„Literatur rückt immer wieder den Menschen in den Mittelpunkt“ Corinna Antelmann, Schriftstellerin _ Ottensheim/OÖ 13.8.2021

Liebe Corinna, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Er unterscheidet sich nur insofern von meinen Tagesabläufen der letzten fünfzehn Jahre, als dass gerade Sommer ist, heißt: morgens in die Donau (das ist der Part, der sonst wegfällt), zwei Stunden Schreiben, zwei Stunden Büroarbeiten, Mittagessen, wahlweise nochmal schwimmen oder weiterarbeiten oder eines nach dem anderen. Wenn ich keine Lesungen habe oder Workshops halte, bleibt dieser Ablauf beständig, unterbrochen von den Bedürfnissen der nun schon älteren Kinder, die ins homeschooling gewandert sind (was die Entlastung, dass sie nun älter sind, ausgleicht). Die schmerzlichste, coronabedingte Änderung betraf zahlreiche Absagen von Lesungen und die Umstellung der Lehre auf Zoom. Außerdem würde ich so manchen Abend gern wieder mit Tanzen ausklingen lassen, um der Bildschirmarbeit etwas entgegenzusetzen – das fällt für mich nach wie vor weg.

Corinna Antelmann, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ohne mir anmaßen wollen, für alle sprechen zu können, beschleicht mich seit einiger Zeit schon der Gedanke, es brauche Raum zum Innehalten, eine Pause zur Besinnung, zur Introspektion, eine Zäsur, um zu beurteilen, wohin wir als Gesellschaft steuern wollen. Davon handelt auch mein aktueller Roman, den ich bereits vor dem ersten Lockdown in erster Fassung beendete. An eine Pandemie hatte ich beim Schreiben (noch) nicht gedacht und ob sie die Chance birgt, die ich ihr gern attestieren würde, daran zweifle ich, obgleich es die Hoffnung gibt.

Auf der individuellen Ebene finde ich es wichtig, die Begegnungen zu suchen und wahrzunehmen, die möglich sind, und Energie darauf zu verwenden, nötige Schritte zur Veränderung einzuleiten, statt darauf zu warten, dass alles schnell wieder so sein wird, wie es immer war. Vielleicht gilt es ja, im Großen wie im Kleinen, einige Justierungen vorzunehmen und darüber nachzudenken, wie die Welt aussehen soll, in der wir miteinander leben wollen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wenn diese Zeit (auch) eine Zeit des Nachdenkens darüber sein könnte, wohin wir steuern wollen, dann brauchen wir Kunst und Literatur als Artikulation und Reflexion unserer Umwelt und Geschichte. Die Literatur gibt uns Sprache und ohne Sprache kein Denken, wie Hannah Arendt es formulierte. Sie ermöglicht das Sprechen über gesellschaftliche Phänomene und menschliche Eigenarten; sie verleiht Gefühlen und Ideen und Randerscheinungen einen Ausdruck, die stimmlos bleiben würden. So kann die Literatur einen nicht unwesentlichen Beitrag zum besseren Verständnis des Miteinander leisten und Wege erkunden, noch bevor sie beschritten werden – auch Wege aus der Isolation heraus. Nicht zuletzt geben Kunst und Literatur dem Diskurs einen Platz und rücken immer wieder den Menschen in den Mittelpunkt, der wir, bei allen Errungenschaften von Wirtschaft und Fortschritt, ja sind.

Was liest Du derzeit?

Derzeit nutze ich tatsächlich einen Großteil zum Lesen, auch, um den immergleichen Nachrichten etwas entgegenzusetzen. Literatur öffnet, während politische Entscheidungen oftmals als gangbaren Weg die immergleichen ausgetretenen Pfade zu wählen scheinen, während es an Beweglichkeit mangelt und an der großen Vision, so jedenfalls nehme ich es wahr. Und da auch im Literaturbetrieb die Weichen nur zaghaft gestellt werden, indem zum Beispiel mehr Frauen ein Stimm-Recht in der sogenannten Hochliteratur eingeräumt bekämen (ein Thema, das mich, angeregt durch das Projekt Arbeit statt Almosen während des ersten Lockdowns besonders umtrieb), lese ich gleich drei Literatinnen parallel: Valerie Fritsch und Birgit Birnbacher, die ich bei einer Lesung auf Initiative des Literaturschiffs erleben durfte, und nach langer Zeit auch einmal wieder einen Roman von Juli Zeh, Unterleuten.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Anknüpfend an die Aufgabe von Kunst und Literatur, entscheide ich mich möglicherweise überraschend dennoch für ein Zitat des Mediziners und Philosophen Albert Schweitzer. Seine Forderung nach Übernahme von Verantwortung erscheint mir sehr aktuell und sehe ich durchaus auch als richtungsweisend für die Ausübung von Kunst (dies mag streitbar sein):

Die Frage, was wir aus unserem Leben machen sollen, ist nicht damit gelöst, daß man uns mit Tätigkeitsdrang in die Welt hinausjagt und uns nicht mehr zur Besinnung kommen läßt. Wirklich beantwortet werden kann sie nur durch eine Welt- und Lebensanschauung, die den Menschen in ein geistiges, innerliches Verhältnis zum Sein bringt, aus dem sich leidende und tätige Ethik mit Naturnotwendigkeit ergeben.

(Schweitzer (1960), Kultur und Ethik, S 324)

Vielen Dank für das Interview liebe Corinna, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur- wie vielseitigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Corinna Antelmann, Schriftstellerin

Startseite – Corinna Antelmann bloggt (corinna-antelmann.com)

Foto_Dirk Skiba

15.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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