„Diese direkte Sprache der Emotion ist außergewöhnlich“ Leonie Wahl, Tänzerin_ Romanjubiläum Malina_Wien 28.8.2021

Leonie Wahl, Tänzerin _
am Romanschauplatz Malina _ Wien

Orte sind Weite und Nähe. Im Erleben von Emotionen im Moment und noch mehr in Erinnerungen.

Orte können auch Räume, deren Geometrie sein. Sie sind da Grundlagen, Bausteine von Kunst.

Räume können eine Einheit ausdrücken, zusammenführen oder separieren. Orte sind da Möglichkeit von Kunstintentionen.

Ich bin in Olten in der Schweiz geboren. Meine Familie ist dann als ich drei Jahre alt war nach Italien gezogen. Ich bin dann allein mit sechszehn Jahren nach Deutschland gegangen und habe da eine Ballettausbildung gemacht. Dann bin für fünf Jahre nach Rotterdam und habe weitere Ausbildungen im Tanz gegangen. Seit 2001 bin ich in Wien. Ich bin da pick`ngeblieb`n (lacht). In Wien pickt man gern, es ist ein wunderbarer Ort (lacht).

In Wien ist es äußerst angenehm zu leben. Es hat einen so hohen Lebensstandard und bietet so viele Möglichkeiten. Von Kultur bis Natur. Ich bin am Land aufgewachsen und schätzte das Grün hier auch sehr.

Auch die Sprache der Menschen hier ist faszinierend. Jeder Bezirk hat eine andere eigene Dialekt-Sprache, die je vor Ort erfunden wurde bzw. wird.

Ich finde auch diesen schwarzen Humor hier super.

Der Roman „Malina“ hat starke feministische Akzente. Besonders diese unmittelbare, direkte Sprache der Emotion als Frau ist außergewöhnlich, damals wie heute.

Frau und Gesellschaft, Mann und Frau, das sind Themen des Romans, die natürlich immer beschäftigen.

Der Frau kommt in unserer Gesellschaft eine bestimmte Rolle zu. In Italien, wo ich aufwuchs, ist es etwa die Rolle der Mutter, die großen Wert hat. Grundsätzlich gibt es eine große Kluft zwischen Mann und Frau in Freiheit und Selbstbestimmung. Die Frau ist da noch immer mehr Objekt als anerkanntes, handelndes Subjekt.

Es hat sich in unserer Gesellschaft in den Fragen der Gleichberechtigung einiges zum Besseren geändert, vor allem rechtlich, aber es ist noch viel zu tun. Emotional hat sich sehr wenig geändert. Da kann der Roman auch in der Gegenwart spielen.

Ich bin dafür, dass alle Geschlechter die gleichen Möglichkeiten haben, das ist ganz wichtig. Vor fünfzig Jahren war dies bei weitem nicht so und auch heute gibt es Ecken, in welche Menschen aufgrund ihres Geschlechtes, ihrer Identität gedrängt.

Es braucht in der Gleichberechtigung Zeit, viel Zeit (lacht). Ich bin da optimistisch utopisch (lacht). Manchmal zweifle ich allerdings das überhaupt möglich ist, sein wird.

Jedes Individuum ist die Mitte der Gesellschaft und es gilt dies anzuerkennen und wahrzunehmen.

Ich habe keine eigenen Kinder. Das ist eine bewusste Entscheidung von mir. Ich wollte diesen Weg so gehen und das Thema Kinder nicht als zentrale Mitte setzen.

Dieses Bewusstwerden von eigenen Grenzen im Roman ist sehr eindringlich beschrieben und nachvollziehbar. Die Frau wird ja im Roman mehr und mehr auf sich zurückgeworfen, bis nur die Wand bleibt. Das kann natürlich auch auf einen Mann zutreffen.

Selbstbewusstsein heißt auch an seinen Idealen zu arbeiten, vielleicht auch diese runterzuschrauben und sich zu akzeptieren wie man ist und das Beste in diesem Rahmen daraus zu machen. Nicht immer das Unmögliche zu wollen und da gegen sich selbst zu arbeiten. Ein Mittelmaß zu finden, in dem man das Leben auch genießen kann.

In unserer Gesellschaft haben sich viele Systeme, etwa die Wirtschaft, verselbständigt. Da ist vieles nicht mehr für den Menschen gemacht. Es ist Zeit, dass sich da etwas ändert. Wie, weiß ich nicht (lacht).

Was Ivan fünfzig Jahre später zu sagen ist? Schleich di (lacht).

Ivans gibt es auch heute. Sind mir auch schon begegnet. Ich finde ihr Handeln grenzt fast an ein Verbrechen.

Malina? Das ist ein Übergangsmann für sie im Roman.

Eine Beziehung ist immer eine Balance zwischen der eigenen und der Entwicklung des Partners. Da finden Prozesse, Veränderungen statt, die einen Ausgleich finden sollten. Es können da natürlich persönliche Erlebnisse sehr belasten, wie im Roman. Da geht es ans Eingemachte.

Literatur spielt in meinen eigenen Choreographien, in meinen dramaturgischen Ideen keine Rolle. Das hängt mit meinem Lehrer in der Tanzschule in Rotterdam zusammen, der den unmittelbaren Bezug zu Werken der Kunst ablehnte. „Das ist Tradition und es braucht Neues – so was ist keine Kunst“, war seine Meinung und er war da ganz streng. Das blieb mir. Das selbst erfinderisch werden, begleitet mich seit damals.

Leonie Wahl, Tänzerin _
am Romanschauplatz Malina

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:

Leonie Wahl_Tänzerin, Performerin, Schauspielerin__Wien 

https://www.leoniewahl.com/news

Station bei Ingeborg Bachmann_Romanschauplatz_Malina.

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien_6_2020.

https://literaturoutdoors.com

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