„Dass wir weitersuchen nach der Identität“ Tara Meister, Schriftstellerin_Romanjubiläum Malina_Wien 27.11.2021

Tara Meister, Schriftstellerin_Wien
am Romanschauplatz_Malina _ Wien

Herzlich willkommen liebe Tara Meister, Schriftstellerin, hier am Romanschauplatz „Malina“ in Wien, 1030! Dich verbindet unmittelbar mit Ingeborg Bachmann, dass Du in jungen Jahren von Kärnten nach Wien gezogen bist. Wie bist Du in Wien angekommen und wie geht es dir mit Deinen vielseitigen Projekten, Vorhaben in Studium und Literatur?

Ich bin etwas ungewöhnlich in die Literatur eingestiegen und habe in Kärnten im Alter von dreizehn Jahren an einem ersten Jugendroman geschrieben, der dann einer von dreien geworden ist, die dann im Alter zwischen fünfzehn und siebzehn Jahren auch veröffentlicht wurden, auch mit Lesungen auf der Leipziger Buchmesse, das heißt, es war ein relativ intensiver Einstieg.

Danach habe ich mich nach einer Pause der Kurzprosa zugewendet, habe immer wieder auch Lyrik geschrieben und bewege mich im Moment auch in diesem Bereich und im Bereich spoken word. Und ich habe vor zwei Jahren und jetzt auch wieder die Dramatik für mich entdeckt und jeweils ein feministisches Theaterstück verfasst. Das waren meine zwei größten Projekte in den letzten Jahren.

Im Hintergrund schlummert auch eine Romanidee, die hoffentlich bald erwachen darf (lacht).

Ich habe das Gefühl, dass ich mich im österreichischen Literaturbereich immer mehr zurechtfinde und lerne diesen immer besser kennen, auch über Literaturzeitschriften. Ich finde es sehr angenehm, dass es doch -wie vieles in Österreich- sehr überschaubar ist. Man lernt schnell verschiedene Personen kennen, was mir beim Schreiben wahnsinnig wichtig ist. Mit meiner Idee allein im Kämmerchen zu sein, da würde ich mich nicht wohlfühlen. Ich genieße es sehr, mit anderen im Austausch zu sein und auch Projekte gemeinsam anzugehen.

Bist Du im Moment als Schriftstellerin hauptberuflich tätig?

Nein, im Gegenteil, ich bin jetzt im fünften Jahr meines Medizinstudiums, das doch sehr zeitintensiv ist und war daher in den ersten zwei Jahren hauptsächlich damit beschäftigt. Jetzt in den letzten eineinhalb Jahren, auch aufgrund von Corona, ist auch in der Literatur wieder viel passiert und ich bin wieder drinnen im Schreiben.

Was sind jetzt Themen Deines Schreibens und was waren erste Themen am Beginn Deines Schreibens in frühen Jahren?

Als ich begonnen habe, waren es andere Themen. Da habe ich geschrieben was ich gelesen habe, viel fantastische Literatur.

Mittlerweile ist das ganz anders, ich beschäftige mich viel mit feministischen Themen. Ich schreibe viel über Frauen, Frauenkörper, Lebenssituationen, unbezahlte Care-Arbeit etwa- das sind Sachen, die mich interessieren und beschäftigen. Diese Themen sind für mich literarisch wie medizinisch interessant. Ich möchte Frauenärztin werden und bin mittlerweile auch engagiert und aktivistisch im Bereich Sexualpädagogik.  

Wie schaffst Du den Spagat von Studium, Berufsausbildung und Literatur?

Ja, lange war das sehr schwierig und es ist nach wie vor so, dass die großen Projekte unter dem Stundenplan leiden, weil es sich einfach nicht ausgeht, sich in Größeres reinzudenken. Aber es lässt sich schon sehr schön verbinden und ich würde behaupten, dass beide voneinander profitieren, das Schreiben von der Medizin und die Medizin vom Schreiben. Wenn ich lange in einem Bereich drinnen bin, vermisse ich den anderen auch wieder. Ich empfinde das schon als bereichernd.

In welche Richtung wird Dein Romanprojekt gehen? Wird es auch ein Wien_Roman wie Malina?

Ja, tatsächlich wird er in Wien spielen und es geht um eine sehr intime, komplizierte Frauenfreundschaft, in der es viel um Nähe, Distanz, Anziehung und Abstoßung geht. Aber viel mehr kann ich dazu nicht sagen, der Roman ist noch in den Kinderschuhen (lacht).

Welche Rolle spielen Orte in Deinem Schreiben?

Orte sind als Ausgangspunkt, Orientierung ganz wichtig für den Rahmen. Ich würde sagen, dass diese für mein Schreiben als Startpunkt, Anhaltspunkt, Beginn wichtig sind und dann bewege ich mich tendenziell wieder relativ weit davon weg.

In Deinem Roman wird es – wie ja auch bei Malina – um Identität, Selbstbild einer Frau gehen. Begleitet dieses Thema Dein Schreiben grundsätzlich?

Ja, auf jeden Fall. Ich beschäftige mich immer wieder mit der Frage wie sich die Identität einer Frau in der heutigen Zeit fassen lässt, wie sich diese formen darf und wie nicht, welchen Rahmen sie ausgesetzt ist. In meinem Roman wird es bei einer Frauenfigur vor allem um das Bedürfnis auszubrechen gehen. Sie ist ein sehr freiheitsliebender Mensch und fühlt sich schnell eingeengt. Und sie ist mit Themen konfrontiert, die sie einsperren.

Die Frage nach der Identität der Frau ist ja auch die Mitte des Romans Malina. Welche Zugänge hast Du zu diesem Roman?

Ich habe Malina mit achtzehn Jahren gelesen und der Roman hat mich wahnsinnig aufgewühlt. Die namenlose Ich-Person hat mich sehr lange beschäftigt und ich habe dann immer wieder reingeblättert und neue Sachen entdeckt. Es hat für mich mehr und mehr eine Allgemeingültigkeit bekommen, dass das Umfeld diese Identität nicht halten kann, keine Stütze gibt und dieses Bemühen sich selbst zusammen zu suchen, scheitert. Ich glaube, dass es ein tief feministischer Roman ist, der nach wie vor Gültigkeit hat und in dem ganz große Fragen stecken.

Welche feministischen Fragen, Themen siehst Du in Malina und wie stellen sich diese heute dar?

Die große Frage ist, lässt sich, so wie die Erwartungen heute an Frauen gestellt sind, ein Ich finden, mit dem wir im Einklang stehen können und das nicht nur aus Widersprüchen besteht. Das ist eine zentrale Frage des Romans für mich und diese besteht nach wie vor.

Viele Widersprüche sind nach wie vor da. Auf der einen Seite der Anspruch Karriere zu machen, Lohnarbeit zu verrichten und gleichzeitig den Hauptanteil der unbezahlten Care-Arbeit zu leisten.

Viele Ansprüche werden auch an den Körper der Frau herangetragen. Dieser Widerspruch aus „liebe Deinen Körper wie er ist“ und gleichzeitig aus einer tief kapitalistischen Motivation, Frauenkörper zu beschämen.

Widersprüche in der Sexualität. Den Anspruch begehrenswert, schön zu sein und gleichzeitig eine gewisse Enthaltsamkeit, Passivität an den Tag zu legen, sich für Promiskuität beschämen zu lassen.

Die Liste ist lang (lacht).

Wir sind hier im Wohnhaus der Ich-Erzählerin des Romans. Wie liest, verstehst Du die Romanfiguren?

Ich finde es schwierig, die Ich-Person als ganze Figur zu benennen. Ich habe das Gefühl, sie ist zerflossen, schwer greifbar und begrenzbar, im ganzen Roman.

An diesen Ivan, diesen Partner, werden ganz viele Wünsche herangetragen, die er nicht erfüllt und auch stellvertretend nicht erfüllt.

Malina ist für mich ein Projektion eines anderen Anteils des Ichs. Wie so eine Säule, an die sich dieses Ich noch lehnen will, an der sie sich orientiert, was ja zum Schluss nicht mehr funktioniert.

Das ist meine Wahrnehmung von diesen Figuren.

Du liest die Romanfiguren als Selbstreflexion der Frau und Malina als Selbstanteil im Prozess des Selbstverstehens?

Genau, der Roman reflektiert, wobei es eher eine Dekonstruktion als eine Reflexion ist.

Wie siehst Du das Ende des Romans?

Tragisch. Ein tragisches Ende, in dem auch das Schreiben noch einmal eine Rolle bekommt, das mit zu diesem Tod gehört, führt. Vielleicht auch als Katalysator eines Sterbens, einer Identität und zu einem gewissen Grad auch anklagend. Der letzte Satz ist ja „Es war Mord“ und das lässt für mich die Frage offen, wer hat Schuld am Verschwinden dieser Identität.

Wer hat Schuld?

Ingeborg Bachmann stand natürlich in einem unmittelbaren Näheverhältnis zum Erleben des Weltkrieges und des Nationalsozialismus, welches ich nicht habe. Aber diese Grundidee wie viel Platz eine Frau in den  nachklingenden patriarchalen Machtverhältnissen, die sie erdrücken, hat, beschäftigt nach wie vor. Da es diese immer noch gibt mit anderen Hintergründen, Schwerpunkten als damals. Vorbei ist das ja nicht.

Was hat sich in den fünfzig Jahren seit Erscheinen des Romans in diesen gesellschaftlichen Fragen verändert?

Es hat sich dahingehend viel verändert, dass Frauen vermeintlich heute alle Möglichkeiten haben, dass rechtlich die Situation ganz anders ausschaut, was primär ganz wichtig ist aber auch verschleiert wie viel Ungleichheit nach wie vor noch da ist. Dass es in Care-Arbeit, Kinderversorgung, Hausarbeit, Bezahlung wahnsinnig große Unterschiede gibt, die mühsam aufbereitet werden müssen. Es findet eine subtilere Art von Ungleichheit statt.

Was sich auch verändert hat, ist, dass sich das Männerbild in einer Art Krise befindet oder zumindest auf diese zusteuert, in der sich auch die andere Hälfte der Welt mit ihrer Identität neu beschäftigen soll und muss.

Was sind die Hauptaspekte der Krise des Männerbildes?

Dass Männer ihre Autorität nach und nach verlieren, und sich jetzt in einer Zwischensituation befinden wo sie noch mit dieser Autorität größtenteils aufgewachsen sind, gesehen haben, dass die Welt von alten weißen Männern regiert wird und die Entscheidungen so getroffen werden und es aber für die kommenden Generationen hoffentlich nicht mehr so stimmt. Das heißt, dass andere Erwartungen an sie herangetragen werden und Männlichkeit neu definiert wird – wie gehe ich mit meinen Gefühlen um? Wie werde ich gebraucht?

Was wir als toxische Männlichkeit verstehen, hat ganz viel damit zu tun, dass Externalisierung passiert. Externalisierung der Gefühle, dass Trauer und andere Emotionen in Form von Aggression nach außen verlagert werden und dies natürlich ein Nährboden ist für männliche, häusliche Gewalt,  verschleierte Depressionen und mehr. Für die Gesundheit der Männer wäre es ganz wesentlich, da mehr in Kontakt mit sich zu treten. Es ist auch im medizinischen Bereich zu sehen, dass Männer sich keine Schwäche eingestehen, nicht zum Arzt gehen, risikobehaftetes Verhalten an den Tag legen, ihre Lebenserwartung geringer ist. Ich arbeitet auch ehrenamtlich im Bereich der Beratung gewaltbetroffener Frauen.

Die Liebe wird in Malina eingehend in allen Facetten von Emotion dargestellt und geschildert. Wie siehst Du dies und wie ist es in der Gegenwart?

Im Roman nehme ich es als etwas sehr Verzweifeltes wahr, im Kontext des Romans hätte ich es vielleicht gar nicht mit Liebe benannt. Ich glaube, dass es diese Form nach wie vor gibt. Ob sich da viel verändert hat? Da wäre ich mir nicht so sicher. Ich denke und hoffe, dass sich Liebe immer weiter von Abhängigkeit lösen kann und wird. Dass dies zu trennen ist.

Du bist auch in der Frauenberatung tätig. Welche Punkte würdest Du im Gespräch mit der Ich-Erzählerin behandeln bzw. was ihr raten?

Das ist schwierig. Was wir in der Frauenberatung tatsächlich machen, ist, dass wir Frauen, die das wollen, helfen -etwa in gefährlichen Situationen- Frauenhäuser aufzusuchen. Ob das bei der Ich-Erzählerin nötig wäre, weiß ich jetzt nicht. Aber ich denke, wichtig wäre es schon, sie aus einem männlichen Umfeld in ein weibliches zu holen, zu einer Art Erholung vielleicht.

Der Roman Malina hat eine Kapiteldreiteilung – Glücklich mit Ivan/Der dritte Mann/Von letzten Dingen – wie siehst Du diese Komposition inhaltlich und literarisch?

Im Mittelteil geht es ja ganz viel um die Offenbarung des Hintergrundes, um den Vater, der für ganz Vieles immer wieder steht. Es geht um diese Verwundung. Im dritten Teil geht es immer mehr um dieses Verschwinden, wie man es nennen will, um Sterben vielleicht, Sterben ihrer Identität. Im ersten Teil geht es viel um dieses Fragmenthafte, diese Briefe, Fetzen ihrer Wirklichkeit. Ich weiß jetzt nicht, ob ich da alles noch so auseinanderhalten kann.

Sind diese Kapitel exemplarische Stationen im Lebensweg einer Frau, der Liebe an sich? Das Verliebtsein, der Blick auf das persönliche Werden und dann das Verschwinden, die Dekonstruktion? Ein unbedingter Dreischritt, an dem man auch scheitert?

Das würde ich mich nicht trauen mit ja zu beantworten. Ich bin relativ jung und in einer Phase, wo ich sage, ich erlebe auch viel an Dekonstruktion in meinem Umfeld mit gleichaltrigen Frauen, deswegen glaube ich, dass es diese Reihenfolge nicht unbedingt einhalten muss.

Dass früher oder später auch eine Beschäftigung mit der Vergangenheit, Prägung, auch Unterdrückung, stattfindet, halte ich schon für grundlegend. Ich glaube, dass dies in jedem Leben einer Frau einmal auftaucht, auftauchen sollte, aufgearbeitet werden sollte.

Das Verliebtsein ist glaube ich sehr individuell (lacht). Ich denke, ob einmal groß oder jeden Tag neu, im Herbst des Lebens wieder, da gibt es keine Chronologie.

Gibt es Liebe auf den ersten Blick wie im Roman in der Begegnung mit Ivan am Blumengeschäft?

Ich kenne sie nicht (lacht). Ich glaube, dass es dazu ein gewisses Gefühl von „Nichts-Zu-Verlieren-Zu-Haben“, eine gewisse Leidenschaftlichkeit in diesen Moment hineinzustürzen braucht und dies so wahrzunehmen. Ja, ich habe davon gehört, bin persönlich aber nicht davon überzeugt (lacht).

Die Ich-Erzählerin baut ja an ihrer Welt der Liebe. Wie siehst Du diesen Prozess der gemeinsamen Weltbildung in der Liebe?

Grundsätzlich denke ich, dass die Liebe eine dauerhafte Baustelle ist und dass man sich dies auch unbedingt vor Augen halten sollte und wissen sollte, dass es da immer etwas zu basteln geben wird und dafür eine Bereitschaft und Freude da sein sollte.

Ich bin auch eine große Freundin der Therapie, der Paartherapie auch, und glaube, dass wir uns alle eingestehen müssen, dass so wie es in den Hollywood Filmen immer aussieht mit Liebe auf den ersten Blick und happy-ever-after –  das ist es nicht.

Beziehungsarbeit ist Arbeit. Auf diesem Weg sollten sich, denke ich, die Baupläne nicht so sehr unterscheiden. Wenn es um die Konstruktion von eigenen Realitäten geht, birgt dies sehr viel Konfliktpotential in sich, unterschiedliche Realitäten anzuerkennen und auch zu verlieren, die im Abgleichen dann schmerzlich unterschiedlich sind.

Ich glaube, was wir vieles an Phantasie und Wünschen mitbringen und in das Gegenüber projizieren, das kann auch schon sehr fatal enden. Die Baupläne in der Liebe abzugleichen ist ein ganz wichtiger Prozess.

Im Roman ist auch der Blick, die Auseinandersetzung mit dem Unbewussten, den Träumen wesentlich. Wie wesentlich ist dies auch für die Liebe?

Also, ich finde es ein bisschen unheimlich. Ich finde auch die Psychoanalyse ein bisschen unheimlich, die Vorstellung, in irgendwelche unendlichen Tiefen zu gehen und dort zu wühlen, dies tut glaube ich der Ich-Erzählerin nicht nur gut oder gar nicht gut, teilweise. Da muss es etwas geben, das einen da wieder rausholen, auffangen kann.

Ich habe ja nur sehr peripher mit Beratung zu tun, aber ich habe immer große Achtung davor, keine Re-Traumatisierungen auszulösen, Sachen nicht anzusprechen oder nicht nachzufragen. Ich glaube, dass wir uns schon hüten müssen vor den Tiefen des Unbewussten und dass auch Verdrängung eine berechtigte Strategie ist mit Erfahrung umzugehen.

Welche Zugänge gibt es von Dir zu Ingeborg Bachmann?

Ich komme ja aus Kärnten und war auch seit meinem sechzehnten Lebensjahr fleißig beim Bachmannpreis bei den Lesungen. Ich habe das immer sehr genossen und gerne verfolgt.

Ich habe früh Gedichte von Ingeborg Bachmann gelesen, später auch ihre Erzählungen, Kurzgeschichtensammlungen, die ich auch immer wieder gerne lese. Malina las ich dann mit achtzehn Jahren, was mich sehr bewegt hat.

Ich habe auch die Autoren, die Männer um sie herum viel gelesen, und finde es sehr spannend mir das auch vorzustellen, wie sie miteinander agiert haben und sich verschiedene Romane parallel entwickelt haben.

Ingeborg Bachmann im Kreis von Schriftsteller*innen im Wien der Nachkriegszeit. Welche Eindrücke, Beschäftigungen von Dir gibt es da zum literarischen Wien damals und wie ist die Situation heute?

Ich frage mich das oft wie das damals in Wien zur Zeit Bachmanns gewesen ist. Was ich glaube rauszuhören ist, dass es persönlich sehr tragisch war, und wahrscheinlich waren auch hier diese männlich dominierte Welt, diese männlich dominierten Kreise, frustrierend für sie und schwierig sich dort gut zurechtzufinden.

Mich fasziniert, dass Ingeborg Bachmann Zeit ihres Lebens, trotz aller Verlorenheit auch, so viel gemacht hat, Treffen mit großartigen Menschen stattgefunden haben. Wenn man sich da heute die Namen vor Augen hält, die da zusammengekommen sind, das ist wahnsinnig faszinierend.

Ich besuche in Wien regelmäßig eine Werkstatt für junge Literaten*innen im Literaturhaus. Die „gläsernen Texte“ gibt es seit ein paar Jahren, die von zwei jungen Schriftstellerinnen organisiert werden, was ich ganz großartig finde. In Wien gibt es immer wieder literarische Treffpunkte, wie in der Alten Schmiede oder im Café Anno etwa. Das fehlt als junge Literatin in Kärnten schon stark. Es besteht allerdings jetzt auch die Möglichkeit, auch eine Folge von Corona, länderübergreifend online an Besprechungen teilzunehmen.

Das Kindheits-, Jugendhaus von Ingeborg Bachmann in Klagenfurt wurde jetzt im September des Jahres vom Land Kärnten gekauft. Was erwartest Du Dir als Schriftstellerin da?

Da habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Da bin ich einfach neugierig.

Deine literarische Arbeit ist sehr vielfältig. Gibt es da für Dich auch heute Impulse von Ingeborg Bachmann?

Ja, absolut, auf jeden Fall. Ich habe eine zeitlang viel Lyrik geschrieben, mittlerweile weniger. Ich finde Ingeborg Bachmanns Gedichte ganz großartig, und gleichzeitig hat sie unglaubliche Kurzgeschichten, Hörbücher, Romane verfasst, unglaublich spannende Dinge. Ich habe das Gefühl, sie war immer so sehr in Kontakt mit dem, was sie geschrieben hat, was sie bewegt hat, so committed dabei, dass mich das wahnsinnig fasziniert und inspiriert auf jeden Fall.

Was kannst Du von dem Roman Malina in ein Schriftstellerinnenleben heute mitnehmen?

Ich denke, nach wie vor gibt es viele Herausforderungen für schreibende Frauen, gerade, wenn es um Dramatik geht. Ich habe mich kürzlich wieder mehr mit Dramatik befasst, hier gibt es im Verhältnis sehr wenige schreibende Frauen. Da gibt es schon immer wieder Hürden und den Auftrag sich da durchzusetzen.

Ich glaube, dass Bachmann eine sehr zentrale Hintergrundfigur für schreibende Frauen ist, die da sehr inspirierend, wichtig ist und für die Identität einer schreibenden Frau, auch für mich, eine Vorreiterin war.

Du hast den Bachmannpreis in Klagenfurt seit Jugendtagen vor Ort miterlebt, jetzt auch die virtuellen Varianten. Welche Inspirationen, Eindrücke nahmst und nimmst Du da immer wieder mit?

Ja, die virtuelle Variante habe ich mir jetzt auch angesehen. Ich fand es schon in Präsenz immer wieder sehr brutal, finde, dass es virtuell noch viel schlimmer ist (lacht) und muss auch sagen mit sechzehn/siebzehn Jahren fand ich das noch sehr lustig, je mehr ich selber schreibe, desto mehr tun mir diese Menschen auch leid.

Ich mache ja auch viel spoken word poetry slam, wo alles sehr willkürlich ist und ich würde sagen, dass auch der Bachmannpreis sehr willkürlich ist.

Ich finde die Bachmannpreistexte immer wahnsinnig spannend zu lesen. Ich lese diese meist lieber für mich.

In den Besprechungen der Texte gibt es immer wieder so eine männliche Autorität, eine Stimmung von Konkurrenz, Alphaverhalten, was ich ganz bizarr für etwas so Zartes wie Literatur finde.

Das Konzept eines Wettbewerbes in der Literatur ist seltsam genug und da wäre mehr Vorsicht angebracht in welchem Format es stattfinden darf. Ob da wirklich diese Menschen in dieser ganzen Besprechung sitzen und sich diese Blöße geben müssen.

Es ist ein spezielles Format und ich frage mich jedes Jahr, ob sich das Bachmann so gewünscht hätte in ihrem Namen.

Inwieweit ist der unmittelbare Austausch mit Schriftsteller*innen da vor Ort auch wichtig?

Ganz wichtig. Es findet ja parallel auch eine Literaturwerkstatt für junge Schreibende, die Texte besprechen und zusammenkommen, statt und insgesamt ist es einfach wie bei Buchmessen auch ein Platz, um Leute zu treffen, sich gegenseitig auf den aktuellen Stand der Dinge zu bringen. Ich habe das zwar damals mit siebzehn/achtzehn Jahren in Klagenfurt nicht so stark empfunden aber alleine die Personen zu sehen, das ist ganz wesentlich.

Ich könnte mir Schreiben ohne sozialen Austausch überhaupt nicht vorstellen und bin auch bemüht mit gleichaltrigen Schreibenden in Kontakt zu bleiben und organisiere hin und wieder Treffen, um Texte zu besprechen und einfach gemeinsam zu schreiben. Ich finde das sehr befruchtend.

Kannst Du Dir selbst vorstellen beim Bachmannpreis zu lesen?

Sollte sich das je ergeben, sage ich natürlich nicht nein. Es würde mich wahnsinnig freuen und ehren. Und sollte das passieren, hoffe ich, dass ich mir bis dahin eine relativ dicke Haut zugelegt habe. Ich bin immer wieder bei Literaturwerkstätten, wo Texte besprochen und auch zerpflückt werden und wo ich immer mehr lerne mir konstruktives Feedback herauszufiltern aus den Rückmeldungen und auch lerne, selbst welches zu geben, weil ich glaube, dass das wahnsinnig wichtig ist. Ich werde ab nächstem Jahr am Deutschen Literaturinstitut Leipzig literarisches Schreiben studieren. Auch dort funktioniert der Großteil des Studiums über Textwerkstätten, dies wird sicher nochmal eine gute Schule dafür.

Es ist nicht jedermanns/-fraus Sache sich mit Texten, die einem sehr nahestehen, die sehr persönlich sein können, einem Wettbewerb wie dem Bachmannpreis auszuliefern.

Dein zukünftiger Studienort Leipzig ist ja auch mit dem Namen Sebastian Bach verbunden. Bei Ingeborg Bachmann gab es ja enge Kooperationen zur Musik. Welche Rolle spielt Musik für Dich und Dein Schreiben?

Ich spiele ein klein wenig Klavier und Gitarre, so dass ich mich beim Singen begleiten kann, was ich wirklich sehr gerne mache. Ich verbinde es aber nicht wirklich mit dem Schreiben.

Im spoken word Bereich arbeite ich sehr viel mit Rhythmus. Ich bin auch der Meinung, dass Lyrik auch eine Art von Musik sein kann, etwas Melodiöses haben kann, einen Wortklang, mit dem ich mich durchaus beschäftige.

Ingeborg Bachmann ist in Kärnten geboren und aufgewachsen wie Du und viele weitere Schriftsteller*innen. Gibt es Deiner Meinung nach etwas Typisches für Literatur aus diesem Kulturraum?

Gute Frage, wenn ich so an die Schriftsteller*innen denke, haben sich schon sehr viele kritisch mit ihrer Kindheit, einer gewissen Abgeschiedenheit, der Aufarbeitung von Themen des Krieges und des Nationalsozialismus, des Austrofaschismus und einer konservativen Haltung und Erziehung beschäftigt. Dies trifft auf mich jetzt nicht mehr so zu, zum Glück. Aber ich erlebe das schon so, dass es etwas anderes ist in Kärnten zu schreiben. Ich schreibe viel Zuhause in Kärnten, bei meinen Eltern. Ja, diese Berge, diese Grenzregion, diese Geschichte, die noch nicht ganz aufgearbeitet ist und immer irgendwo mitklingt.

Wie ist Dein Schreibprozess unmittelbar? Gibt es strukturierte Schreibzeiten?

Ja, ich bin ein sehr strukturierter Mensch grundsätzlich und muss dies auch für das Schreiben sein, damit es sich mit dem Medizinstudium kombinieren lässt. Es gibt fixe Schreibzeiten. Der Schreibprozess selbst ist sehr von der Textsorte abhängig. Wenn ich spoken word Texte schreibe, die ja einen gewissen Fluss haben sollen, dann schreibe ich diese relativ schnell und lasse das auch assoziativ entstehen. Wenn ich Kurzgeschichten schreibe, beschäftige ich mich relativ lange davor mit dem Konzept. Lyrik schreibe ich meistens zwischendurch, unterwegs, wenn der Impuls da ist. Ja, ich schreibe konsequent, regelmäßig.

Ingeborg Bachmann hat ja viele Texte auch überarbeitet- wie ist dies bei Dir?

Ich schreibe meistens einen Text, dann brauche ich einen gewissen Abstand dazu, weil ich keine Objektivität direkt nach dem Schreibprozess herstellen kann. Einige Tage später schaue ich es mir dann nochmal an und im besten Fall haben in dieser Zeit auch zwei oder drei Personen drübergeschaut, von denen ich weiß, dass es wertvolles Feedback ist. Und dann überarbeite ich es, das wird  immer einfacher und es ist schön, auch eine gewisse Entspanntheit zu eigenen Texten zu finden. Ich hänge nicht mehr mit so viel Herzblut daran wie vielleicht als Teenager. Ich bin da ganz desillusioniert und wenn ich Feedback bekomme, setze ich das um.

Schreibst Du digital oder analog?

Ich schreibe digital, in Cafés, am Laptop. Nur kurze Texte oder Textideen, Lyrik schreibe ich per Hand. Früher habe alles per Hand geschrieben und habe es als wahnsinnig mühsam empfunden, gerade auch was die Überarbeitung betrifft. Da bin ich jetzt nicht nostalgisch (lacht).

Löscht Du Textversionen oder archivierst Du diese?

Es wird archiviert. Es gibt die erste Fassung und dann gibt es die aktuelle Fassung.

Darf ich Dich noch zu einem Malina Achrostikon bitten?

M Mut

A Aufbruch

L Lust

I Innensicht

N Nihilismus

A Abschluss

Was würdest Du Malina, hier am Romanschauplatz, noch sagen?

Vielleicht, dass wir weitersuchen nach der Identität.

Tara Meister, Schriftstellerin_Wien
am Romanschauplatz_Malina _ Wien

 Herzlichen Dank, liebe Tara, für Deine Zeit in Wort und Bild hier am Romanschauplatz „Malina“! Viel Freude und Erfolg für alle literarischen Projekte!

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und Fotoporträt:

Tara Meister, Schriftstellerin_Wien

Tara Meister wurde 1997 geboren und ist als Älteste von fünf Schwestern in Kärnten aufgewachsen. Bereits während ihrer Schulzeit versuchte sie sich in verschiedenen Textformaten. Nach ihrem Abschluss bereiste sie für ein Jahr Südostasien und Japan und begann anschließend ihr Medizinstudium an der Medizinischen Universität Wien. Ehrenamtlich arbeitet sie nebenbei im Bereich Jugend-sexualpädagogik und in der Beratung
von gewaltbetroffenen Frauen.

Die 24-Jährige bewegt sich aktuell zwischen Kurzprosa, Spoken Word und Dramatik, ihre Texte wurden mehrfach ausgezeichnet und in diversen Anthologien und Literaturzeitschriften
publiziert. Sie ist tritt regelmäßig als Spoken Word Poetin auf und war zweimal Finalistin bei den Österreichischen Poetry Slam Meisterschaften, sowie bei den deutschsprachigen
Meisterschaften 2021. Im März 2020 wurde ihr Theaterdebut „Höhlenbrüter“ in der TheaterArche Wien uraufgeführt, 2021 erhielt sie den Dramatikerinnen-preis der neuen bühne villach.

Station bei Ingeborg Bachmann_Malina.

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien

https://literaturoutdoors.com

Walter Pobaschnig _

Wien, Ungargasse 8.11.2021

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