„Antworten in der Stille, in uns finden. Mal Klarheit bei sich schaffen“ Alev Irmak, Schauspielerin _ Berlin 26.12.2021

Liebe  Alev, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Vor zwei Tagen bin ich innerhalb von Berlin umgezogen. Also stehe ich sehr früh auf und dann gibt es ein Mini-Programm meiner Morgenrituale (Dusche, Matcha Tee, Morgenseiten, Yoga, Meditation) und dann geht es ran an die Umzugskartons. Es wird ausgepackt, geputzt, umgestellt, fehlendes besorgt, Drehbücher gelesen und Coachings vorbereitet. Ja, auch an solchen Tagen sind Coaching-Termine eingeteilt. Das Gröbste ist getan und ab morgen ist alles entspannter! Eine Balance zwischen körperlicher Arbeit und Kreativität, das mag ich, aber gerade fühle ich mich eher so, als wäre der Umzugs-LKW über mich gefahren 🙂

Alev Irmak_Schauspielerin, Schauspielcoach

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich denke, es ist wichtig, dass uns bewusst ist, dass in so einer besonderen Zeit jede/r Einzelne/r etwas Unterschiedliches braucht. Zuerst einmal braucht es gerade viel Empathie für sich, ein genaueres „hinhören“,  „hinsehen“ und „reflektieren“. Sich auch die Frage zu stellen, was brauche ich gerade. Antworten in der Stille, in uns finden. Mal Klarheit bei sich schaffen. Und mit diesem Bewusstsein und dieser Klarheit auch in den Kontakt mit dem Außen treten und zu akzeptieren, dass die/der Andere vielleicht was anderes braucht als ich.

Die Stimmung ist zum Teil sehr geladen. Das verlangt eine sehr sensible Kommunikation. Manchmal ist es auch gesund zu wissen, wann wir uns zurücknehmen sollten. Zu oft werden falsche Schlachten geführt und es rollen Köpfe. Luft raus nehmen, atmen, atmen und nochmal atmen. Wichtig ist es sich mit gesellschaftlichen und den eigenen Ängsten auseinanderzusetzen. Was treibt uns gerade an? Warum entscheiden wir uns gerade für diesen Weg? Verständnis.

Abgesehen davon genau beobachten was sich gesellschaftspolitisch durch die Krise verändert und wie sich das auf uns und unser Leben auswirkt. Mitgestalten.

Was mir hilft ist, mich mit inspirierenden und interessanten Menschen zu umgeben und auszutauschen. Ich suche gerade bewusst Kontakte, die mich menschlich und künstlerisch in meinem Dasein bereichern. Kommunikativ berühren!

Getestet/ Geimpft /Genesen umarmen! Umarmung, Zärtlichkeit, Liebe!

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?

Dem Theater und der Kunst wird die gleiche Rolle zukommen, wie es das immer schon getan hat. Es wird künstlerisch behandelt. Auf diese Frage und auf vieles Politische wurde schon so oft eingegangen, dass ich hier gerne auf was anderes hinweisen würde. Wir sollten uns mal anschauen wie wir überhaupt mit dem Umstand umgehen, wenn wir keine Kunst machen können bzw. nach außen tragen können, was momentan sehr oft passiert. 

Was mich seit geraumer Zeit beschäftigt, ist die Frage was mit den Künstler*innen passiert, die sich auf Projekte (wie zum Beispiel auf ein Theaterstück) vorbereiten, die kurz oder am Tag der Premiere abgesagt bzw. verschoben werden. Wir sind es gewohnt das wochenlang Erarbeitete aus dem Körper frei zu spielen. Was passiert jetzt mit all dieser Energie, die sich im Körper und Geist aufgestaut hat und keinen Ausweg findet?  Was macht das mit unserem Körper und Geist? Wie wird damit umgegangen? Das ist auch ein riesen Thema von Schauspielschüler*innen, die in der Krise ihren Abschluss gemacht haben. Was kommt jetzt bzw. kommt was? Es geht um eine Auflösung, ohne sich aufzulösen. Damit befasse ich mich gerade intensiv als Schauspielcoachin.

Das betrifft natürlich mehrere Bereiche und Berufsgruppen, nicht nur die Schauspieler*innen/Künstler*innen. Ich arbeite mit Jugendlichen und Kindern und bekomme mit, wie Depressionen und Angstzustände bei den erwähnten zunehmen. Das ist ein sehr heikles Thema, welches mich sehr berührt. Das sind so wichtige Entwicklungsjahre, die nicht gelebt werden können. Viele Kinder und Jugendliche fühlen sich allein gelassen. Da müssen wir genauer hinschauen.

!Die Krise wirft die Frauenbewegung um etliche Jahre zurück. Das war schon in den meisten Krisen so! Dadurch merken wir, dass das Thema Gleichbehandlung in unserem System zu langsam voranschreitet und noch nicht richtig verankert ist. Die Erwerbsarbeitszeit von Frauen ist der Corona-Krise ist wegen betreuungsbedürftigen Kindern und pflegebedürftigen nahen Verwandten stark gesunken.

Was passiert mit Leuten die immer schon unter psychischen Krankheiten gelitten haben? Was wenn man sich keine Therapie leisten kann?

Einsamkeit.

Alles nur angerissene Themen. Und es sind noch so viele andere Themen. Sehr oft kommt auch die Frage auf, was wirklich relevant (ja, fast schon existenziell) ist um gerade thematisiert bzw. besprochen zu werden. Bitte reden wir über alles und relativieren nicht die gegenseitigen Themen, die einen gerade beschäftigen.

Was liest Du derzeit?

„Vincent“ von Joey Goebel.

Und über die Weihnachtszeit darf ich eine Menge Drehbücher für meine Coachingtätigkeit lesen.

Welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Unsere tiefste Angst ist nicht, dass wir unzulänglich sind. Unsere tiefste Angst ist, dass wir unermesslich kraftvoll sind. Es ist unser Licht, das wir fürchten, nicht unsere Dunkelheit. Wir fragen uns: Wer bin ich eigentlich, dass ich leuchtend, hinreißend, talentiert und fantastisch sein darf? Wer bist du denn, es nicht zu sein?“ Marianne Williamson

Vielen Dank für das Interview liebe Alev, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Alev Irmak_Schauspielerin, Schauspielcoach

Foto_Mirjam Knickriem.

21.12.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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