„Wer bin ich? Was bin ich nicht?“ Helena May Heber, Schauspielerin _ Romanjubiläum Malina _ Wien 12.8.2021

Helena May Heber – Schauspielerin/Bildhauern _
Romanschauplatz _ Malina _ Wien

Ingeborg Bachmann ist mir bisher immer mosaikartig begegnet. Das waren biographische Zugänge in Berichten, Dokumentationen und natürlich Gedichten, Zitaten.

Ingeborg Bachmann war in meiner Wahrnehmung eine Reisende und ihr waren da besonders die Menschen, Familie, Freunde und Kollegen*innen sehr wichtig. Auf diese Verbindungen legte sie viel Wert, etwa in Besuchen, Briefen und vielfältiger Unterstützung.

Ich schätze die Stadt Wien sehr und auch die Menschen sind sehr freundlich. Dieses Klischee des grantigen Wieners ist mir bisher nicht so begegnet (lacht). Du hast das Gefühl, die Leute merken, wenn Du Hilfe brauchst und sie bieten sich da sehr an. Es ist auch eine Direktheit im Gespräch, welche ich durchaus gut finde.

Wien hat eine große Offenheit für Kunst und Kultur und bietet auch den Raum dafür. Da ist sehr viel Platz für Neues und dieser Raum wird auch von Künstler*innen genützt.

Jeder Ort hat eine ganz bestimmte Stimmung. Dies spielt gerade in der Kunst eine große Rolle. Ich spüre zuerst in den Ort hinein und arbeite dann mit dem Raum. Manchmal auch dagegen, was auch sehr spannend ist.

Kunst war in meinem Leben schon immer da. Ich habe in meiner Kindheit sehr viel gezeichnet, gesungen und war auch sehr früh schon regelmäßig im Theater mit meinen Eltern. Die Bildende Kunst und die Bildhauerei wurde dann auch ein Ausbildungsschwerpunkt. Die Bildhauerei ist ein sehr kreativer und inspirierender Kunstbereich, ich schätze das sehr.

Ich wollte dann in meinem Kunstweg die Begegnung mit Menschen, den direkten Austausch mehr in den Mittelpunkt stellen und habe mich dann für das Schauspiel/Theater entschieden. Auch da fasziniert mich das weite Spektrum. Ich bin derzeit in Salzburg und Wien bei Produktionen im Schauspiel wie Bühnenbild und Kostümbild tätig. Dazu arbeite ich an Skulpturen, vor allem in Holz, oder an Holzdrucken in meiner Wohnung. So verbinden sich wieder meine Kunstwege und das macht sehr viel Spaß. Ich bin gespannt, wie und wohin es weitergeht (lacht).

Derzeit ist auch ein solidarisches Kunstprojekt ein Schwerpunkt. Der Ursprung liegt dabei im ersten Lockdown im Frühjahr 2020. Ich saß da Zuhause und dachte, es muss etwas für die Kunst und die Künstler*innen passieren. Ich hatte dann die Idee für ein großes Gesamtbild als symbolischen Ausdruck künstlerischer Solidarität wie Kreativität. Der Erlös kommt dann kleinen Salzburger Kulturbetrieben und Künstler*innen in Not zugute. Inzwischen haben sich 117 Künstler*innen daran beteiligt, diese haben jeweils ein kleines Bild für das Gesamtbild gespendet. Diesen September wird das Gemeinschaftsbild in der Stadt Salzburg auf der Feste Hohensalzburg ausgestellt und wir hoffen, dann eine Käufer/eine Käuferin dafür zu finden.

Der Schauplatz eines Romans, wie hier jener von „Malina“, ist etwas besonders. Es wird vor Ort dann alles unmittelbarer und es ist faszinierend zu sehen wie Worte diesen spezifischen Ort aufnehmen und wie viel Bedeutung Orte für Leben und Kunst haben.

Unsere Gesellschaft ist im Wandel was die Fragen nach Selbstbild, Frauenbild betrifft. Wo ist mein Platz in der Gesellschaft? Wie möchte ich leben? Es ist eine Schaffensphase der Frau in Position und Freiheit in Arbeit, Lebensgestaltung, Zukunft. Es bildet sich da derzeit viel Neues und es gibt viele Umbrüche. Ich nehme dies auch bei vielen jungen Frauen in meiner Umgebung wahr, dass die Rolle bewusster wird und das Einstehen dafür. Dieser gesellschaftliche Stand der Frau wird gerade stark verhandelt. Sehen wir, wo es uns hinführt.

Es geht in der Frage des Frauseins um eine Neudefinition. Die Gleichstellung, etwa in der Bezahlung in der Arbeitswelt ist ein Ziel. Aber dies reicht nicht. Es geht um eine eigene Sicht der Frau und dann Solidarität und Zusammenarbeit in der Gesellschaft.

Frauen und Männer haben Stärken und Schwächen. Die Lebensmöglichkeiten sind wichtig. Chancengleichheit ist ganz wesentlich.

Die Vergangenheit ist immer ein Teil der Gegenwart. Die Entwicklungen sind dabei bedeutend, um zu verstehen und zu verändern.

Veränderung ist ein großes Thema meiner Kunst. Ebenso die Kraft des Geistes, der Weg und auch die Kraft von Gedanken.

Perspektivenwechsel sind immer wichtig und interessant. Die persönliche wie gesellschaftliche Sicht ist dabei sehr wichtig.

Die Beziehungswirklichkeit ist derzeit gesellschaftlich eine sehr vielfältige wie experimentelle. Dies betrifft eigentlich alle Generationen, vor allem jedoch die jüngere, in spezifischer Form. Es geht da um Erkunden, um Erfahrungen, um das Kennenlernen von Neuem.

In den Formen von Kennenlernen, Begegnungen ist mehr das Erfahren im Vordergrund und nicht so sehr das Finden. Der Freiheitsimpuls ist da wesentlich. Dies betrifft die jüngere bis ältere Generation.

Wer bin ich? Was bin ich nicht? Und was gibt es alles was ich noch nicht kenne? In diesen neuen Beziehungsdimensionen ist die Suche nach dem Ich im Mittelpunkt. Und dabei liegt der Fokus auf dem Körper und auf dem Geist der Anspruch, den Körper und dessen Bedürfnisse zuzulassen. Das dies sein darf und der Geist, die Moral nicht sagt „Das gehört sich nicht, das ist verkehrt“, sondern dass der Körper und das Empfinden auch mal fordern darf.

Mann und Frau gehen einen neuen Weg der Körpererfahrung.

Es bilden sich neue Beziehungsmodelle, der Überbegriff dazu ist jener der offenen Beziehung.

Träume sind Inspiration für meine Kunst. Sie sind eine Schatzkiste. Auch das luizide Träumen ist sehr spannend, das Verändern eines Traumbildes, -vorganges.

Liebe auf den ersten Blick gibt es. Es ist vielleicht kein für immer. Aber dies gibt es grundsätzlich.

Liebe ist für mich sehr viel Vertrauen und ein Gefühl von Angekommensein.

Ein Partner ist etwas Ergänzendes. Ich sehe mich da durchaus auf Aristoteles bezogen. Der Mensch findet in der Partnerschaft das ihr/ihm Fehlende.

Eine Liebe ist dann an ihr Ende gekommen, wenn der Respekt füreinander fehlt, wenn man sich nicht ernstgenommen fühlt und auch wenn man merkt, der Partner will sich nicht verändern. In einer Beziehung braucht es Kompromisse und damit Veränderung von beiden Seiten.

Wenn Du merkst, dein Partner ist nicht bereit für Veränderungen und wird es auch nie sein, dann ist für mich ein Punkt erreicht, wo es zu entscheiden gilt.

Das Modell des Doppelichs im Roman ist sehr spannend. Wahrnehmung ist ja immer komplex. Das ist persönlich wie künstlerisch ein mutiger Schritt dem Nachzugehen und Erkenntnis zu suchen. Der Roman verbindet da wohl Persönliches wie Literarisches.

Ich lese sehr, sehr gerne. Berufsbedingt derzeit sehr viele Theaterstücke. Aber generell quer durch den Büchergarten von Literatur, Sachbüchern bis zu Kinder-, Jugendbüchern.

Ich schreibe selbst auch gerne, komme derzeit aber nicht dazu. Möchte es aber wieder in naher Zukunft tun.

Die Begeisterung für das Lesen kam erst spät. Als ich lesen lernte, mochte ich den Lesestoff gar nicht. Lesen war da immer die letzte Aufgabe, die ich erledigen wollte. Es hat dann ein paar Jahre gedauert bis ich einen neuen eigenen Zugang gefunden hatte. Und dann war kein Halten mehr (lacht). Ich las dann vier Jahre lang jeden Tag ein Buch. Hörbücher haben mich da auch sehr geprägt und begeistert.

In meinem dichten künstlerischen Arbeitstag begleiten mich am Morgen Yoga- und Atemübungen. Da gewinne ich dann Energie für den Tag. Aber das Wichtigste ist natürlich der Spaß an der Arbeit, das gibt die meiste Kraft und das tut es (lacht).

Helena May Heber – Schauspielerin/Bildhauern _
Romanschauplatz _ Malina _ Wien

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:

Helena May Heber_Schauspielerin_Bildhauerin_Wien 

Station bei Ingeborg Bachmann_Romanschauplatz_Malina.

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien_7_2021.

https://literaturoutdoors.com

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