„Auch Gefühlen von Wut, Frustration und Trauer Platz geben, sie kontextualisieren, sortieren, verarbeiten“ Sybille Bauer, Filmemacherin & Medienkünstlerin _Wien 26.11.2021

Liebe Sybille, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Zur Zeit, während des Lockdowns, sehen meine Tage sehr ähnlich aus: Ich sitze eremitisch zu Hause in meiner Wohnung, schreibe gerade an einem Drehbuch. Ich versuche wandern zu gehen, wann immer möglich, und Sport in meinen Alltag zu integrieren, der Psychohygiene wegen. Derzeit tut mir der Rückzug sogar gut, da ich generell etwas kontaktscheu bin, und das Glück und Privileg habe durch ein Arbeitsstipendium an meinem Drehbuch schreiben zu dürfen. Dafür brauche ich meistens viel Ruhe und Konzentration.

Sybille Bauer, Filmemacherin & Medienkünstlerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Solidarität, generell mehr „Wir“ als Ich“. Um Hilfe fragen, Hilfe in Anspruch nehmen, helfen wenn man kann, auf die physische und auch auf die psychische Gesundheit Acht geben. In Kontakt bleiben mit Menschen – auch wenn es physisch gerade nur sehr eingeschränkt möglich ist. Mitgefühl und Empathie für diejenigen haben oder entwickeln, die die Pandemie besonders hart trifft, ob beruflich, sozial oder gesundheitlich (physisch wie psychisch). Auch Gefühlen von Wut, Frustration und Trauer Platz geben, sie kontextualisieren, sortieren, verarbeiten.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Film, der Kunst an sich zu?

Diese Pandemie, so kommt mir vor, bringt das Schlechteste in allen Bereichen hervor, auch in uns Menschen wie es scheint. Die Pandemie ist eine riesige Konfrontation, ein Spiegel, den den wir als Gesellschaft vorgehalten bekommen, sie zeigt wie ungerecht unser (globales) System funktioniert und wie fragil es gleichzeitig ist. Tendenziell glaube ich, hat der Mensch die Tendenz zu verdrängen und sich erst dann mit Dingen zu beschäftigen, wenn das Fass am Überlaufen ist. Ich hoffe, dass Filme / Kunst noch mehr radikale Offenheit zeigen, dass wir mehr hinschauen auf die wunden Punkte, die schmerzhaft sind: die unseres Selbst und die der Gesellschaft.

Was liest Du derzeit?

Dieser Schmerz ist nicht meiner. Wie wir uns mit dem seelischen Erbe unserer Familie aussöhnen von Mark Wolynn

Katzenauge von Margaret Atwood

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Die Zeit heilt nicht alle Wunden, sie lehrt uns nur, mit dem Unbegreiflichen zu leben.“ Von Elisabeth Kübler-Ross

Vielen Dank für das Interview liebe Sybille, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Film-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Sybille Bauer, Filmemacherin & Medienkünstlerin

https://sybillebauer.com/

Foto_Andreas Wörister

23.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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