„Lesen wirkt sofort“ Lou A. Probsthayn, Schriftsteller_ Hamburg 9.8.2021

Lieber Lou, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich habe einen Sessel. Ich habe einen gelben Sessel. Einen Sessel, der mich am Morgen um 9 Uhr fest im Sitz hat. Immer. Ich lege meine Ohren in seine Ohren und unter meinen Augen schlage ich den Morgen auf meinem Rechner auf. Noch gestern musste ich kein Passwort eingeben, ist das 1973 gewesen?. Da konnte ich irgendwo klingeln.  „Kommst Du raus zum Leben?“ Alles aus dem Gestern meines Kopfes. Aber Heute ist Heute.

Da muss ich noch meine Post erledigen: meine Gedanken auf facebook einräumen, erste Lesezeichen auf Social Media  geben. Das kann ich viele Male wiederholen, das Auf- und abrufen, der immer gleichen Seiten im www,  manchmal schafft es google mit einer Sprungsekunde die Realität zu verändern, den Schrecken zu potenzieren, mir die Sprache zu nehmen oder sie zum Sturm zu erheben, wenn aus 524.305 Toten 525.00 Tote geworden sind. Ich schwanke immer zwischen Schweigen und Schreien.

Natürlich kommen da jetzt Gedanken an das eigene Schreiben, in der Regel kurz vor zwölf. Gedanken an einen eigenen Coroman, müsste ich den jetzt nicht in eine Form fassen, Aufarbeitung der Echtzeit – vermutlich schreiben andere die bessere pandemische Prosa, wissen Rechtsradikalismus, Gendern, Klima- und Umweltschutz und Corona gut in systemrelevante  Sätze zu setzen.

Es wird Zeit für mein privates Villarriba und Villabajo. Schmutz. Schaum. Schauber. Ich joke nicht, ich nicht. Nach dem eingeschobenen Alltag nehme ich den Hund an die Leine. Dann wundere  ich mich auf dem Weg zum Stadtpark über 20 Masken, die neben schwarzen Hundekotbeuteln an einem Gartenzaun hängen. Das ist neu, trotz sinkender Inzidenzwerte.  Und noch immer springen Leute entsetzt zur Seite oder lassen mich und den Hund mit ihren mir zugewandten Rücken passieren.  Ich wundere mich, der Hund wundert sich auch.

„Das muss an mir liegen“, sagt der Hund.

Ich sage nichts.

Fast scheint es mir, den Tag erlegt zu haben. Aber dann kommen Manuskripte via Mail, die gelesen und natürlich nicht abgelehnt werden wollen.  Ich bin ein echter Absager geworden und mache weiter in Verlagssachen auf meinem gelben Sessel.   Und für unverlangt eingesandte Texte, kann ich … kann ich eigentlich nichts dazu sagen.

Diese verängstigten Zeiten haben  mich tief in das Internet gezogen, ich bin ein WordCraft Player geworden, habe mir eine Miniatur-Heimat mit Suchtpotential geschaffen. Ich weiß, ich muss aufpassen, dass ich meine Zelte nicht im Notebook aufschlage.

Ich habe einen Sessel.

Lou A. Probsthayn, Verleger, Veranstalter, Buchautor

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Mehr auf  ‚Kindermund tut Wahrheit kund’ hören, Söhnen und Töchtern eine  außerparlamentarische Opposition geben, ihnen ihren Morgen rückerstatten, vielleicht lassen sie uns dann an ihm noch teilnehmen, wir sollten sie aber fragen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Das bei sich sein und dabei mit einem Buch sein, hat die Literatur in Zeiten von Corona wieder stark werden und an Einfluss gewinnen lassen und die Stärke und die Vielfalt der Stimmen sollten wieder zur besten, bewegenden und auch betroffenen Freundin werden. Denn wenn wir eines wissen. Lesen wirkt sofort – in  nahezu allen persönlichen und auch gesellschaftlichen Lebenslagen. 

Was liest Du  derzeit?

„Poor Dogs“ von Ute Cohen, außer Atem ausgelesen, „Über  Menschen“, Juli Zeh, Abbruch auf Seite 214 und „Ein falsches Wort und du bist tot“, von Gunter Gerlach, mein must read.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Mit Vorliebe denke ich gerne an Dinge, von denen ich denke, dass andere nicht an sie denken.“ Boris Vian

Lou A. Probsthayn, Verleger, Veranstalter, Buchautor

Vielen Dank für das Interview lieber Lou, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Lou A. Probsthayn_Verleger, Veranstalter, Buchautor

Kurzgeschichten Verlag Hamburg Literatur Quickie Lesemittelhandel – Literatur-Quickie

Alle Fotos_Heike Blenk

https://www.heikeblenk-photographer.com

6.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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