„Nur das Gefühl der Gemeinsamkeit kann diese Angst neutralisieren“ Bela Chekurishvili, Schriftstellerin_ Berlin 10.8.2021

Liebe Bela, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich bin seit sieben Jahren in Deutschland und gleich nach der Ankunft bin ich ein Online-Mensch geworden. Meinen Zustand kann ich auch umgekehrt beschreiben: Mein Heimatland Georgien habe ich gar nicht hinter mir gelassen, ich lebe in Deutschland nur virtuell. Das heißt, am Morgen in der Frühe bis in den späteren Abend hinein sitze ich am Computer. Ich schreibe, lerne, lese, übersetze, schaue Filme oder unterhalte mich mit meinen Lesern, Redakteuren von literarischen Zeitschriften, Verlagslektoren, aber auch mit meinen Geschwistern, meiner Mutter sowie meinen Freunden per Computer. Wenn ich sage, dies ist ein optimaler und auch glücklicher Zustand, niemand wird es glauben, aber es ist so passiert, ähnlich wie die Corona-Pandemie, als wir plötzlich alle von einem Tag auf den anderen eingesperrt wurden.

Auch träume ich viel. Und diese Träume sind real. Meine Nachtträume vertraue ich meinem Tagebuch an. Meine Tagträume bearbeite ich zurzeit in Short Storys, welche ich über Berlin schreibe.

Bela Chekurishvili, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die Zeit der Pandemie hat uns bewusst gemacht und aufgezeigt, dass für den Menschen der Zusammenhalt immer wichtig ist. Diese Sentenz ist vielleicht kontrastiv zur „stay home“-Situation. Durch das Abstandhalten, die Reduktion der Kontakte und dass wir einander nicht mehr die Hand geben denken wir doch mehr über unsere Mitmenschen nach. In dieser besonderen Zeit entsteht eine andere Rücksichtnahme, man entfernt sich von seinem eigenen Ego. Diese Erfahrung war für mich sehr wichtig.

Ich erinnere mich an die 90er-Jahre in Georgien, nach dem Bürgerkrieg gab es plötzlich kein Gas und keinen Strom mehr und für ein Laib Brot musste man stundenlang Schlange stehen. Was uns damals gerettet hat, war die Solidarität der Menschen untereinander, Familien, Verwandte, Freunde und Nachbarn hielten zusammen, man teilte Nahrungsmittel und Gebrauchsgegenstände.

Sehr schlimm war in dieser Corona-Krise die Angst vor dem Nebenstehenden, dem Freund, Nachbarn, Kollegen oder Mitreisenden, der für dich gefährlich sein könnte. Nur das Gefühl der Gemeinsamkeit kann diese Angst neutralisieren.

Das Virus brachte einigen meiner guten Bekannten den Tod. Sie haben das Corona-Virus nicht ernst genommen oder daran gar nicht geglaubt.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Diese Pandemie ist wohl für die Menschen die größte gemeinsame globale Erfahrung in den letzten dreißig Jahren. Veränderungen gab es auch schon davor, aber nicht von diesem globalen Ausmaß. Fast alle sind wir digitale Wesen geworden. Jetzt haben wir eine Impf-App auf unserem Handy, aber auch andere Apps wie Corona-Test und die Corona-Warnung. Wir wissen nicht, was diese digitale Gesellschaft noch alles treibt, aber es ist sehr interessant, das zu betrachten.

Jeder Aufbruch ist eine Provokation für die Künstler und Literaten. Die ganze Zeit hat die Zeitschrift „Das Gedicht“ auf ihrer Webseite täglich ein neues Poem zum Thema Lockdown veröffentlicht. Es haben Poeten aus mehreren Ländern teilgenommen. Diese Mobilität war dank der Neuen Medien möglich. Internationalisierung der Literatur ist ein sehr interessantes Phänomen in unserer Zeit, das kann sich durchaus positiv auf die Gesellschaft auswirken.

Bela Chekurishvili, Schriftstellerin

Was liest Du derzeit?

Melania G. Mazzucco: Tintorettos Engel.

Dies ist eine spannende Geschichte über die außergewöhnliche Beziehung zwischen dem venezianischen Maler Jacomo Robusti, genannt Tintoretto, und seiner Tochter Marietta, der ersten Künstlerin der Renaissance, die von den Venezianern „la Tintoretta“ genannt wurde.

Außerdem lese ich täglich die Gedichte, die mir Timo Brandt als Lesefundstücke per Mail zusendet. Diese Mitteilungen betrachte ich als wunderbare Aktion zwischen Dichtern. Dadurch habe ich mehrere interessante Lyriker und Lyrikerinnen entdeckt. Einige dieser Gedichte habe ich bereits für Bela Chekurishvili`s Corner ins Georgische übersetzt und nachgedichtet.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ein Vers von Hilde Domin ist immer bei mir:

„Nicht müde werden,

sondern dem Wunder
leise

wie einem Vogel

die Hand hinhalten“.

Vielen Dank für das Interview liebe Bela, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Bela Chekurishvili, Schriftstellerin

Fotos_1 Nata Sopromadze _2 Wolfgang Korall

12.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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