„Wir sind als Frauen heute nicht übern Berg“ Eva Maria Neubauer_Schauspielerin _ Romanjubiläum Malina_ Wien 10.8.2021

Eva Maria Neubauer, Schauspielerin
Romanschauplatz – Malina – Wien

Orte sind Stimmung. Es sind Gefühle, die sich da auftun, ohne dass es gewollt ist. Es ist sehr genau zu wählen, wo, wann wir mit wem an einen Ort kommen.

Orte sind sehr kraftvoll und einflussreich mit ihrer Geschichte und dem, was da passiert ist, das ist alles spürbar.

Wenn man etwa Arthur Schnitzler in Reichenau an der Rax im Waissnix Hof spielt (Anm: Olga Waissnix, Geliebte von Arthur Schnitzler, Dramatiker), ist das anders als wenn es in einem modernen Betonbau dargestellt wird. An Stimmungsplätzen mit unmittelbaren Bezügen wird eine Geschichte gleichsam automatisch lebendig und es ist gar nicht mehr viel dazu zu tun.

Man kann sich auch gegen die Stimmung eines Ortes wehren aber das ist anstrengend. Ein Ort lädt immer zum Dialog ein, zum Blick in sich selbst. Im besten Fall ist es wie ein gutes Gespräch.

Hier am Romanschauplatz Malina ist es ein starkes Annehmen des Ortes. Gerade weil der Roman so eindrücklich für mich ist, ist es hier jetzt eine Kulisse dazu, die das Ganze gleichsam in 3D verwandelt. Und Wort und Vorstellung mit der Realität verbindet.

Bewusstsein und Unbewusstes berühren und überschneiden sich an Orten, die ja Lebensorte waren und sind. Man kann die Vergangenheit nicht ab- oder rausschneiden. Sie ist da und wir sind da. Von den Zugängen und Auseinandersetzungen damit erzählt der Roman.

Der Ort eines Romans ist natürlich bewusst gewählt. Da ist Tiefe und Gehalt da.

Erfahrungen, Erlebnisse springen ja in der Literatur, im Theater gleichsam über. Diese erlebte Zeit und das Geschehen. Dazu muss man es zulassen, den Blick, Weg in das eigene Unbewusste. Als Schriftstellerin wie als Lesende. Ingeborg Bachmann hat dies wohl wie wenige andere gemacht, sich da so zu ergeben. Sie sagt ja auch „Sätze müssen sich einem ergeben“, nur so kann man sie begreifen.

Es ist das Einlassen auf das Wirken von Geschichte und Gegenwart. Was spüre ich da? Und wie kann ich da durchatmen? Das ist in Malina ja in jedem Satz zu lesen. Dieses Atmen-Wollen, dieses Ringen nach Luft, nach Leben in all dem Umgebenden.

Ingeborg Bachmann ist für mich eine sehr spirituelle Frau, die sich mit dem Umgang mit Materie, den Mechanismen der Welt auseinandersetzte. Auch mit dem Prozess der Auflösung von Materie, Körper. Dem Ende dieser Dimension.

Beziehungen haben immer bestimmte Ansprüche von Nähe und Distanz. Im Roman wird das ja in Ivan und Malina abgehandelt. Auch die Relativität von unmittelbarer Topographie. Es sind ja nur 100 Meter Distanz zwischen den Wohnsitzen aber im Roman ist das „zu weit, zu groß, zu unüberwindbar“, in Sehnsucht und Erwartung.

Manche Menschen können eine permanente Nähe nicht leben. Es ist dann lohnender eine Distanz zu wählen, um im Beisammensein dann auch wirklich anwesend zu sein. Das ist ja kein schlechtes Modell.

Der Blick auf Mann und Frau hat sich in 50 Jahren verändert. Das Mann- und Frausein an sich hat sich nicht verändert. Es gibt Gegensätze und Anziehung.

Es gibt zwei Seiten, das Weibliche wie Männliche. Das Empfindsame, Reflektierende wie auch das logistische Handeln. Das ist ja wesentlicher Inhalt des Romans, eine Orientierung und damit Wege im Innen und Außen zu finden. Malina, das könnte ja ein Teil ihrer selbst sein.

Es ist ja auch schön, dass sich Weibliches und Männliches nicht gänzlich auflösen in ein „Niemand braucht Niemanden mehr“, sondern vielmehr ein Weg zur Ganzheit sein kann, in sich selbst.

Die 1960/70er Jahre waren ein Prozess der Befreiung von Bildern, Vorstellungen, denen zu folgen sei, denen man nachkommen muss. Es war der Ansatz eines „tabula rasa“. Diese Brachialität war auch notwendig, wenn man sich ansieht wie freiheitsfern, eng gelebt wurde, nicht nur als Frau.

Das Anerkennen von Mann und Frau, das Sein-Lassen, das auch leben dürfen, alles leben dürfen, die Kräfte und Qualitäten sehen, ist auch heute die Herausforderung, privat wie gesellschaftlich.

Im Lesen des Romans vor Jahren hat mich das zweite Kapitel mit den Traumsequenzen von Gewalt, Missbrauch gegenüber der Frau, dem Weiblichen sehr getroffen. Im Wiederlesen jetzt ist mir diese Präzession und Klarheit, ja fast Komik, der Beschreibung von unmittelbarer Lebensrealität, Lebensrealitäten wie auch Inszenierung dieser sehr eindrücklich. Etwa wenn die Salzburger Festspiele beschrieben werden. Dieses Zusammentreffen von Ego und Etikette so punktgenau wie humorvoll zu beschreiben, da sind die Worte Juwelen und die Sätze Perlenketten.

Der Roman packt einem. Diese langen, uneitlen, unmittelbaren Sätze, es ist als würde ich selbst denken.

Im Alltäglichen habe ich einen sachlicheren Blick. Ich lebe den Malina Teil stärker (lacht). Ich würde mich sonst leichter verlieren, etwa an Orten, bei Menschen, Stimmungen, Tagen.

Es braucht als Künstlerin das Durchlässige, Transzendente wie die Struktur des Tages, um „nicht über die Bühne hinauszufallen“. Es ist ein Balance-Halten der Seiten des Ich, um in die Welt greifen zu können.

Griff in die Welt meint handlungsfähig zu bleiben, nicht in Empfindsamkeit vergehen und sich aufzulösen.

„Ein Tag wird kommen“ – das ist die Ahnung Ingeborg Bachmanns, dass es einen Ort des Paradieses gibt, dass es diesen Zustand auch im Leben, hier und jetzt gibt. Es ist vielleicht nur ein Zugang in der Sehnsucht aber sie weiß, es gibt das. Es gibt ein Ausbreiten dahin, das darf sein. Einen Weg findet sie nicht, nur jenen durch die Wand.

Ein Weg der Sehnsucht ist sehr intim aber nicht nur in der Einsamkeit zu finden. Persönlich glaube ich, dass es immer mehr im Kollektiv, im Austausch zu finden ist, um gemeinsam zu sehen, zu erschaffen, ins Leben zu bringen.

„Der Friedhof der ermordeten Töchter“, das ist das Abgeschnittensein vom Frausein. Das Wiederfinden in einem Korsett.

Wir sind als Frauen heute nicht übern Berg, wir haben noch viel vor uns.

Eva Maria Neubauer, Schauspielerin
Romanschauplatz – Malina – Wien

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:

Eva Maria Neubauer_Schauspielerin_Wien 

Eva Maria Neubauer, Schauspielerin

Station bei Ingeborg Bachmann_Romanschauplatz_Malina.

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien_8_2020.

https://literaturoutdoors.com

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