„Eine Frau ist heute als Frau stark“ Julia Hagenhofer, Schauspielerin_Romanjubiläum Malina_Wien 16.10.2021

Julia Hagenhofer, Schauspielerin_Wien

Liebe Julia, herzlichen Dank für Dein Interesse am szenischen Malina Projekt zum 50jährigen Erscheinungsjubiläums des Romans von Ingeborg Bachmann teilzunehmen.

Du kommst jetzt aus Deinem Wohnort in unmittelbarer Nähe des Romanschauplatzes Malina im Dritten Wiener Gemeindebezirk. In der Vorbereitung hast Du den Roman (Malina, Ingeborg Bachmann, 1971) gelesen wie auch den Film (Malina, 1991. Regie: Werner Schroeter. Drehbuch: Elfriede Jelinek)  gesehen.

Mit welchen Augen siehst Du jetzt das „Ungargassenland“ Bachmanns in Deinen täglichen Wegen?

Erstmal vielen Dank für die Einladung!

Ja, ich wohne seit ca. 1.Jahr im Umfeld des „Ungargassenlandes“. Es ist sehr spannend jetzt im Lesen die Straßennamen, Orte des Romans, etwa den Stadtpark, wiederzufinden, die ja jetzt das eigene Zuhause sind. Und auch eine andere Geschichte zu hören als die eigene vor Ort.

Gibt es topographische Romanbezüge, die Du jetzt im persönlichen Erleben, Gehen hervorheben möchtest?

Wenn man einen Roman liest, stellt man sich ja im Kopf vor, wie es aussehen könnte. Spannend war es jetzt, meine Vorstellungen ganz direkt auf bekannte Orte beziehen zu können.

Etwa das Gehen der Ich-Erzählerin durch die Beatrixgasse/Ungargasse. Das sind ja meine Wege, die ich täglich betrete. Beim Lesen ploppen da meine eigenen Bilder im Kopf auf. Es war toll zu lesen und dies auch zu fühlen.

Wie darf man sich dieses Lebendigwerden und Verbinden literarischer Ortsbezüge im unmittelbaren Lebensraum vorstellen?

Wenn ich jetzt durch die Ungargasse in Richtung Stadtpark gehe, dann ist jetzt auch der Roman mit dabei (lacht).

Was bedeuten Dir Orte an sich?

Mir bedeuten Orte sehr viel. Ich bin ein Mensch, die ihre Lieblingsorte hat. Orte, an denen man zur Ruhe kommen, sich entspannen kann und Orte, die im täglichen Leben und der Arbeit vertraute Bezugsorte sind.

Ich bin ein Mensch, die Orte sehr schnell in Kategorien einteilt. Etwa den Stadtpark als einen Ort der Ruhe. Das ist immer entspannend und ich bin einfach glücklich dort zu sein.

Im Weg durch die Ungargasse, da bin ich meist auf dem Weg zu Besorgungen, das ist nicht immer entspannend (lacht).  

Ich bin ein Mensch, die gerne in ihrem gewohnten Umfeld ist und sehr viel Bedeutung in einen bestimmten Ort legen kann. Ich bin kein Mensch, die von heute auf morgen für ein Jahr verreisen und an einem anderen Ort bleiben würde. Mir würde da dieses Gefühl von Zuhause in einem gewissen Rahmen fehlen.

War der Dritte Bezirk Wiens ein bewusstes Wohnziel von Dir oder Zufall?

Das war relativ zufällig, dass es der Dritte Bezirk geworden ist. Ich und meine Familie haben uns viele Wohnungen angesehen und es hat da einfach gepasst. Ich habe aber nie bewusst an den Dritten Bezirk in der Wohnungssuche gedacht.

Im Enddefekt ist der Dritte Bezirk perfekt für mich und ich bin froh, dass es dieser geworden ist (lacht).

Im Roman wird vom „Königreich Ungargassenland“ gesprochen. Ist es für Dich auch schon ein Königreich?

Der Dritte Bezirk hat schon etwas Besonderes. Es ist einerseits sehr ruhig hier, man kann da gut für sich sein, und andererseits ist um die Ecke viel los.

Der Bezirk ist auch sehr groß, aber trotzdem sehr zentral mit vielen schönen Ecken, etwa dem Belvedere oder dem Arsenal mit ganz anderer Eigenart. Es ist wahnsinnig vielseitig hier. Ja, man könnte es schon als Königreich bezeichnen (lacht).

Gibt es schon Lieblingspunkte, Wege im „Ungargassenland“?

Das sind die schon auch im Roman genannten Wege der Ungargasse, Beatrixgasse, Neulinggasse. Auch durch die Landstraße spaziere ich sehr gerne. Ich spaziere auch gern durch die Salesianergasse mit den schönen Durchgängen am Weg.

Ich genieße mein näheres Wohnumfeld im Spazieren sehr.

Gibt es auch die Geschäfte, oder etwa das Postamt, noch, welche im Roman erwähnt werden?

Ich kenne diese jetzt nicht.

Bist Du in Wien aufgewachsen und was bedeutet Dir diese Stadt?

Ich bin meine ersten fünf Lebensjahre in Wien aufgewachsen und dann nach Perchtoldsdorf/Niederösterreich gezogen. Ich fühle mich in Niederösterreich Zuhause, aber jetzt ist Wien wieder dieses Zuhause geworden und es bedeutet mir sehr viel.

Meine Familie mütterlicherseits hat in Wien gewohnt, wohnt zum Teil immer noch dort, und es ist für mich wie ein Zurückkommen. Mir sind die familiären Treffpunkte noch in sehr guter Erinnerung. Da sind viele kleine Dinge, die sehr schön waren. Besonders die ersten Lebensjahre sind ja prägend. Und ich gehe auch sehr gerne die Wege von damals.

Wien ist für mich die schönste Stadt. Ich glaube auch, dass ich jetzt sehr lange in Wien bleiben werde.

Welche Berührungspunkte gibt es von Dir bisher zu Werk und Leben Ingeborg Bachmanns?

Ingeborg Bachmann und auch der Bachmannpreis sind mir ein Begriff. Meine Zeit des Lesens in den letzten Jahren bezog sich aber wesentlich auf Literatur, Fachliteratur im Zusammenhang mit meinen Ausbildungen.

Im Lesen des Romans Malina jetzt, habe ich erstmals einen direkten, unmittelbaren Bezug zu Ingeborg Bachmann bekommen.

Ich war vom Roman sehr begeistert und sehr schnell im Lesen (lacht). Man ist gefesselt von diesem Buch.

Da ich jetzt noch mehr über die Romanorte wie die Lebensorte Ingeborg Bachmanns weiß, wird es sicherlich weitere Zugänge geben.

Die Ich-Erzählerin ist wie Du eine Künstlerin. Wie siehst Du Deinen Beruf?

Künstler*in zu sein, ist generell ein wunderschöner Beruf. Ich strebe diesen ja auch als Schauspielerin und darstellende Künster*in an.

Im Roman ist in der Ich-Erzählerin eine Zwiespältigkeit zu erkennen, ein „Hin und Her Gerissensein“, ein Gefühlschaos. Was ich auch jetzt persönlich mitbekommen habe im Kunstbereich ist, dass es oft schwierige Zeiten aber auch phantastische Zeiten gibt, Zeiten, in denen es viel zu tun gibt und dann wieder weniger. Dieser Zwiespalt der Romanfigur in einem Künsler*innenleben kommt wohl oft vor. Aber ich bin natürlich keine Schriftstellerin und einen anderen künstlerischen Weg gegangen. Ich kann aber schon Bezugspunkte erkennen.

Wie siehst Du die Situation als Frau und Künstlerin heute – 50 Jahre nach Erscheinen des Romans?

Im Roman ist die Ich-Erzählerin in großer Abhängigkeit zu ihren Männern. Wenn sie gerufen wurde von Ivan, „springt“ sie. Ich finde schon, dass sich das bei den meisten Frauen heute geändert hat.

Die Frau ist heute viel selbstbewusster und eigenständiger geworden. Nicht nur die gesetzliche sondern auch die psychische, emotionale Gleichberechtigung ist heute da. Im Buch ist es, wie wohl zu der Zeit so, dass sie nicht sagt „Ich bin jetzt Ich und eigenständig und ziehe mein Ding durch“. Da ist es eher ein Hinterher-Laufen nach den Männern. Da hat sich das Bild der Frau schon stark geändert im Vergleich zu damals.

Wie siehst Du das Bild der liebenden Frau heute?

Die Frau ist heute als Frau stark. Eine Beziehung ist natürlich ein Geben und Nehmen und eine Frau ist da nicht immer der Boss.

Die Frau ist, in unseren Bezugsräumen, eine selbstbewusste, starke Persönlichkeit und geht nicht mehr in der Gesellschaft unter. Und das ist schön zu sehen. Auch das alle Wege für eine Frau offenliegen und man als Frau, das erreichen kann, was man sich erträumt.

Wie siehst Du die Situation, Konstellation der Ich-Erzählerin zwischen Ivan, dem Liebhaber, und Malina, dem Wohnungspartner?

Mich hat diese Konstellation etwas überrascht. In meinem Bild, das ich von der damaligen Zeit hatte, war es ungewöhnlich, dass eine unverheiratete Frau mit einem Mann zusammenlebt.

Ich war mir auch im Lesen bis zum Schluss nicht sicher, ob sie jetzt mit Malina zusammen ist und eine Affäre mit Ivan hat, oder ob Malina ein Hirngespinst ist. Oder ob Malina ein Mitbewohner, ihr bester Freund ist und einfach da ist, wenn sie ihn braucht. Im Verlauf des Romans habe ich mir oft diese Gedanken gemacht und es hat mich verwirrt und verwundert.

Ich finde generell, dass alle Beziehungen im Roman untypisch waren für die Zeit. Für mich ist das Bild der Frau in dieser Zeit tendenziell eher in Heirat-Kinder-Hausfrau zu sehen oder gewissen Berufen, wie Frisörin. Im Roman ist es aber nicht so und es sind sehr spezielle Beziehungen, zu Ivan etwa.

Ist die Beziehungskonstellation des Romans auch heute vorstellbar?

Ich glaube, dass es heute tatsächlich auch öfter vorkommt, dass Frauen Liebhaber haben. Die Frau im Roman ist aber am Boden zerstört, wenn sich Ivan, der Liebhaber, nicht gemeldet hat. Und wenn Ivan angerufen hat, war sie wieder voller Freude und das Leben hat wieder Sinn ergeben.

Ich glaube, dass diese Extreme heutzutage nicht mehr oft vorkommen, weil die Menschen reflektierter, auch vielleicht realistischer sind.

In meinem Umfeld gibt es viele, die fixe Beziehungen haben oder schon heiraten und viele, die nicht auf so etwas aus sind. Ich glaube, es gibt mehr ungezwungene Liebhaber*in Beziehungen heute als damals.

Ich würde die Romankonstellation des Liebhabers mehr in die Gegenwart, vielleicht in abgewandelter Form, geben, als in die Zeit des Romans.

Glück ist heute nicht zwingend mit Partnerschaft verbunden.

Ist eine Affäre heute unkomplizierter, einfacher zu leben?

Eine Affäre ist nie unkompliziert zu leben. Ich stelle mir das immer schwierig vor, weil irgendwann einmal kommen Gefühle, Emotionen dazu und dann ist der Punkt erreicht, wo man das nicht mehr unkompliziert leben kann.  Für eine gewisse Zeit mag das möglich sein und es ist heute einfacher als früher aber trotzdem schwierig. Eine Situation, die in keiner Zeit auf Dauer angenehm ist.

Was braucht Liebe, um zu wachsen, zu blühen, zu dauern?

Ich finde, Liebe braucht Vertrauen, Gleichberechtigung, Wertschätzung. Und es  muss einfach passen, man muss gemeinsam Glücklichsein können. Humor ist da auch wahnsinnig wichtig. Wenn man nicht gemeinsam lachen, reden, sich intensiv austauschen kann, finde ich es ganz schwierig.

Ich finde, dass nicht einmal die Interessen gleich sein müssen, aber man muss Glücklichsein können. Und Akzeptanz ist auch wichtig.

Wann ist der Zeitpunkt gekommen, eine Beziehung zu beenden?

Dann, wenn man mit der Beziehung unglücklich ist, wenn es einem selbst nicht mehr gut geht. Wenn man einfach merkt, ich fühle mich nicht mehr wohl in diesem Umfeld.

Ich glaube, man spürt es sehr schnell und deutlich, wenn eine Beziehung an ihr Ende gekommen ist, wenn es so weit ist.

Welcher ist der beste Weg, um eine Beziehung gut zu beenden?

Persönlich, im Gespräch auf jeden Fall. Und wenn es gut geht im ruhigen Gespräch (lacht).

Ich persönlich löse Probleme grundsätzlich lieber im Gespräch. Ich mag es auch nicht, wenn man Beziehungen über SMS oder social media beendet.

Kommunikation bzw. Nichtkommunikation in der Liebe spielt im Roman eine große Rolle? Wie siehst Du dies heute?

Ich sehe da im Roman sehr viele Parallelen zur Gegenwart. Etwa in diesem innerlichen emotionalen „Fertigmachen“, wenn sich Ivan nicht meldet. Das war ja für sie ganz, ganz schlimm, wenn Ivan etwas zu tun hat und sich nicht meldet.

Aufgrund der sozialen Medien ist die im Roman angesprochene Problematik in Bezug auf Kommunikation noch schwieriger geworden, weil Kommunikation ja etwa auf whatsapp sichtbar ist – ich weiß dann, die Person hat es also gelesen, weiß, dass die Person online ist und Fragen stellen sich:

warum ist die Person jetzt auf facebook online und schreibt mir nicht zurück?

Postet gerade etwas auf Instagram und meldet sich nicht?

Man bekommt viel mehr Einblicke in das Leben eines Anderen und bekommt viel mehr mit – ok, er hat jetzt Zeit für andere Dinge aber für mich nicht?

Zur Zeit des Romans war Kommunikation nicht so sichtbar und man konnte sich denken, er ist gerade bei Arbeit oder verreist. Man weiß es nicht. Die Gedanken waren da mehr im Kopf und es gab weniger diese realistischen Anhaltspunkte moderner Kommunikation. Das ist heute mit social media schon schwieriger.

Das Positive moderner Kommunikation ist, dass man heutzutage nicht immer zwingend beisammen sein muss, um Kontakt haben zu können. Das eine Liebe nicht zur Voraussetzung hat, in der Nähe zu wohnen.

Ich glaube, dass Fernbeziehungen aufgrund moderner Kommunikation viel einfacher geworden sind. Man kann über skype, facetime, whatsapp Videotelefonie machen und da sieht man sich ja auch. Das hat sich schon vereinfacht.

Eine social media Fernbeziehung kann gut oder schlecht sein.

Wird Kommunikation selbst in modernen Beziehungen auch thematisiert?

Ich finde es grundsätzlich wichtig, wenn einem etwas stört, dies zu thematisieren. Man muss aber in einer Beziehung bedenken, dass man auch sein eigenständiges Leben, seinen Beruf hat und ich finde, dass man in einer guten Beziehung Lebensbereiche sehr gut trennen kann und nicht gleich verrückt wird, wenn jemand nicht antwortet. Da gibt es Verständnis, Vertrauen, wenn man im Stress nicht gleich antwortet. In einer gesunden Beziehung ist dies kein Thema.

Wenn eine Beziehung ungesund wird, muss Kommunikation thematisiert und reflektiert werden.

Die Charaktere im Roman hatten keine gesunden Beziehungen (lacht).

Ich bin grundsätzlich jemand, die sich in Kommunikation Zeit nimmt.

Wie nimmst Du die Charaktere im Roman wahr?

Ivan stelle ich mir als sehr erfolgreichen Mann vor, der gut aussieht, gut bei Frauen ankommt und weiß, dass die Frau im Roman ihm nachläuft und das auch gerne ausnützt.

Ich stelle mir Ivan auch arrogant und als sehr von sich überzeugt vor.

Ich könnte mir vorstellen, dass er gewissenhaft im Job ist aber nicht in der Beziehung.

Ivan setzt Prioritäten im Leben und weiß, was er im Leben will.

Malina – ich bin da noch immer unschlüssig, wo/wie ich ihn einordnen soll (lacht) – kommt mir vor wie der beste Freund, der nicht ganz das sein kann, was er sich wünscht.

Ich denke, Malina würde es schon stören, wenn ein anderer Mann in ihr Leben tritt. Das kommt ja darin zum Ausdruck, dass sie darauf achtet, dass beide nichts voneinander wissen.

Malina tut viel für sie. Kümmert sich liebevoll um sie, steht ihr bei Albträumen bei.

Malina wäre eigentlich der viel bessere Mann für Sie gewesen als Ivan. Ja, wo die Liebe hinfällt (lacht).

Der Frau im Roman geht es psychisch nicht gut. Sie hat sehr viel, wie in den Träumen zu sehen ist, aufzuarbeiten. Das häufige, intensive Träumen und die Figur des Vaters darin belasten sie. Da kommt viel Ungelöstes aus der Kindheit auf. Die Probleme in ihren Beziehungen hängen wohl damit zusammen.

Sie sieht realistisch nicht, dass die Beziehung mit Ivan nichts für sie ist, denn sie ist nur das Mädchen, das vorbeikommen kann, wenn er Lust hat.

Sie merkt auch, dass Malina ihre Nähe sucht, aber sie ist unschlüssig in der Liebe.

Sie schreibt auch, Malina versteht mich, Ivan nicht. Aber am Ende des Tages wird Malina immer der Zweite in der Reihe sein, egal was Ivan macht, egal wo Ivan gerade ist.

Welche Varianten siehst Du für die Romanfigur Malina?

Ich habe drei Theorien dazu (lacht).

Für am Unwahrscheinlichsten halte ich die Theorie, dass Malina und die Frau ein Paar sind. Zweitens, Malina könnte auch ihr Wohnungspartner sein. Dies halte ich vom Verständnis in der Zeit her für unrealistisch.

Die dritte Theorie hat sich vor allem auf den letzten zehn Seiten des Romans gebildet, dass Malina nur in ihrem Kopf, ein Hirngespinst ist. Besonders dieses „töte ihn, töte ihn“ verweist für mich darauf und dass es kein Mensch sein kann. Malina ist wie ihre innere Stimme, die sie versucht wieder auf den richtigen Weg zu bringen, ihr versucht zu helfen, das zu tun, was sie vorhat zu tun. Dieser starke Konflikt dann zwischen ihr und Malina, da hatte ich nicht mehr das Gefühl, dass Malina ein Mensch ist. Dafür spricht auch, dass es ihr psychisch nicht gut geht und sie sehr zwiespältig ist.

Wie siehst Du das Ende des Romans?

Ich sehe es sehr dramatisch. Sie ist da so verzweifelt, dass sie einfach nicht mehr konnte. Diese Zuspitzung sehe ich psychologisch. Sie war psychisch fertig und durcheinander und hatte keinen Ausweg mehr gewusst aus ihrer Situation. Dass sie dann befreit wurde von ihrer inneren Last, auch ihrem Wahn. Ich hätte nicht ein so dramatisches Ende erwartet.

Sie tötet sich selbst und gibt Malina die Schuld, auch wenn sie noch versucht aufzuschreiben, dass es nicht seine Schuld ist.

Für sie ist dieses in der Wand-Verschwinden ein „Jetzt ist es vorbei, das wars“. Die Wand öffnet sich ja und sie geht hinein.

Es war Selbstmord und der Malina_Teil in ihr trägt da wesentlich Schuld.

Das zweite Romankapitel trägt den Titel „Der dritte Mann“ und stellt das Ringen mit dem Unbewussten, dem Vaterbild in den Mittelpunkt. Wie liest Du dieses Kapitel?

Es drücken sich da vor allem ungelöste Probleme aus. Die Theorie der Psychoanalyse Freuds ist da auch zu erkennen.

Sie war ein Mensch, in deren Leben wahnsinnig viel und dies wahnsinnig früh passiert ist, viel auch mit der Vaterfigur falschgelaufen ist und ich habe das Gefühl, dass sie mit dem einfach nicht abgeschlossen hat. Ich habe das Gefühl, dass sie da nie wirklich Unterstützung hatte. Heutzutage gibt es da zum Glück viele therapeutische Angebote.

Im Roman wird vom „Friedhof der ermordeten Töchter“ gesprochen und damit die übermächtige Vaterrolle thematisiert. Wie siehst Du diese Kritik?

Die Macht des Vaters ist Realität der Zeit, dazu kommt der Krieg, was sie ja auch beschreibt. Töchtern wurde da viel genommen. Heutzutage ist das Vaterbild anders. Ein liebevoller Vater, der im Nachhausekommen mit den Kindern spielt, das gab es damals ja so nicht immer. Der Vater war oft das Oberhaupt der Familie und dem hat man zu gehorchen. Bei ihr war dies ganz extrem, in welchem Extrem auch immer. Ich glaube, dass sie keinen guten Bezug zum Vater hatte und dass in ihrer Kindheit sehr viel passiert ist.

Heute hat sich das Vaterbild, in den Breiten, in denen wir leben, gewandelt. Es gibt Väter, die zum Beispiel in Karenz gehen und auch generell für ihre Kinder wirklich, auch emotional, da sind und nicht nur das Geld nachhause bringen und meinen, damit hat es sich erledigt.

Es gibt heute auch eine Gleichberechtigung zwischen Vätern und Kindern. Kinder habe da viele Rechte. Das hat sich sehr gewandelt.

Im Roman ringt die Erzählerin um ihr Selbstbild. Wie siehst Du diesen Prozess der Identitätsfindung als junge Frau und Künstlerin heute?

Es gibt heute mehr Möglichkeiten der Selbstbildentwicklung und auch seinen Interessen nachzugehen. Früher war es ein vorgeschriebener Weg, den man gehen musste.

Mir persönlich standen alle Wege offen und meine Eltern haben mich sehr unterstützt und unterstützen mich heute noch. Aber es brauchte eine Zeit, bis ich herausgefunden hatte – wie sehe ich mich und was will ich eigentlich erreichen?

Jeder Mensch braucht Zeit, um sein Selbstbild zu entwickeln und zu wissen – ok, das bin jetzt ich und so möchte ich sein, das ist mein Leben und so bin ich glücklich. Dazu braucht es auch eine gewisse Reife.

Heutzutage kann man das sein, was man möchte. Man kann sein Ich ausleben. Das ist sehr schön.

Im künstlerischen Bereich ist es so, dass es nur eine Handvoll gute Künstlerjobs gibt. Daher ist auch ein Plan B wichtig. Meine Eltern legten da auch immer Wert auf eine weitere Berufsausbildung.

Man muss im künstlerischen Beruf immer fokussiert bleiben und sich weiterentwickeln. Ich bin aber auch sehr froh, eine weitere berufliche Absicherung zu haben. Ich habe eine pädagogische Ausbildung gemacht und das ist auch ein wunderschöner wie gefragter Beruf.

Man muss sich das Leben leisten können. Und das Leben ist teuer, das merke ich jetzt gerade im Leben in Wien. Es ist auch nicht mehr einfach eine Gemeindewohnung zu bekommen oder Wohnförderungen.

Wie war/ist Dein Weg zum Schauspiel?

Das Interesse gab es sehr früh. Ich war in der Kindheit ein großer Sissi Fan. Ich war dann mit meiner Mutter im „Elisabeth“ Musical und ich war total begeistert, ich habe das Theater geliebt. Ich habe dann in der Volksschule Musikinstrumente spielen gelernt, später kam der Tanz, auch der Chor dazu.

Ich wusste immer, ich möchte eine künstlerische Ausbildung machen und mit zwanzig Jahren habe ich dann mit Ausbildungen in Gesang, Tanz und Schauspiel begonnen. Ich wusste, ich kann dies nicht zur Seite schieben. Es ist ein großer Wunsch von mir und ich finde, man soll solche Träume und Wünsche leben.

Jetzt, fünf Jahre später, fühle ich mich auch bereit, die staatlichen Prüfungen im Schauspiel- und Musicalberuf zu machen. Es war sehr lange ein „ich will es schaffen“ und jetzt, insbesondere durch all die Erfahrungen, die ich in den fünf Jahren sammeln konnte, durch meine Zielstrebigkeit und dank meiner tollen Lehrer*innen, weiß ich, ich kann es schaffen.

Was sind Deine Ziele und Visionen im künstlerischen Beruf?

Ich will einfach auf der Bühne stehen. Ich will in Rollen eintauchen und das genießen. Für mich ist das Theaterflair mit Live-Publikum ganz besonders. Ich will glücklich sein und Spaß haben auf der Bühne. Ich freue mich auf diese Zeit sehr und hoffe, dass es ohne Einschränkungen bald möglich ist.

Was kannst Du aus dem Roman auf dem künstlerischen Weg wie Lebensweg mitnehmen?

Dass ich darauf schaue, dass ich glücklich und nicht abhängig von einer anderen Person bin.

Ich will ein selbständiges, glückliches Leben führen, sei es mit Familie, sei es mit Freunden, sei es in einer Beziehung, sei es, wenn ich meinen Weg allein gehe.

Julia Hagenhofer, Schauspielerin_Wien

Herzlichen Dank, liebe Julia, ich wünsche Dir viel Glück, Freude und Erfolg auf allen beruflichen und privaten Wegen!

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:

Julia Hagenhofer, Schauspielerin_Wien

Station bei Ingeborg Bachmann_Malina.

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien_10_2021.

https://literaturoutdoors.com

Walter Pobaschnig 10_21

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