„Literatur hilft uns, dass wir nicht im Mausloch dieser Welt verkommen“ Hildegard E.Keller, Schriftstellerin_ Zürich 28.8.2021

Liebe Hildegard, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich stehe um 6 Uhr auf und gehe gegen 23 Uhr ins Bett. Dazwischen ist buntes Treiben und wenn immer möglich ein Intermezzo im Zürichsee.

Lesung – Was wir scheinen“ _ Hildegard E.Keller_Schriftstellerin, Verlegerin, langjährige Jurorin beim Bachmannpreis und beim Literaturclub SRF, Professorin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Offenheit. Weite. Angst macht alles eng (Herz, Geldbeutel, Kopf).

Herta unterwegs. Installation, Serie Herta & Horst. Hildegard E. Keller. 2017

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt der Literatur, der Kunst an sich zu?

Immer stehen wir am Anfang, auch das Ende wird ein Anfang sein. Eine meiner Kolleginnen schrieb, in der Kunst seien die Aristokraten unserer Spezies zu Hause. Warum genau, sagte sie nicht, aber ich vermute, sie schätzte die edle Geste, dass sich jemand die Mühe macht, in der eigenen Lebenszeit etwas aus dem Inneren zu bergen und so ans Licht zu bringen, dass es auch zu den anderen spricht.

Eine andere Kollegin hielt das Brückenbauen für ganz wichtig, also das Bauen poetischer Brücken, zum Beispiel mit Metaphern, die die sinnlich wahrnehmbare mit der unsichtbaren Wirklichkeit verbinden. Literatur hilft uns, dass wir nicht im Mausloch dieser Welt verkommen.

Im Museum. Installation, Serie Herta & Horst. Hildegard E. Keller. 2017

Was liest Du derzeit?

Wassili Grossman, Stalingrad. Das Monumentalepos wurde lektoriert (und ich glaube auch entdeckt) von der fabelhaften Ulrike Ostermeyer.

Der Welterklärer. Installation, Serie Herta & Horst. Hildegard E. Keller. 2017

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Mein Textimpuls stammt von Heinrich Heine, aus einem Memoiren-Fragment (Heine: Das Märchen meines Lebens, herausgegeben von Christian Liedtke 2020, S. 241). Es ist die Standrede des Vaters, der sich Sorgen um den Gottesleugner unter seinem Dach macht:

»Lieber Sohn! Deine Mutter lässt dich beim Rektor Schallmayer Philosophie studieren. Das ist ihre Sache. Ich, meines Teils, ich liebe nicht die Philosophie; denn sie ist lauter Aberglauben, und ich bin Kaufmann und hab meinen Kopf nötig für mein Geschäft. Du kannst Philosoph sein, so viel du willst, aber ich bitte dich, sage nicht öffentlich, was du denkst, denn du würdest mir im Geschäft schaden, wenn meine Kunden erführen, dass ich einen Sohn habe, der nicht an Gott glaubt; besonders die Juden würden keine Velveteens mehr bei mir kaufen, und sind ehrliche Leute, zahlen prompt und haben auch Recht, an der Religion zu halten. Ich bin dein Vater und also älter als du und dadurch auch erfahrener; du darfst mir also aufs Wort glauben, wenn ich mir erlaube dir zu sagen, dass der Atheismus eine große Sünde ist.«

Vielen Dank für das Interview liebe Hildegard, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte – aktuell vor allem für Deine Romanneuerscheinung „Was wir scheinen“ und Deine vielfältigen spannenden Verlags-, Kunstprojekte – persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Hildegard E.Keller_Schriftstellerin, Verlegerin, langjährige Jurorin beim Bachmannpreis und beim Literaturclub SRF, Professorin

Foto_1 Ayse Yavas, 2-4 Hildegard E.Keller, 5 Sandra Kottonau.

Hildegard E. Keller: Was wir scheinen. Köln (Eichborn) 2021.

http://www.editionmaulhelden.com

https://www.zurichstories.org/

https://bloomlightproductions.ch/de/

23.8.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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