„Fürsorglichkeit. Kümmern wir uns umeinander.“ Sebastian Hocke, Autor und Hörspielmacher_Brandenburg an der Havel 24.12.2021

Lieber Sebastian, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?   

Wenn ich meinen Sohn mit dem Rad zur KITA gefahren habe, war ich dann schon das erste Mal draußen. Unangenehm fänd ich es den ganzen Tag in Innenräumen zu verbringen. So gegen 9 beginne ich mit der künstlerischen Arbeit oder mache mich auf den Weg zum Unterrichten.

Das Wunderbare an meiner Arbeit ist ja, dass die Arbeitstage als Hörspielautor zwischen Ritual und Entdeckungsreise wild pendelnd vergehen. Viel spielt sich in Phasen ab. Denn für mich ist alles schreiben. Am Schreibtisch, bei der Aufnahme im Studio, draußen im Freien mit dem Mikrofon und am Schnittplatz. Ein Hörspiel entsteht für mich dreimal. Dreimal darf ich Autor sein. Einer der schreibt, einer der inszeniert und aufnimmt und dann bei der Montage. Deshalb fühle ich mich am wohlsten mit der Bezeichnung des Hörspielmachers.

Die härtesten sind für mich die Tage an den Manuskripten nach ihrer ersten Fassung. Wenn der erste verspielte Ideenrausch vorbei ist und der innere Dramaturg analysiert und bearbeitet. Da wird das Schreiben manchmal zum Boxkampf und man verlässt den Arbeitsplatz mit der einen oder anderen Blessur. Ich bin auch schon mal zu Boden gegangen und aus dem Ring gekrochen. Lädiert mit der sicheren Gewissheit den Kampf gegen den Text verloren zu haben. Die ganz großen Niederlagen werden seltener. Liegt vielleicht daran, dass man nicht mehr jeden Kampf führt. Manchmal ist ein schlechter Text, einfach nur ein schlechter Text und er will auch nicht besser werden, egal wie sehr man auf ihn einschlägt. Vielleicht liegts auch daran, dass ich immer später anfange mit dem Schreiben. Erst dann wenn ich schon glaube viel zu wissen über das was ich da tue. Bis dahin mache ich oft… keine Ahnung was ich in der Zeit mache. Es sieht von außen wohl kaum nach Arbeit aus.

Immer häufiger tausche ich die Tatstatur gegen das Mikrofon ein. Dann entstehen Stücke, die durch ihre Klänge geschrieben werden und ihre Struktur in der Montage finden. Das sind mir die liebsten Tage. Während ich den Schreibtisch eigentlich immer nach Möglichkeit vor 14Uhr verlasse, hält mich der Schnittplatz auch mal bis in die Nacht fest.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Fürsorglichkeit. Kümmern wir uns umeinander. Ich meine das im ganz nahen Umfeld. Nicht nur bestärken, auch kritisieren im Privaten wo es wehtut. Anschließend die Scherben zusammenkleben. Auch wenn ich mir gerade noch nicht vorstellen kann mit Corona-Leugnern in einigen Jahren friedlich beim Bier zu sitzen. Das werden wir wohl müssen. Aussöhnung muss möglich bleiben. Hier will ich mich aber nicht gemeinmachen mit denjenigen, die vermehrt die Spaltung der Gesellschaft kritisieren. Das ist das Schlagwort derer, die uns vor einem Jahr erzählt haben, dass man doch bitte zu Hause bleiben möchte, wenn man Angst vor dem Virus hat. Noch habe ich ehrlich gesagt aber auch keine Vorstellung davon, wie ich jemandem versöhnlich auf die Schulter klopfen soll, der sich als Impfgegner mit Holocaustopfern vergleicht.

Meine Hoffnung ist, vielleicht haben wir jetzt eine große Chance nachhaltig festzustellen, dass Marktgläubigkeit nicht alle Bereiche des Lebens durchdringen darf und der Wettbewerb uns nicht zwangsläufig besser macht. Das sehen wir aktuell in allen Bereichen der Daseinsfürsorge. Krankenhäuser die als Wirtschaftsunternehmen agieren und Ärzte, die Patienten wie Kunden behandeln müssen. Das Paradigma der Rentabilität das in den letzten Jahrzehnten alle Bereiche durchdrungen hat. Auch die Kultur und die Kunst. Selbstverständlich einhergehend mit mangelnder Wertschätzung gegenüber mangelnder Rentabilität. Überspitzt: Was keine Gewinne abwirft ist uns gegenwärtig nichts wert. Wenn viele Menschen fragen, warum haben wir denn überhaupt noch die Theater, wenn die sich finanziell nicht selber tragen können oder Rundfunkanstalten, deren gesellschaftliche Finanzierung man als ungerechte Alimentierung erachtet, dann haben wir als Gesellschaft auch etwas falsch gemacht. Dann haben wir die Skeptiker vom Wert dieser Instanzen nicht überzeugt.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?

Ich glaube nicht, dass es die Aufgabe der Kunst ist den gesellschaftlichen Aufbruch zu gestalten. Sie kann ihn begleiten, transparent machen, reflektieren. Kann vielleicht gelegentlich sogar initiieren, versöhnen und trösten. Ich würde das auf zwei Ebenen sehen wollen. Erreichen kann ich ohnehin nur die Einzelne, den Einzelnen, der oder dem meine Arbeit am Ende des Tages etwas bedeutet. Die Bedeutung einer künstlerischen Arbeit lässt sich selten gegenwärtig feststellen, sondern oft nur im Nachgang. Deshalb hat sie´s ja so schwer in der Gesellschaft. Das „Wofür ist das gut?“ ist auf eine schnelle, direkt sichtbare Konsequenz aus. So funktioniert Kunst aber nicht. Paradoxerweise ist das künstlerische Werk dann im Nachgang unersetzlich in Bezug auf unser kollektives Gedächtnis. Wie wir heute Dinge sehen, hängt vielfach davon ab, wie sie in Kunst und Kultur gespiegelt wurden und werden. Ich vermute das Differenzierte liegt uns Menschen nicht in der Gegenwart. Im Wettbewerb der Narrative setzt sich schnell eines durch, dem erst mit Abstand Nuancierungen abzugewinnen sind.

Was liest Du derzeit?

Raymond Carver. Mal wieder. Kaum einem Autor fühl ich mich so nah wie Carver. Den kann ich auch immer wieder lesen, was ich eigentlich sonst nie mache.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Das was wir nicht sagen ist genauso wichtig wie das was wir sagen.“ Den Zitatgeber erinnere ich nicht mehr. Zitieren ist keine Paradedisziplin von mir.

Vielen Dank für das Interview lieber Sebastian, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Sebastian Hocke, Autor und Hörspielmacher

https://www.sebastian-hocke.de/

Foto_Julia Herzog.

2.12.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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