„Die Themen liegen da. Hinschauen. Annehmen.“ Gabriela Kasperski, Schriftstellerin_Zürich 27.9.2021

Liebe Gabriela, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Stehe früh auf, (bin eine zum Morgenmensch mutierte Nachtmenschin und daher permanent unausgeschlafen). Schicke meine Tochter in die Schule, (der Rest der Familie ist erwachsen und muss nicht geschickt werden). Mache den Versuch, 5000 Schritte zu gehen, (bin Geherin), setze mich ins Homeoffice (an den Laptop am Küchen-Wohnzimmer-Gartentisch, war schon immer so, nur seit der Pandemie hats halt einen Namen), erledige Brot-und Kreativjobs, je nachdem was gerade mehr gefragt ist, arbeite bis gegen Abend durch. Schwimme 5000 Schritte (also 1 Kilometer im Zürichsee, sehr privilegiert, sehr wunderbar), hoffe, jemand aus meiner Familie hat gekocht. Arbeite weiter oder auch nicht, lese und schaue ITV-News (Sucht, bin UK-affin, trotz allem).

Gabriela Kasperski, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die Themen liegen da.
Reich und nicht arm, need anstatt greed,  
Ungerechtigkeit.
Umwelt. Klima.
Post Pandemie. Isolationweg, Einsamweg, Abstandeinwenigweg.
Kriegweg.
Hungerweg. Foodwasteweg. Plastikweg.
Socialmediaeinwenigweg.
 
Uff. Die total Überforderung.

Was für alle gilt, gilt das auch für mich? Bin ich alle? Sind alle ich? Gibt’s überhaupt Platz für ein Ich? Zusammen gegen den Rest der Welt. Zusammen mit dem Rest der Welt.

Keine Ahnung. Würde meine Tochter sagen, sweet 13.

Die Themen liegen da. Hinschauen. Annehmen. Weitermachen.  



Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt der Literatur, der Kunst an sich zu?

Aufbruch und Neubeginn sind zentral, das können wir eigentlich gut. Erleben wir im Kleinen jeden Morgen, jeden Montag, jeden Frühling. Jedes Neujahr. Ein Konzept, das sich bewährt hat über Jahrhunderte.

Der Neubeginn ist immer eine Chance. Immer. Nur schon die Chance an sich ist eine Chance. Achtung: Jede Chance birgt das Scheitern. Vielleicht sollten wir lernen, das Scheitern als Teil des Prozesses zu akzeptieren und dennoch, gerade weil, umso mehr weitermachen, in dem was uns bewegt, was wir bereit sind, dieser reichen Welt zurückzugeben. Klingt das zu pessimistisch? Ich hoffe nicht. Hoffnung ist auch Teil des Prozesses.

Literatur, Kunst? Auch das ist zentral, und das können wir auch gut. Erleben wir im Kleinen seit immer. Indem wir Geschichten, Stories, Narrative auf künstlerische Weise verdichtet, zu einem Roman, einem Bild, einem Musikstück, einer Skulptur, einer Performanc, indem wir diese Geschichten erleben, wird unser Horizont weit. Die Verzweiflung wird weniger, die Hoffnung mehr. Schaffenskraft überträgt sich.

Aber das klingt alles ein wenig geschwurbelt, gell.

Weil, ich bin doch ich. Was mache ich denn?

Ich persönlich lebe die Themen, die mich schon immer bewegen. Gender und Rassismus. Dafür setze ich mich ein, auf meine Weise. Indem ich meine Bücher (Krimis&Kinderromane) divers halte, neugierig und offen bin, und versuche, jeden Tag etwas von dem Reichtum, den ich erfahre, weiterzugeben.  

Was liest Du derzeit?

Mein Sub (Stapel ungelesener Bücher) ist mächtig. Als Autorin besuche ich viele Buchhandlungen. Aus keiner komme ich raus, ohne mindestens ein Buch. Darum freu ich mich so auf die Sommerferien. Da schreibe ich meinen nächsten Roman. Erforsche meine kleine Bretagnewelt.
Und lese, lese, lese.

In meinen Koffer packe ich darum:

Jeanluc Bannalec: Bretonische Idylle (Ferienfeeling)

Bernardine Evaristo: Girl, Woman, other (Ein Must)

Helen MacCarthy, Women of the world (Recherche)

Nicci French, The lying room (Topkrimi, les ich zum dritten Mal)

Emilia Roig, Why we matter (stellt Fragen, gibt Antworten, very important)

Pia O’Connell: ein irischer Todesfall (Autorinnenkollegin)

Kate Russo, Super Host (Entspannung)

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

All the world’s a stage,

And all the men and women merely players, aus As you likeitI, von William Shakespeare. 
Begleitet mich seit meiner Jugend.
Finde Shakespeare gross. Finde , er findet die richtigen Wortfindungen.  

Gabriela Kasperski, Schriftstellerin

Vielen Dank für das Interview liebe Gabriela, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Gabriela Kasperski, Schriftstellerin

Gabriela Kasperski war als Moderatorin im Radio- und TV‑Bereich und als Theaterschauspielerin tätig. Heute lebt sie als Autorin mit ihrer Familie in Zürich und ist Dozentin für Kreatives Schreiben, Figurenentwicklung und Synchronisation.

www.gabrielakasperski.com

Gabriela Kasperski: Home

Alle Fotos_Kasperski

24.6.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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