmt ist oder nicht.

Ich finde man fühlt sich einfach willkommen und jeder ist sehr entgegenkommend.

Obschon der Ort natürlich etwas „Konstantes“ Traditionsgeladenes hat, ist hier viel Bewegung durch verschiedene „Schichten“, was dafür sorgt, dass sich hier jeder wohl fühlen darf.

Der beständige, traditionelle Stil bildet für mich so eine Art „wohligen Teppich“, auf dem sich jeder*e wohl fühlen darf- egal welcher Herkunft.

Die Gästeliste des Imperial reicht von höchsten Staatsgästen bis zu Größen der Kunst- und Kulturgeschichte. Beim Eingang des Hotels befindet sich eine Gedenktafel für Richard Wagner. Inwieweit hatte/hat klassische Musik Einfluss auf Deine musikalischen Wege?

Klassische Musik hatte an sich gar keinen Einfluss auf meinem musikalischen Weg.

In der Tat konnte ich lange Zeit gar nichts mit klassischer Musik anfangen. Erst seit einigen Jahren entdecke ich die Klassik etwas mehr und lerne Musik generell von unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten und wahrzunehmen.

Die Schauspielerin Eleonora Duse war auch Hotelgast. Sie prägte das moderne Theater wesentlich mit. Wie siehst Du Sie als Künstlerin und moderne Frau?

Eleonora Duse war in meinem Augen sozusagen eine  „Moderne in der Prämoderne“. Eingebettet im Typus der traditionellen Gesellschaft schaffte sie es, das Starre durch ihr authentisches und damals neuartiges Schauspiel aufzubrechen und die Zuschauer an einem Ort in ihnen selbst zu berühren, der ihnen bis dahin möglicherweise verborgen war.

Das Konzept – die Idee von Kunst wurde von ihr neu gestaltet, ganz einfach indem sie den bisher bestehenden Rahmen dieser sprengte („Wer vorgibt, Kunst zu lehren, versteht rein gar nichts von ihr“).

Es ist als fühlte sie im Schauspiel ihre Mission, ihr Wesen, das sie zum Ausdruck brachte und hiermit das moderne Schauspiel wesentlich prägte und verhalf, eine neue Perspektive auf Kunst ins Leben zu rufen.

Ich denke, sie hatte einen starken Willen und eine klare Vision, der nichts im Wege stehen konnte – nicht einmal ihre Mutterschaft.

Für ihre Zeit war sie wohl extrem progressiv und die damaligen Vorgaben des „Frau-seins“ waren peripher – möglicherweise war es auch weniger verwerflich, weil sie den Deckmantel als Künstlerin hatte. Oder eben schon so verwerflich, dass es keine Rolle mehr spielte.

Die Diskrepanz, somit in einer sehr traditionellen Gesellschaft zu bestehen, hatte meiner Meinung nach einen nachhaltigen Einfluss auf das moderne Schauspiel – denn nichts ist so kraftvoll wie die Spannung in einem Balanceakt.

Unangepasst durch eine solche indiverse Zeit zu wandeln kann nur erweiternd wirken. Für das moderne Schauspiel ein Meilenstein, würde ich sagen, denn sie hat im Inneren für Verwirrung gesorgt mit einer gleichzeitigen Anziehungskraft, der sich keiner entziehen konnte.

Wir befinden uns derzeit in einer besonders herausfordernden Gesellschaftssituation. Wie beeinflusst, prägt, verändert dies auch die Musik, das Schauspiel, die Kunst?

Ich erlebe die momentane Gesellschaftssituation als sehr herausfordernd, denn man ist permanent mit existenziellen Fragen beschäftigt. An Zukunft ist momentan nicht zu denken, denn alles scheint  in Veränderung, nichts scheint mehr „sicher“. Und vielleicht war es immer so- möglicherweise bröckelt einfach die Fassade, die sich nun einige Jahrzehnte erhalten konnte und nun zusammenfällt.

In jedem Fall sehe ich, dass eine Art Starre eintritt, bei vielen Künstlern. Wenn schon Krisensituationen in früheren Zeiten oftmals besonders kritische Denker, Musiker und Künstler gebären lies, so empfinde ich es nun ganz im Gegenteil- Die Musik, die Kunst ist verstummt. Es ist, als hätte sich die Gesellschaft gegen sich selbst gestellt.

Die Uneinigkeit in der Gesellschaft verhindert gemeinsames Wachstum und sorgt für Entfremdung untereinander, Zynismus, Lieblosigkeit und Erschöpfung.

Mir scheint, als bräuchte auch die Kunst, so wie ich sie verstehe, einen gemeinsamen Geist, der sich verbindet und erschafft- möglicherweise ist dieser gerade gebrochen, denn Kontroversität  scheint nicht mehr erwünscht zu sein.

Ist der Mensch noch in der Lage zu koexistieren? Die Kontroverse empfinde ich als wesentliches Standbein für Wachstum  und diese bietet oftmals die Kunst, in jeglicher Ausprägung.

Ich weiß nicht was es benötigt, um das Feuer in der Kunst wieder zu entfachen – möglicherweise ist es gerade noch nicht an der Zeit.

Natürlich sehe ich weiterhin Musiker*innen, Künstler*innen, die spielen, schreiben und denken – zumeist allerdings in der Komfortzone.

Du hast Dir verschiedene Mode-, Epochenstile für das heutige Fotoshooting überlegt – herzlichen Dank dafür! – was hat Dich da in der Inspiration angeleitet?

Nun, ich fand es spannender verschiedene Stile zu paaren, eingebettet in dem traditionellen, konstanten Puls des Hotels.

Es soll die Tradition in der Moderne repräsentieren.

Was bedeutet Dir Mode?

Mode bedeutet mir eigentlich gar nichts – es sei denn, sie wird eingesetzt, um etwas zum Ausdruck zu bringen, das die Sinne anregt, vielleicht sogar zum Nachdenken bringt.

In erster Linie will ich mich wohl fühlen mit dem was ich trage.

Wie siehst Du das Verhältnis von Tradition und Moderne?

Wenngleich Tradition damals den Hauptpuls angab, so ist es mittlerweile der Progress nach dem gestrebt wird.

Die Rolle des Traditionellen hat sich verändert und darf nun eine Art Ruheplatz in dem stetigen Wandel bieten.

Es ist die Kehrseite der Starre, die Tradition ebenso verkörpern kann und auch lange getan hat.

Heutzutage empfinde ich Tradition allerdings oftmals als Ort zum Ausatmen und Rasten.

Welche Inspiration nimmst Du aus dem Imperial mit?

Die Inspiration, die ich aus dem Imperial mitnehme, ist zu spielen – zu begreifen, dass man Konzepte brechen kann, ändern, und dies nicht heißen muss, dass irgendetwas schlecht ist, richtig oder falsch.

Man kann Verschiedenes vereinen, sich inspirieren lassen anstatt zu versuchen die Idee der Separation zu schärfen.

Geborgenheit finden – in der Kontroverse, in der Andersartigkeit, im Zusammenspiel, die Tradition im Progress kann, darf und sollte bestehen – denn die Seele der Gesellschaft benötigt vielseitige Nahrung um nicht zu verkümmern.

Marcela Selinger, Sängerin, Musikerin

„Vienna Calling“ _ Porträt in Wort und Bild_

im Gespräch und Fotoporträt_

Marcela Selinger, Sängerin, Musikerin

http://www.marcy.at/

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _

Hotel Imperial_Wien

https://literaturoutdoors.com

Walter Pobaschnig 11_21

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