„Die Institutionen in der Kunst sollten nicht gleich funktionieren wie all das, was sie anprangern“ Constanze Sophie Passin, Schauspielerin_Wien 15.10.2021

Liebe Constanze Sophie, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich habe eigentlich gar keinen regelmäßigen Tagesablauf, ich glaube das war noch nie so – im Theater ist ja jeder Probentag anders…ich finde es eher schwierig, wenn jeder Tag so wie der kommende ist und man ein Gefühl von „Täglich grüßt das Murmeltier“ hat. Es hat sich sehr viel für mich verändert seit dem 1.Lockdown, aber ich habe nie das Gefühl, dass ich mal zur Ruhe gekommen wäre, es war immer irgendwas los.

Im ersten Lockdown habe ich die Zeit genutzt, um zu Hause zu renovieren, oder eine Webserie mit meinen Kolleginnen zu machen („Die Massnahme- eine Webserie mit Laura Hermann, Alev Irmak, Anna Kramer, Claudia Kottal, Suse Lichtenberger und mir).

Dann kam eine komische Zeit, wo man wieder spielen durfte, aber gefühlt mit angezogener Handbremse, weil man nicht wusste wie es weitergeht- ein paar Vorstellungen, ohne geöffnete Kantinen, die oft durch Coronafälle dann doch abgesagt wurden-ziemlich trostlos.

Im 2. Lockdown habe ich dann ein Jobangebot bekommen, das ich mit Freuden angenommen habe, weil es sehr gut mit meinem Beruf als Schauspielerin kombinierbar ist. Ich arbeite jetzt auch beim Mozarthaus St.Gilgen und kann da sehr kreativ sein und auch sehr viel Neues kennenlernen. Somit ist mein Tagesablauf jetzt entweder im Mozarthaus arbeiten zu gehen, oder in Wien Theater zu machen. Ich habe gerade Premiere mit „Aus dem Nichts“ von Fatih Akin in der Regie von Ali M. Abdullah am WerkX. Wir haben nur eine ganz kurze Wiederaufnahmen-Probenzeit und da war ich wieder ganz drinnen im Theater – mein „alter“ Tagesablauf.

Ich weiß nicht, ob ich jemals einen geregelten Tagesablauf haben werde, aber ich mag es, dass jeder Tag anders ist.

Constanze Sophie Passin, Schauspielerin, Musikerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich finde ganz wichtig ist Toleranz und Verständnis in diesen Zeiten, ich habe das Gefühl, dass es ganz schön brodelt unten drunter. Ich finde Toleranz und Akzeptanz grundsätzlich sehr wichtig für unsere Gesellschaft, aber jetzt besonders. Lockerheit und Humor, miteinander lachen oder auch weinen, authentisch sein – den Mut haben bei sich zu bleiben aber sich auch nicht immer ganz so ernst zu nehmen. Sich auf alles Neue zu freuen und seinen Impulsen zu folgen und das am Besten in Liebe zu seinem Umfeld…und wenn schon nicht Liebe, dann immerhin mit Offenheit…und noch mal : Humor.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ich weiß nicht, ob jede*r das Gefühl eines Aufbruchs und Neubeginns hat, weil viele das „Alte und Gewohnte“ zurückhaben wollen. Unsere Gesellschaft ist ja sehr starr in ihren Werten und Vorstellungen, wie was zu sein hat und ich glaube diese Kraft ist sehr stark. Aber ich hoffe, dass viele den Neubeginn tatsächlich wagen, all ihren Impulsen folgen und etwas mitnehmen aus dieser Zeit. Ich finde die Kunst kann da immer wieder hinzeigen, kann ein anderes Modell vorleben, soll auch immer ein Spiegel sein, mit einem möglichen Ausweg bzw anderen Weg, einem anderen Umgang miteinander.

Die Institutionen in der Kunst sollten nicht gleich funktionieren wie all das, was sie anprangern. Hier könnten doch mal die alten festgefahrenen Hierarchien in Frage gestellt werden, das heißt nicht, dass nicht am Ende Eine*r entscheiden darf. Ich finde es immer besonders lustig, wenn Theater Stücke von Bertold Brecht spielen und es intern genau so abläuft- so etwas muss in Frage gestellt werden. So etwas sollte sich tatsächlich schleunigst ändern.

Und wenn wir schon dabei sind: ich glaube Mirjam Unger hat bei ihren Dreharbeiten auf Plastikwasserflaschen verzichtet, weil diese Plastikflaschen nach einer Produktion einen ganzen LKW füllen könnten- sowas finde ich toll. Es ist nur ein kleines Zeichen, aber zeigt Wirkung. Man muss da auch nicht zu pathetisch werden als Künstler*in in unserer „Aufgabe“- letzten Endes ist es ein Job, aber wir haben die Möglichkeit, die so viele nicht haben. Ich muss mich auch immer wieder da hinstupsen und mutig sein, meinen Mund aufzumachen, aber das ist ein großes Geschenk und wir sollten es nicht für selbstverständlich nehmen. Es geht nicht um Selbstverwirklichung, sondern um einen Auftrag. Der Staat subventioniert Kunst, wir bekommen Geld damit wir machen können, was wir für wichtig halten, das ist doch unglaublich. Und das sollte man weise nutzen.

Was liest Du derzeit?

Ich habe schon lange nicht mehr gelesen, weil meine Tage so voll sind seit Monaten, aber ich möchte jetzt Faserland von Christian Kracht lesen, das hat mir eine Freundin empfohlen. Da sollte man sich einen Abend frei nehmen, sein Handy ausschalten, eine Flasche Rotwein aufmachen und das ganze Buch in einem durchlesen. Darauf freue ich mich unglaublich.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich bin ganz schlecht in Zitaten. 

Vielen Dank für das Interview liebe Constanze Sophie, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Schauspiel-, Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Constanze Sophie Passin, Schauspielerin, Sängerin

http://www.constanzepassin.com/

Foto_Steffi Henn.

14.10.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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